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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Horst Radmacher (Horst Radmacher).
Veröffentlicht: 13.10.2021. Rubrik: Nachdenkliches


Münchener Bilder

Der Weg von der Galerie Lenbachaus in der Luisenstraße hin zur Bierkneipe in der Gabelsberger Straße war zu Fuß in etwa gleich lang wie der Weg von seiner Wohnung in der
Steinheilstraße zur Galerie. Diese Streckenführung sollte für Carlo künftig von Bedeutung sein.
Er war an diesem Freitag Nachmittag Anfang Oktober von seinem Scheidungstermin nach Hause zurückgekehrt. Er hatte sich vorher von seiner nun Ex-Frau Laura kurz und höflich-kühl verabschiedet. Viel zu sagen hatten sich die beiden eh nicht mehr. Laura wurde von ihrem neuen Partner in dessen schwarzen Mitsubishi SUV abgeholt und verschwand zügig in ihr neues Leben.
Carlo verweilte einige Stunden in der Wohnung. Da er die letzten Monate bereits alleine dort gelebt hatte, gab es nicht viel umzuorganisieren. Er musste lediglich einige Dokumente neu sortieren. Etliche Erinnerungsstücke an das Zusammenleben mit seiner Ehefrau hatte er vorher bereits entfernt. Obwohl eine Gemeinsamkeit schon eine ganze Zeit lang reduziert oder gar nicht mehr stattgefunden hatte, kam jetzt in der endgültigen Situation kurzzeitig doch ein Gefühl wehmütigen Unwohlseins auf. Das seelische Gleichgewicht musste und würde sich wieder einstellen, da war er sich sicher.
Ein erfreulicher Teil seines Single-Daseins war, dass er zum Rauchen seiner Zigarillos nicht mehr auf den Balkon gehen musste. Laura war strenge Nichtraucherin und hatte durchgesetzt, dass in der Wohnung nicht geraucht werden durfte; Zigarillos waren für sie dabei das Allerletzte. Anlässlich anfänglicher Diskussionen zum Thema Rauchen stellte seine Frau sich als unüberwindbare Mauer dar,
von der alles abprallte.
Für einen passionierten Tabakgenießer wie es Carlo seit vielen Jahren einer war, eine harte Strafe. Auch die eindringlichen Ratschläge seines Hausarztes, das Rauchen wegen seines Bluthochdrucks einzustellen, überging er geschmeidig. Auf die von ihm seit Jahren geschätzten kubanischen Montecristo Club Cigarillos würde er auf gar keinen Fall verzichten.
An diesem Nachmittag, nach einer Pause entspannter Besinnung, verließ er die Wohnung und hatte kurz darauf die wenigen hundert Meter zur Städtischen Galerie zurückgelegt.
Er brauchte jetzt Ablenkung. Diese erhoffte er sich von einem Besuch der Gemäldesammlung zum Thema Deutscher Expressionismus. Einen solchen Kunstgenuss hatte er in seiner gut vier Jahre dauernden Ehe mit seiner Ex-Frau Laura selten erleben dürfen.
Laura interessierte sich wenig für bildende Kunst, für moderne Malerei überhaupt nicht. So war es nicht verwunderlich, dass jeder seiner Versuche, ihr die moderne Malerei näher zu bringen, immer wieder scheitern.
Der letzte Anlauf, diesen von ihm geschätzten Kunstgenuss gemeinsam zu erleben, lag mehr als zwei Jahre zurück. Er hatte dafür ein Wochenende in Bernried am Starnberger See ausgesucht. Dort suchten die beiden die gut ausgestattete Sammlung moderner Kunst im Buchheim Museum auf. Laura war begeistert. Allerdings nur von der gelungenen Gebäudekonstruktion der Galerie, der diese umgebenden Park-und Gartenanlage sowie von der herrlichen Aussicht auf den Starnberger See.
Die Ausstellungsräume verließen die beiden auf Lauras Drängen hin bereits nach einer guten halben Stunde. Das war es dann mit dem gemeinsamen Erlebnis des Themas Expressionismus.
Jetzt, an seinem ersten offiziellen Tag als Single, fühlte er sich sofort nach Eintritt in die Abteilung für moderne Malerei des Lenbachhauses wie in einer anderen Welt. Das Interesse für Kunst im Allgemeinen und moderne Malerei im Speziellen hatten seine Eltern, beide von Beruf Lehrer, frühzeitig in ihm geweckt und gefördert. So führten viele gemeinsame Urlaubsreisen in seiner Kindheit und Jugend zu Zielen, an denen Kunst und Kultur einen wichtigen Platz einnahmen. Paris, Venedig oder Florenz, das waren Orte, an denen sich sein Kunstsinn entwickelt hatte.
Mit entscheidend für seine Vorliebe zur Malerei der Moderne war eine Reise in das pittoreske Städtchen Murnau in Oberbayern. Die Kunstwerke der dort Anfang des 20. Jahrhundert einige Jahre lang wirkenden Maler*in Gabriele Münter und Wassily Kadinsky erweckten die Liebe zur Malerei in dem Jungen. Kadinsky hatte 1911 in München mit Franz Marc zusammen die Künstlergruppe Der blaue Reiter gegründet, die die Entwicklung des Expressionismus' in Deutschland wesentlich beeinflusste. Seit der Reise nach Murnau übte diese Art der Malerei eine starke Faszination auf Carlo aus.
Beim Betrachten von Gemälden dieser Kunstrichtung verspürte er eine emotionale Bewegung, die seine Gefühle tief im Innersten stark berührten. Es ist ihm immer unverständlich gewesen, dass manche Betrachter diese Art zu malen für zu grob halten, trotz der verschwenderisch verwendeten kräftigen Farben. Carlo ziehen diese geradezu magisch an.
Der Bereich Expressionismus nimmt im Lenbachhaus, hier ist unter anderem die weltweit größte Sammlung der Kunst Blauer Reiter zu sehen, einen bedeutenden Platz ein.
Einen ungeübten Kunstmuseumsbesucher kann die geballte Strahlkraft dieser Werke durchaus schon mal überfordern, allein durch die Wucht ihrer komplexen Anmutung.
Nachdem Carlo viele der von ihm geschätzten Gemälde erneut begeistert angesehen hatte, kehrte er wie ferngesteuert zu einem Bild zurück, August Mackes Gemälde, Zoologischer Garten. Er sah dieses heute nicht zum ersten Mal.
Er betrachtete es nun aus verschiedenen Blickwickeln und wechselnden Distanzen. Dann setzte er sich auf einen der Ruheschemel und nahm die Aura des Gemäldes aus dieser Halbdistanz tief in sich auf.
Er wusste es natürlich, es ist nur ein Bild. Aber dieses Bild schlug jetzt in seinem Innersten eine Gefühlssaite an, die so noch nie in ihm geschwungen hatte.
Sich in einem entspannten Aufnahmemodus befindend, verinnerlichte er längere Zeit die auf dem Gemälde dargestellten Motive: farbenprächtige Vögel und exotische Tiere der afrikanischen Savanne in einer von Zoobesuchern beobachteten Szenerie. Das Ganze in leichter Abstraktion visualisiert. Diese heitere Farbigkeit mit ihren strahlenden Grundfarben hatte von ihm Besitz genommen. Carlo fühlte sich in diesem Moment ganz einfach nur gut.
Auf seinem Weg zum Ausgang ging sein Blick jetzt nur noch sporadisch zu einzelnen anderen Exponaten hin.
Draußen angekommen, setzte er sich nahe der großen Ausgangstür auf eine Bank und steckte sich genüsslich eines seiner Cigarillos. an. Der aromatische Rauch der Montecristo verstärkte sein Wohlbefinden zusätzlich.
Er erhob sich und ging weiter. Er nahm nicht den direkten Weg zu seiner Wohnung. Über die Richard-Wagner-Straße erreichte er die Gabelsberger Straße, bog in diese nach links ein und schlenderte ziellos durch diesen Bereich des Bezirks Maxvorstadt, den er nicht so gut kannte.
Nach wenigen Schritten wurde seine Aufmerksamkeit auf das Aufleuchten einer Bierreklame gelenkt – Löwenbräu; augenscheinlich als Signal für die Öffnung einer Kneipe an diesem Abend gedacht. Carlo betrat die Gastwirtschaft, ein kleineres Lokal, den abgenutzten Charme der Siebzigerjahre verströmend, inklusive einer Jukebox, die nur mit DM-Münzen zu bedienen war.
Im Schankraum war zu diesem Zeitpunkt nur eine Person anwesend, eine Frau im fortgeschrittenen Alter mit stark blondiertem, welligem Langhaar namens Rosi, wie er später erfuhr. Sie machte einen freundlichen Eindruck auf ihn.
Carlo bestellte ein Bier, ein Müchener Helles, das es hier nur in Flaschen gab. Die Wirtin verwickelte ihn in einen Small-Talk bis weitere Gäste eintrafen, um die sie sich dann kümmern musste.
Er trank dann im Verlauf der nächsten eineinhalb Stunden noch zwei weitere Biere und zum Schluss einen Asbach Uralt. Diese Weinbrandmarke war hier anscheinend sehr beliebt. Carlo kannte diese nur aus alten Werbesprüchen. Die Wirkung des so in Maßen genossenen Alkohols beflügelte sein ohnehin vorhandenes Hochgefühl. Die Tatsache, dass das Rauchen in diesem Lokal gestattet war, rundete den gelungenen Abend ab. Anschließend nahm er den direkten Weg zu seiner Wohnung, die nicht all zu weit entfernt liegt.
Dieser Ablauf eines Freitagnachmittags wiederholte sich künftig häufig. Stets das gleiche Ritual: erst Lenbachhaus mit seinem Gemälde von August Macke, dann drei Flaschen Helles mit einem Asbach Uralt bei Rosi. Woche für Woche, fast zwei Jahre lang.
Nicht nur die Angestellten des Kunstmuseums kannten Carlo inzwischen gut. Auch im Bierlokal bei Rosi war er zum Stammgast geworden, der sich im Lauf der Zeit an verschiedenen Arten von Kneipengesprächen beteiligte. Alles blieb dabei meistens an der Oberfläche. Wohnort, Name, Beruf, bevorzugter Fußballverein, Automarke, das waren die häufigsten Themen. Beim Klatsch über nicht Anwesende aus der Nachbarschaft konnte er nicht mitreden.
Dass er in seiner Abwesenheit bei Rosi und ihren Stammgästen hin und wieder Gesprächsthema war, konnte er nicht wissen.
Man nannte ihn dann gerne mal, etwas despektierlich, Macke-Macke, Kurzform von 'Der-mit-der-Macke-Macke'. Das kam daher, dass er des öfteren sehr anschaulich von seinen ritualisierten Freitagen erzählt hatte, einschließlich seiner exzessiven Bewunderung für den Expressionisten August Macke.
Dann kam der Freitag, an dem Carlo nicht erschien.
Der Wirtin und so manch einem der Stammgäste fehlte etwas. Sein extrem starkes Interesse für moderne Kunst kam manchen der Gäste in dieser Lokalität zwar etwas befremdlich vor, trotzdem war er den meisten Gästen sympathisch. Die Tatsache, dass er ursprünglich aus Franken und nicht aus Bayern stammte und Anhänger des 1. FC Nürnberg statt des FC Bayern war, tat dem keinen Abbruch.
Am Morgen nach diesem „denkwürdigen“ Freitag schlug Rosi die Morgenzeitung auf, die mit der Schlagzeile titelte:

ANSCHLAG AUF KUNSTMSEUM!
IRRER ATTENTÄTER ZERSTÖRT
BERÜHMTES GEMÄLDE VON AUGUST MACKE!

Reflexartig brachte sie nur hervor: „Das war er nicht, das kann nicht sein!“
Wie weiter im Inneren des Blattes zu erfahren war, handelte es sich beim Täter tatsächlich nicht um Carlo. Das Bild des Attentäters zeigte einen Mitvierziger mit einem verstörten Gesichtsausdruck. Dessen Motiv lag nach ersten Erkenntnissen wohl in seinem Hass auf die entartete moderne Kunst, wie er sie nannte, begründet. „Vergewaltigung der Natürlichkeit“, schrie er als er vom Ordnungspersonal festgesetzt wurde.
Carlo war an diesem Tag gar nicht bis in das Innere des Museums gekommen. Einige Schritte vor dem Betreten des Geländes brach er zum Zeitpunkt dieser irren Tat zusammen. Ein extrem starker Schmerz traf ihn im zentralen Brustbereich. Er sackte in sich zusammen und fiel dann mit dem Gesicht voran auf die Gehwegplatten. Ein Reanimationsversuch durch die eilig herbeigeeilten Ordnungskräfte blieb ohne Erfolg. Der Pathologe im Klinikum sprach später von einem plötzlichen Herztod.
Carlo Diem verstarb im Alter von dreiundvierzig Jahren – er hatte nie an Zufälle geglaubt.

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von RudiRatlos am 13.10.2021:
gutes Schriftbild (ohne Macke)! Selbst als pointenverwöhnter Leser habe ich nichts vermisst ...




geschrieben von Weißehex am 15.10.2021:
Fand ich sehr interessant, ich mag Gemälde auch.




geschrieben von Onivido kurt am 23.10.2021:
"Maler*in", hier habe ich aufgehoert zu lesen.




geschrieben von RudiRatlos am 23.10.2021:
er hatte nie an Zufälle geglaubt ... hier habe ich aufgehört, zu lesen.

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