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geschrieben von Ernst Paul.
Veröffentlicht: 12.03.2021. Rubrik: Unsortiert


Die Emanzipation eines Mannes

Carmen schien auf meinen Anruf gewartet zu haben. Sie nahm den Telefonhörer ab und meldete sich. Ich sagte ihr sehr deutlich und bestimmt, dass ich unsere Beziehung beende. Ich werde heute zu ihr kommen, um meine Sachen abzuholen. Sie holt tief Luft und ich merke, dass sie auf diese Worte gewartet hat.
„Axel überlege es Dir bitte noch einmal. Hast Du alles vergessen, was zwischen uns war? Du kannst nicht unsere gemeinsame Zeit wegwerfen. Ich bin doch nicht irgendwer, mit dem Du so umgehen kannst, den Du so nimmst, wie Du ihn brauchst und ihn dann wegwirfst, wenn Du seiner überdrüssig bist.“ Auch wäre sie heute nachmittags nicht zu Hause und sie wolle doch wenigstens, wenn schon Schluss sei, mich noch einmal sehen, um mit mir ein paar Worte wechseln und mir in die Augen sehen. Sie könne mich nicht so ohne weiteres gehen lassen. Sie brauche mich doch und habe ihre Gefühle wieder unter Kontrolle. Sie wolle sich auch helfen lassen.
Diese Traurigkeit und Niedergeschlagenheit in ihrer Stimme waren echt. Ich kannte aber Carmen nur zu gut, um jetzt nicht nachzugeben.
Die letzten Monate unserer Beziehung waren sehr wechselhaft: liebevoll und schön, voller Hingabe und Leidenschaft, aber auch grauenhaft und bis zur Unerträglichkeit mit Hass erfüllt. Carmens Stimmung änderte sich fortwährend und ich wusste nicht, was in ihr vor sich ging. Ich versuchte sie zu verstehen, doch es gelang mir nicht. Ein so wechselhaftes Verhalten von ihr war mir fremd.
Es gab Tage, da war Carmen weit weg mit ihren Gedanken. In der Zukunft oder auch in der Vergangenheit. Völlig abwesend. Versuchte ich ihre Gedankengänge zu unterbrechen, bekam ich nur mürrische, teilweise aggressive Antworten oder ich wurde gleich beschimpft mit unschönen, mich verletzenden Worten. Dass es mir jetzt gut geht, verdanke ich nur ihr, warf sie mir oft an den Kopf. Ja, ich verdanke es Ihr, dass es mir wieder gut geht. Nach dem Scheitern meiner Ehe gab mir Carmen den Rückenhalt, den ich brauchte, um aus meinem Tief zu kommen. Ich hatte das Scheitern meiner Ehe nicht verkraftet. Ständige Niedergeschlagenheit, Alkoholexzesse und Depressionen wechselten sich ab. Ich war am Boden zerstört und sah keinen Sinn mehr im Leben. Durch die Hilfe von Carmen lernte ich wieder leben und lieben. Doch je mehr ich wieder meinen Alltag meisterte, je mehr ich wieder Lust am Leben bekam, je befreiter ich wurde, umso mehr entfernte sich Carmen. Sie ließ mir ihren Unmut und ihre Unzufriedenheit jetzt sehr oft bis zur Unerträglichkeit spüren. Ich schwieg dann, lenkte mich mit anderen Dingen ab oder ging an die frische Luft und rauchte. Hielt ich es dann nicht mehr aus, nahm ich meine Tasche, setzte mich ins Auto und fuhr nach Hause.
Ich war froh, dass ich meine Wohnung nach unserem Kennenlernen nicht aufgegeben und dem Wunsch Carmens zu ihr zu ziehen nicht nachgegeben hatte. Als es in unserer Beziehung zu kriseln begann, zog ich mich dann oft in meine Wohnung zurück. Diese Wohnung gibt mir den notwendigen Rückhalt für mein Selbstbewusstsein. Wie stünde ich jetzt da, ohne Wohnung? Carmen würde meine Hilfslosigkeit gnadenlos ausnutzen, mir ihre Macht und ihre Stärke zeigen und Unterwürfigkeit von mir einfordern. Unterwürfigkeit, dass wollte ich nie mehr. Daran war meine Ehe zerbrochen. Vielleicht brauchte sie meine Unterwürfigkeit, meine Hilfslosigkeit? Vielleicht war das der Grund ihrer Unzufriedenheit? Als sie merkte, dass sie die Macht über mich verlor, fühlte sie sich von mir ausgenutzt. Ich bedurfte nicht mehr ihrer Hilfe. Ich war ein selbständiger, ein ganz normaler Mensch.
Den heutigen Nachmittag zum Abholen meiner Sachen habe ich bewusst gewählt. Carmen arbeitet jeden Mittwochnachmittag in der Landeshauptstadt. Sie vertritt dort ihre Firma bei Werbeveranstaltungen. Diese Werbeveranstaltungen finden immer in der Nähe des Hauptbahnhofes statt und es ist für sie das Einfachste, Sicherste und Schnellste mit dem Zug zu fahren. Ich habe dann den ganzen Nachmittag Zeit meine Sachen zu packen.
Ich sagte ihr nochmals, dass der Kleintransporter nur heute am Nachmittag zu haben war und das ich am nächsten Tag beruflich verhindert bin, um zu ihr zu kommen. Urlaub habe ich auch nur für heute bekommen. Ich kann also nur heute, heute am Nachmittag meine Sachen abholen. Um die Sachen zu packen und in den Transporter zu laden brauche ich keine fremde Hilfe. Das kann ich allein. Ich verabschiede mich und lege den Telefonhörer auf.
Als ich im Begriff war zu gehen, klingelt das Telefon erneut. Carmen ist nochmals am anderen Ende der Leitung und beginnt mich zu beschimpfen. Sie lässt ihrer Enttäuschung freien Lauf und ich bin froh nicht in ihrer Nähe zu sein. In ihre Worttiraden hinein sage ich Ihr nochmals, ruhig und gelassen, dass ich nur nachmittags kommen kann und dass ich ihren Wohnungsschlüssel in den Briefkasten legen werde, wenn ich meine Sachen gepackt habe. Sie fleht nochmals, jetzt mit sehr sanfter Stimme: „Überlege Dir doch noch mal alles, Axel. Erinnere Dich doch, wie schön es zwischen uns war. Ich werde alles tun, dass es wieder so wird. So, wie es war. Und es wird bestimmt noch schöner. Wir haben doch die schwere Zeit so gut überstanden. Wir sind doch stark genug, um alle Schwierigkeiten im Leben gemeinsam zu bestehen.“
Sie spricht und spricht und ich komme nicht zu Wort. Ich versuche mich nicht an diese schöne Zeit zu erinnern. Ich weiß, wenn ich nachgebe, bleibe ich bei ihr. Ich liebe sie doch.
Sie überhört, als ich sage, jetzt gehe ich den Kleintransporter abholen. Sie spricht weiter und glaubt so mich von meinem Entschluss abhalten zu können. Sie kennt meine Schwächen sehr genau und sie weiß, dass ich immer nachgegeben habe, wenn sie mich sehnlichst um etwas bat. Ich erfüllte auch immer all ihre Bitten. Doch jetzt muss ich mich von ihr trennen, weil ich leben will. Weil ich jetzt mein Leben selbst bestimmen muss. Ich habe nur dieses Leben. Es ist eine harte Entscheidung für mich. Ich muss Egoist sein. Jeder Mensch hat Ecken und Kanten, die hat aber auch jeder Diamant. Die bisherigen Schwierigkeiten in meinem Leben habe ich immer dann erfahren müssen, wenn ich nicht egoistisch war. Es war nicht richtig von mir, alles hinzunehmen. Es gab Menschen in meinem Leben, die verwechselten meine Gutmütigkeit mit Schwäche und nutzten mich aus. Im Leben muss man auch Grenzen ziehen. Nicht um andere weh zu tun, sondern um sich vor Verletzungen zu schützen.
Ich lasse die angestaute Luft aus meinen Lungen und atme tief durch. Mir ist, flau im Magen und nicht wohl in meiner Haut. Ich muss Stärke zeigen.
Ich verschließe meine Wohnungstür und fahre zum Autohaus.

*
Ich habe den Verlust
mit schwarzen Lettern
Über den heiteren Mond geschrieben.
(Gertrud von Marschall, Erinnerungen)

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 13.03.2021:

Gut nachzufühlen. Gefällt mir sehr gut!




geschrieben von Ernst Paul am 13.03.2021:

Danke, Susi

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