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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Julio Tramell (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 28.12.2020. Rubrik: Spannung


Die 6 Tode des Miles Miggs

Die 6 Tode des Miles Miggs

-enthält Darstellung von Gewalt -

Um mich nur Stille.
Mein Name ist Miggs.
Tiefste Schwärze.
Miles Miggs.
Keine Bilder.
Nur Gedanken.

Die Hatz hatte ich verloren. Der Mistkerl hat mich in der Winona Street gestellt und diese Elektroschockpistole auf mich gerichtet. So eine mit zwei losschiessenden Pfeilen an dünnen Drähten, wie die Bullen sie benutzen. Als ich zur Flucht gezuckt hatte , drückte er ab. Durch das halbe Gewerbegebiet hatte er mich vorher gejagt, immer knapp auf meinen Fersen. Ich kannte diesen Lost Place wie meine Westentasche und vermochte es trotzdem nicht, ihn abzuhängen.
Der Elektroschock versteifte meinen Körper in einem schmerzhaften Krampf. Als ich ihn wieder spürte, schob der Fremde mich in einer Schubkarre in einen der alten Gebäudetrakte. An der Stange, die er an die Karre geschweißt hatte hing kopfüber eine Flasche, die durch einen dünnen Schlauch mit der Vene auf meinem Handrücken verbunden war. Das, was dort oben aus der etikettfreien Flasche tropfte, musste etwas sein, was mich ausser Bewegung hielt.
Soweit konnte ich mich erinnern. Aber wie kam ich in diese entsetzliche stumme Schwärze. Ich sah als letztes die Spritze, die er an meinem Venenzugang anlegte und hinein drückte. Dann kam die Dunkelheit, in der ich trieb. So verloren, wie im All. Ich dachte an mein Leben, auf das ich nicht besonders stolz sein konnte. Das einzige, was ich jemals geliebt hatte und man entschuldigend hätte anführen können unter dem Motto "das war es wert" war meine geliebte Sarah. Die Untaten, die ich begangen hatte, wurden viel zu kurz entlohnt, durch die Liebe der wundervollen Frau, die mir der Krebs vor zwei Jahren so grausam entrissen hatte. Und dann sah ich wieder diesen Schuss , den ich abgab. Der Revolverschuss, der mich jede Nacht in meinen Albträumen heimsuchte. Der Schuss, der alles verändert hatte. "Sarah" Gott vergib mir.

Der Schlag der mich plötzlich trifft, ist der eines Pferdehufes mitten ins Gesicht. Dann dieses anschwellende Pfeifen. Noch ein Pferdetritt, nur stärker. Mein Kopf brennt und mein Brustkorb will explodieren. Ich werde gewalttätig aus der Stille gesaugt und reisse die Augen auf. Ich begreife in dem Moment, dass dieser Typ gerade mein Herz wieder in Gang gesetzt hatte, wie ich sehe, dass er die Paddles eines Defibrillators von meiner Brust nimmt . Der Schrei, den ich ausstoße, ist stumm.
Bilder schießen durch mein Bewusstsein. Völlig wirr sortiert sich mein Leben in neuer unlogischer Reihenfolge vor meinem inneren Auge. Surreal vermischen sich Erlebnisse aus meiner Kindheit mit denen meines unrühmlichen Erwachsenenlebens.
Die Bilder verfliegen, je mehr ich zu Bewusstsein und wieder in die Realität zurück finde. Die Schmerzen lassen nach, als ich registriere, dass weitere Drähte von den Saugnäpfen auf meiner Brust zu einem Kasten mit Monitor führen, der meinen Herzschlag in einer holprig ausschlagenden Linie anzeigt. Als sich Frequenz und Amplitude gerade in eine gewisse Regelmäßigkeit beruhigen, sehe ich, wie der Fremde erneut eine Spritze aufzieht und sie an den Butterfly anschließt. "Hör auf, warte", stammel ich in Todesangst.
"Zwei Tode noch", knurrt der Fremde mich an, drückt die Spritze durch und bringt mich zum zweiten Mal in dieser Nacht um.

Sein Anblick wischt sich seitlich weg, wie ein gerissener 8mm-Film und ich verlasse das Hier, um wieder ins luftleere Weltall zu gleiten. So weit, so schwarz, so einsam wie man es sich in seinen schlimmsten Vorstellungen über das Jenseits nicht ausmalen kann. Kein lockendes Licht vertrauter Seeligkeit. Nur angsteinhämmernde Schwärze.
Die Gedanken meines Lebens kehren zurück und wechseln zwischen surrealen Bildern und echten Erinnerungen. Ich sehe meine Mutter, die mir zulächelt. Ich will zu ihr laufen, jedoch fühlt sich mein Körper an, als würde er sich auf Grund des Meeresbodens bewegen wollen. Ich laufe in Zeitlupe auf meine Mutter zu, die plötzlich zu Sarah wird und nach hinten über eine Klippe kippt. Mein Schrei vermag keinen Ton zu erzeugen. Alle vertrauten Freunde stehen mit Cocktailgläsern rechts und links Spalier und unterhalten sich angeregt miteinander, während meine Hilfeschreie ersticken.
Ein früherer, sadistischer Chef sticht mit einem spitzen Gegenstand nach mir und fügt mir schmerzhafte Wunden zu, da ich in meiner Trägheit nicht ausweichen kann. Plötzlich habe ich einen Revolver in der Hand und schieße ihm ins Gesicht. Er bricht zusammen, um sogleich wie ein Zombie wieder aufzustehen und erneut auf mich einzuhacken.

250 Joule, 1500 Volt, 25 Ampere: Der Schmerz, der mich durchfährt, ist der einer schädelzertrümmernden Eisenstange, gefolgt von einer Pfählung auf einem Zaunpfosten. Er ist notwendig, um einen Menschen mit Herzkammerflimmern aus der Nimbusebene zurück zu holen. 1x, 2x, 3x unvorstellbar schmerzhafte Schocks, bevor mein Flimmern wieder in einen Sinusrythmus springt und ich noch einmal zurück komme. Der Grenzgang meines Peinigers ist riskant, denn er hat mir noch etwas zu sagen.
Ich erwache fantasierend aus dem Todesschlaf, es dauert einige Minuten, bis mein überanspruchtes Hirn wieder eine klare Wahrnehmung verarbeiten kann.

Der Unbekannte nimmt sich die Zeit und als erstes nach meinem Erwachen und der Normalisierung meines Pulses sehe ich das Blitzen eines metallischen Gegenstands. Der Fremde, der nach wie vor über mir steht und ein Jagdmesser schleift, beobachtet die erneut steil beschleunigende Anzahl meiner Herzschläge. Ich kenne dieses Messer mit der geriffelten Klinge, dem Griff aus Horn und der eingeritzten einzelnen Kerbe. Es ist meins.
Er führt die Messerspitze an meinen Hals und lässt sie über meine Brust rutschen. "Was soll dieses Spielchen, er hat mich soeben 2x reanimiert. Nachdem er mich 2x ins Kammerflimmern gespritzt hatte", denke ich. Mein Hals ist trocken wie die Sahara. Ich verliere das Messer aus meinem Augenwinkel, merke aber durchaus den anschwellenden Schmerz der Haut unter meinem Rippenbogen. Die Klingenspitze drückt meine widerspänstige Haut einige Zentimeter nach innen, bevor diese unter dem Druck aufschnappt und die langsam eindringende Klinge ungehindert hindurch lässt. Der Atem stockt und weicht der Unfassbarkeit, als der Stahl an mein soeben reanimiertes Herz stößt. Die Nervenbahnen meiner Herzwand weisen den Fremden energisch darauf hin, dass die Klingenspitze sie berührt. Der Monitor spielt geradezu verrückt. Wenige Millimeter trennen mich vor dem unausweichlichen Tod, wenn der Kerl das Messer nur weiter schiebt. Er tut es nicht, sondern verharrt in der Bewegung. Adrenalin und der Tropf schalten meinen Schmerz aus und ich weiß, dass ich nicht die kleinste Bewegung machen darf. Sonst töte ich mich selbst.

Dann sieht der Fremde mich eiskalt an und fängt leise an zu sprechen, so dass er kaum den dröhnenden Brummton in meinen Ohren übertönt.

"Wie zäh diese Haut ist.
Bevor sie reißt und das Messer ungehindert ins Fleisch eindringen kann, ist dieser Widerstand zu überwinden. Es gehört etwas Glück dazu, dass das Herz nicht gleich durchstossen wird, wenn der Widerstand plötzlich nachgibt. So weit, So gut. Ich spüre deine zuckenden Herzschläge am Griff meines Messers. Eine feige Kugel hätte das Ganze natürlich schneller geklärt. So eine, wie du sie mir verpasst hast.
Mein Name ist Miggs. Miles Miggs".
Die Worte legen sich um meinen Hals, wie eine Schlinge, die sich zuzieht.
Meine Gedanken überschlagen sich, ohne logisch Verwertbares auszuspucken. Meine Luftröhre verengt sich, als mir klar wird, wer mich hier auf dem provisorischen OP-Tisch fixiert hat. Völlig ausser Stande, mich zu wehren, schaue ich jenem Mann in die Augen, dem ich vor 7 Jahren alles genommen hatte. Seinen Verstand, seine Frau, seinen Namen und am Ende auch sein Leben. Das hatte ich zumindest bis gerade eben angenommenen, da ich ihm mit einem Revolver ins Jochbein geschossen hatte, um ihn zu töten und seine Rolle einzunehmen.
Die Liebe zu Sarah war echt, schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit hatte ich sie geliebt. Doch trotz all meiner Versuche erwiderte sie meine Gefühle nicht. Sie liebte diesen verdammten Miles Miggs. Als ich vorgeladen wurde und mich dem Vorwurf des Stalking ausgesetzt sah, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich meinte es doch soviel besser mit Sarah als Fucking Miles Miggs. So musste er verschwinden, und zwar spurlos. Ich lauerte Sarahs Traummann eines Tages auf und schoss ihm in seine verdammte Fresse. Dann lud ich das Arschloch, dass mir meine Sarah vorenthielt in meinen Wagen und ließ seine Leiche am Ufer der "Little Glades" liegen, wo ihn die Alligatoren ein für alle Mal verschwinden lassen sollten.
Natürlich konnte ich weiterhin nur parallel zu Sarah leben und nicht mit ihr zusammen sein. Aber es gab keinen Mann mehr zwischen uns und so lebte ich in ihrem Keller, ihrem Schrank, ihrem Gartenhaus, bis aus ihrer Angst und ihrem Kummer Krebs wurde und sie starb.
Miles Antlitz war nicht mehr der selbe. Das Gesicht verbraucht mit der sternförmigen Narbe auf seiner linken Wange und dem Blick aus trüben Augen, links erloschen und nicht mehr in einer Achse blickend. Mein Revolverschuss hatte dieses Gesicht zerstört.
Dann näherte sich sein Gesicht bis auf wenige Zentimeter dem meinen und er sprach wieder sehr leise.
"Drei Mal musste ich reanimiert werden, nachdem mich ein Ranger rein zufällig gefunden hatte.
Ich verdanke Dir drei Tode, um danach Jahre ohne Gedächtnis mein altes Leben zu erforschen. Und als ich mich endlich erinnern konnte, war meine geliebte Sarah tot. Gestorben am Kummer über mein Verschwinden und an der Angst vor dir".

Der echte Miles führt die bewegungseingeschränkte rechte Hand des falschen Miles an den Griff des Jagdmessers, das in seiner Brust steckt und seine Herzwand bedrohlich berührt. Dann stellt er den Monitor des EKG-Gerätes auf seinen Bauch. Das Gerät wippt auf und ab, ausgelöst durch seine hektische Atmung. Schockiert starrt er aus dem Augenwinkel auf seine nervöse Herzkurve.

Als letztes trägt der echte Miles leitendes Gel auf die Paddles des klinischen Schockappparates auf und drückt sie auf die Brust des falschen Miles Miggs.
Dann lädt er auf 400 und geht. Der zunehmend pfeifende Lade-Ton begleitet ihn zur Tür des alten Gemäuers. Mit dem Zuschlagen der Tür hinter sich schießt auch der Defi seinen Stromstoss ab und reisst Miles Oberkörper in das Messer, was in ihm steckt. Sofern er es nicht vorher aus seiner Brust gezogen hat, um Miles Miggs sechstem Tod zu entgehen.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 12.01.2021:
Starker Tobak! Daumen hoch!




geschrieben von Stephan Heider am 19.01.2021:
Vielen lieben Dank




geschrieben von scollo am 22.01.2021:
tolle geschichte :)

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