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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von CB90 (CB90).
Veröffentlicht: 31.07.2020. Rubrik: Menschliches


Ein Schüler

Es war der letzte Schultag vor den Ferien und Marc ein mäßig erfolgreicher Schüler einer städtischen Realschule, stellte sein Fahrrad im Fahrradkäfig der Schule ab. Er hatte im Laufe des Schuljahres unzählige Verwarnungen der Polizei bekommen, weil sein Fahrrad kein Licht und keine funktionierende Klingel hatte. Dazu kam, dass der Sattel des Fahrrads schief war und nur einen mickrigen Gang besaß. Marc schloss sein Fahrrad im Fahrradkäfig nie ab, weil er gelesen hatte, dass man Geld für ein gestohlenes Fahrrad bekommt, wenn man nur die richtigen Formulare ausfüllt und an die Versicherung schickt. Sein Fahrrad wurde nie gestohlen. Es ging jedoch immer mehr kaputt und es schlich sich langsam eine Acht ein. Die Acht machte das Fahren mit nur einem Gang noch anstrengender für ihn.

Die erste Stunde war Chemie. Marc verabscheute Chemie und er hatte auch kein Interesse irgendwas, über Chemie zu lernen. Die Chemiestunde begann mit einem langweiligen Versuch, der Lehrer destillierte Rotwein zu reinem Alkohol. Der Lehrer hatte vorher, alle Schüler dazu aufgefordert in den hinteren Stuhlreihen Platz zu nehmen, weil es durch Verpuffungen zu schrecklichen Verletzungen in den ersten Reihen kommen kann. Marc war ganz entspannt, denn er saß schon in der letzten Reihe. Er konnte sich bequem zurücklehnen und den Versuch beobachten. Als der Versuch beendet war verteilte der Lehrer die korrigierten Klausuren aus der letzten Stunde. Marc wurde aufgerufen und musste seine Klausur beim Lehrer abholen. "Was hat das mit Chemie zu tun" fragte er ihn. "Du hast nichts verstanden“ brüllte der Lehrer ihn an. Marc antwortete „Das wüsste er selber nicht und beim nächsten Mal würde er alles besser machen“. „Es würde kein nächstes Mal mehr geben“, sagte der Lehrer ganz ruhig. Marc sackte innerlich zusammen, seine Gedanken kreisten und er konnte keinen normalen Gedanken mehr fassen. Er nahm wieder Platz und die Stunde war kurz danach beendet.

Die nächste Stunde war Deutsch. In Deutsch las Marc eine Komödie in drei Akten. Das Stück spielte im viktorianischen England und es ging um zwei Gentlemen. Marc fand das Stück zum Kotzen und er fand kein einziges gutes Wort in dem Stück. In einer Deutschstunde wurden drei Seiten gelesen. Den Schülern wurde ein Charakter zugeordnet und die Schüler lasen den Part ihres Charakters laut vor. Der Deutschlehrer störte sich nicht am Gestammel seiner Schüler, sondern gab immer wieder seine Interpretation zum Vorgelesenen ab. Marc wurde mehrmals in der Stunde vom Lehrer aufgerufen, dass er auch etwas Konstruktives sagen sollte. Der Lehrer war wutentbrannt, wenn Marc sich nicht an seinem Unterricht beteiligte. „Marc was wollte Frank, Ernst im ersten Akt sagen, als sie sich gemeinsam im Garten die Tulpen angeschaut haben?“ fragte der Lehrer. „Keine Ahnung, was für Tulpen?“, antworte Marc. Der Lehrer verzog sein Gesicht und notierte sich etwas ins Klassenbuch. Vor dem Stück aus England hatten sie einen Stück, über eine alte Dame gelesen. Die alte Dame war zurück in ihr Heimatdorf gekommen und wollte sich an ihrer Jugendliebe in grauenhaftester Weise rächen. Der Lehrer sagte damals, dass der Lehrer im Stück als moralische Instanz nicht eingegriffen hatte, dasselbe galt für den Arzt. Marc wusste, dass die Dorfbewohner ebenfalls nichts gemacht haben. Marc hatte das Stück an einem Abend alleine gelesen und trotzdem bekam er nur eine Vier Minus in der Klausur. Marc wusste, dass die Lehrer in ihm nur einen Penner sahen und wenn es doch noch glücklicher für ihn verlaufen sollte, konnte er höchstens Erdnussverkäufer werden.

Die nächste Stunde dieses Tages war Geschichte. „ An Zeitstrahlen sieht man genau, sehr genau, was in der Zeit passiert ist. Bitte zeichnet den Zeitstrahl den ich an die Tafel gezeichnet habe gründlich ab“ sagte die Lehrerin sehr freundlich. „ Entschuldigung, aber immer muss man Zeitstrahlen zeichnen und dann auswendig lernen, wo war das, was in dieser Zeit passiert ist“, fragte Marc die Lehrerin forsch. „Lieber Marc, damit du sorgfältiger wirst und lernst was zum Beispiel 1789 in Frankreich war“, antwortete die Lehrerin in einem rauen Ton. „Toll, wie gesagt, dann weiß ich nur, dass was passiert ist, aber nicht was genau. Sachen die in der Geschichte passiert sind, die kommen aus unseren Gedanken und sind nie das was wirklich passiert ist. Ich kann anders darüber denken als sie, wieso diskutieren wir nie, über sowas in der Stunde“ sagte Marc. Die Lehrerin verzog ihr Gesicht und brüllte „Raus, raus, wer sich hier nicht an meinem Unterricht beteiligt, der kann die Stunde draußen verbringen“. „Sie sortieren mich als Sündenbock aus, das ist alles“ sagte Marc. Aber das hörte die Lehrerin nicht mehr, weil die Klasse in lautes Gelächter ausgebrochen war. Marc war alles scheißegal geworden, er stand vor der Tür und wartete, dass die Stunde vorbei ging. Er stand mitten auf dem Schulflur und gelegentlich kamen Schüler aus anderen Klassen vorbei. „Was ist passiert“, fragte eine Schülerin aus einer unteren Klasse. „Mich haben sie rausgeworfen, weil ich zu viel gefragt habe“ antwortet Marc. „Aha, ich habe Kreide geholt. Ciao“ sagte die Schülerin. Marc konnte seine Mitschüler und selbst die Lehrer laut über ihn lachen hören. Er steckte sich mit auf dem Schulflur eine Zigarette an und keiner erwischte ihn. Er dachte darüber nach, wieso er nichts Wirkliches lernen durfte.

Die letzte Stunde war eine Doppelstunde Religion. Marc sollte nachempfinden wie es ist gekreuzigt zu werden, indem er seine Beine und Arme auf seinem Stuhl sitzend hochhalten musste. "So fühlte sich das damals an" sagte der Religionslehrer. „ Sie sind völlig verrückt geworden?“ antwortete Marc dem Religionslehrer. Der Religionslehrer schaute verdutzt, aber ging nicht weiter auf Marcs Antwort ein. Er verharrte einige Minuten der Kreuzigungsstellung, dann ließ er seine Arme und Beine fallen und die Stunde war endlich vorbei. Er bekam eine Drei, das war seine beste Note und der Religionslehrer bekam einen Bandscheibenvorfall, oder fasste eine Schülerin an und war dann nicht mehr gesehen.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von RudiRatlos am 31.07.2020:
Hahaha, selten so herzhaft gelacht - hier über den Musterschüler ..! Ibwohl ich mir nicht erklären kann, wierum und waso ... ('gern gelesen' isse von mich)

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