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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 18.01.2020. Rubrik: Lustiges


Die Schlagzeile

Vor kurzem las ich im ARD-Text, Rubrik „Aus aller Welt“, die Schlagzeile: „81-Jähriger kommt Mutter abhanden.“

Auweia, dachte ich, der arme Kerl. Einundachtzig und noch immer an Muttis Gängelband. Jetzt hat er sich endlich von ihr losgeeist und wird prompt gesucht. Das muss ich lesen!

Enttäuscht stellte ich dann fest, dass alles ganz anders war. Einer 81-jährigen Frau war im Gedränge eines Bahnhofs ihre 101-jährige Mutter abhanden gekommen. Zum Glück wurde die 101-Jährige in ihrem Rollstuhl schließlich von Helfern wiedergefunden.

Na ja, dachte ich, große Aufregung mit Happyend – aber ist das wirklich so außergewöhnlich, dass es in einem überregionalen Teletext erscheinen muss? Es gibt halt immer mehr 101-Jährige und immer mehr fitte 81-Jährige. Da kann so etwas schon mal passieren. Das andere dagegen – ein 81-Jähriger, der seiner Mutter abhanden kommt – wäre tatsächlich sensationell gewesen.

Mein alter Deutschlehrer legte größten Wert auf eindeutiges Formulieren. Einmal hatte ich als 10-Jährige in einem Aufsatz über einen Kirmesbesuch geschildert, wie panisch ich auf der Achterbahn gewesen war. Danach war ich noch zu einer anderen Bahn gegangen, und darüber schrieb ich im Aufsatz: „Diesmal stellte ich mich nicht an, denn diese war ungefährlicher.“ Der Lehrer rügte, „stellte ich mich nicht an“ sei mehrdeutig. Es könne sowohl bedeuten „war ich nicht aufgeregt“ (das hatte ich gemeint) als auch „stellte ich mich nicht an der Kasse an“!

Was hätte der Gute wohl zu der Schlagzeile „81-Jähriger kommt Mutter abhanden“ gesagt? Wahrscheinlich dies: „Vor dem Wort ‚Mutter‘ den Artikel ‚die‘ einfügen! ‚81-Jähriger kommt die Mutter abhanden‘ – dann weiß man, wer wem abhanden kommt. Und dass es sich bei der 81-jährigen Person um eine Frau und nicht um einen Mann handelt.“

„81-Jähriger kommt Mutter abhanden“ – für Freunde eindeutigen Formulierens ein Unding. Als Schlagzeile genial.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 20.01.2020:
Da hast du recht, ich ärgere mich auch immer über ungenaue Formulierungen. Und was nun an der regionalen Geschichte mit der 10-jährigen so sensationell war, weiß wohl nur die Zeitung allein. Aufgefallen ist mir übrigens auch, dass immer mehr Ereignisse, die früher keiner Zeitung eine Zeile wert gewesen wären, heutzutage aufgebauscht werden, als wäre das alles eine Sensation.




geschrieben von Weißehex am 20.01.2020:
Das sollte natürlich 101-jährige und nicht 10-jährige heißen....




geschrieben von DER WORTKOTZER am 20.01.2020:
Grammatikalisch eine Niete, hätte ich wohl geschrieben: "81-Jährigem kommt Mutter abhanden." Aber wie gesagt.




geschrieben von Christine Todsen am 20.01.2020:
Tja, offenbar glauben die Redakteure, dass so etwas gern gelesen wird. Stories wie diese mit der wiedergefundenen 101-Jährigen werden in Dänemark „Sonnenstrahl-Geschichten“ genannt!




geschrieben von Christine Todsen am 21.01.2020:
Die Reihenfolge der Kommentare scheint etwas durcheinander geraten zu sein. Mein Kommentar zu Weißehex' Kommentar begann mit "Tja, offenbar..." Nun zu DER WORTKOTZER: Nein, "81-Jährigem" würde sich auf einen MANN beziehen. Hier geht es um eine 81-jährige FRAU, daher "81-Jähriger" (Dativ). Leider kann "81-Jähriger" auch Nominativ sein und dann einen MANN bezeichnen. Daher muss ein "die" vor "Mutter".

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