Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Wortklauber.
Veröffentlicht: 13.02.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Bekenntnis eines Sterbenden

Immer wenn ich einem Tischler, Schlosser oder Gärtner bei der Arbeit zusehe, befällt mich tiefer Trübsinn. Nicht, daß ich mit meinem Beruf unzufrieden wäre – oh nein; besteht er doch größtenteils aus Herumliegen und Nichtstun – ein Zustand, dem ich schon als Knabe mit höchster Wonne anheimfiel.

Mag sein, daß mich der Menschen Wankelmut zermürbt, denn kein Anderer wird wie ich, für ein und dieselbe Sache so sehr bewundert und verachtet zugleich. Vielleicht ist es aber auch der krasse Gegensatz von dem was ich tue, zu dem was ich damit erreiche.

Um es kurz zu machen, ich arbeite als Ebenbild des Todes und flimmere im Dienste der Unterhaltung über Bildschirme und Kinoleinwände. Mein Beruf ist der des Dahinscheidenden, meine Profession das Sterben.

Ich beherrsche den würdevollen Tod des vergifteten Philosophen ebenso, wie das Gelynchtwerden des feigen Lustmörders. Mein Spektrum reicht von der aufgedunsenen, auf brackigem Wasser träge dahintreibenden Wasserleiche, bis hin zum pfeilgespickten Indianeropfer.

Ich hing wohl schon an tausend Stricken, fiel von unzähligen Dächern, stak auf ebenso vielen Lanzen und werde jährlich mindestens hundertmal gerädert oder von wilden Tieren zerrissen.

Oft starb ich im Gemetzel von Schlachten – lag dabei röchelnd inmitten dutzender Leidgenossen; kam dabei nie ins Bild, starb also unbeachtet aber dennoch eindrucksvoll, denn ich nahm meinen Beruf ernst. So sehr, daß ich in regelmäßigen Abständen Kriminalmuseen heimzusuchen pflegte, um mein Wissen zu erweitern. Auch hatte ich immer ein Ohr am Radio, weil dort tragische Ereignisse am schnellsten verbreitet werden.

Manchmal zog es mich hin zu Massenkarambolagen oder Feuersbrünsten, da es mir dort leichter fiel meine Mimik zu verfeinern. Auch schwere Zugsunglücke haben meiner Karriere schon manch guten Dienst erwiesen. Dabei zog ich, und bekenne dies nur ungern, aus dem Verderben anderer, materiellen Gewinn.

Wurde ich nach meinen Beruf gefragt, antwortete ich nur zögernd mit „Schauspieler“; eine Bezeichnung, die mir ein uneinsichtiger Paßbeamter, nach mehrstündiger Diskussion aufzwang. Dabei fühlte ich keineswegs als solcher, zumal ich außer „AAH“, „OOOH“ oder „UUAAH“ keinerlei Texte zu lernen hatte. Auch mußte ich noch nirgends vorröcheln oder gar vorsterben.

Zugegeben; es ist nicht leicht, meine Tätigkeit mit einem Wort zu umreißen. „Sterbender“ konnte der pflichtbewußte Beamte nicht akzeptieren, ohne, wie er befürchtete, des Amtes Würde ernsthaft in Frage zu stellen. Auch „Leiche“ schien ihm zu gewagt. Selbst „Gladiator“ wies er händeringend zurück. Wohl begriff er, daß mein Sterben der Unterhaltung diene, doch kannte er weder Kammer noch Innung, welche mein Treiben zum Berufe erhöben. Beim „Grasbeißer“ schließlich schnappte er nach Luft, brüllte „HINAUS!“ und stempelte mich im wahrsten Sinne des Wortes zum „Schauspieler“, woran ich lange litt.

Doch mein Drang nach ständig steigender Perfektion ließ mich in immer kürzer werdenden Abständen quasi „außerdienstlich“ sterben und machte so den Tod zu meinem Hobby, ja fast zu einer Sucht. Ich starb, wann und wo immer sich die Gelegenheit dazu bot; verließ keine Party, ohne vorher nicht mindestens dreimal jämmerlich verreckt zu sein und genoß mit steigender Wonne den Anblick meiner entsetzten Frau, wenn sie mich unvermutet in der Badewanne ertrunken oder am Kronleuchter erhängt fand.

So starb ich mich langsam die Erfolgsleiter hoch; konnte nie über Arbeitsmangel klagen, wurde bei manchen Agenturen sogar als „beste Leiche“ geführt und fand nichts dabei, mit Worten wie; „schönen Tod“ oder „stirb gut“ gegrüßt zu werden.

Bis zu jenem Tage an dem unser „Doktor“, der einzige Landstreicher unseres kleinen Provinzstädtchens, sein jähes Ende fand. Niemand kannte, wie ich später erfuhr, seine wirklichen Namen. Unser Briefträger gestand mir einmal nach mehreren Vierteln Wein, ihm diese Würde schon vor vielen Jahren verliehen zu haben, weil er eben wie ein „Doktor“ ausgesehen und auch so gesprochen habe. Der „Doktor“ war ein netter Bursche, führte oft unseren Hund „Gassi“ und hatte wahrhaftig stets zu jeder Situation eine kleine Lebensweisheit parat. Ich unterhielt mich oft mit ihm und wunderte mich zunehmend, wie ein Akademiker dieses Formates zum Landstreicher absinken konnte.

Kurzum, unser Doktor stolperte eines Tages betrunkenen Zustandes über einen Pflasterstein und stürzte kopfüber in eine Baugrube; keine fünf Schritte von mir entfernt. Er brach sich dabei das Genick und muß wohl auf der Stelle tot gewesen sein. Sein stilles, unspektakuläres Ende ohne theatralischer Mimik oder Phonetik, traf mich wie ein Keulenschlag; denn obwohl er so (der Leser verzeihe mir den Ausdruck) unprofessionell starb, war er toter (oder töter?) als ich es je zuvor zustande gebracht hatte. Und das binnen eines Bruchteiles einer Sekunde.

Seit diesem Tage wandle ich gesenkten Hauptes zur Arbeit und immer öfter passiert es, daß sich mein Stöhnen und Röcheln wie hysterisches Gekicher anhört. Es mag wohl der Grund sein, weshalb ich in letzter Zeit immer regelmäßiger dem Trunke anheimfalle und das Kasperltheater im Kinderfernsehen, blutrünstigem Abenteuer- und Kriegsgeschehen vorziehe. Selbst die täglichen Schreckens- und Unfallmeldungen im Radio, werden für mich immer bedeutungsloser.

So gehe ich kaum mehr aus dem Haus und meine Frau erschrecke ich schon lange nicht mehr. Werde ich nach meinem Beruf gefragt, antworte ich ohne Zögern mit „Schauspieler“ und danke Gott für die Vehemenz des seinerzeit so standhaften Passbeamten.

Auf den wenigen Partys zu denen mich meine Gattin ab und zu noch schleppt, stelle ich nur mehr ungern meine Kunst zur Schau - und auf die Frage woran ich denn am liebsten stürbe, erröte ich......

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von RudiRatlos am 14.02.2020:
wenn ich mich auch frage "Was" - die Geschichte hat was ...




geschrieben von Weißehex am 17.02.2020:
Ich war überzeugt ich hätte hier einen Kommentar gepostet, er ist aber nicht mehr da.... Also ich frage mich nicht "was", ich glaube, ich weiß, was gemeint ist. Super Geschichte.

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Der Tag an dem ich entdeckt wurde
Mein erster Verkaufserfolg
Der Fall des Politikers