Veröffentlicht: 10.10.2026. Rubrik: Menschliches
Übermorgen
Ich liege bequem,
bin aber nicht entspannt.
Ein Mann beugt sich über mich,
Dreitagebart, Glatze.
Ist schon mein Typ,
darum habe ich ihn mir ausgesucht.
Er verstellt die Liege
und mein Oberkörper sinkt
in seine Arme – fast.
„Öffnen sie bitte den Mund.“
Zum Küssen wohl nicht…
oder?
Etwas Silbernes
blitzt in diesem gnadenlosen Licht
über der Behandlungsliege.
Ein Schmerz im Oberkiefer.
Er lächelt mich an:
„Da ist nichts mehr zu retten“
Aus dem Augenwinkel
sehe ich eine Zange,
Pinzette, Gazetupfer.
Ich fühle das Absauggerät
in meinem Mund,
und höre seine beruhigenden Worte.
Die Zange kommt,
es knirscht und ruckt,
ein lautes Knacken,
mein Kopf will zur Seite…
„Ganz ruhig, ist gleich gut…“
Ja, das sagt er immer.
„Mist, abgebrochen,
hören sie, Frau Ka,
ich muss die drei Wurzeln
einzeln herausholen.“
Die Spritze kommt wieder,
dann das Skalpell…
Ich schließe die Augen,
träume mich fort.
Warum küsst er
mich nicht einfach?
Das hat doch die
Froschkönigin auch gerettet.
„Sie sind leider nicht
die Froschkönigin, Frau Ka,
sonst wäre es einfacher
für uns beide…“
Hat er meine Gedanken gelesen?
Kann er sie durch das Loch im Kiefer sehen?
Er streichelt meinen Arm
und hilft mir von der Liege.
„Schonen Sie sich heute Nachmittag…“
und mit einem vergnügtem Lächeln:
„Übermorgen…
hole ich mir den nächsten Zahn.“
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