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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 21.07.2021. Rubrik: Unsortiert


Nur einen Schlag mehr

Der Wagen kam leicht schlingernd auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Der alte Mann stand schon da, angelehnt an der Leitplanke. Bevor Bert sein Fahrzeug rechts ran steuerte, kam sein Unwohlsein wie aus dem Nichts. Er wollte auf keinen Fall riskieren, daß ihm auf der Autobahn schwarz vor Augen würde. Schließlich saß seine Enkeltochter auf dem Rücksitz.
"Nina, Süsse, bleib kurz sitzen, ich schaue mal eben nach dem alten Mann da vorne, warum er hier mutterseelenallein rumsteht". Bert schnallte sich ab und stieg aus. Er ging auf den alten Mann zu, der weit über 80 sein musste. "Guten Tag, kann ich ihnen vielleicht helfen?", fragte Bert. Der Mann sah ihn lange an und antwortete schließlich: "Ich bin gekommen, um Dich abzuholen." Bert nahm an, dass er dement war und sich verlaufen hatte. Es war kreuzgefährlich hier auf dem Standstreifen der A57.
"Hören Sie bitte, mein Herr. Es ist viel zu gefährlich hier. Wo wohnen Sie denn?" Bert machte einen Schritt auf den Greis zu. "Da hast Du verdammt recht, Bert. Viel zu gefährlich. Wir sollten uns beeilen" Bert stutzte : "Woher kennen Sie meinen Namen?"
Der Alte blickte ihn mitleidig an.
"Du bist tot, Bert und ich bin gekommen, um Dich abzuholen.
Bert lief ein Schauer über den Rücken:" Hören Sie, Väterchen, Sie fantasieren. Kann ich jemanden für Sie anrufen, der Sie abholt? "
Der alte Mann schüttelte langsam den Kopf." Nein Bert, nicht notwendig, ich bin gleich zu Hause. Du bist in einer Zwischenwelt, weil Du noch ein paar Aufgaben hast. Nach mir holst Du die nächsten 3 Menschen ab, die nicht bemerkt haben, daß sie gestorben sind.
Bert reichte es langsam mit dem alten Spinner. "Also hören Sie, wenn Sie sich von mir nicht helfen lassen wollen, dann rufe ich jetzt die Polizei. Hier können Sie auf jeden Fall nicht bleiben." Bert wandte sich ab und ging zurück zum Wagen, wo sein Handy lag.
Als er auf einige Meter herangekommen war und durch die Frontscheibe in sein Auto sah, gefror ihm das Blut in den Adern. Er sah sich zusammengesackt auf dem Fahrersitz und Nina, wie sie panisch seinen leblosen Körper schüttelte.
Dann ging alles rasant. Sein Kopf schnellte herum zu dem Alten, der ihm zunickte. Dann wieder zu seinem Auto. Was Bert jetzt sah, war so entsetzlich, dass es kaum zu begreifen war. Aus dem Hintergrund raste ein Tankwagen auf sein Auto zu, in dem die aufgelöste Nina noch immer auf die Brust seines toten Körpers schlug.
In der Sekunde, in der er schreien wollte, riss ihn ein Zeitparadoxon aus der Szenerie. Im Zeitraffer liefen die letzten Momente rückwärts ab. Der Laster entfernte sich, Bert bewegte sich rückwärts zu dem alten Mann, dann die Unterhaltung. Er bewegte sich zurück zu seinem Wagen, stieg ein und in der Sekunde, als sein Herz den letzten Schlag tat, war alles vorbei. ZOOM!!
Dunkelheit... Endlos... Die Stimme des Alten... "Hol Mustafa ab."
Bert schlug die Augen auf. In der zerbombten Kulisse einer Stadt im nahen Osten flogen krachend Projektile hin und her
und peitschten durch ihn durch in Mauern und zerstörte Fahrzeuge.
Sein Name war Mustafa und Bert wusste auch, wo er ihn finden würde. Als er aus der Deckung trat, sah er ihn sterben. Mustafa kniete hinter einem Mauerrest und erwiderte das Feuer, schoss Maschinengewehrsalven in Richtung südliche Stadt. Bert ging auf ihn zu, seine Gedanken kreisten allerdings um Nina, von der er soeben fortgerissen wurde und die sich in tödlicher Gefahr befand.
Mustafa hörte auf zu schießen, als Bert ihm vor das MG lief. Was machte der verrückte Europäer da nur. Latscht mitten durch das Schussfeld. Mustafa keifte Bert an: Weg da, Du Idiot. Runter mit Dir. Schnell. "
Bert wusste nicht in welcher Sprache Mustafa ihn da zur Sau machte, aber er verstand sie und sprach sie auch fließend. Er ging weiter unbeirrt auf Mustafa zu und konnte bald über den knienden, zeternden Soldaten hinwegsehen. Mustafa lag zusammengekauert mit einem klaffenden Loch in der Stirn 2 Meter hinter sich. Der Anblick war herzzerreissend. Bert verstand die Konflikte im nahen Osten in ihren Zusammenhängen nicht wirklich, aber wusste natürlich, daß hier unfassbar viel Leid und Unrecht geschah. Mustafa krakeelte ohne Unterbrechung. Bert musste ihn erst einmal aus seinem Adrenalinschub heraus holen. Als er nahe genug war, knallte Bert dem verblüfften Mustafa eine Ohrfeige mitten ins Gesicht. Mustafa starrte ihn konsterniert an, als Bert sagte: "Ich bin gekommen, um Dich abzuholen, Mustafa."
Im Gegensatz zu Bert, schaltete Mustafa nach wenigen Sekunden. Der saubere Europäer, der perfekt seine Sprache sprach und unbehelligt durch den Kugelhagel gelaufen war. Sein Mund stand weit offen, als er sich langsam umdrehte und zitternd seine zerschossene Leiche hinter sich entdeckte.
Dann blieb erneut die Zeit stehen, um Anlauf zu nehmen und beschleunigt rückwärts zu laufen bis zu dem Moment, als das Projektil aus Mustafas Stirn austreten wollte. ZOOM !!

Dunkelheit... Endlos... Die Stimme des Alten... "Hol Conzuela ab".

Bert schlug die Augen auf. Die gnadenlose Sonne brannte vom Mittagshimmel auf die Brücke aus grossen Steinquadern. Irgendwo in Südamerika, ordnete er die Gegend ein. Bert sah Conzuela springen und gleichzeitig immer noch an der Brüstungsmauer stehen. Er schüttelte entgeistert den Kopf.
Er fragte sich wie und wann die Erbauer das Ding über die beachtliche Schlucht gezaubert hatten.
Conzuela steckten die Schmerzen der Prügel ihres gewalttätigen Mannes noch in den Knochen, sie war 10 Jahre verbrauchter als sie alt war. Es gab keinen Sinn mehr zum Weiterleben. Sie erschrak fast ein wenig, als Bert sie ansprach.
"Hey Conzuela, wie geht es Dir?"
Sie sah den Mann von einem fernen Kontinent, der aussah wie die Reichen, die sie aus dem Fernsehen kannte.
Das Misstrauen wich einem Gefühl, das sie nicht zuordnen konnte. "Wer bist Du?", fragte sie leise.
"Ich bin gekommen, um Dich abzuholen!"
Bert legte ihr die Hand auf die Schulter. Conzuela ließ es geschehen, weil sie spürte, dass er ihr nichts böses wollte. "Warum holst du mich ab?. Ich bin niemand, keiner schert sich um Menschen wie mich!"
Bert drehte sie sanft um, indem er ihre Schulter lenkte. Conzuela warf einen Blick in die Schlucht und in dem Moment als sie ihre von Felsen zerfetzte Leiche am Grund der Schlucht sah, fing die Zeit wieder an, sich zu verdrehen. Der aufgeplatzte Körper Conzuelas am Grund der Schlucht floss zusammen und wollte gerade wieder abheben... ZOOM!

Dunkelheit... Endlos... Die Stimme des Alten... "hol Nina ab"!

Bert traute sich kaum die Augen zu öffnen. Er ahnte, wo er sich wiederfinden würde. "Oh nein, das darf nicht sein" , dachte er.
Bert öffnete die Augen. Er saß in seinem Auto und Nina schrie ihn an. "Opa, Opa, was ist mit Dir?" Sie schluchzte und schüttelte ihn. In wenigen Sekunden würde er sie sterben sehen und abholen, weil sie selber es nicht merken würde. Sie war viel zu beschäftigt, ihren geliebten Grossvater wiederzubeleben. Der Lehrgang in erster Hilfe war erst vor kurzem und neu in der vierten Klasse. Nina war natürlich total überfordert und tat nichts weiter, als auf Berts Herz zu boxen.
Es reichte, um einen letzten Schlag auszulösen. Einen Schlag mehr, den Bert wollte. "Raus hier", waren die letzten Worte, die er herauspresste. Nina folgte, gab ihren Opa auf, weil er ihr beigebracht hat, auf ihn zu hören, wenn es ernst war. Sie sprang aus dem Auto, gerade eine Sekunde bevor der Tankwagen es zermalmte.
Bert kam als Letzter in den Park. Der Alte, Mustafa und Conzuela spielten Boule und lachten. "Hey Bert, komm zu uns, wir brauchen noch einen Mitspieler" , rief Mustafa unbeschwert. Bert musste kurz inne halten und schmunzeln. Mehr Multi Kulti ging ja nicht. Mit Freuden stieg er in das entspannende Spiel ein.

Drei Monate später :
Nina dachte traurig an ihren Grossvater, den sie so sehr geliebt hat, trat auf die Straße und hatte keine Ahnung, dass dort gerade ein illegales Rennen stattfand. ZOOM!!

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Susi56 am 21.07.2021:
Da gibt's nur ein Wort zu sagen: stark! 👍🏻




geschrieben von Stephan Heider am 21.07.2021:
Dankeschön

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