Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
4xhab ich gern gelesen
geschrieben von Michael Braun.
Veröffentlicht: 08.07.2020. Rubrik: Spannung


Am Ende oder kurz davor

Du hast ein bewegtes Leben hinter dir. Im Milieu haben sie dir den Spitznamen "Der Stier" verliehen. Und so bullig und kräftig wie die eines Stieres ist auch deine wuchtige Gestalt. Früher konnte es kein Gegner mit dir aufnehmen.
Nach einer kurzen Karriere als Ringer warst du lange Zeit der gefragteste Türsteher auf St. Pauli, bevor du Bodyguard für einen Gangsterboss wurdest. Du hattest alles, was ein Mann sich wünschen kann: viel Geld, teure amerikanische Schlitten und die hübschesten Bräute. Vorallem aber hatten alle riesigen Respekt vor dir.
Doch nun bist du alt geworden. Deine Gelenke Schmerzen, dein Gedächtnis lässt immer nach, und auf St. Pauli haben längst schon andere das sagen. Alle deine früheren Kumpanen sind im Knast oder untergetaucht. Aber die meisten von ihnen sind mausetot, und die wenigsten starben eines natürlichen Todes. Und jetzt ist man auch noch hinter dir her.

Der Stier läuft ein. Die Menge jubelt. Unruhig trabt das kräftige Tier durch das Rund der Arena. Dann der große Auftritt des Matadors. In seinem Arm die Capote, ein grosses Tuch, aussen purpurrot und innen gelb. Damit zieht er nun die Aufmerksamkeit des Stieres auf sich und reizt ihn. Eitel und stolz sieht er sich als den Star in der Arena, aber in Wahrheit ist dies der Stier.

Vor zwanzig Jahren warst du am Tod eines der anderen Bosse beteiligt. Die Polizei konnte dir damals nichts nachweisen, aber seine Familie hatte seinerzeit blutige Rache geschworen. Doch all die Jahre warst du unangreifbar. Niemand wagte es, sich mit dir und dem Clan, dem du angehörtest, anzulegen.
Doch nun haben sie dich im Visier. Glücklicherweise konnte man dich zunächst noch warnen. Und so hast du den ersten Anschlag knapp überstanden.
Jedoch weißt du, dass die Anderen das Netz um dich immer enger knüpfen werden. Außerdem sind sie viele, und du bist auf dich alleine gestellt. Sie sind jung, und du bist alt.

Nachdem der Matador mit Hilfe der Capote den Stier ermüdet hat, tritt er erstmal von der Bühne. Seine drei Banderilleros lenken nun das Tier ab, damit die beiden Picadores auf ihren stolzen Pferden ungestört in die Arena einreiten können. Dann geht es dem Stier an den Kragen. Ziel der Lanzenreiter ist es, das Tier so im Nacken und der Schultermuskulator zu verletzten, dass es dazu gezwungen ist, seinen Kopf zu Boden zu neigen. Aber der Stier macht es ihnen nicht leicht. Immer wieder müssen ihn die Banderilllos ablenken, um Pferde und Reiter zu schützen. Doch schlussendlich lassen ihn die Picadores blutend und angeschlagen in der Arene zurück.

Du hast dich vor deinen Häschern in einem stillgelegten Fabrikgelände versteckt, aber man hat dich verraten. Und so konnten dich deine Angreifer zunächst überraschen und anschießen.
Doch du konntest einen der Drei ausschalten und dich in einem der oberen Räume, dem ehemaligen Schaltraum der Fabrik, verschanzen. Nur gut, dass du dieses Gelände von früher her wie deine Westentascha kennst.
Während du laut fluchend dein zerschossenes linkes Knie notdürftig verarztes, positionieren sich deine Gegner unterhalb der Treppe. Du bist zwar angeschlagen, aber noch haben sie dich nicht.

Bevor sich der Matador dem finalen Kampf mit dem Stier stellt, wird das arme Tier nochmal gepiesackt. Die Banderilleros versuchen nun ihre Werkzeuge, die Banderilllos - mit bunten Bändern geschmückte Spieße - in der Schulter ihres Opfers zu versenken. Die Spieße sind mit Widerhaken versehen, so dass der Stier vor dem blutigen Schlussakt noch weiter geschwächt wird.

Deine Munition ist dir ausgegangen. Aber mittlerweile hat man dich auch so schwer am rechten Arm verwundet, dass du deine Waffen eh nicht mehr lange hättest halten können.
Du weißt, dass du jetzt endgültig verloren hast. Deine Feinde haben zwischendurch Verstärkung erhalten, und nun warten sie nur auf den richtigen Moment, um dich endgültig auszulöschen.
Und nach einer kurzen Weile hörst du ihr Rufen, während sie die steile Treppe hochsteigen. Du hast nichts mehr zu verlieren, und einfach wirst du es nicht machen. Nicht wie ein waidwundes Reh, dass zitternd seinen Gnadenschuss erwartet.
Als vier bewaffnete Männer deinen Zufluchtsraum betreten, springst du laut brüllend hinter der Kontrolltafel vor und wirfst ihnen mit einer letzten großen Anstrengung einen verschließenen Drehstuhl entgegen, der sie erstmal alle von den Füßen fegt. Dann stürmst du mit letzter Kraft auf die Mörderbande zu.

Am Ende oder kurz davor ... Wie der Stier in der Arena, der nun wieder dem eitlen Pfau des Matadors gegenüber steht. Jetzt bewaffnet mit einem Degen und der Muleta, dem kurzen roten Tuch, steht der angebliche Held der Arena dem Stier Auge in Auge gegenüber.
Doch bevor der Mensch seine scharfe Waffe zum tödlichen Stich im Nacken des Tieres versenkt, reißt der Stier seinem Gegner noch mit seinen Hörnern die Eingeweide auf. Dann stürzt er tödlich verwundet in den blutgetränkten Staub der Arena.

Leben und sterben wie ein Stier.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Überall, wo ich nicht bin