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geschrieben 2021 von Julio Tramell (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 02.01.2021. Rubrik: Total Verrücktes


Moderne Großeltern oder die Legende von der Nunchako-Polka

Großeltern werden immer moderner, bleiben länger jung und sind teilweise besser drauf als ihre Nintendo Zombie Enkel. So auch meine.
Zur goldenen Hochzeit haben wir zusammengelegt und Oma Frieda, oder wie ich sie liebevoll nannte, "Omma Arafat", ein neues Chako geschenkt, weil sie ihr altes aus Versehen beim Schattenknuddeln auf meinem Schädel zerbrochen hatte. Seit sie bei den "Ninja Granny's" tanzte, hatte ich echt Respekt vor ihr. "Oppa Acapulco" bekam eine neue Badehose, die alte flatterte und war ihm mit seinem knochigen Hintern zu groß geworden. Das war beim Turmspringen wirklich extrem gefährlich für die Aerodynamik, auch wenn Opa ein echter Adrenalinjunkie war. Habt ihr eure Großeltern auch nicht mit Namen benannt, sondern mit ihrem Wohnort oder maximal mit einer Eigenschaft oder einem liebevollen Spitznamen? Juhuu, wir fahren zu Oma Berlin oder Oma Oer-Erkenschwick. Toll, Opa Ohnezweifinger kommt, etc. etc.
Ja, sowas hat man früher häufig im Freundeskreis gehört.

Also, meine Omma Arafat und mein Oppa Acapulco väterlicherseits feierten ihre Goldhochzeit. Natürlich waren auch meine anderen Großeltern geladen. Oma Charles Bronson (war ziemlich hart und gerecht) und Opa Wolverine (konnte echt schnell schnitzen) saßen auch mit am Ehrentisch.
Über den Überraschungsauftritt der beiden gebuchten Alleinunterhalter haben sich alle mächtig gefreut. Captain Future, der nach seiner Pensionierung jetzt nebenbei Party-Unterhaltung auf 450 Euro - Basis machte, kam vorbei und erzählte einige Stories von früher. Zum Beispiel, wie er Otto kurz vor entscheidenden, galaxyverändernden Kämpfen mit den haarsträubensten und furcherregensten Space-Mutanten immer von hinten die Unterhose über den Kopf zog. Oder Roboter "Grag" Sand in die Gelenke streute, während er an der Ladestation hing.
Professor Simon Wright, das fliegende Gehirn, begleitete den Captain beim Schwelgen in Erinnerungen unrythmisch auf der Maultrommel, was der Darbietung mehr intellektuelle Tiefe verlieh. Leider konnten sie nicht zum Essen bleiben, daher packte Oma Arafat den beiden Dicken Reis mit Stint und zwei Stück Frikandelkuchen ein. Eine Portion packte sie gleich wieder aus, weil das fliegende Hirn in der Vitrine ja gar keinen Mund hatte. Stattdessen legte Oma ein Fläschchen Eierlikör bei, den Simon über seinen Schmiernippel genießen konnte. Zum Abschied trugen die Vollblutentertainer noch ihren größten Hit "Uhu Huhu Uhuu Huhuu" vor. Da blieb natürlich kein Auge trocken. "Zugabe Zugabe" riefen alle begeistert, so dass Cap und der Professor nicht umhin kamen, auch noch den Klassiker "Huhu huhuhuhu" aus der Enterprise Reprise anzusingen. Nervte dann langsam, aber als die zwei arbeitslosen Stehgeiger auch noch anfingen "Tätä tätätä tätätä tätätä " aus der Rocky-Oktologie anzustimmten, führten Oma Arafat und Oma Charles Bronson spontan ihre legendäre Nunchako-Polka auf. Die Ostpreußen-Babes gingen richtig ab und ließen die asiatischen Dreschflegel dermaßen synchron rotieren, dass Bruce Lee anerkennend mit der Zunge geschnalzt und Leonid Breschnew sich vor Freude auf die Oberschenkel geklopft hätte. Mit Ausklingen der Musik geleiteten die Omas Cap und Simon noch zur Tür. "Verziehen, ihr Euch nun müsst, ein echter DJ kommen wird", verabschiedeten sie sich und frisierten die beiden auf dem Weg nach draußen noch anständig durch, mit ihren Chakos. Die Spaßhölzchen ließen sie im Anschluß noch durch die Reihen gehen, bis alle blaue Flecken und blutige Nasen hatten.
Man, was haben wir gelacht.
Die "Brauner Bär" - Bowle war jetzt auch endlich aufgetaut und kam gerade recht, um mal die Gläser zu erheben und mehrfach anstössig zu werden.
Jetzt liefen Oppa Acapulco und Oppa Wolverine erst richtig zur Hochform auf. Die Messerwurf-Nummer auf den Live-Gesang zu "Schicksalsmelodie" hatten sie heimlich einstudiert und auch, wenn Oppa Acapulcos neue Schwimmbuxe am Ende in Streifen hing, haben sich alle vor lauter Gelächter mit Lebensfreude und nicht mit irgendwelchen Viren angesteckt. Nach vielen ausgelassenen Stunden war es Zeit zu gehen und mir kam eine Idee, wie ich mich elegant verabschieden könnte, ohne dass meine Großeltern beleidigt sein konnten.
"Na da wird sich der Feuilleton des Gemeindebriefes ja morgen überschlagen" rief ich dem Pastor zu und klopfte ihm weltmännisch auf die Schulter. Dann ließ ich heimlich den Plumssack hinter ihm fallen und lief nach Hause.
Er schaute mir sparsam hinterher, hielt sich in einer Abwehrgeste die flache Hand senkrecht vor seine Stirn und murmelte "Schulz" in seinen, vom Karamell des braunen Bären geformten, Oberlippenbart. So wie ich am nächsten Tag im Gemeindebrief las, ging wohl der Plumssack noch das ein oder andere Mal herum, bevor es hell wurde und die Feier vorbei war.
Alles in allem muss man sagen:
"War aber mal wieder schön gewesen".

Ich hoffe, wir können dieses Jahr mal wieder so richtig ausgelassen feiern. So wie auf der Goldhochzeit von Omma Arafat und Oppa Acapulco damals.

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