Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
8xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 20.05.2022. Rubrik: Unsortiert


Die Welt in einem Regal

Es war eine enorme Kraftanstrengung der Nummer Zwei auf dem Markt der Einfachmöbel, die weltweite Nummer Eins verdrängen zu wollen. Das neue Regalsystem 'FÖRALLA' sollte das schaffen und dabei mit einer einzigartigen Kampagne promoted werden: “DIE WELT IN EINEM REGAL”, so der kühne Anspruch. Gemeint war damit, die einflussreichsten Schriften der Menschheit in diesem Regal zu vereinen; nicht der Umfang war entscheidend, auf den Inhalt kam es an.

Der skandinavische Konzern ließ sich das Einiges kosten. Ein Computerprogramm ermittelte eigens hierfür einen Mix aus einer Best-of-Liste, die nicht öffentlich zugänglich war. Wenig erstaunlich, dass die Werke von Shakespeare und Goethes 'Faust' darin enthalten waren, beides wahre Schätze der Weisheit. Mit Konfuzius muss man immer rechnen. Dass die sinnlichen Lehren des Kamasutras in diesen Mix kamen, erstaunte, war aber nicht gänzlich unerklärbar, der angewandte Algorithmus hatte dieses objektiv so bestimmt.

Die Auswahl der vier Experten, die das Projekt betreuen sollten, waren in Fachkreisen als absolute Spitzenkräfte bekannt; in der breiten Öffentlichkeit eher nicht. Für Shakespeare gab es eine klare No. 1, Timothy Cavendish aus Oxford. Der Goetheexperte kam erstaunlicherweise nicht aus Deutschland, es war der deutschstämmige Germanist aus Buenos Aires, Alfredo Guzman. Die junge Inderin aus Mysore in Indien, Jayana Patel, war trotz ihrer erst achtundzwanzig Jahre weltweit eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet indischer Erotik. Das galt auch für den nur unwesentlich älteren Bao Jing aus China auf dem Themengebiet Konfuzius.

Die vier Literaturkoryphäen trafen sich zur abschließenden Konferenz im Städtchen Stratford-upon-Avon, dem Epizentrum allen Wissens um den großen englischen Dichter William Shakespeare. Timothy Cavendish, ein blendender Rhetoriker, gab die Richtung vor, mit einem Zitat aus Richard II: “WO WORTE SELTEN SIND, HABEN SIE GEWICHT.” Alle waren erleichtert. Die Aufgabe schien lösbar zu sein. Dass es bei letztendlich unerwartet wenigen Worten blieb, lag nicht allein an diesem Zitat. Das Brainstorming wurde von außen gestört. Es war der Tag des Fußball-WM-Halbfinals 2014, das Deutschland sehr deutlich gegen Brasilien gewann. Eine Gruppe deutscher Touristen feierte dieses Ereignis in einem benachbarten Lokal derartig lautstark, dass der Lärmpegel nach jedem der sieben deutschen Tore zu unglaublicher Stärke anschwoll. Die deutsche Reisegruppe befand sich in Hochstimmung. Trotz kollektiven Jubels konnte man mitunter einzelne Sätze deutlich verstehen, wie, “TWO BEERS OR NOT TWO BEERS, THAT IS ALWAYS THE QUESTION.” Die Teutonen wurden beim Ordern ihrer Getränkerunden offenbar von Shakespeare befeuert; für einen Kalauer schien ihnen nichts zu schade zu sein. Die vier Geisteswissenschaftler nahmen es sportlich, sie gönnten den Deutschen ihren Erfolg. Die Konferenz verkürzten sie jedoch. Es ist anzunehmen, dass ohne das deutsche Fußballintermezzo eine andere Geschichte entstanden wäre.

Dann stand die Rohfassung ihrer Kampagne. Allein schon der Anteil an Shakespearezitaten war gewaltig. Man einigte sich, um die Zitate, “DIE GANZE WELT IST EINE BÜHNE”, aus “WIE ES EUCH GEFÄLLT”, sowie zusätzlich inspiriert von deutschen Fußballanhängern, “IST DIES SCHON TOLLHEIT, HAT ES DOCH METHODE”, aus Hamlet, den Kern zu bilden. Das Ganze musste nur noch ein festes Gerüst erhalten. Hier kam Goethes Faust ins Spiel: “DASS SICH DAS GRÖSSTE WERK VOLLENDE, GENÜGT EIN GEIST UND TAUSEND HÄNDE.” Das hatte hohen philosophischen Anspruch, wies aber auch auf gute deutsche Organisationsfähigkeiten hin. Der schwedische Möbelhersteller würde begeistert sein.

Allerdings galt es noch, den Rest der Welt mit einzubeziehen. Hier brachte die indische Kollegin mit ihren mehr als nur angedeuteten erotischen Themen eine sinnliche Note ein. Sie erklärte aus dem Kamasutra mehrere Stellungen. Die Kollegen folgten ihren Ausführungen sehr aufmerksam. Und dann kam die Erkenntnis. Klar, Regal und Stellungen, das passt, besonders Stellung No. 5/98 IM RECHTEN WINKEL, very sophisticated, oberstes Regal. Dazu Konfuzius, der geht immer und überall. Hier übernahm man den Vorschlag des Chinesen Bao Jing, der nach monatelanger Vorarbeit eine der Weisheiten Konfuzius' für anwendbar befunden hatte, “WER SEIN GESCHÄFT MACHINENMÄSSIG BETREIBT, DER BEKOMMT EIN MACHINENHERZ.” Dabei würden selbst hartgesottene schwedische Manager ins Grübeln kommen.

Der Entwurf für das System 'FÖRALLA' stand. Im Prinzip ging es ja eigentlich nur um das Zusammenfügen von zwölf Holzbrettern zu einem Regal. Der Inhalt aber, der hatte es in sich. In einer der größten Werbekampagnen überhaupt, wurde die geistige Welt in einem Regal vorgestellt. Die globale mediale Einführung hatte zunächst nur eine Botschaft, ohne jede weitere Erklärung: Aus Goethes Faust stammend,

“DASS ICH ERKENNE, WAS DIE WELT, IM INNERSTEN ZUSAMMENHÄLT.” - FÖRALLA® - Item-No. MDCCCXXIX

Das war das Motto, unter dem die Kampagne weltweit gestartet wurde. Etwas kryptisch zwar, aber das sollte zunächst genügen, FÖRALLA konnte geordert werden.

Das internationale Interesse war sensationell. Keiner wusste, um was es ging, aber alle wollten es haben. Es geschah zum ersten Mal in der Geschichte des Welthandels, dass ein Artikel millionenfach geordert wurde, ohne dass jemand das Produkt kannte.

Die ersten einundachtzig Regale wurden ausgeliefert, gratis, bestückt mit einer Auswahl der bedeutendsten Geisteswerke der Menschheit. Die Empfänger hierfür waren vorher durch ein Preisausschreiben ermittelt worden. Des Rätsels Lösung war in der römischen Ziffernfolge der Artikel-No. verborgen. Wer immer solch ein Regal sein Eigen nennen durfte, es war ein erhabener Anblick: Das Regal 'FÖRALLA', gefüllt mit einer Vielzahl an Folianten, alle in hochwertigem Faksimiledruck.

Der Möbelfabrikant hatte damit großen Erfolg auf dem Weltmarkt, blieb aber nach wie vor, knapp hinter dem Marktführer, die Nummer Zwei.

8xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Ohnelly am 20.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Lieber Horst! Da ist es ja! Dankeschön! Ich finde, es ist super gelungen! Für den Möbelnamen FÖRALLA müsstest du echt eine Medaille bekommen. Ich hab mich beim Lesen super amüsiert! Gruß Conny




geschrieben von Horst Radmacher am 20.05.2022:

Freut mich sehr, liebe Conny, dass dir die Geschichte gefällt. Mit solch einer Story Lesevergnügen bereitet zu haben, ist die Art von Beifall, die ich als Autor mag. Danke.




geschrieben von B.A.Leif am 20.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
6. Oktober 1829: Das Rennen von Rainhill beginnt, bei dem eine geeignete Lokomotive für die geplante Eisenbahnstrecke zwischen Liverpool und Manchester gefunden werden soll. Es gewann "The Rocket". Einen zweiten Platz gab es nicht, da keine der anderen Loks ins Ziel kam.




geschrieben von Christelle am 22.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst, deine Geschichte ist super, allerdings kann ich jetzt verstehen, dass ich dir mit meinem „Shakespeare“ ganz schön in die Quere gekommen bin. Ich nehme an, du bist deshalb auf Zitate ausgewichen, anstatt die Werke zu nennen. Unglaublich, dass bei dir auch das Fußball-WM-Halbfinale 2014 eine Rolle spielt. War es der Aufhänger, um die Geschichte in andere Bahnen lenken zu können? Die ganze Werbekampagne des zweiten schwedischen Möbelherstellers, um den ersten zu übertrumpfen, ist wieder typisch für deine Schreibweise, die mir absolut gut gefallt.




geschrieben von Horst Radmacher am 23.05.2022:

Danke für deinen wohlwollenden Kommentar, Christelle. Nachdem das 'Gebiet Shakespeare' für mich "vermint" war, wollte ich die Idee ganz streichen, habe die Geschichte dann jedoch geändert, weniger Fakten, mehr Narratives. Das Fußballevent existierte ursprünglich in meiner Story überhaupt nicht: Ja, so geht Interaktion.




geschrieben von Christelle am 23.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine Hand wäscht die andere. Es wäre schade gewesen, wenn du diese tolle Geschichte nicht veröffentlicht hättest.




geschrieben von Horst Radmacher am 23.05.2022:

@B.A.Leif: Danke für den Beitrag. Wäre ein passendes Beispiel, bei dem der Rang 'Guter Zweiter' hypothetisch bliebe .




geschrieben von B.A.Leif am 23.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
OK, aber das Preisausschreiben hätte ich damit nicht gewonnen?




geschrieben von Horst Radmacher am 24.05.2022:

@B.A.Leif: Vielen Dank dafür, dass du dich mit der Story näher befasst hast. Nein, den Wettbewerb hättest du leider nicht gewonnen, obwohl ich persönlich deine Lösung für sehr gelungen halte - very sophisticated! Das Jahr 1829 stimmt aber, in dem Jahr wurde Goethes Faust uraufgeführt.

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Alles, nur kein Stillstand
Der Ritter mit den langen Haaren
Der Erlkönig
Lieber ein Spatz in der Hand
Im Bauch der Flasche