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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Ernst Paul.
Veröffentlicht: 23.11.2021. Rubrik: Unsortiert


Eine Frage der Erziehung

Der Novemberabend ist trüb, neblig trüb. Fahles Mondlicht fällt auf die Straße. Im Glanz des Laternenlichts spiegeln sich kleine Regentropfen. Die Rollläden der Fenster des Wohnblockes sind heruntergelassen. Es gibt auf dieser Nebenstraße abends auch nichts zu sehen. Um diese Zeit fahren hier kaum Fahrzeuge. Die Straßenränder sind mit PKWs zugeparkt und Spaziergänger sind nur Menschen, die von ihren Hunden an die frische Luft gezerrt werden.
Kevin trägt an diesem Abend einen langen schwarzen Regenmantel, der ihm vor der Novembernässe schützt. Dazu einen breitkrempigen dunklen Anglerhut. Den dunklen Schal um seinen Hals kann er blitzschnell über sein Gesicht ziehen, wenn jemand vorbeikommt, der ihn nicht erkennen darf. Er hat sich in einer Hausnische postiert und wartet auf den Mann mit dem Hund, die ihm Leid und Spott zugefügt haben. Kevin hört in der Dunkelheit die Stimme von Herrn Knott. „Na mach schon Lucie, niemand hier!“ lallt Herr Knott.
Lucie ist eine Mischlingshündin und freut sich immer, wenn sie nicht angeleint herumtollen darf. Sie ist sehr schlecht erzogen und erledigt ihre Geschäfte dort, wo es ihr passt. Kevin war es bisher schon dreimal passiert, dass er frühmorgens, wenn er auf letzter Elle zum Zug rannte, in die Hinterlassenschaften von Lucie trat. Im Zug war es ihm dann sehr peinlich. Menschen schauten mit abwegigen Blicken auf seine verschmutzten Schuhe. Sie rümpften ihre Nasen und wanden sich von ihm ab. Im Büro empfahl ihm sein Chef doch ein Paar Wechselschuhe mitzubringen, wenn er schon beim Laufen nicht aufpassen kann. Als Kevin nach seinem zweiten Fehltritt so verschmutzt ins Büro kam, schickt ihn sein Chef in den nächsten Schuhladen. „Kaufe Dir ein paar Schuhe für das Büro, Kevin. Die Schuhe kannst Du hierlassen und dann wechseln, wenn Du verschlafen in die Exkremente eines Hundes getreten bist. Kannst ja probieren sie steuerlich abzusetzen.“
Als Herr Knott sich mit Lucie nähert, schlägt Kevin den Kragen des Regenmantels hoch, schaut sich um und überprüft die Gefahrenlage. In dem Moment, als Herr Knott sich zu Lucie bückt, stürzt sich Kevin in einem Anflug voller Hass und lauter Wut auf ihn. Er zieht Knott zu Boden und wirft ihn auf den Rücken. Um den Schrei von Knott zu unterdrücken, stopft Kevin ihm die Exkremente von Lucie in den Mund. Lucie ist ebenfalls überrascht, setzt sich aber brav neben ihren Herrn und schaut Kevin mit ihren braunen Augen treuherzig an. „Du kannst nichts für, Lucie“ sagt Kevin, „es ist eine Frage der Erziehung… Ein Leckerli habe ich nicht… Jetzt Abmarsch, du Töle!“ Kevin steht wieder auf. Im Stil von Kommissar Overbeck holt er seine Sonnenbrille aus der Brusttasche, setzt sie auf und richtet sie aus. Er schaut verächtlich auf den am Boden Liegenden, tippt mit zwei Fingern an seine Hutkrempe und geht gemächlich in die Dunkelheit.
Die morgendliche Frische und die ersten Sonnenstrahlen wecken Kevin und lassen seinen Traum beenden. Schade, denkt Kevin, ich habe verpasst Knott noch in den Arsch zu treten.
Kevin gähnt nochmals, steht auf und geht zum geöffneten Fenster. Er atmet die frische Luft tief ein. Die Straße ist schon belebt. Ein rüder Befehlston übertönt das Tuckern einer Harley. „Nicht dort, Lucie! Ab, hinter den Busch! Habe die Tüte vergessen.“ Doch Lucie verrichtet ihr Geschäft auf dem Bürgersteig und wartet auf ihr Leckerli.

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