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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Julio Tramell (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 28.06.2021. Rubrik: Unsortiert


Spooner

Nächster Versuch :
Blei flog mir um die Ohren und ich warf mich schützend auf das schweissglänzende Topmodel in Hotpants und Tanktop. Wir fielen in den Schutt und unsere Münder trafen sanft aufeinander. Sie sah mich schmachtend an, öffnete ihre Lippen, um nach meinen zu schnappen. "Oh Hank, küss mich" , hauchte sie.

"Julio, diese schlechte Schmonzette hier ist nicht dein Ernst!", fragte ich angesäuert meinen Autor, nachdem ich mich gelangweilt von der Tussi erhoben hatte.

Julio sah auf die Zeilen, die er soeben geschrieben hatte, kratzte sich am Kopf und zog die Unterlippe herunter.
>alles markieren und löschen <

Nächster Versuch :
Ich trug eine alberne Haube und schnitt den Lab, in irgendeiner Landhausküche der französischen Provence, in gleichförmige Segmente. Dann fielen Schüsse und ich hörte die verzweifelten Rufe der Waisenkinder: "Hank... Hank... hilf uns!"

Ich schaute hoch von meinem Topf und war jetzt richtig sauer: "JULIO! Was ist das denn für ein Scheiß. Geh ins Bett und schreib morgen weiter, meine Fresse!"
Dann zog ich meine Automatik aus dem Hosenbund und jagte mir aus Trotz eine Kugel in den Kopf.

Julio merkte, dass es keinen Sinn hatte, heute auch nur einen einzigen Satz weiter zu schreiben, genau wie gestern und vorgestern. Er löschte die ersten Seiten zum x-ten Mal, schaltete den Computer ab, trank sein Glas Rotwein aus und ging ins Bett. "Sorry, Hank, das hast du nicht verdient, aber ich bin total leer." Über den Gedanken schlief er ein.

Ich saß im Schneidersitz auf dem weiten Weiß und dachte nach. Mein Schöpfer und Autor litt unter einer hartnäckigen Schreibblockade.
Ein inakzeptabeler Zustand, der dafür sorgte, dass ich seit geraumer Zeit arbeitslos war.
Den leeren Raum um mich, Hank Spooner, mit einer guten Geschichte zu füllen, konnte doch wohl nicht so schwer sein. Das hatte Julio in den zwei ersten Romanen doch auch hinbekommen.
Was Julio Tramell, dem Bestseller - Autor aber momentan aus der Feder floss, war nichts weiter als abgeseierte Einheitstunke, die nach eingeschlafenen Füßen schmeckte. Den Verriss nicht wert, den es bekommen würde.
Ich dachte verzückt an unseren Erstling "Die Gerechten" zurück, in dem Julio mich in die Welt setzte und im Alleingang ein Syndikat hochrangiger und einflussreicher Wichser auseinander nehmen ließ. Hätte Fleming nicht besser schreiben können. Damals habe ich noch gar nicht mit Julio kommuniziert. War ja auch nicht notwendig, der Roman war spitze und verkaufte sich wie geschnitten Brot. Trickreich, pointiert und überraschend... Julio Tramell in Bestform. Hank Spooner in Bestform.
Natürlich schrieb er einen zweiten Roman mit mir. Die Leute liebten Hank Spooner mit seiner trockenen und kompromisslosen Art.
"Mach ihn etwas nahbarer", hatte der Verlag Julio gesagt und damit fing der Krampf an der Tastatur an. Julio war nicht mehr frei und schrieb mir Verhaltensweisen auf den Leib, die massenkompatibler sein sollten. Die Hälfte der Leser, die mich für ein Arschloch hielten, sollten Dank einiger lauwarmer Züge auch noch abgeholt werden.
In der Mitte unseres zweiten Buches hatte ich genug davon und tat andere Dinge als die, die Julio gerade aufschreiben wollte.
Einem Fiesling schoß ich in die Fresse, bevor Julio feinst ausformuliert hatte, dass ich ihn milde laufen ließ, um seine Bosse zu ermahnen, sich nicht mit mir anzulegen.
Am Arsch. Der Mistkerl würde mir später im Buch erneut nach dem Leben trachten und die Bosse würden schon bald von selber merken, dass man keinen Scheiß mit Hank Spooner macht.
Julio ließ die weiche Version schlussendlich von seiner Lektorin tippen, auf die ich keinen Einfluss hatte, aber zumindest wusste er jetzt, dass ich da war und mir nicht alles gefallen ließ.
Zum Ende des zweiten Buches hat nur noch die Schreibkraft getippt, was der Verlag wollte.
Bei unserem dritten Buch würde ich den Ton angeben. Julio war zu weich geworden. Mittlerweile konnte ich so tief in seine Gedanken eindringen, dass er soweit war, mit mir zu sprechen. "Hank, was soll das?"
"Niemand schreibt Hank Spooner vor, was er zu tun und zu lassen hat. Nicht mal mein Schreiber. Ich bin hier der Star. Basta."
Ich war noch in Gedanken darüber, als sich aus dem Weiß um mich langsam mein schäbiges Büro mit der Milchglasscheibe in der Tür und dem unaufgeräumten Schreibtisch formte.
Julio hatte wieder angefangen zu schreiben. "Mal sehen, was ihm heute wieder für ein peinliches Intro einfällt", brabbelte ich laut, als es auch schon an der Tür klopfte.
Aus meinem Bürosessel hatte ich die Tür direkt im Blick und sah den Schatten eines Mannes mit Hut und Trenchcoat als Siluette durch die hinterleuchtete Scheibe. "Oh Mann, mehr Klischee geht nicht" , dachte ich genervt.
"Was willst du?", raunzte ich. Keine Antwort.
"Was du willst, habe ich gefragt! rief ich harsch Richtung Tür.
"Hank Spooner?", fragte der Schatten.
"Ja und? Wer will das wissen? antworte ich schneller, als Julio es schreiben konnte. Julio schrieb es hin und ich liebte, dass er endlich schrieb, was ich wollte.
Ich legte die Beine auf den Schreibtisch und kratzte meine Eier, um zu testen, ob Julio meiner Handlung folgen würde. Er tat es.
"Verpiss Dich", schrie ich die Siluette an, da mir der Anfang des Buches jetzt schon auf die Nerven ging.
Der Schatten nestelte in seinem Mantel rum und zog etwas heraus.
Das Bersten der Scheibe und das Durchschütteln meines sterbenden Körpers passierte gleichzeitig, als eine endlose
Maschinengewehrsalve mich und mein halbes Büro in Stücke riss.

Ein halbes Jahr später war Julio Tramells neuer Roman "Gefallene Helden" erschienen und auf Platz eins der Bestsellerliste geschossen.
Das Intro beschrieb den gewaltsam Maschinengewehr-Tod des abgehalfterten Ex-Agenten Hank Spooner und die Vorstellung eines gewissen Cameron Wolve, seines Zeichens Auftagskiller, der sich auf gefallene Literaturhelden spezialisiert hat und wie ein Looper auf Bestellung durch unvollendete Bücher springen konnte. Der geniale Plot, verzweifelten Autoren bei Bedarf Abhilfe und Befreiung aus Blockaden zu bescheren sorgte für vier weitere erfolgreiche Fortsetzungen, bevor auch Cameron Wolve von Julio Tramell ersetzt werden musste. Gerade noch rechtzeitig, um nicht wahnsinnig zu werden.

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Winterrose am 29.06.2021:
Genial beschrieben, die Idee, den Charakter eines Buches zum Leben zu erwecken, finde ich klasse!




geschrieben von Stephan Heider am 02.07.2021:
Danke sehr, Winterrose




geschrieben von Liss am 04.07.2021:
Wirklich tolle Idee. Mal was anderes.

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