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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Komo Melani.
Veröffentlicht: 04.04.2021. Rubrik: Menschliches


Taubenschlag

Ich beobachtete As Stirn, die sich in Falten legte, während sie ihre Artikel aus dem Politteil las. Ihre Brille hing ungeputzt auf der Nase.
„Hast Du schon mitgekriegt, was wegen der Affäre um Neumüller passiert ist, unfassbar,“ murmelte sie mir zu, ohne das sie dabei das Lesen unterbrach.
„Ne, tatsächlich nicht,“ antwortete ich. Wir nannten das den ‚Fluß des Zusammenseins‘, ein Euphemismus für die widerstandslose Akzeptanz der völligen Assimilation eigener Selbstbestimmung.
Bald wäre auch Nachwuchs denkbar und dann würde ihr Vater uns im Wedding eine kleine Eigentumswohnung kaufen, mit Zugang zu allen wichtigen Einrichtungen wie Hallenbäder, Schulen, Kindertagesstätten und sogar einem Denn’s Supermarkt, gleich um die Ecke. Überall wären Spielzeugläden mit unbehandelten Artikeln aus nachhaltiger Forstwirtschaft im Angebot. Wir würden dem kleinen Max oder der kleinen Tine nur die besten Spielzeuge nach aktuellen physiognomischen Erkenntnissen des altersgerechten zielorientierten Lernspielens bieten und wir hätten auch bei der Kleiderwahl eine große Auswahl an überteuerten hochqualitativen Stoffen, nur das Beste für das Kind eben, darin wären A und ich uns einig. Unsere Möbel würden wir anfangs von Wochenmärkten und Trödelläden kaufen und da gab es in Berlin eine Menge Angebote.
Ihr hing ein Tropfen Kaffee an der Oberlippe und ich dachte über das Heiraten nach. Bald wären wir auch finanziell in der Lage ein etwas besseres Auto zu fahren und könnten im Jahr auch viel öfter frei nehmen. Wenn der Kredit bei ihrem Vater abgezahlt wäre und ich zukünftig vielleicht in seiner Firma arbeiten könnte, wäre meine Karriere sicher. Ich war leicht nervös. Ich nahm aus meiner Tasche unbemerkt die kleine Dose heraus, die ich heute früh eingesteckt hatte und rückte mich auf dem Stuhl etwas zurecht. Wann, wenn nicht jetzt? Es war der perfekte Zeitpunkt für einen Schritt, der unser beider Zukunft maßgeblich verändern wird. Es ist in unserer Situation einfach die nächst logische Konsequenz. Ich hielt ihr das kleine Döschen hin, öffnete es und sagte: „Du – ich kann das nich,“ stand auf ging. Das Döschen mit dem Trauring ließ ich auf dem Tisch liegen. Ein Geschenk, welches ich zu diesem Zweck von ihrer Mutter bekam, die es von ihrer Mutter bekam und dessen Ursprung sogar noch weiter zurückreicht. Auf der Innenseite des Rings konnte man verschnörkelte Schriftzeichen sehen, die anfingen zu leuchten, wenn man sie in die Nähe von Feuer brachte. Das war das letzte Mal, dass ich A sah.

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