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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2010 von Susi56.
Veröffentlicht: 01.02.2021. Rubrik: Fantastisches


Naturkost

Da lag sie nun auf einem alten Porzellanteller, dessen Muster kaum noch zu erkennen war. Eine Möhre.
„Echte Natur.“, hatte Manuel ihr zugeraunt, als Dana den Code für ihre „Spende“ in sein Tablé eingab. Offiziell handelte er mit antikem Zeug, beispielsweise Uhren aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert. Nebenher dealte Manuel mit natürlichen Produkten. Mit echtem Kaffee etwa, Zwiebeln oder sogar frisch gebackenem Brot. Obwohl letzteres selten vorkam, weil gebackene Sachen auch für Dealer schwer zu bekommen waren.
Danas „Spende“ kostete sie eine ganze Woche Schufterei und sie hoffte, dass der Einsatz sich lohnte.
Vorsichtig hatte sie die eingewickelte Möhre nach Hause getragen und feierlich auf dem einzigen Erbstück abgelegt, das in ihrem Besitz verblieben war. Der Weg bis zu ihrer Wohnöde in 1357d saß ihr noch in den Knochen. In der bösen Sieben wäre sie fast einem der Hunter in die Arme gelaufen. Glücklicherweise verfolgte der aber gerade ein anderes Opfer. Dana, die sich mit klopfendem Herzen und am ganzen Körper zitternd an die Hauswand schmiegte, konnte im Schatten der Nacht unbehelligt davon schleichen.

Die Möhre maß etwa zwölf Zentimeter und leuchtete in kräftigem Orange. Manuel hatte beteuert, dass sie ganz frisch sei. Dana konnte das nicht beurteilen. Es war die erste Möhre, die sie jemals zu Gesicht bekam. Vielleicht auch die letzte. Wer wusste das schon?
Auf jeden Fall sah die Möhre interessant aus. Dana nahm sie in die Hand und spürte, wie fest sie sich anfühlte, sah die kleinen Unebenheiten auf der Oberfläche und strich behutsam mit den Fingern darüber. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.
Genüsslich hob Dana die Möhre unter ihre Nase, schloss die Augen und atmete den zarten Duft ein. Als sie erwartungsvoll über die Möhre leckte, war sie fast enttäuscht, dass nichts zu schmecken war. Aber sie fühlte sich unbeschreiblich gut an in ihrer Hand. Natürlich.
Fast widerstrebend legte Dana sie zurück auf den Teller, um sie noch ein wenig zu betrachten und die Vorfreude zu steigern.

Vielleicht wurden Möhren schnell welk? Was wusste sie schon von diesem Gemüse oder von Gemüse überhaupt? Bis zu ihrem 32. Lebensjahr ahnte Dana nicht einmal, dass so etwas wie echtes Gemüse oder Naturkost real existierte. Informationen dazu gab es nur auf geheimen Seiten im Internet, die Dana nie von selbst gefunden hätte. Im Stillen dankte sie Nurulf, der sie in den Untergrund mitgenommen und ihr eine andere Welt geöffnet hatte. Eine Welt, in der es Kaffee gab und Zwiebeln und sogar etwas, dass sich Apfel nannte und rotbäckig auf dem Bildschirm leuchtete.
Als Dana erfuhr, dass Manuel eine kleine Lieferung Möhren erwartete, hatte sie sich im Internet informiert. Möhren wuchsen in der Erde. Das über der Erdoberfläche austretende Grün konnte man jedoch nicht verspeisen. Genau genommen war die Möhre eine Wurzel, was Dana aber nicht störte, so lange es sich nicht um den Einheitsfraß handelte, den die Maschinen produzierten und Tag für Tag ausspuckten. Klar, das was da in der automatischen Ausgabe landete, war nach allen Erfordernissen zusammen gestellt … Blabla.
Schon lange mochte Dana nicht mehr glauben, dass der Staat mit dieser Ernährung die Gesundheit der Bevölkerung im Auge hatte. Nurulf war der Meinung, dass die OZ, die Oberen Zehntausend, nur ihre eigenen Zwecke verfolgten. Dana vermutete, dass die Leute im Darm ein Enzym produzierten, das die OZ für etwas benötigten. Nicht umsonst überwachte man die Leute so streng, wenn sie sich erleichtern wollten. Auf diese Weise wurden anfangs auch diejenigen, die unerlaubte Naturkost verkonsumierten, erwischt und hart bestraft.

Bei den Dealern gab es deshalb inzwischen Tüten, mit denen man seine „speziellen“ Ausscheidungen beiseite schaffen konnte, wenn man Naturkost genossen hatte. Das gehörte zum Service.
Die Tüten waren aus Papier, das Dana ebenfalls nur aus dem Internet kannte. Papier war zwar nicht verboten, aber normalerweise so teuer, dass niemand es sich leisten konnte. Früher, so war im Internet zu erfahren, gab es Leute, die auf Papier sogar Briefe schrieben. Unglaublich!
Die speziellen Tüten wurden per Hand produziert, aus alten Kleidern, und vernichteten dank eines Zusatzes die verräterische DNA. Manuel hatte Dana zusammen mit der Möhre eine Tüte angeboten. Leise lächelnd registrierte er Danas Ablehnung. „Viel Glück!“, war alles, was er sagte und dabei waren seine Augen eine Spur dunkler geworden. Ob er Dana je wieder sehen würde?

Dana hatte Manuel zum Abschied umarmt. Sie wusste jetzt, was sie wollte. Und das war gut. Sie hatte sich entschieden.

Auf dem alten Porzellanteller nun lag sie, die verbotene Möhre. Danas Abschied von einer Gesellschaft, die den Menschen nur als Produktionsfaktor sah – bis in die intimsten Bereiche seines Lebens hinein.
Entschlossen nahm Dana die Möhre in die Hand, leckte noch einmal daran und biss herzhaft hinein. Spätestens jetzt wusste sie, dass sie sich richtig entschieden hatte. Die Möhre war süß und saftig. Ihr feines Aroma lag auf Danas Zunge und ihre Festigkeit erzeugte ein Glückgefühl, das Dana bisher viel zu selten erlebt hatte.
Richtig kauen zu dürfen war einfach göttlich.

Dana kaute und aß langsam mit Genuss. Es war ihr Abschied vom normalen Leben, einem Leben, dass die Oberen Zehntausend ihr von Geburt an vorher bestimmt hatten und das sie nie geliebt hatte.
Noch heute würde sie Nurulf in den Untergrund folgen. Und ein Abschiedsgeschenk würde sie auch hinterlassen. Mitten auf dem Tisch in ihrer kahlen Wohnöde, ein persönlicher Gruß für die Hunter.
Es handelte sich um ein besonderes Häufchen. Ganz aus Natur.

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Ben Warrik am 23.02.2021:
Tolle Geschichte, gefällt mir mega gut in vielerlei Hinsicht. Hut ab.




geschrieben von Dan Prescot am 24.02.2021:
Gern schließe ich mich der Meinung vor mir an. Klasse!




geschrieben von Susi56 am 24.02.2021:
Dankefein! 🥕🥕🥕




geschrieben von Metti am 24.02.2021:
Ich hab bei der Geschichte an den Film "Soylent Green" denken müssen. Kennst Du den?




geschrieben von Susi56 am 24.02.2021:
Nee, kenne ich nicht. Aber das kann ich ja ändern. Kannst du ihn empfehlen?




geschrieben von Metti am 25.02.2021:
Wenn Du Dystrophien aus den 1970er Jahren magst, gehört der zum Pflichtprogramm. 😉




geschrieben von Susi56 am 25.02.2021:
Ach herrje, da muss ich noch mal in mich gehen...

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