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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2015 von Myrtelbaum (Myrtelbaum).
Veröffentlicht: 26.07.2015. Rubrik: Persönliches


Banknoten im Schuhkarton

Meine Eltern planten einen Umzug aus unserem Dorf in eine nahe gelegene Kleinstadt. Man hatte bereits die Räumlichkeiten der neuen Wohnung in Augenschein genommen. Es wurde ein Plan der einzelnen Zimmer angefertigt, um die Stellmöglichkeiten des Mobiliars festzulegen.
Der Umzugstermin war mit dem Ende meines ersten Schuljahres abgestimmt. Nach und nach verschwanden diverse Gegenstände in Zeitungspapier verpackt in Waschkörben und Kartons. Es sollte nichts zu Bruch gehen. Dann kam der Tag der grossen Veränderung, der Tag des Umzuges. Das Hoftor wurde weit aufgeschoben, damit der organisierte Lastwagen rückwärts hereinfahren konnte. Einige Helfer schauten sich in den Räumen das zusammengestellte Umzugsgut an, wobei sich auch einige Dinge befanden, die man nicht unbedingt mehr benötigte. Das Wort Sperrmüll war zu dieser Zeit noch völlig unbekannt. Man hatte sich eben daran gewöhnt, an die alten Blumenkonsolen, worin schmucklose Schusterpalmen standen, welche sich als hervorragende Staubfänger erwiesen. Die Männer schleppten grosse und kleine Teile zum Lastwagen und sicherten alles mit Seilen. Allmählich leerten sich die Räume, und eigenartiger Widerhall war gegenwärtig in den leeren Zimmern.
Nachdem die letzte Wagenladung erfolgt war, verabschiedete man sich, und es ging dem neuen Domizil entgegen. Vorne beim Fahrer des Wagens konnten nicht alle Platz finden, und mussten zwischen der Ladung vorlieb nehmen. Der Fahrtwind blies allen kräftig um die Ohren. Als wir am "Gelben Haus" vorbeifuhren, eine Zollstation aus lang vergangener Zeit, wusste ich das wir am neuen Wohnort angekommen waren. Die Marienstrasse war erreicht, der Laster wurde geparkt und das Entladen begann. Ich ging durch die neuen Räume und war sehr angetan von dem ersten Eindruck, denn es war ein Rundgang durch die Zimmer möglich, um wieder auf den Korridor zu gelangen. Das Gefühl, jetzt in einer Stadt zu wohnen, empfand ich als sehr wohltuend. In der Schloßstrasse befanden sich gleich mehrere Geschäfte nebeneinander mit grossen Schaufenstern. Die grösste Aufmerksamkeit übte ein Modegeschäft auf mich aus, in dessen Schaufenster lebensgrosse Figuren postiert waren, die schöne Kleidung trugen. Meine neue Schule hatte ich auch schon gesehen, aber das war mir erst mal nicht so wichtig. Man lebte sich in der neuen Umgebung ein, und es begann sich ein neuer Alltag einzustellen. Wo wir jetzt wohnten, war ein recht grosser Hof vorhanden und zwei weitere Wohngebäude. In einem dieser Häuser wohnte Emma Mahn, eine ältere Frau, die offenbar mit einem ausgeprägten Gottesglauben lebte. Man vernahm des öfteren kirchliche Lieder, frommen Gesang aus ihrer Wohnung, wenn sie das Fenster geöffnet hatte. Diese Frau bat mich hin und wieder, ihr behilflich zu sein, indem ich dieses oder jenes kleine Utensil hinauf auf ihren Dachboden schaffen sollte. Die steile schmale Treppe zu diesem Dachboden war offenbar ein sichtlicher Grund, dass sie es selber in ihrem hohen Alter nicht mehr bewerkstelligen konnte. Ich war immer wieder gerne bereit, etwas dort hinauf zu schaffen, denn ich wusste aus Erfahrung, dass jedes mal eine kleine Belohnung bereit stand. Am meisten freute ich mich, wenn Emma Mahn eine Schublade öffnete, um daraus eine kleine Cadburry Schokoladentafel zu entnehmen, die sie mir reichte. Das dieser Vorrat an Schokolade nicht endete, dafür sorgte das gelbe Paketauto der Post. In unregelmässigen Abständen wurde an sie ein Paket aus dem Westen ausgeliefert. Eines Tages nahm ich wieder einmal den Schlüssel vom Nagel, und öffnete die Tür zum Dachboden. Dieses mal hatte ich allerdings keinen Auftrag etwas hinauf zu schaffen. Es war das Abenteuer, mich etwas genauer auf diesem Dachboden umschauen zu wollen. Emma Mahn war nicht anwesend, sie war wieder einmal in den nahen Wald spaziert um Beeren oder Pilze zu sammeln. Diesmal nahm ich das Knarren der alten Treppenstufen mit einem anderen Gefühl wahr. Ich begab mich schliesslich heimlich auf diesen Dachboden. Meine leisen Schritte führten mich vorbei an alten Truhen, die mit einer Staubschicht bedeckt waren, ich stieg über manches im Wege stehendes Hindernis. Das spärlich zum Dachfenster hereinscheinende Licht verbreitete etwas Geheimnisvolles. Nachdem ich dieses oder jenes Stück bewegt hatte, achtete ich sehr darauf, dass es wieder am rechten Platz war.
Mein Blick fiel nun auf einen grossen Reisekoffer, der mir die Frage aufgab, wie man solch einen Koffer denn nur alleine bewältigen kann. Die angerosteten Schnappverschlüsse öffneten sich nur zögerlich, um einen Blick hineinwerfen zu können. Da lagen zu oberst ein paar sehr schön anzusehende Kasperlepuppen mit prachtvollen Kleidern sowie das grüne Krokodil mit einem riesigen Maul. Einigen Puppen verlieh ich kurzes Leben, indem ich meine Finger in die Armkleider schob und den Kopf mit dem Zeigefinger bewegte. Es gab noch weiteren Krimskram, wie Bücher mit einem goldenen Einband und zahlreiche bunte Bänder, die zu kunstvollen Schleifen gebunden waren. Der gesamte Inhalt dieses Koffers verströmte einen alten und muffigen Geruch. In einer Ecke am Boden des Koffers entdeckte ich einen Schuhkarton, dessen Deckel ich etwas anhob. Was ich zu Gesicht bekam veranlasste mich in sekundenschnelle den Koffer wieder zu schliessen um den Dachboden eilig zu verlassen. Auf meinem Rückzug gingen mir unzählig viele Gedanken durch den Kopf. Was ich gesehen hatte, das waren Banknoten, von einem Gummiband zusammen gehalten. Konnte Emma Mahn solch einen Reichtum besitzen, den sie auf dem Dachboden versteckt hielt? Ich war mit solch einer Mutmassung überfordert, aber ich hatte es ja mit eigenen Augen gesehen. In den nächsten Tagen sah ich die alte Frau aus einer anderen Sicht. Ich versuchte in ihrem von vielen Jahren geprägten Antlitz etwas Geheimnisvolles zu entdecken. Mit meinen Eltern konnte ich darüber nicht reden, also trug ich dieses Geheimnis mit mir alleine herum. Zwischenzeitlich waren viele Wochen ins Land gegangen. Emma Mahn hatte diese Welt verlassen. Der Hausbesitzer, der nicht am gleichen Ort wohnte hatte meinem Vater die Schlüssel ihrer Wohnung überlassen, damit neue Mieter sich die Räume ansehen konnten. Ich begab mich wiederum auf den Dachboden, um nachzuschauen, ob sich dieser Schuhkarton noch am gleichen Ort befinden würde. Es war alles noch im gleichen Zustand, nahm den Karton aus dem Koffer heraus und öffnete bewegt den Deckel. Jetzt hielt ich tatsächlich zahlreiche gebündelte Banknoten in den Händen, aber diese Geldscheine konnten kein aktuelles Zahlungsmittel sein.
Es war Papiergeld aus der Inflationszeit ohne jeglichen Wert.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von ehemaliges Mitglied am 03.08.2015:

Ich fand sie leicht spannend und auch was traurig!" Ich glaube ich könnte das Geld der Inflation,auch nicht wegwerfen. Nur schade,das es so war. Ich hätte es ihr gegönnt;)

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