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geschrieben 2020 von Katharina (Kathi_003).
Veröffentlicht: 28.10.2020. Rubrik: Menschliches


Graue Blumen

„Und wie war's?“, fragte ich nervös. Gelangweilt antwortete er: „Wie immer. Nichts Neues.“ Wir liefen ein paar Meter weiter und ich wägte in meinen Gedanken ab, was ich sagen könnte. Dann bohrte ich weiter nach: „Habt ihr nicht vor kurzem jemand neues eingestellt?“ Hektisch entgegnete er: „Ja!“, dann räusperte er sich kurz und fuhr fort: „Ja, haben wir. Aber sie ist schon eine Weile bei uns. Nicht erst seit kurzem.“ Wir hielten an, um zu warten, bis alles frei war und liefen über die Straße. Dann fragte ich ihn, ob sie sich gut verstehen und wie sie sich schlägt. Er antwortete nur mit einem: „Ja, klappt ganz gut. So alles normal halt.“ Während er das sagte, schaute er durch die Gegend, als wäre er noch nie in dieser Straße gewesen. Doch wir sind hier schon mindestens tausend Mal spazieren gegangen. Wir bogen, wie sonst auch, um die Ecke und gingen die nächste Straße entlang. Ich dachte immer, dass das die schönste Straße in der ganzen Stadt ist, doch seit einer Weile schon kommt mir das nicht mehr so vor. An fast jedem Fenster hing ein Blumenkasten, in dem die Blumen so wunderbar blühten. Heute wirkten sie ausgetrocknet und grau. Ich hatte jedes Mal eine leichte Gänsehaut auf meinen Armen, wenn wir hier entlangliefen. Besonders am Anfang war das so. Dann lächelte er mich immer an mit seinen Reh-Augen.
Langsam wurde es kälter und ich zog mir meine Strickjacke an, die ich den gesamten Weg über in den Händen hielt. Jetzt baumelten meine Arme neben meiner Hüfte und ich wusste nicht, was ich mit ihnen tun sollte. Spontan griff ich nach seiner Hand, doch er wich ihr aus. Ich sah ihn leicht enttäuscht an. Er meinte: „Die wollte ich grade in meine Jackentasche stecken, weil sie sehr kalt ist.” Dann fügte er hinzu: ,,Und die andere ebenfalls.“ Ich wandte den Blick ab von ihm und tat das gleiche. Meine Hände in die Taschen der Strickjacke zu stopfen war schwierig. In meinen Taschen war mal wieder viel zu viel Müll. Ich nahm die darin zerknüllten Taschentücher heraus und wollte sie in den nächsten Mülleimer werfen. Als ich diesen weißen Klumpen in meinen Händen hielt, schossen mir wieder Tränen in die Augen und mir wurde schlecht. Ich stand vor dem Mülleimer und atmete tief durch. Dann warf ich die Taschentücher in den Müll. Ich sah noch aus dem Augenwinkel, wie er langsam weiter schlenderte. Dann wurde mir kurz schwarz vor Augen und ich musste mich übergeben.

Als ich mich wieder etwas erholt hatte, stand er ein paar Meter entfernt von mir und sah mich wartend an. Ich lief zu ihm und wir gingen weiter.
Wir schwiegen uns an, doch ich ließ es nicht ruhen. Ich fragte: „Wie geht es eigentlich deinem Chef? Wollen wir ihn und seine Familie vielleicht bald mal wieder zum Essen einladen?“ Er sagte: „Dem geht’s ganz gut, soweit ich weiß.“ Dann war es kurz still. „Zurzeit sind er und seine Frau sehr beschäftigt, glaube ich. Aber ich weiß es nicht genau. Wir haben in letzter Zeit nicht so viel geredet.“ Ich runzelte die Stirn. „Wirklich? Das ist aber komisch.“ Darauf reagierte er nicht mehr.
Wir kamen eine Minute später an dem viel zu überteuerten Kiosk vorbei. Ich blickte auf die Uhr und beschloss noch schnell hinein zu gehen. Heraus kam ich wieder mit einer Flasche Wasser. Er wartete währenddessen vor dem Kiosk auf mich. Vor der Tür des Kiosks saß ein großer Mann auf einer Bank. Als ich an dem Typen vorbei lief, pfiff er und sagte zu mir: „Hey Schnecke, geiles Kleid, was du da anhast!“
Nicht weit weg sah ich ihn stehen und auf mich warten. Er sah auf sein Handy und grinste. Dann tippte er darauf um. Ich lief zügig zu ihm und hoffte, dass ich schnell weg käme. Er bemerkte mich gar nicht, bis ich vor ihm stand. Dann drückte er blitzschnell sein Handy an sich. Ertappt sagte er: „Du warst aber schnell” „Wem schreibst du da?“, konfrontierte ich ihn. „Das ist was komplett anderes.“, er wurde etwas lauter, „Ich schreibe niemandem!“
Normalerweise ist das der Punkt, an dem ich die Diskussion beende. Dann gebe ich ihm Recht oder entschuldige mich. Ich will nämlich nicht streiten. Aber dieses Mal sagte ich nichts. Ich schwieg und das irritierte ihn. Während wir weiterliefen, wurde ich endlich den ekligen Geschmack in meinem Mund los.
Ein paar Häuser weiter hörten wir schon den ersten Zug. Er stand, wie jeden Tag, so lange dort, bis der andere auch da war. Dann fuhren sie gleichzeitig los. Einer fuhr nach links, der andere nach rechts. Er wirkte aufgewirbelt und ich fragte mich, ob es ihm vielleicht leid tut. Aber ich wusste, dass ich jetzt den Mut nicht verlieren durfte. Bevor ich mir meinen Satz zurecht legen konnte, fuhr er mich an: ,,Wieso bist du auf einmal so komisch?“ Wir liefen die Stufen zum Gleis hinauf. Ich stellte mich ihm in den Weg: ,,Ist ja klar! Es liegt immer an mir. Hast du mir nicht etwas zu sagen?!” Auch wenn ich die Wahrheit hören wollte, hatte ich Angst. Angst, dass es endgültig vorbei ist, dass er mir das Gefühl gibt, dass es meine Schuld ist. Aber vor allem hatte ich Angst davor, dass ich die Vergangenheit nie wieder zurückbekommen werde. Meine Gefühle wendeten sich rasch. Ich wusste, dass wir uns im Kreis drehen. Ohne Halt wäre ich daran in Scherben gegangen. Er riss mich aus meinen Gedanken und schrie mich vor all den Leuten an: ,,Mir reicht es!” Mein Herz blutete. ,,Ja, du weißt doch eh schon von ihr! Tja und jetzt?!” Mein Blick war nass und verschwommen. Ich hörte ihn noch weiter toben, bis ich gar nichts mehr hörte. Ich spürte den Wind des Zuges, der ein Stück an mir vorbei rauschte. Das war jeden Tag unser Zug. Er kam hinter meinem Rücken zum Stehen. Die Leute stiegen ein und aus. Alles ging so schnell und doch fühlte es sich an wie in Zeitlupe. Ich sah, wie er vor mir mit dem Armen um sich schlug und seine Lippen, wie sie sich bewegten. Ich erinnere mich noch einigermaßen daran, dass er irgendwann in einem abfälligen Ton fragte, ob ich dazu nichts zu sagen hätte. Aber ich konnte nichts sagen. Die ganzen Worte, die noch kurz zuvor in meinem Kopf schwirrten, waren nun alle wie ausgelöscht. Ich sah nichts, ich hörte nichts. Ich spürte nur den kühlen Wind an meinen Beinen und in meinem Gesicht. Er winkte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum und schaute mich schief an. Dann lief ich los. Ohne nachzudenken stieg ich in den anderen Zug ein. Ich setzte mich hin und sah ihn an. Er würdigte mich keines Blickes mehr.

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