Veröffentlicht: 02.11.2026. Rubrik: Aktionen
Eine lautlose Welt
Schichtwechsel im Wald. Die Spätschicht gähnt und blickt erwartungsvoll zum Himmel. „Feierabend – endlich!“ Abgelöst werden sie von der Nachtschicht, die sich im Reich der Stille und Dunkelheit geborgener fühlt, als in der Dämmerung.
„Schlaf gut“, fiept die Fledermaus, als sie das Reh sieht, das sich im Unterholz zur Ruhe begibt. Ihr kurzes Fiepen bleibt der einzige Laut, den sie von sich gibt. Ab jetzt segelt sie lautlos zwischen den Bäumen hindurch – vergleichbar mit den Gedanken in unseren Köpfen. Die Flügel schneiden die Dunkelheit, aber kein Geräusch verrät ihren Flug. Echos, die nur sie hören kann, sind ihr Navigator.
Am Waldboden trippelt ein Igel voran. Jeder Schritt ist bedacht, fast ehrfürchtig. Er kennt die Regeln der Nacht: Wer laut ist, wird entdeckt. Wer entdeckt wird, ist verloren. Seine Stacheln rascheln nicht, sein Atem ist ein kaum spürbarer Hauch.
Die Schleiereule, beobachtet aufmerksam das nächtliche Treiben aus einem Baumloch. Sie hat den Igel längst erspäht. Aber Igel gehören nicht zu ihrem Beuteschema. Sie zieht kleine Nager vor. Ein Mäuschen zum Frühstück käme gerade recht. Sie hört alles – das Zittern eines Blattes, das Krabbeln eines Käfers, und das leise Pochen eines Herzens unter der Erde. Die nächtliche Stille ist wie geschaffen für die Meister dieser Fähigkeit. Wie ein Geist erhebt sich die Eule vom Baum und gleitet duch die Luft. Sie zeigt der Welt: so sieht Stille aus.
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Geschichte Nummer 11266




