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9xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 01.05.2022. Rubrik: Nachdenkliches


Mein bester Freund Eugen

Die Rolltreppe in der Tube schnurrt wie ein Kätzchen, als er mich besucht, weil ihm der Anlass wohl angemessen erscheint. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich ihn, nennen wir ihn Eugen, eingeladen hatte. Er geht sowieso bei mir ein und aus, wie es ihm gefällt. Eugen nicht reinzulassen ist sinnlos, denn bevor ich vorne den Riegel vorschiebe, schlendert er längst durch den Hintereingang. Ich dulde seine häufigen Besuche, denn ich mag ihn...sehr sogar!
"Drück drauf" sagt er und pfeift La Paloma.
Ich starre dem rotleuchtenden Notaus-Buzzer nach, an dem ich in der Elbphilharmonie gerade mit etwa hundert anderen Personen auf dem Weg zur Aussichtsgalerie auf dieser 80 Meter langen Rolltreppe vorbei fahre. Die Verlockung lässt mich grinsen.
Notausschalter sind für Eugen wie Geburtstage, er steht sofort im Wohnzimmer und möchte sein Geschenk einlösen. Ich antworte ihm: "Nur wenn ich der aufwärts gerichteten Hundertschaft sagen darf..." Kehrt Marsch, alle ausser mir verlassen das Gebäude durch den Eingang".
Er sagt mir Dinge wie: "Ja, du läufst hier einen halben Marathon aber scheiß drauf. Schnapp dir ein fetttriefendes Backfischbrötchen und ein Softeis und sage den Streckenverpflegungshelfern, dass du versorgt bist und kein Wasser und Bananenstück benötigst. Die gestapelten Fruchtstücke sehen eh aus wie ein Lieferando-Service für Hagenbeck." Nur weil Eugen in ihre sparsamen Gesichter sehen möchte.
Er ist witzig, charmant und bringt mich regelmäßig zum lachen. Ich möchte keinesfalls, dass er mich nicht mehr besucht, denn er zwingt mich zu nichts. Er bietet mir Handlungsalternativen, die meist völlig absurd, aber zumindest im Geiste eine befreiende Option sind. Eugen kitzelt ein bisschen an meiner Kompassnadel und ist ein viel unterhaltsamerer Gast, als der mit den schlimmen Wortvorschlägen. Ich nenne ihn Ernst. Seine Empfehlungen ignoriere ich meist, wenn ich nicht allein bin. Im Auto lass ich ihm schon mal die Kontrolle, merke aber, dass die Pressadern, die er auf meinen Schläfen hervorbringt, am Ende nichts nützen. Auszusteigen und die anderen Verkehrsteilnehmer umzubringen, lehne ich regelmäßig ab. Schon allein wegen der zeitraubenden Formalitäten danach.
Jetzt mal Hand aufs Hirn, wer weiß schon, welche Rinden und Lappen für Ernst, Eugen und Konsorten verantwortlich sind? Fakt ist, dass wir alle unsere gebetenen und ungebetenen Gäste im Kopf haben. Einige oder viele, mit Namen oder ohne. Sie können dich zum Lachen bringen oder sogar krank machen.
Besonders wenn sie blau sind, können sie sehr dominant werden.
Manchmal flüstert Eugen mir eine Frage zu, die ich erzürnten Mitmenschen stellen soll. Deren wütende Antwort "Aber sowas von!" auf meine Frage, ob das eventuell ihr Ernst sei, lässt dann bei mir für den Hauch eines Momentes die Mundwinkel zucken.
Ich bin froh, dass Eugen und Ernst so ein gesundes Verhältnis zueinander haben.

9xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Ohnelly am 01.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Mein innerer Eugen musste beim Lesen immer wieder kichern :-) Wahrscheinlich werde ich, wenn mich in Zukunft jemand nach meinem Ernst fragt, an dich denken ;-) Wirklich toll geschrieben!




geschrieben von Christelle am 01.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eugen und Ernst - beide braucht man wohl für eine ausgewogene Balance im Leben. Ich werde meinen (Schweinehund?) jetzt auch Eugen nennen. Wahrscheinlich ist aber auch eine Art „unsichtbarer Horst“ vonnöten, den ich für alles verantwortlich machen könnte. Tolle Geschichte!




geschrieben von Stephan Heider am 02.05.2022:

Vielen Dank für die lieben Worte und das Interesse. Und das ist jetzt wirklich nicht mein Ernst, sondern mein Eugen 😉😊

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