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9xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 27.05.2022. Rubrik: Unsortiert


Der letzte Lemming

Unter all den verschiedenen ärztlichen Fachrichtungen gibt es einige, die weniger bekannt sind, zum Beispiel die Endokrinologie, die Lehre von Drüsen und deren Sekrete. Im Bereich Tiermedizin kommt diese Disziplin noch seltener vor. Dr. Kurt Bensheim aus Göttingen gehört zu diesen wenigen Experten. In seiner knappen freien Zeit befasst er sich gerne mit Studien. So hat er kürzlich eine gelesen, in der behauptet wird, dass Lemminge doch einen gemeinsamen Suizid begehen, was seit Jahren als Legende gilt. Zunächst klang das etwas exotisch, was Kollegen aus Freiburg diesbezüglich herausgefunden haben wollten, aber der Göttinger Spezialist fand in der Studie einen interessanten Anhaltspunkt. Es hieß dort, es würde sich bei dieser kollektiven Selbsttötung um eine hormongesteuerte Reaktion handeln; die Lemminge würden auf diese Art einer drohenden Überbevölkerung gegensteuern. Und diese Erscheinung wurde auch nur bei einer bisher unentdeckten Population der kleinen Nager festgestellt. Es sind Lemminge auf einer der Inseln Südgeorgiens, im Südatlantik, nahe den Falkland Inseln gelegen. Es ist vorher noch nie von dort vorkommenden Lemmingen berichtet worden.
Dr. Bensheim machte sich auf den Weg in diese subantarktische Gegend. Dort angekommen, musste er erst einmal einige Wochen in dieser Einöde warten. Die scheuen Tiere sind Einzelgänger und er bekam kaum eines von ihnen zu Gesicht. Dann war es soweit. Lemminge so weit das Auge reicht. Der Forscher sah schon die ersten Tiere die Klippen hinunterstürzen, aber nicht in Selbstmordabsicht, wie sich herausstellte. Die große Schar war von einer Horde Hermeline aufgeschreckt und gejagt worden. Die meisten liefen panisch auf die Klippe zu und stürzten ab, der Rest wurde von den Raubmardern gefressen. Von wegen Selbsttötung!

Kurt griff in das Geschehen ein, er konnte den letzten der Lemminge mit einem kühnen Sprung greifen. Für einen sechzigjährigen Nichtsportler eine gelungene Aktion. Hierbei strauchelte er und schrammte über die raue Oberfläche der scharfkantigen Felsen. Fast wäre er mit dem Lemming in der Hand über die Kante gerutscht. Er benötigte unbedingt eine Blutprobe eines der Tiere zur Hormonbestimmung, um das Narrativ vom kollektiven Selbstmord widerlegen zu können, er war schließlich Augenzeuge des wahren Sachverhalts geworden. Die blutende Schürfwunde beachtete er nicht weiter, die würde er versorgen, nachdem er dem Lemming Blut für eine Hormonuntersuchung entnommen hätte. Das war dann schnell erledigt, er ließ den Nager danach wieder frei. Und wie Dr. Bensheim vermutete, rannte dieser nicht den anderen Tieren hinterher; Suizid wird hier, falls überhaupt, wohl nur alleine begangen.

Kurt Bensheim hatte vor, seine Rückreise über Kapstadt in Südafrika vorzunehmen, was zwar umständlicher als eine über die Falkland Inseln ist, aber mit der Ehefrau Bensheims so vereinbart war. Rosa Bensheim wollte die Gelegenheit nutzen, um dort auf der Kap-Halbinsel eine botanische Fotodokumentation zu machen; ein paar Tage gemeinsamer Urlaub sollten dann folgen. Die jetzt doch stärker schmerzende Wunde würde bis zu dem Zeitpunkt wohl verheilt sein. Das war sie dann letztlich doch nicht, aber mit geringfügigen Einschränkungen konnte Kurt Bensheim seine Frau auf den Pfaden durch die südafrikanische Busch- und Savannenlandschaft begleiten.

Zwei Wochen nach der Rückkehr in Deutschland brach Kurts Wunde wieder auf, sie entzündete sich. Trotz antibiotischer Behandlung war keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil. Waren die Beschwerden zunächst auf den lokalen Bereich beschränkt gewesen, so folgte nun eine Beeinträchtigung seines Allgemeinbefindens. Kurt Bensheim litt unter Fieber, wurde zusehends müder und antriebsschwächer. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er liegend, sein Interesse an alltäglichen Dingen schwand. Ehefrau Rosa war entsetzt. Sie sah die Ursache der Verschlechterung in ihren Märschen durch den afrikanischen Busch, dort war es wohl zu einer Zweitinfektion gekommen. Sie gab sich die Schuld für den Zustand ihres Mannes; denn sie hatte dieses Pirschen durch die Wildnis schließlich angeregt. Von einem tiefen Mitgefühl geleitet, saß sie nun täglich stundenlang neben dem Bett ihres Mannes, strich über seine Hand und flüsterte: “Kurtchen, das kriegen wir hin, das wird schon wieder.” Diese Betreuung wurde zum Vollzeitjob, sie musste ihre berufliche Tätigkeit aufgeben.

Der Zustand Kurt Bensheims veränderte sich nicht, wohl aber der seiner Ehefrau. Rosa hatte im Laufe der Zeit immer stärker mit ihrem Mann gelitten, sie fühlte inzwischen wie dieser. Die Grenze zum Zustand einer Co-Patientin war bald überschritten. Sie hatte seine Erkrankung zu der ihren gemacht. Für Außenstehende war es bald nicht mehr möglich, herauszufinden, wer von beiden der ursprüngliche Patient denn nun wirklich wäre. Kurt war tatsächlich krank, aber stabil - mit Rosa ging es gesundheitlich immer weiter bergab, auch mental. Sie war irgendwann in eine weitaus stärkere Apathie gefallen als ihr Mann. Es gab keinen anderen Weg mehr, als den in eine stationäre Betreuung in einem Pflegeheim.

Als Kurt Bensheim zu einer weiteren Untersuchung ins Tropeninstitut nach Hamburg gebracht wurde, nahm das Schicksal eine glückliche Wendung. Dort wurde er unter anderem von der Praktikantin Fredah Kamba aus Malawi betreut. Die hatte solch einen Krankheitsverlauf schon vorher einmal gesehen, und zwar bei dem Dorfschmied in ihrem Heimatort. Sie wusste daher, dass diese Erscheinung von einer im südlichen Afrika heimischen, seltenen Wurmart verursacht wird. Bei dem Schmied hatte seinerzeit eine Behandlung mit einem Wurzelextrakt einer dort endemischen Pflanze geholfen. Die deutschen Ärzte in Hamburg hörten sich dieses interessiert an. Sie beschlossen, dieses Verfahren bei Kurt Bensheim als ultimativen Heilungsversuch anzuwenden. Der Extrakt aus der afrikanischen Pflanze wurde nach Deutschland eingeflogen.

Was dann geschah, grenzte an ein Wunder. Die Medizin wirkte, zunächst nur langsam, aber dann, nach sechs Wochen, war Dr. Bensheim wieder in der Lage, seinen Alltag ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Bald konnte er wieder seiner Arbeit nachgehen.

Die meiste seiner freien Zeit verbrachte Kurt im Pflegeheim bei seiner Frau Rosa. Er saß dort stundenlang neben ihrem Bett und hielt ihr die Hand. In ihren seltenen klaren Momenten strich diese ihm über seinen Handrücken und flüsterte: “Kurtchen, das kriegen wir hin, das wird schon wieder.”

Im Forschungslabor hatte die Blutuntersuchung des letzten Lemmings keine Erkenntnisse über hormonelle Auffälligkeiten bei diesen Tieren gebracht.

9xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Gari Helwer am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine spannende, unterhaltsame Geschichte. Wie sich der Schwerpunkt von den Lemmingen auf die mysteriöse Krankheit verlagert! - Und dann das tragische Ende der Co-Patientin! (Erinnert an den Leidensdruck bei Angehörigen von Alkohol- oder Drogenabhängigen! Da hört man dann, der/die ist in Therapie wegen seiner/ihrer Co-abhängigkeit) Habe die Geschichte gern gelesen! s.o. LG




geschrieben von Ohnelly am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Lieber Horst! Wieder einmal sehr interessant gemacht. Oh, wissenschaftlich, dachte ich zuerst, aber ich hab ja nun schon andere Geschichten von dir gelesen, also abwarten ;-) Während ich den Text las, wurde mir mit der Zeit immer ungemütlicher, und am Ende fand ich die Geschichte richtig gruselig. Top!




geschrieben von Horst Radmacher am 27.05.2022:

Gari, danke für dein Feedback. Der Versuch, Spannung zu erzeugen, indem man ein ernstes Problem anreißt, ist möglicherweise nicht immer seriös. Ich hoffe, ich bin bisher mit meiner Art zu erzählen noch niemanden tatsächlich zu nahe getreten. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 27.05.2022:

Danke für deinen Kommentar, Conny. Ich hab es vermutet, bin leicht zu durchschauen. In der Tat, es gelingt mir selten, eine Geschichte durchgehend ernsthaft zu erzählen. Immerhin, top und gruselig. LG Horst




geschrieben von Ohnelly am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Oh je, ich schätze, das habe ich falsch rübergebracht. Ich meinte damit meinen Verdacht, dass noch mehr dahintersteckt als die reine Wissenschaft, und so war es ja auch. Es sollte eigentlich ein Kompliment an die Vielschichtigkeit deiner Texte sein...




geschrieben von Christelle am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Deine Geschichten klingen zunächst wissenschaftlich, wie es Conny auch empfunden hat. Zum Schluss nehmen sie eine andere Wendung, ob gruselig oder nicht. Aber immer spannend. Ich finde deine Art zu schreiben super, besonders seit ich Amandas Geburtstag gefeiert habe.




geschrieben von Gari Helwer am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Horst, Du bist sicher niemandem zu nahe getreten und ich habe auch noch nichts in Deinen Geschichten gelesen, was mir nicht seriös erscheint (wie kommst Du nur darauf?) Deine Geschichten sind immer so vielschichtig, dass man sie unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten kann. So regen sie zum Nachdenken und diskutieren an! Das macht sie für mich so spannend und unterhaltsam, freue mich schon auf die nächste!!! LG




geschrieben von Horst Radmacher am 27.05.2022:

@: Liebe Kommentatorinnen! Au weia, da habe ich ja was losgetreten. Ich habe nicht vermutet, dass meine Antworten so nach überempfindlicher Nabelschau klingen würden. Das mit dem angedeuteten "unseriös" ist offensichtlich falsch rübergekommen, ich meinte damit eher etwas Sprunghaftes, Versponnenes innerhalb des Sujets, was aber legitim wäre. Jemanden zu nahe zu treten, das würde ich auch weiterhin gerne vermeiden Es macht mich schon ein wenig verlegen, solch eine geballte positive Kritik initiiert zu haben. Ich bleibe am Ball. Vielen Dank euch allen. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 27.05.2022:

@Christelle: Liebe Christelle, Du weißt, warum ich dir noch einmal separat antworte: Es freut mich, dass du mit Amanda einen schönen Geburtstag verbracht hast. Ja, so holen einen die "Jugendsünden" ein. Ich war damals jünger und hatte keinen Ruf zu verlieren. Danke. LG Horst




geschrieben von Christelle am 28.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich will kein neues Fass aufmachen, deshalb nur kurz: wieso Jugendsünde? Ich fand diese Mischung aus Crime in der Pharma-Branche and Love zwischen den Eheleuten (das war es ja, trotz allem!) in einem mir unbekannten Land sehr spannend.




geschrieben von Horst Radmacher am 28.05.2022:

@Christelle: Der Begriff 'Jugendsünde' ist hier als Synonym für 'Frühwerk' zu verstehen; den Themenmix des Inhalts tangiert er nicht.

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