Veröffentlicht: 03.10.2026. Rubrik: Total Verrücktes
Das Schulgespenst
Müde quälte sich Felix die beiden Stufen zur Haustür herunter. „Kommst du denn nun endlich!“ Ungeduldig stapfte das kleine Reh mit den Füßen. „Jetzt mach schon – die Schule fängt gleich an.“
„Aber ja doch, ich komm ja schon“, rief Felix. Er biss noch einmal herzhaft in sein Honigbrot, das er sich für die lange Reise zur Schule mitgenommen hatte. Und weil Honig nicht nur lecker, sondern auch noch sehr gesund ist, biss Felix noch ein drittes Mal hinein – und ein viertes – und ein fünftes Mal, obwohl das Brot schon längst aufgegessen war.
Das kleine Reh zählte nicht nur zu Felix’ besten Freunden, es konnte auch in der Schule recht gut zählen. Heute war ein Tag, an dem es sich besonders freute, denn heute stand Mathe auf dem Stundenplan.
Mathe haben die Schüler der Waldschule in Grönland nämlich selten. Genau genommen nur eine einzige Stunde – im Jahr. Felix mag Mathe nicht wirklich. „Wozu brauch ich das schon?“, sagte er immer. Frau Eule, die Lehrerin, war da genau der gleichen Meinung. „Manchmal ist es schon nützlich, wenn man zählen kann“, sagte sie gelegentlich. Das war aber auch schon alles, was sie ihren Schülern in dieser einen Stunde beibrachte.

„Nun aber schnell!“, rief das kleine Reh. Und so rannten die beiden – wie von wilden Hunden gehetzt. Bereits nach vier Minuten und zwei Stunden standen sie im Klassenzimmer, wo Frau Eule schon ungeduldig wartete.
„Das wurde aber auch allerhöchste Zeit“, sagte sie und blickte auf die große Schuluhr an der Wand. „Acht Uhr neunundsechzig“, las Felix laut vor. „Wow – unser neuer Rekord!“, freute sich das kleine Reh.
Frau Eule scharrte schon ungeduldig mit den Hufen. „Jetzt aber los“, sprach sie feierlich, „die große Pause beginnt!“
Noch müde vom langen Schulweg, aber glücklich, dass endlich Pause war, rannten alle hinaus auf den Schulhof. Alle – außer Felix. Und weil die große Pause meistens so drei bis vier Stunden dauert, wollte Felix die Zeit für einen kleinen Schönheitsschlaf nutzen.
Doch kaum hatte er seine schweren Lider über die großen Krokodilsaugen gelegt, hörte er ganz leise eine Stimme rufen: „Wenn du mich fängst, hast du einen Wunsch frei!“
Felix dachte zuerst, er würde schon träumen, bis die Stimme wieder flüsterte: „Wenn du mich fängst, hast du einen Wunsch frei!“
„Aber wie soll ich dich fangen, wenn ich dich doch gar nicht sehen kann?“, rief Felix. „Nun“, sagte die Stimme, „ich bin das alte Schulgespenst. Und Gespenster sind nun mal unsichtbar. Aber wenn du keinen Wunsch hast, dann eben nicht.“
„Na warte!“, sagte Felix. „Dich fange ich schon!“ Und schon rannte er los. Er hetzte wie ein wildgewordener Stier von einer Ecke in die andere. Von der Tafel bis zum Fenster, vom Fenster hinaus auf den Flur, vom Flur auf den Schulhof, vom Schulhof auf das Klo, vom Klo wieder zurück ins Klassenzimmer und vom Klassenzimmer hinauf auf den Dachboden der Schule.
Aber er konnte das Gespenst einfach nicht erwischen. Völlig außer Atem blieb Felix auf dem Dachboden liegen. „Wenn du einen Wunsch frei haben möchtest“, sagte das alte Schulgespenst, „musst du schon etwas dafür tun: Renn mir nach, so schnell es geht – schneller, als der Wind sich dreht!“
Mit neuem Schwung rannte Felix wieder los. Vom Dachboden zurück zum Klassenzimmer, vom Klassenzimmer zum Klo, vom Klo hinaus auf den Schulhof, vom Schulhof wieder hinein auf den Flur, vom Flur zum Fenster und vom Fenster an die Tafel.
Völlig abgehetzt und durstig wie ein vertrockneter Schwamm blieb Felix schließlich liegen. „Ich kann nicht mehr“, keuchte er mit letzter Kraft.
Da musste das alte Schulgespenst plötzlich kichern. Aus dem Kichern wurde ein Lachen, und aus dem Lachen wurde ein richtiger Lachanfall. Das Gespenst musste so laut lachen, dass der Schrank, in dem es sich versteckt hatte, einfach umkippte und auseinanderfiel.
„Aua!“, rief das Gespenst plötzlich. Nanu, dachte Felix – die Stimme kenne ich doch! Und tatsächlich: Die Stimme gehörte dem kleinen Eisbären. Er hatte sich die ganze Zeit als Gespenst ausgegeben, um Felix einen Streich zu spielen.
„Aua – aua – aua!“, rief der kleine Eisbär. Er sprang wie ein wild-gewordener Handfeger durch den Raum. Dabei hielt er sich den Hintern, in dem der einzige kleine Nagel steckte, der den alten Schrank noch zusammengehalten hatte.
Als Felix das sah, konnte auch er nicht mehr an sich halten. Er lachte so laut, dass sein ganzer Krokodilsbauch wackelte. „Nun“, sagte Felix schließlich, „kann ich dir altem Schulgespenst vielleicht einen Wunsch erfüllen?“
„Ja“, jammerte der kleine Eisbär, „zieh mir bitte gaaanz vorsichtig den ollen Nagel aus meinem Allerwertesten!“
„Den Gefallen werde ich dir tun“, sagte Felix. Und mit einem gewaltigen Ruck zog er den Nagel heraus – den kleinsten Nagel, den man in Grönland je gesehen hatte. Jetzt standen auch alle anderen Freunde um sie herum und hielten sich die Bäuche vor Lachen.
Doch was ist eigentlich aus dem alten Schrank geworden? Den hat Frau Eule wieder repariert. Mit ganz viel Klebeband – und einem kleinen Nagel.
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