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geschrieben 2018 von kaptn_seebar.
Veröffentlicht: 25.08.2021. Rubrik: Märchenhaftes


Von der Hölle

"Hölle" ist ein sehr negativ konnotierter Begriff, mit dem der Leser vielleicht viele Assoziationen wie "Feuer", "Teufel", "richtig schlecht" verfbindet. Deshalb möchte ich den Leser bitten, alles, was er mit diesem Begriff verbindet, zu vergessen, bevor er weiterliest.

Denn es war in der Hölle, wo ich den Füllfederhalter gefunden habe, mit dem ich diesen Satz schreibe. Also, das Dorf, das gehört nicht zur Hölle. Im Dorf gibt es viele Blumen sowohl als Kletterpflanzen an Holzgerüsten als auch in großen Blumentöpfen am Straßenrand. Das eine Haus, das mit der Treppe vor der Tür, da sitzt der Schnitzermeister mittags, wenn die Sonne auf seinen Bart scheint, auf der untersten Stufe und schnitzt meisterhaft Grimmassen in Kürbisse, die ich ihm aus der Hölle mitbringe. In dem Haus, in einer Seitenwinkelkammer, an einem Tisch, dokumentiere ich, wenn ich Zeit habe, auf vergilbtem Pergament meine Reisen in die Hölle.

Das erste Mal in der Hölle war ich als junges Mädchen, denn sie fängt ja gleich hinter dem Spielplatz an. Oft, wenn wir Verstecken gespielt haben, ist der Fänger vom Klettergerüst aus den Hügel hinuntergerannt, um hinter den ersten drei Baumreihen der Hölle zu zählen.

Der Leser muss wissen, mit der Hölle verhält es sich so, dass man, wenn man mehr als eine Stunde darin verbringt, ins Dorf zurückgesetzt wird und die Hölle nie wieder Betreten kann. Die meisten Erwachsenen aus dem Dorf sind bereits verbannt. Nur nicht Siegmund, deshalb hat der uns Kinder mal auf einen Ausflug mitgenommen. Im Wald kommt man nämlich bald auf einen Pfad, der aus den Baumhektars über eine sonnige Brücke bis hin zu goldgelben, von Strohscheuchen "bewachten" Weizenfeldern führt. Die Wachskerze, die mir gerade mein Pergament beleuchtet, hat dieselbe Rotfärbung wie der Apfel, den eine Krähe kühn neben der Strohfigur im Schnabel hielt. Siegmund, mit seinem großen Wanderrucksack, hat uns erklärt, wie man sich anstellen muss, um nicht aus der Hölle verbannt zu werden.

Einerseits gibt es da den feigen Weg. Wer sich einfach immer nah am Grenzbereich aufhält, der läuft geringe Gefahr, das Zeitlimit zu überschreiten. Dieser Grenzbereich wird auch "die Schmauchspuren" genannt und erstreckt sich nicht viel weiter als bis zu den goldigen Feldern. Wer allerdings tiefer in die Hölle hineingehen will, muss sich anderen Miteln bedienen. Als ich vorhin geschrieben habe, man hat nur eine Stunde Zeit in der Hölle, so meine ich nicht die starre, absolute Stunde, sondern die gefühlt verstrichene Zeit. Wer also glaubt, nur kurz in der Hölle zu verbleiben, kann stundenlang in ihr marschieren, ohne dass auch nur sein Hut verbannt würde. Unter allen Kindern sah Siegmund allein in mir das nötige Talent, um mich in der Kunst der Höllenwanderung zu unterrichten.

Die erste Unterrichtsstunde, oder "Exkursion", wie Siegmund seine Lehreinheiten zu nennen pflegte, verbrachten wir an der sonnigen Brücke. Im Übrigen gleiht diese Brücke beinah derjenigen, auf der ich meinen Füllfederhalter fand. Er zeigte mir eine Taschenuhr, deren Ziffern die Zeit in Abschnitte von zehn Minuten teilten und deren einziger Zeiger sich nur für Zeiten zwischen null und sechzig Minuten entscheiden konnte. "Das hier ist ein Chronometer. Auch wenn sich Taschenuhr viel besser anhört.", erklärte mir Siegmund. Für mich steht der Zeiger auf einer Minute. Und für dich?" Er erläuterte, dass die Taschenuhr anzeigen könne, wie viel Zeit der Betrachter noch in der Hölle habe. "Auf keinen Fall darfst du eine normale Uhr mitnehmen. Wenn du auf die schaust und merktst, oh, schon mehr als eine Stunde vergangen, dann peng, dann war's das." Er schloss den Unterricht mit einem zukunftsweisenden "In den nächsten Exkursionen werden wir uns erstmal auf deine Zeitwahrnehmung konzentrieren und daran arbeiten."

Und das taten wir. Ich lernte Meditation. Ich lernte, nicht weiter über die Zeit nachzudenken, sondern einzig im Moment zu leben. Ich lernte jeden Augenblick, jede Wegbiegung, jedes Vogelgezwitscher bedächtig zu beachten. Ich lernte mich vollkommen in dem, was ich tat, im rhythmischen Traben meiner Füße, in der Faszination des Jetzt zu versenken. Auf diese Art und Weise konnten wir immer größere Strecken zurücklegen, immer tiefer in die Hölle eindringen. Ich lernte die Lavendelfelder hinter den Hügeln des goldenen Weizens kennen. Wir nutzten eine metallene Fähre, um einen grauen Fluss zu überqueren, und begaben uns somit in Gefilde, die die Dorfbewohner nicht im Mindesten kannten. Die Taschenuhr hatte ich seit der ersten Exkursion nie wieder gesehen. Nach etwa hundert Exkursionen sagte Siegmund zu mir: "Sehr gut. Acht Stunden inzwischen kannst du bereits in der Hölle am Stück verbringen. Und ich verrate dir etwas: Wenn nicht die Sonne jeden Abend herabsinken würde, so könntest du locker zwei Tage drin bleiben." Verschmitzt lächelnd fügte er hinzu: "Aber weißt du was? Das war erst der Anfang. Alles, was du bis jetzt erreicht hast, das musst du leider vorerst zertrümmern. Aber dafür wirst du lernen, wie man Wochen, Monate, ganze Jahre in der Hölle bleibt." Die nächste Exkursion führte uns nur bis zur sonnigen Brücke. Siegmund hatte mir die Uhr gegeben, sodass ich jederzeit darauf schauen könnte. Ich, der Siegmund seit Monaten erzählt hat, ich solle die Zeit ignorieren, blickte nur sehr selten und wenn, dann etwas verstohlen auf die Uhr. An der Brücke angekommen, waren bereits zehn Minuten verstrichen. Das war zwar immer noch dreimal so schnell wie die reale Zeit, aber dennoch weit unter meinem bisherigen Können. Zugegeben, das hat schon etwas an meinem Stolz gekratzt. Beim nächsten Mal musste ich die Uhr permanent in der Hand halten und anschauen. Zwanzig Minuten! Zwanzig Minuten, und das nur bis zur Brücke. Das und die Art und Weise, wie Siegmund mich ermahnte, die Zeit Zeit sein zu lassen, trieben mich schier zur Weißglut. Irgendwann wurde ich so langsam, dass wir es nicht einmal bis zur Brücke geschafft hatten und im Wald umkehren mussten. Verdammt, ich war sogar langsamer als die Realzeit. Immer mehr verknotete ich mich im Gedanken, dass ich die Zeit ignorieren muss, und je stärker ich daran dachte, desto mehr fokussierte ich mich auf die Zeit. Trotzig forderte ich irgendwann ein, dass ich nicht mehr die Uhr tragen müsse. Und na ja, zum Bach haben wir es immerhin geschafft. Wenig später, als ich kurz davor war, den Unterricht hinzuschmeißen und die Hölle aufzugeben, meinte Siegmund zu mir: "Okay, pass auf. Jetzt gebe ich dir eine neue Aufgabe. Du sollst nicht versuchen, die Zeit möglichtst langsam vergehen zu lassen, sondern möglichst schnell." Wir gingen nur ein paar Schritte in die Hölle hinein. "Wir bleiben jetzt hier stehen, bis der Zeiger auf fünfzig steht."

"Um die Zeit zu beschleunigen, musst du eins werden mit dem Zeiger. Um sie zu verlangsamen, musst du dich von ihm abgrenzen.", meinte er am nächsten Tag. Einen weiteren Tag später erklärte er mir: "Okay, also, um zu beschleunigen musst du dein Bewusstsein in den Zeiger schieben. Schneller istgleich Schieben. Verstanden?" Ich nickte. "Gut, und anhalten istgleich loslassen. Klar?" "Ja" "Okay. Dann zieh jetzt!" "Was?", fragte ich erstaunt, nicht ohne aber zu sehen, wie sich der Zeiger einige Minuten zurückstellte. Und so lernte ich, die Höllenzeit rückwärts zu fühlen. Ich lernte später, den Zeiger tausendmal um das Ziffernblatt rotieren zu lassen, ich lernte, ihn senkrecht von der Uhr abstehen zu lassen und schließlich, ihn verschwinden zu lassen. "Sehr gut.", lobte Siegmund die nun fast erwachsene junge Frau, die seine jahrelange Schülerin war. "Jetzt bist du frei. Jetzt kann dich niemand mehr aus der Hölle verbannen." Er drückte mir die Taschenuhr in die Hand. "Hier." "Was soll ich jetzt tun?", fragte ich ihn. "Ich werde eine lange Reise tief in die Hölle unternehmen. Vielleicht solltest du das auch tun. Oh, und vielleicht kannst du dein Wissen an die kommende Generation weitervermitteln." Rasch, auch wenn dieses Wort keine Bedeutung mehr für mich hat, verschwand er hinter den Hügeln am Rande der Schmauchspuren. Ich blickte ihm nach und dann auf die Strohscheuchen, die noch immer mitten im goldenen Feld standen.

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