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geschrieben von francois.
Veröffentlicht: 17.04.2020. Rubrik: Unsortiert


GEMUNDET

Grossvater auf den Mund geschaut, ein Märchen:

Heute wohlgemut zu meinem Briefkasten gewandert. Ja, die Post rationalisiert. Spart Personal ein. Auch Briefboten. So wurden wir drei abgelegenen Häuser die in dieser herrlichsten Voralpinen-Gegend stehen, die in jedem Hirn, bereits daran denkend Kopfbilderbücher öffnet und zum Verweilen, nicht zum Blättern einlädt, wurden als Einheit zusammengelegt, einem Sammelkasten zugeteilt. Proteste, selbst durch einen Bundesparlamentarier halfen nichts und so habe ich mich in den täglichen Fussmarsch über Stock und Stein zu fügen, was meine Krankenkasse mit einem 0,5% Bonus der Prämie honoriert, wenn ich den Nachweis dieser Zwangswanderungen erbringen könne. Und der habe amtlich zu erfolgen. Ordentlich zertifiziert. Mit Stempel und Unterschrift. Und diesen Nachweis habe ich angefordert. Per Einschreiben. Denn schliesslich und schlussendlich weiss ich nicht wie die Mühlen der Postverwaltung mahlen. Wer dort als Unterschriftenmaler zuständig ist. Heute ist ein Schneesturm angesagt. Werde also kaum einer Menschenseele begegnen.
Möglicherweise einem gestiefelten Kater in Schneeleopardenanzug. So rufe ich mir auf dem Weg regelmässig all die Märchen und ihre Schrecken in Erinnerung die mir einst mein Grossvater so vollmundig erzählte. Erzählte, wobei ich versuchte seine Lippenbewegungen jeweils dabei zu beobachten, was seines weissen wallenden Bartes wegen eine kaum zu lösende Aufgabe darstellte. Und heute passt diese Erinnerung beinahe magisch zum Wetterbild, denn auch der eisige Schneewind hat dicke, wulstige Lippen durch die er die Schneekristalle zum Tanzen bringt. Sie setzen sich geschickt auf meine Lippen und den Schnurrbart den ich so akribisch täglich pflege und korrigiere. Er ist sozusagen mein Markenzeichen als Beinahe-Eremit mit seiner weltweiten Fangemeinde die an diesen meinen echten und nicht virtuellen Lippen hängt. Versuche einen Sinn aus dem was meine halb eingefrorenen Mundwerkzeuge wiedergeben herauszudestillieren. Die letzten hundert Meter zum Kasten sind die anstrengendsten, denn der Treibschnee häuft sich Windgemacht dort hoch, sodass ich bis zu meinen ohnehin schmerzenden Knie einsinke. Endlich erreiche ich ihn, den Sammelkasten. Die Klappe ist vereist. Keine Spur des Motorschlittens mehr zu erblicken den der Postbote hinterlassen haben muss. War er überhaupt hier? Keine Post heute? Gang und Mühe um Gottes Lohn? Auch so ein Wort das mein Grossvater jeweils in den Mund nahm. Täglich in seinen Mund nahm. Seine geistige Nahrung bildete. Neben den Märchen die er auftischte. So realistisch, dass ich jetzt in der Ferne den gestiefelten Kater in seinem Leopardenanzug zu sehen glaube, der immer näher kommt. Ich kann jetzt seine schwarzen Stiefel erblicken. Die Riesenabdrücke die sie im Treibschnee hinterlassen. Beginne mich zu ängstigen. Die Briefkastenklappe will sich nicht öffnen lassen. Nehme mein Feuerzeug - gut dass ich es eingepackt habe - aus der dicken Parka Tasche. Dazu den Kerzenstummel den ich stets mit mir führe. Der Wind widersetzt sich meinen Entzündungsversuchen. Da gehe ich mit dem Feuerzeug direkt zu Wege. Taue das Klappenscharnier langsam auf. Stets mit einem Blick zurück in meines Grossvaters Märchen und dem gestiefelten Kater der jetzt gegen seinen Feind den Sturmwind ankämpft. Und da! Die Klappe löst sich. Nur ein Brief zu sehen. Vom Amt! Heureka! Die Bestätigung, jubelt mein Inneres voller Freude. Aber, das kann nicht sein. Der Absender ist das Amtsgericht. Die stellen doch keine Bestätigungen aus. Reisse den Umschlag mit den vereisten Fingern auf. Da steht schwarz auf weiss:
‚Sie werden zur lebenslangen Mundung verurteilt. Ab heute haben sie sich nur noch gemundet im Haus und ausser Haus zu bewegen. Zugemundet. Mit Mundschutz. Um Ihren Worten den Ausgang zu versperren. Sollten Sie gegen das Urteil verstossen, wird ihnen der Bonus bei der Krankenkassenprämie rückwirkend gestrichen.'
Ich setze mich ob des Desasters das mich trifft in den Schnee, ergebe mich dem gestiefelten Kater der jetzt leibhaftig vor mir steht. Bitte ihn mich mit seinen überwulstigen Lippen, ja, auch er trägt einen gepflegten Schnurrbart ohne Mundschutz, mich rasch und schmerzfrei - ich verwechsle dabei die von Grossvater erzählten Märchen, bringe vor Kälte und der Sehnsucht nach Wärme alles durcheinander - mich mit Haut und Haar zu verschlingen. Hauptsache, so bemerken meine vereinten Hirnsynapsen lauthals, so kann ich dem Leopardenkater auch gemundet eine kleine Freude bereiten, dadurch dass ich ihm bestens munde …

Herzlichst mit Sonnenstrahlengrüssen François


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