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geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 12.01.2022. Rubrik: Unsortiert


Der letzte Flug des Silberkondors

Die kleine Fischerstadt Büsum an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste wurde erst in den letzten Jahrzehnten zum turbulenten Ferienort. In den späten Achtzigerjahren wurde der Tourismus zur tragenden Stütze der einheimischen Wirtschaft, nachdem die ortsansässige Schiffswerft der Harmstorf-Gruppe im Jahr 1986 endgültig ihre Tore geschlossen hatte. Der kleine Hafen der Küstenfischer war seitdem kaum mehr als eine Folklorekulisse.

Einer der letzten Schiffbauer, der die Werft verließ, war Hauke Fedders, dessen Familie seit den Zwanzigerjahren mit dem Schiffsbau verbunden gewesen war. Hauke sortierte seit Tagen Unterlagen seines verstorbenen Großvaters Momme. Darunter befand sich ein Zeitungsausschnitt der Landeszeitung vom 31. Januar 1931 mit einem größeren Bericht aus Chile: SILBERKONDOR ÜBER GLETSCHER ABGESTÜRZT. PILOT PLÜSCHOW VERMISST.

Hauke verstand nicht sofort, warum sein Opa diesen Artikel aufgehoben hatte. Doch dann erinnerte er sich an eine abenteuerliche Geschichte aus jenen Tagen, die eine Verbindung zu seiner Heimatstadt aufzeigte. Im Jahre 1927 war auf der Vorgängerwerft, Krämer, Vagt & Beckmann das zweimastige Segelschiff 'Feuerland' in Büsum gebaut worden. Der frühere Marineflieger Gunter Plüschow ist auf diesem dann nach Punta Arenas in Süd-Chile gesegelt. Von dort aus unternahm er mit seinem Bord-Ingenieur Ernst Dreblow Flüge über die 'Kordilleren Darwin'. Sie waren die ersten, die Feuerland und Kap Hoorn aus der Luft erkundeten; für die Kartografie Südamerikas war dieses von enormer Bedeutung.

Jenes Ereignis war damals auch in dem Städtchen Büsum eine Sensation; die Expedition hatte ja hier ihre Ursprung genommen. Sensationell war seinerzeit auch der Transport eines Wasserflugzeugs vom Typ Heinkel HD 24. Dieses wurde in Deutschland auseinandergebaut, in Kisten verpackt und mit dem Dampfer 'Planet' nach Punta Arenas an der Magellanstraße verschifft. Was in der Zwischenzeit bis zum Absturz über dem Gletscher geschah, erfuhr Hauke Fedders jetzt bei der Lektüre des Artikels.

Kurze Zeit später brach er nach Südamerika auf. Über Santiago de Chile gelangte er nach Punta Arenas, der südlichsten Großstadt des amerikanischen Doppelkontinents. Mit dem ortskundigen Reiseführer Manuel Faro fuhr er durch die Südspitze Patagoniens in Richtung Lago Argentino. Hier lag ihr Ziel, nahe der Kleinstadt El Calafate: das dortige Hotel El Galpón de Glaciar, direkt am Seeufer gelegen, mit einem fantastischen Ausblick über das smaragdblaue Wasser, bis hin zu den riesigen Gletschern. Über einem von denen war Plüschow mit dem Wasserflugzeug Silberkondor abgestürzt. Irgendwo über dem Perito-Moreno-Gletscher, hinein in den Arm des Sees, den Brazo Rico.

Diese urige Landschaft liegt überwiegend in einem Nationalpark und ist mit Fahrzeugen kaum zu befahren, es war also Trekking angesagt. Aber welch ein Panorama auf dieser Strecke! Linkerhand das blitzende Wasser des Lago Argentino. Dahinter die unendliche Weite der Pampa: ein Landschaftstraum in blassem Gelb und Grün. Wiesen voller orangefarbener Riesen-Pantoffelblumen im farblichen Wettstreit mit Protea-Blüten und dem roten Laub des chilenischen Feuerbaums. Und dann gigantische Gletscher in ihrer wellenförmigen Struktur. Durch die Reflexion des Nachmittagslichts wurde die glänzende Oberfläche des Eises mehrfach gebrochen und man blickte in die unergründliche Tiefe der hellblauen Äderung des Eises hinein. Und dann waren sie am Ziel, am Perito-Moreno-Gletscher.

So etwas hatte Hauke Fedders noch nicht gesehen. Wind und und Weite kannte er von der heimischen Nordseeküste. Aber diese Weite hier. Sie bietet dem Betrachter einen traumhaft schönen Inhalt, in der Ferne begrenzt von hohen Bergen mit ihren schroffen, gezackten Schneespitzen.

Zusammen mit seinem Guide Manuel erkundete er mehrere Tage lang diese Welt des Eises. Es ist zwar ein enorm anstrengendes Trekking unter diesen Bedingungen, aber die Begeisterung des jungen Norddeutschen blieb ungebrochen. Seine Frage nach dem Verbleib des legendären Wasserflugzeugs, dem Silberkondor, erwiderte Manuel Faro mit einem freundlichen Lächeln und einem bedauernden Achselzucken; oft schon hatten Abenteurer danach gefragt. Der Silberkondor lag irgendwo tief versunken auf dem eisigen Grund des Lago Argentino. Ob, und wo Gunter Plüschow vorher an eine Gletscherwand geprallt war, wusste niemand.

Doch dann sahen sie in einigen Metern Entfernung etwas blinken, dicht am Rande einer Gletscherspalte. Hauke eilte aufgeregt dort hin und sah direkt unter der Oberfläche ein rundes Stück Metall im Eismantel liegen. Manuel lachte. Sicherlich eine Konservendose, meinte er. So etwas kann vorkommen, denn im Verlauf der vielen Jahre ist ständig Bewegung im Eis, es rutscht und bricht, der Gletscher 'kalbt', die Strukturen ändern sich. Und tatsächlich, es war eine Konservendose. Hauke hackte sie vorsichtig frei, und was er in der Hand hielt, ließ ihn einen Freudenschrei ausstoßen.

Der Schriftzug auf dem Etikett war nicht mehr gut lesbar, nur eine verschwommene Abbildung einer Krabbe konnte man eindeutig erkennen. Und auf dem Dosenboden eingestanzt, war zu lesen: Fischerei-Genossenschaft Büsum – 11/1930. Der Flugpionier Plüschow hatte offensichtlich eine Dose Büsumer Krabben als Zusatzproviant nach Südamerika mitgenommen. Unglaublich. Diese hatte den Absturz fast unbeschädigt überstanden,.

Hauke Fedders hielt das vermutlich älteste Exemplar einer Büsumer Konserve in der Hand: fast einhundert Jahre alte Tiefkühlkost.

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