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geschrieben 2026 von Karolina Ka.
Veröffentlicht: 07.10.2026. Rubrik: Total Verrücktes


Zombie? oder Amnestie

1
Das Licht tat seinen Augen weh. Er konnte sich nur an die Dunkelheit erinnern, und jetzt war da diese riesige helle Scheibe direkt über seinem Gesicht. Dieses Licht zog an ihm. Ruckte an seinen Schultern, sein Kopf war schon aus dem braunen schlammigen Wasser heraus. Er sah nur Schemen. Nackte Baumkronen, beleuchtet von diesem übernatürlichen Licht. In der Ferne bellte ein Hund und das brachte ihn zu sich. Er begann sich aus Schlamm und Wasser herauszuarbeiten und gelangte auf festen Boden. Wo war er? Und wie war er hierhergekommen? Automatisch berührte er seinen Kopf. Der Hut – trug er nicht immer einen Hut? Er sah zu dem Sumpf zurück, ging noch einmal vorsichtig hinein und fischte seinen dunklen Filzhut von der Oberfläche. Als er ihn aufsetzte, ergoss sich ein Schwall eiskaltes Wasser über ihn. Es war ihm egal, er war sowieso schon durchnässt bis auf die Haut und die Kälte in seinem Innerem ließ ihn kaum einen klaren Gedanken fassen. Er wollte nur nach Hause, heiß duschen und ins Bett. Aber wo war dieses Bett?

SatirepatzerSatirepatzerDer Vollmond beleuchtete seine Umgebung. Bäume, nichts als kahle Bäume, das Sumpfloch, aus dem er gekrochen war, und der schmale Weg, auf dem er jetzt stand. Seine Füße wussten offenbar mehr als er. Sie wollten nach links. Bei jedem Schritt gab es ein saugendes Geräusch. Seine Schuhe waren voll Wasser, die Füße eiskalt. Wasser floss ihm aus den Ärmeln und aus den Hosenbeinen.
Er kam an einen Hauptweg und bog nach rechts ab. Ganz automatisch. Hier gab es Straßenlaternen, die das grelle Mondlicht milderten. Plötzlich rauschten Autos an ihm vorbei. Er war aus dem Wald heraus und stand an einer Ampel. Zusammen mit anderen Passanten überquerte er die Straße. Niemand achtete auf ihn, obwohl er immer noch triefte und eine nasse Spur hinter sich herzog.
Er kam an einer dunklen Kirche vorbei und an einem hellerleuchteten Restaurant. Erinnerungen flackerten auf und verschwanden wieder. Er schlurfte weiter. Niemand nahm Notiz von ihm. Eine Fußgängerzone, ein Bekleidungsgeschäft, Anzüge, Hüte. Wieder eine vage Erinnerung. Er trat näher an das Schaufenster heran und spiegelte sich in der Scheibe. Ein Mann, groß und spindeldürr. Der Anzug war völlig durchnässt, Schlamm tropfte daran herunter, von den Schultern hingen grüne Wasserpflanzen. Die Krempe des Hutes war nach unten geklappt und an ihrer Kante glitzerte eine Kette aus Tropfen. Doch das Schlimmste war er selbst. Sein Gesicht war grün und mit schwarzen Schlieren durchzogen. Die Augen dunkel, matt und blutunterlaufen. Wer war er? Oder musste er sich fragen: Was war er?
„Hey Zombie, cooles Kostüm…“
Ein Junge in einer grünen Jacke und mit grüngefärbten Haaren tänzelte an ihm vorbei.
Zombie? Jetzt sah er auch die Dekorationen in den Schaufenstern. Hexen, Fledermäuse, Spinnennetze… er sah Kinder, die mit bunten Kürbislaternen durch die Fußgängerzone liefen, und Frauen mit schwarzen Umhängen und spitzen Hüten. Es war Halloween. Deshalb hatte niemand auf ihn geachtet. Und er? War er tatsächlich ein Zombie? Für diese eine Nacht aus dem Sumpf gekrochen? Energisch schob er den Gedanken beiseite. Er hatte ein Zuhause, wo immer das war. Er wollte eine heiße Dusche und ein warmes Bett. Also setzte er sich wieder in Bewegung, schlurfte die Fußgängerzone entlang und bog nach einigen hundert Metern in eine Seitenstraße ein.

Mehrfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten, Straßenlaternen, die ein sanftes, gleichmäßiges Licht verbreiteten.
„Noble Gegend…“
murmelte er vor sich hin. Seine Füße fanden einen Hauseingang. Und nun? In seinen Taschen war kein Schlüsselbund und er kannte auch keinen der Namen auf den Klingelschildern. Da ging das Licht an und die Haustür schwang auf.
„Na, Herr Doktor, schon Halloween gefeiert?“
Eine ältere Frau sah ihn von oben bis unten an und lächelte.
„Kommen sie rein, es ist kalt heute.“
Er nickte, tippte sich an den Hut und schob sich an ihr vorbei in den Hausflur. Der Geruch war ihm sofort vertraut. Gulaschsuppe, Reinigungsmittel und Lornas Parfüm. Wer zum Teufel war Lorna? Er begann die Treppe emporzusteigen. Es war anstrengend. Schon in der ersten Etage war er aus der Puste. Doch seine Füße wollten weiter. Auf dem Treppenabsatz vor der zweiten Etage war er am Ende seiner Kraft. Dann hörte er das Geschrei. Lorna. Er wusste zwar immer noch nicht, was sie für ihn bedeutete, spürte aber, dass ihre Persönlichkeit über dem ganzen Haus lag. Oder über ihm. Er schleppte sich weiter. Der Lärm kam aus einer halboffenen Wohnungstür in der zweiten Etage. Eine Frau kreischte und zeterte. Gerade, als er die Tür weiter aufschob, kam ein Mann aus einem der Zimmer gestürmt, gefolgt von einer halbleeren Sektflasche. Der Mann duckte sich gerade noch rechtzeitig, die Flasche schlug krachend in den Garderobenspiegel und landete inmitten von geborstenem Kristall auf dem Fußboden. Lorna guckte entsetzt aus der Zimmertür…
„Happy Halloween, mein Liebling…“
Knarrende, mühevoll hervorgebrachte Worte, dann brach er zusammen.


2
Als er wieder erwachte, war sein Wunsch in Erfüllung gegangen. Er lag in einem warmen Bett. Auch fühlte er sich sauber, als hätte ihm jemand gebadet und rasiert. Neben ihm piepte etwas. Leise und regelmäßig. Sechzig Mal in der Minute. Alles war gut. Woher wusste er das? Egal. Zufrieden schlummerte er wieder ein.
Als er das nächste Mal aufwachte, sah er, wie eine junge Frau das Fenster öffnete. Kinnlanges blondes Haar, eine schmale Silhouette in einem weißen Overall. Das Sonnenlicht flutete ins Zimmer und umgab sie mit einer goldenen Aureole. Nein, das war nicht Lorna, das war… tief in ihm formte sich eine Antwort, die er nicht verstand. Sie drehte sich um und kam lächelnd auf ihn zu.
„Schön, dass Sie wieder bei uns sind, Doc… wie geht es Ihnen heute?“
Sie setzte sich auf die Bettkannte und streichelte seinen Arm. Er wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort heraus. Stückchenweise kamen Gedanken, nein, Gefühle an die Oberfläche.
„Christin…“
Sie nahm seine Hand in die ihre und hauchte einen Kuss darauf.

Am Nachmittag kam Erkan. Er erkannt ihn sofort. Am Geruch, an dem blauen Pullover und an den schwarzen Locken. Erkan war sein Freund, und ihm hatte die Flasche gegolten, die Lorna in den Spiegel geworfen hatte.
„Erkan, was ist mit mir?“
„Das wissen wir nicht. Du warst ein ganzes Jahr lang verschwunden und weder Polizei noch Feuerwehr haben eine Spur von dir gefunden. Lorna behauptete, du seist im Stadtwald in das Sumpfloch getreten und darin versunken. Aber im Sumpfloch warst du nicht.“
„Doch,“ sagte er. „Ich bin aus diesem Sumpfloch herausgekrochen, an Halloween. Als Zombie.“
Erkan lachte.
„Nein, mein Lieber, so etwas gibt es nicht. Außerdem sind deine Vitalwerte völlig in Ordnung, aber mit deiner Erinnerung hapert es. Vielleicht solltest du einmal aufstehen und ein paar Eindrücke sammeln. Ich habe dir einen Anzug mitgebracht, einen Hut auch. Wäsche, Schuhe, Socken, alles im Schrank. Geld und Papiere bei mir im Büro.“
„Wann kommt Lorna?“
Erkans Gesicht wurde ernst.
„Lorna kommt nicht mehr. Als du in der Wohnungstür aufgetaucht bist und ihr ‚Happy Halloween‘ gewünscht hast, ist sie völlig außer sich geraten. Sie hat getobt und geschrien, so dass ich sie in die Psychiatrie einweisen musste. Dort hat sie erzählt, sie hätte dich vor einem Jahr in dieses Sumpfloch gestoßen, weil sie wütend auf dich gewesen wäre. Du hättest tot sein sollen. Und gerade, als sie das amtlich bestätigen lassen wollte, standst du in der Tür. Jetzt sitzt sie in Untersuchungshaft.“
Bedächtig nickte er. Ja, er hatte diesen Stoß gespürt.
„Warum war sie denn so wütend?“
„Sie hatte – wie so oft – in deinem Smartphone herumgestöbert, und dabei hat sie die Bilder gefunden.“
„Welche Bilder?“
Er war irritiert, hatte er ein Geheimnis? Erkan reichte ihm sein Smartphone und er blickte in Christins Lächeln. Christin in ihrer Schwesternloge, Christin, die aus einer Zimmertür sah und ihn anlachte, Christin, Christin… und offenbar ein Selfie, ein dunkelhaariger Mann mit Christin im Arm, beide lachend, beide glücklich.
War er dieser Mann? Bis jetzt hatte er noch nicht den Mut aufgebracht, zu fragen, wer er war. Aus Angst, er würde in Erkans Psychiatrie landen. Er hoffte einfach darauf, dass seine Erinnerung zurückkehrte. Erkan und Christin waren ein Anfang.
„Übrigens…“
Erkan senkte verschwörerisch die Stimme.
„Christin… ich hatte immer das Gefühl, sie wartet auf dich, das ganze Jahr lang. Sie hat keinen anderen Kerl an sich herangelassen. Also komm wieder auf die Beine und mach‘ was draus.“


3
4:58. Er konnte nicht mehr schlafen. Erkans letzte Worte waren die ganze Nacht lang durch seine Träume gegeistert.
„Komm wieder auf die Beine und mach was draus…“
Geschickt zog er die Nadel des Venenzugangs aus seinem Arm. Dann wankte er ins Badezimmer. Der Mann im Spiegel war zwar immer noch hager, sah aber recht gut aus. Die schwarzen und grünen Schlieren waren aus seinem Gesicht verschwunden und hatten eine olivbraune Haut hinterlassen. Die dunklen Augen blickten entschlossen.
„Für Christin…“
dachte er und drehte den Heißwasserhahn auf.
Das Anziehen war mühsam, aber schließlich stand er in einem grauen Flanellanzug und mit einem ebenso grauem Filzhut vor dem Spiegel. Dann öffnete er vorsichtig die Zimmertür und schaute rechts und links den Flur entlang. Über einer der Türen brannte ein grünes Licht, dort befand sich die Nachtschwester zurzeit. Er ging in die entgegengesetzte Richtung, fand eine Fahrstuhltür und fuhr ins Erdgeschoss. Das Foyer war hell erleuchtet. Die junge Frau an der Rezeption lächelte ihn freundlich an.
„Guten Morgen Doktor Farkim…“
Dann glitten die großen Glastüren zur Seite und er stand im Freien.

Der Vorplatz des Krankenhauses war hell erleuchtet und der Wind brachte den Duft von frischem Kaffee mit. Er klappte das Revers seines Anzuges nach oben, hielt den Hut fest und wandte sich nach rechts, diesem köstlichen Duft entgegen. Nach ca. hundert Metern bog er in die Fußgängerzone ein, durch die er vor ein paar Tagen gekommen war. Er steuerte genau auf die hellerleuchtete Kaffeebude zu, ein vertrautes Gefühl, wie ein Zuhause. Ein paar junge Männer, lässig ihre Wintermäntel über die Arztkittel geworfen, standen um einen Bistrotisch herum. Sie sahen ihn kommen und neigten achtungsvoll ihre Köpfe.
„Guten Morgen, Dr. Farkim…“
Eine Nische, ein Stehplatz zwischen Hauswand und der Seite der Kaffeebude war unbesetzt. Wie selbstverständlich glitt er hinein. Und wie genauso selbstverständlich stand plötzlich ein Becher Kaffee vor ihm, dazu drei Tütchen mit Zucker.
„Halt…“
Er klopfte auf die Taschen seines Anzugs auf der Suche nach Kleingeld.
„Geht aufs Haus, Doc…“.
Der Wirt nickte ihm gutmütig zu und stellte einen Teller mit einem Salamibrötchen neben den Kaffeebecher.
„Doppelt belegt, so, wie sie es mögen.“
Er wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.
„Sie sehen mager aus, Doktor Farkim, schwere Zeit gehabt?“
Farkim nickte.
„Erinnern Sie sich noch an meine Frau? Sie haben damals so viel für sie getan, und heute ist sie wieder ganz gesund. Das vergessen wir Ihnen nie. Noch einen Kaffee?“
Farkim nickte wieder und versuchte ein schiefes Lächeln.

Als er nach dem zweiten Kaffee zurück zum Krankenhaus ging, jagten ihm viele Gedanken durch den Kopf. Welcher Tag ist heute? Haben wir eine Besprechung? Steht der OP-Plan?
Doktor Farkim war wieder in seinem Leben angekommen. Vielleicht durch die Freundlichkeit, die ihm von allen Seiten entgegenschlug und ihn einhüllte wie ein Mantel. Vielleicht auch durch den starken süßen Kaffee, den es im Krankenhaus nicht gab. Ganz gewiss aber durch die Hilfe seines Freundes Erkan und durch Christin, die ihn liebte. Und die ein Jahr lang auf ihn gewartet hatte.

„Das Leben kann so schön sein…“
dachte er.

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