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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 15.05.2021. Rubrik: Unsortiert


Angel und Kaiman

Eigentlich hatte er heute gar nicht gezielt Ausschau nach jemandem gehalten, den er quälen und umbringen konnte. Dennoch war der Trieb natürlich immer da, ganz knapp unter der Oberfläche, wie ein lauernder Kaiman in einem südamerikanischen Wasserloch. Das Mädchen lief am Straßenrand auf dem Gehweg der einfachen Wohnsiedlung und leuchtete mit einer engelsgleichen Aura, so daß sie aus einer Stadionfüllung herausgestrahlt hätte. "Hallo junge Dame, darf ich dich etwas fragen?" sprach er sie durch das heruntergelassene Seitenfenster an, nachdem er seinen Wagen auf Schritttempo abgebremst und auf ihre Höhe herangefahren war.
"Guten Morgen" antwortete das Mädchen mit einem lieblichen Lächeln, das ihm die Erregung eines Jägers kurz vor einem sicheren Abschuss ins kranke Gehirn trieb.
"Ich darf mich nicht von Menschen ansprechen lassen, die ich nicht kenne", ergänzte das kleine Mädchen ihren freundlichen Gruß. "Und das ist auch genau richtig. Aber was ist, wenn jemand deine Hilfe benötigt?" Der Kaiman hielt seinen Wagen an und das Mädchen blieb stehen.
"Wie heißt du denn überhaupt?" Das Mädchen sah sich um, niemand war in der Nähe, der ihre Unvorsichtigkeit hätte rügen können. "Angel". Ihre großen, dunklen Augen blitzten stolz. " Na, das ist aber mal ein richtig schöner Name" , erwiderte der gerissene Kaiman. "Ich weiß! Das ist das englische Wort für Engel." Selbstbewußt stemmte die Kleine ihre Hände in die Hüften.
Die Lust, dieses nahezu perfekte Geschöpf zu beschädigen, schäumte in ihm fast unbeherrschbar hoch und er musste sich zügeln nicht voreilig durch das Fenster nach dem Mädchen zu greifen.
" Also pass auf, es ist so. Ich habe eine kleine Tochter und die ist seit gestern verschwunden und darum fahre ich jetzt in der Siedlung hin und her und suche sie. Sie ist in deinem Alter und vielleicht kennst du sie ja von der Schule", log der Kaiman. "Ich habe hier ein Foto im Handschuhfach". Er beugte sich hinüber und stieß die Beifahrertür ein wenig auf. Sollte das Mädchen an den Wagen herantreten, würde er es an den Kleidern packen und in den Innenraum ziehen können.
Angel überlegte kurz und tat dann etwas, was es ihm überraschend einfach machte.
"Ja okay, das verstehe ich. Dann ist es vielleicht besser wenn ich mitfahre und auch Ausschau halte. Dann finden wir sie bestimmt schneller."
Der Kaiman konnte sein Glück kaum fassen.
Weder die kleine Ines, noch der kleine Jason waren freiwillig zu ihm eingestiegen. Beide musste er minutenlang zuquatschen, bis sie nahe genug kamen, um sie zu schnappen, in sein Haus zu verschleppen, ihnen weh zu tun und ihre Leichen im Wald zu verscharren. Und dieses schönste Kind von allen hier war so treuseelig, tatsächlich freiwillig zu einem gesuchten Kindesentführer, nein, Kindermörder ins Auto zu steigen. Und keine Menschenseele auf der Straße, was ihm schon fast komisch vorkam. Halleluja, was für ein verdammter Glückstag.
Angel hüpfte ins Auto, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt und fragte noch nicht einmal nach dem Foto.
"Weisst du was, Angel. Ich glaube, ich fahre mal schnell zu Hause vorbei. Vielleicht ist sie ja mittlerweile dort angekommen." Das Mädchen nickte zustimmend.
Einige Minuten später fuhr das automatische Garagentor auf, als er auf die Einfahrt seines Hauses abbog. Er ließ den Wagen in die Garage rollen. Das Mädchen blieb ruhig und machte nicht den Eindruck, daß ihr der Vorgang merkwürdig vorkäme.
Der Kaiman überlegte, ob er alles, was er bräuchte, um Angel ruhigzustellen und zu fixieren, an seinen Platz geräumt hatte, denn er war eigentlich gar nicht auf Besuch vorbereitet.
" Kann ich dann auch mal das Zimmer von ihrer Tochter sehen?" fragte Angel interessiert und folgte dem Kaiman vollkommen arglos durch die Verbindungstür der Garage in sein Haus.
Ihm kam ein Gedanke, der ihn kurz zusammenzucken ließ. Konnte das Mädchen ein Lockvogel sein und gleich ein Sondereinsatzkommando das Haus stürmen? Hatte er in seiner Erregung die Verfolger nicht bemerkt? Darum war vielleicht auch die Straße so leer. Er sollte sich sicher fühlen, wenn sie ihm die Falle stellten. "Warte kurz" wies er das Mädchen an und ging nach draußen. Vom Tor aus warf er einen Blick nach rechts und links in die Straße. Nichts. Keine Menschenseele. Er wartete einige Minuten, bis seine Verunsicherung wich und er zurück ins Haus zu Angel ging, die sich nicht vom Fleck bewegt hatte.
Der Kaiman wog sich wieder in Sicherheit, jetzt konnte er endlich sein wahres Gesicht zeigen. Die hässliche Mörderfratze, in die schon Ines und Jason, starr vor Angst, starren mussten, bevor sie starben. Die Bullen würden die Leichen nie finden, egal wie lange sie suchen würden. Und damit waren die beiden Kinder erst einmal nur vermisst. In seiner abartigen Fantasie genoss er die quälende Ungewissheit ihrer Familien über das Schicksal der verschwundenen Kinder.
Er schlug die Haustür zu und drehte den Schlüssel. Noch mit dem Rücken zu Angel, sprach er in einer ganz anderen, furchteinflössenden Tonart.
"Du hättest niemals in mein Auto einsteigen dürfen, du kleines unartiges Miststück. Dafür werde ich dich furchtbar bestrafen müssen". Er zog den Schlüssel ab und drehte sich langsam zu dem Mädchen um.

Dann strömte ihm das Eis in die Adern und sein Herz setzte zwei Schläge aus.

Einen Schlag für Ines und einen weiteren für Jason, die plötzlich neben Angel standen, lächelnd und völlig intakt, als hätte der Kaiman sich nie an ihnen vergriffen. Nur Angels Gesicht war zu einer teuflisch verzerrten Maske verhärtet.
Er schrie und schnellte panisch herum, um die Haustür wieder aufzuschliessen. Bei dem Versuch brach der Schlüssel ab und er sank verzweifelt auf die Knie. Angel stand sofort über ihm und hauchte ihm leise mit kaltem Atem ins Ohr: "Wo hast du die Kinder begraben?"
Der Kaiman hob kurz den Blick, Ines und Jason waren wieder verschwunden.
Er zitterte und brachte die Worte kaum heraus. "Am Weier im Königsforst. 300 Meter südlich vom Bootssteg."
Angel flüsterte leise:
"Du hättest mich niemals in dein Auto einsteigen lassen dürfen, du kleines unartiges Miststück. Dafür werde ich dich furchtbar bestrafen müssen".
Wer zum Teufel bist du?", bebte seine Stimme.
Das kleine, blonde Mädchen antwortete plötzlich mit der tiefen, gefrierbeissenden Stimme eines Höllendämons:
" DEIN TOD! "

Als Ines und Jason gefunden und 4 Wochen später beerdigt wurden, konnten ihre Mütter unter der Last des Schmerzes ihren Frieden machen und blieben von einem seelenzerreissenden Gerichtsprozess, der die Leiden ihrer geliebten Kinder offenbarte, verschont. Vom Kaiman erfuhren sie nichts. Er starb ziemlich würdelos in seinem Haus in Kot und Urin. Die Gerichtsmediziner fanden nicht heraus, warum dieser schockierte Ausdruck von Angst in seinem Gesicht stehen blieb. Sein Herz setzte einfach aus. Der Körper war unversehrt, wie die Obduktion ergab. Dennoch wies der exorbitant hohe Adrenalingehalt in seinem Blut, gepaart mit seinem Gesichtsausdruck, darauf hin, dass ihn irgendetwas zu Tode verängstigt haben muss.
Das gleiche Phänomen, wie schon bei einigen anderen, die unter dem Verdacht standen, sich an Kindern vergangen zu haben.

Auf einer fernen jenseitigen Blumenwiese tobten hunderte ausgelassene Kinder im goldenen Licht der untergehenden Sonne. Eine davon verharrte kurz und nachdenklich. Angel fragte sich, wann sie endlich auch ihren eigenen Mörder zur Strecke bringen würde.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Susi56 am 16.05.2021:
Sehr spannend und durchaus mit Happy End. 😀

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