Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Daniel Büttrich.
Veröffentlicht: 20.05.2020. Rubrik: Lustiges


Der spätpubertierende Mann und sein moralischer Hund

Irgendetwas Feucht-Glitschiges fuhr seit einiger Zeit über sein Gesicht. Ein unangenehmer Geruch setzte sich gleichzeitig in seiner Nase fest. Er riss die Augen auf und fluchte laut:

„Zefünferlscheissnasserwaschlappenwasisndalosichwillschlafenhey!“

Er brüllte:

„Hör auf, Sokrates! Lass das!“

Sein Hund Sokrates schleckte sein Herrchen zunächst unbeirrt weiter ab.

„Hey, hör auf, bähhh!“

Endlich ließ Sokrates von seinem Besitzer ab.

Walter hob seinen zentnerschweren Kopf leicht an. Sofort drückte ihn eine bleierne Müdigkeit wieder in das Polster seines Sofas. Au! Woher kam bloß der pochende Schmerz an seinem Schädel? Vorsichtig fasste er sich an den Hinterkopf. Das tat weh. Eine riesige Beule! Wie so oft nach diesen verdammten Alkoholnächten!

Langsam drangen Erinnerungsfetzen der vergangenen Nacht in sein Bewusstsein. Er war länger als seine Freunde in seiner Lieblingsdisco geblieben. Die Mischung aus Bier, Jägermeister und Whisky hatte ihm nicht gut getan. Er hatte ausgelassen getanzt. Irgendwann hatte er sich wieder einmal eine Flasche Bier über den Kopf gegossen. Später band er sich das Absperrband einer kleinen Baustelle im Außenbereich der Disco um den Hals, um damit auf der Tanzfläche einen depressiven Clown zu mimen. Zwei Türsteher hatten ihn schließlich abgeführt.

Die wichtigste Frage, die ihn beunruhigte, war: Habe ich etwas verloren? Den Geldbeutel, die Jacke, das Handy, die Uhr? Er hob seinen Oberkörper leicht an und sah, dass er in seiner Jacke steckte. In SEINER eigenen Jacke, nicht in einer fremden Tommy-Hilfiger-Damenjacke, wie nach dem legendären Besäufnis vor drei Wochen.

Und glücklicherweise befand er sich daheim, und nicht in einer Ausnüchterungszelle, so wie vor vier Monaten nach dem Volksfest. Damals hatte er mit Freunden ein fröhliches Saufgelage veranstaltet. Nach der 5. Maß hatte er begonnen, über die Musik der Band zu schimpfen, stürmte im Vollrausch aufgedreht auf die Bühne, ergriff ein Mikrofon und begann, eine grauenvolle Version von „Ace of Spades“ zu singen.

„Sokrates, ich möchte aufstehen. Kannst du bitte von meinem Bauch herunter springen?“, lallte er.

Sokrates neigte den Kopf leicht zur Seite, winselte, und begann daraufhin zu sprechen:

„Hör doch endlich mit dem Saufen auf!“

„Du kannst sprechen?“, entgegnete Walter verwundert.

„Wenn ich will, dann kann ich auch sprechen. Aber mit Bellen kommt ein Hund einfacher durchs Leben, deshalb habe ich mich bisher über das Bellen verständigt.“

„Aha!“

„Du machst dich kaputt mit diesen sinnlosen Rauschnächten, Walter! So geht das nicht weiter! Seit Olivia dich verlassen hat, sind bei dir alle Dämme gebrochen. Reiß dich endlich zusammen und lass dich nicht so gehen. Ich kann das nicht länger mit ansehen!“

Ein halbes Jahr hatten Olivia und er gemeinsam in seiner Wohnung gelebt. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie seine heimliche Whisky-Sammlung im Schrank entdeckte. Er hatte versucht, zu retten, was nicht zu retten war. Er hatte sich als Genusstrinker dargestellt. Olivia ließ sich jedoch nicht umstimmen. Sie hielt ihm einen stundenlangen, detaillierten Vortrag, was sie alles an ihm auszusetzen hatte.

„Mit Mitte 30 torkelst du immer noch jedes zweite Wochenende sternhagelvoll aus einer Disco oder einer Bar heraus. Ich habe Wünsche und Ziele, aber mit so einem verantwortungslosen, zurück gebliebenen Mann wie dir: No way, Walter! No way!“, hatte sie die Schimpfrede beendet.

„Was soll ich machen?“, dachte er sich in dem Augenblick der Trennung.

„Ich habe einen faden Beruf in einer Versicherung. Mein bürgerliches Leben ist langweilig. Ich war bis zu meinem 25. Lebensjahr extrem angepasst und langweilig, ich habe kaum Aufregendes erlebt. Ist es da nicht selbstverständlich und nachvollziehbar, sich gelegentlich Freiräume zu nehmen? Sich auch einmal treiben zu lassen, die Schleusen zu öffnen, leere Bierflaschen im Rekordtempo aneinander zu reihen, die Kontrolle zu verlieren, durch nonkonformes Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Was ist falsch daran?“

„Hör zu, Walter! Wenn du noch ein einziges Mal mit einer Alkoholfahne heimkommst, die die ganze Nachbarschaft einhüllt, werden wir die Rollen tauschen! Du wirst meinen Platz als Hund einnehmen, und ich werde Walter sein. Dann wirst du nichts mehr zu lachen haben! Kein Alkohol mehr! Ich werde dich auf Diät setzen, du wirst abspecken, und dein Bellen wird dir auch nichts bringen, weil ich dir einen Maulkorb anlegen werde!“, sprach Sokrates.

Walter nahm seinen sprechenden Hund nicht ernst. Er schüttelte den Kopf, schmunzelte, und tat die Begebenheit als eine leichte Form des Alkoholdeliriums ab.

„Als du im Treppenhaus in den Topf von dem Ficus uriniert hast, bin ich durch den Türspalt gehuscht und habe das Malheur vor der Nachbarin auf meine Kappe genommen. Zum Dank hast du mich im Rausch mit Käse gefüttert, woraufhin ich mich übergeben musste. Als du dich vor der Haustür mit einer Gruppe von Jugendlichen angelegt hast, habe ich nach dir gebellt und dich vor einem Krankenhausaufenthalt bewahrt. Zum Dank bist daheim sofort eingeschlafen, anstatt mir ein Leckerli zu geben. Ich habe viel für dich getan. Jetzt bist du an der Reihe, tu endlich was für mich. Und für dich!“, appellierte Sokrates.

Zwei Wochen später saß Walter im Flur, schaute ins Schlafzimmer und traute seinen Augen nicht: Dort lag Sokrates neben Olivia. War das Sokrates, oder war er das? Einmal meinte er sein eigenes Gesicht zu sehen, um im nächsten Moment wieder jenes von Sokrates zu erkennen. Hatte sich bewahrheitet, was Sokrates angedroht hatte? Hatten sie ihre Rollen getauscht? Oder…. war das dieses Mal ein richtig heftiges Alkoholdelirium? War es schon so weit gekommen?

1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Weißehex am 21.05.2020:
Keine schlechte Idee mit dem Rollentausch.

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Philosophische Ultras
Vom Balkon aus betrachtet
Die alte Depression
Graf Dracula erfindet sich neu
Alles Pose