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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Yaru.
Veröffentlicht: 25.12.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte (oder: Die Geschichte, die keine sein sollte)

Ich sitze am Esstisch meiner großen Wohnung und genieße bei einem Glas Rotwein das Weihnachtsessen, das ich gekocht habe.
Ich bin allein dieses Weihnachten - wie die meisten anderen Weihnachten auch. Ich genehmige mir gerade noch einen Schluck, als ich höre, wie es an der Wohnungstür meiner Nachbarin gegenüber klingelt. Stimmen. Ich kann nicht verstehen, was gesagt wird, ich bemerke nur, wie die Stimmen lauter werden.

Die Tür fällt zu. 'Unwillkommene Verwandtschaft?', denke ich mir noch. Dann wird mir auf einmal klar, dass ich das Gleiche bereits einige Minuten zuvor gehört habe, während ich für mcih gekocht habe. Mehrmals. Wer auch immer dort gerade im Treppenhaus ist, hat bereits bei allen anderen... Es klingelt bei mir. 'Seltsam. Wer klingelt bei jeder Tür am Weihnachtsfeiertag?'
Ich öffne.

Vor mir steht ein langer, hagerer Mann mit etwas dunklerer Hautfarbe. Womöglich ein Nordafrikaner.
"Guten Abend...", sagt er mit einem starken Akzent, den ich nicht einordnen kann.
"Wir sind eine äthiopische Familie, die nach Deutschland geflüchtet ist. Bitte, ich möchte kein Geld...", beginnt er, während Tränen über sein enttäuschtes Gesicht laufen.
"Meine Familie hat Hunger, bitte, könnten Sie uns vielleicht etwas zu essen geben? Auch, wenn es nur eine Kleinigkeit ist, bitte...?"

Ich überlege. Im Stockwerk unter mir im Treppenhaus sehe ich eine Frau mit einem schlafenden Baby im Arm. Ich hörte beim Kochen ein Baby weinen, fällt mir plötzlich ein. Schatten weiterer Personen kann ich erkennen, deren kleinere Statur auf Kinder schließen lassen.

"Tut mir leid!...", sage ich und schließe die Tür.
'Es gibt gerade an Weihnachten so viele Betrüger. Wer bitte soll in einem solchen Sozialstaat wie Deutschland Hunger leiden müssen?' Ich spüre Frustration in mir aufkommen.

Auf halbem Weg zum Esszimmer bleibe ich stehen. Ich habe Zweifel. Ich denke nach. Was, wenn es doch möglich ist? Lasse ich eine Familie Hunger leiden, nur wegen meinen Überzeugungen? Was wäre, wenn es wirklich nur ein Betrug ist? Eine Mahlzeit umsonst ist ein geringer Preis im Vergleich zu einer hungernden Familie!

"Warten Sie!", rufe ich ins Treppenhaus der geknickten Gestalt hinterher, die bereits in der Zwischenetage auf dem Weg nach unten ist. "Ich.... habe nicht aufgeräumt, das ist alles. Kommen Sie. Ich lade Sie ein."

Einen ungläubigen Gesichtsausdruck erhalte ich als Antwort. Keine Freude. Keine Enttäuschung. Reiner Zweifel. Ich öffne meine Tür, mache eine einladende Geste. "Bitte. Ich habe wirklich genug für alle!" Tränen schießen dem schlanken Mann über das Gesicht, mehr noch als zuvor. Ich höre ihn noch etwas - wohl auf Äthiopisch - rufen. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es mehr als 80 Sprachen in Äthiopien gibt, wie er mir später erklärt. Er fällt vor mir auf die Knie. Weinend. Küsst meine Füße. Er erklärt, von starkem Weinen und Schluchzen unterbrochen, er habe bei mindestens hundert Leuten in der ganzen Stadt geklingelt, den ganzen Weg vom Flüchtlingsheim bis hierher. Manchmal sei er angeschrien und bedroht worden, ein Mal sogar geschlagen worden.

Nun sitze ich bei einem Glas Rotwein am Esstisch meiner großen Wohnung und genieße das Weihnachtsessen, das ich für mich gekocht habe. Ich bin dieses Weihnachten nicht allein. Anders als sonst, bin ich in guter Gesellschaft

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Was mich zum Schreiben dieser leider nicht so weit hergeholten Geschichte bewegt hat, war der momentane Zeitgeist. Schon seit langem gibt es Skeptiker, Kritiker und alles Mögliche dazwischen. "Fake News" und "Alternative Fakten"... was dabei auf der Strecke bleibt, sind wir selbst. Unsere Glaubwürdigkeit, unser Vertrauen, unsere Menschlichkeit. Wie würdest du dich in der Geschichte entscheiden? Wo ist unser Vertrauen hin? Ist der Nachteil, jemanden einen Vertrauensvorschuss zu geben, wirklich so groß? Was ist mit den Nachteilen? Ich denke, vielen Menschen würde es gut tun, mehr darüber nachzudenken und vor allem auf sein Herz, sein Gewissen zu hören.

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