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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 20.07.2021. Rubrik: Persönliches


Rätselhafte Redensart

Meine Großmutter mütterlicherseits, Lehrertochter aus Westfalen, geboren gegen Ende des 19. Jahrhunderts, benutzte eine rätselhafte Redewendung. Sie ist nicht zu ergoogeln, also offenbar extrem selten.

Wenn Oma ausdrücken wollte: „Da wirst du dich noch wundern, du hast ja keine Ahnung“, sagte sie (die Wörter in Großbuchstaben wurden betont):

Da geht dir der MOND in der NACHTMÜTZE auf!

Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie diese Redensart entstanden sein könnte. Zugrunde liegt ihr möglicherweise die Wendung: „Da geht dir ein Licht auf.“ Das Licht in der Nacht (also dann, wenn man früher eine Nachtmütze trug) ist der Mond. Die Nachtmütze wiederum ist ein Symbol für Schläfrigkeit, Langsamkeit, Dummheit. Gemeint ist also vielleicht: „Da wird dir Dummkopf ein Licht aufgehen.“

Dass Oma eine so ungewöhnliche, vielleicht sogar von ihr selbst erfundene Redewendung gebrauchte, steht in einem seltsamen Widerspruch zu der Tatsache, dass sie größten Wert auf gebildetes und wohlerzogenes Sprechen legte. „Es heißt nicht ‚ich bin satt‘, sondern ‚ich bin gesättigt‘!“ Oder: „Man sagt nicht ‚schmutzige Wäsche‘, sondern ‚gebrauchte Wäsche‘!“

Auch Grammatikfehler verabscheute sie. Einmal übernachtete unsere Putzfrau bei uns und sagte abends: „Ich geh jetzt im Bett.“ Darauf Oma: „Wenn Sie ‚im Bett gehen‘, dann gehen Sie im Bett auf und ab.“

Viele von denen, die bis hierhin gelesen haben, sind vermutlich zu der Einschätzung gelangt, dass meine Großmutter mütterlicherseits eine ziemlich unerträgliche Person gewesen sein muss. Heute kann ich verstehen, dass sie diesen Eindruck erwecken konnte. Mir als Kind jedoch erschien sie – so seltsam das auch klingen mag – als die liebste Oma, die man sich vorstellen kann!

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