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9xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 24.06.2022. Rubrik: Unsortiert


Ewiger Winnetou

Karoline Anschütz aus Ruppertsberg in der Pfalz, Ur-Ur-Großnichte des berühmten Schriftstellers Karl May, erhielt fünf Tage vor ihren dreiundsechzigsten Geburtstag Post aus der sächsischen Stadt Radebeul. Sie hatte schwache Erinnerungen an einige Erzählungen ihres Großvaters Dietrich, der ihr als Jugendliche von einer verwandtschaftlichen Verbindung zum bekannten Schriftsteller Karl May erzählt hatte. Sie wusste daher, dass es keine direkten Nachfahren dieses berühmten Mannes gab, da dieser keine offiziellen Kinder gehabt hatte. Bekannt waren nur Nachkommen seiner Schwerstern; eine davon war Karolines Ur-Ur-Großtante. Aus deren Erbe erhielt sie nun dem Testament entsprechend eine Sammlung von Manuskripten - völlig unsortiert das Ganze. Karoline, als gelernte Floristin, hatte an dieser Art von Blattsammlung kein Interesse. Sie reichte diese weiter an ihren Bruder Ottfried, Archivar des Heimatmuseums der Stadt Landau. Ottfried hatte von jeher eine sehr enge Beziehung zum geschriebenen Wort; zu eigenen Werken hatte es jedoch bislang nicht gereicht.

Und Bruder Ottfried war begeistert. Er restaurierte und sortierte diese umfangreiche Loseblattsammlung. Und dabei stieß er auf eine unglaubliche Geschichte. Ur-Urahn Karl hatte in diesen Schriftstücken u. a. verfügt, dass sein Nachlass nur demjenigen der Erben zustehen würde, der den Band Winnetou III in seinem Sinne vollenden würde. Der in dem Roman beschriebene Tod des edlen Apachen war demnach von Gläubigern des hochverschuldeten Autors dramaturgisch erzwungen worden. Diese versprachen sich davon eine größere Aufmerksamkeit und mehr Einnahmen durch eine höhere Auflage. Diese vom Autor nicht gewollte Ausgangslage müsse nach einer angemessenen Zeit korrigiert werden, so verfügte es der Erblasser. Und dieser Zeitpunkt war nun gekommen. Das würde Wellen schlagen.

Ein derart anspruchsvolles Vorhaben würde Ottfried in seinem häuslichen Umfeld niemals bewerkstelligen können. Er trat seinen gesamten Jahresurlaub in einem Stück an und begab sich an den Bitterfelder See in Sachsen-Anhalt. Dort mietete er eine Ferienhütte abseits der touristischen Hotspots. Er kannte diese Gegend nur aus Erzählungen, und dabei war ihm der frühere Spitzname 'Silbersee' haften geblieben, welcher wohl von den metallischen Einleitungen der früheren ORWO-Filmwerke in Wolffen herrührte. In Bezug auf die anstehende Aufgabe im Sinne Karl Mays hatte der Name 'Silbersee' für Ottfried etwas Mystisches.

Als langjähriger Archivar war er systematisches Arbeiten gewohnt und hatte zügig verschiedene, überschaubare Aktenstapel angelegt. Dann kam der schwierige Teil seines Vorhabens. Er musste Winnetou III umschreiben. Als notorischer Vielleser hatte er kein Problem damit, sich anhand von verschiedenen Bänden in die altmodische Erzählweise seines Ahnen einzulesen. Und nach mehreren Anläufen beherrschte er sogar den Schreibstil Karl Mays ziemlich gut. Ottfried spürte eine Veränderung in sich. Er hatte nun das Gefühl, bisher als Schriftsteller im Körper eines Aktensortierers gefangen gewesen zu sein. War so etwas möglich, eine Mutation der Schreib-Gene über mehrere Generationen? Die Geschichte nahm ihren Lauf.

Das geräumige Wohnzimmer der Hütte war bald voll mit Schreibutensilien aller Art. Dazu kamen riesige Pakete von Pinwand- und Flip-Chartpapier. Von all diesen Materialien verbrauchte Ottfried Unmengen; das vorher so gut aufgeräumte Zimmer glich bald einer Höhle voller gigantischer Stapel von Papierbögen, die mit alten Ausgaben von Büchern des Vielschreibers Karl May garniert waren.

Das war aber nur der äußere Rahmen. Der frühere Archivar schrieb sich in einen Rausch. Befeuert von den Abenteuern Winnetous und Old Shatterhands trieb er die Geschichte um diese beiden Helden weiter und weiter. Sie, und später deren Nachkommen, durchliefen Meilensteine der amerikanischen Geschichte. Und Ottfrieds Fantasie fand kein Ende. Diese Nachkommen zogen weiter nach Europa. So kam es, dass ein Apachen-Häuptling namens Winnetou V in Radebeul in Sachsen auftauchte und kurze Zeit später eine der Schwestern Karl Mays ehelichte. Ab hier wurde die Erzählung zusehends verwirrter, Ottfried hatte sich in seinem Schreibzwang im Irrationalen festgefahren. Die Zusammenhänge waren nun fern jeder Plausibilität, seine Ausführungen hatten keinen Bezug mehr zur realen Welt.

Seine Schwester Karoline hatte während der intensiven Arbeitsphase ihres Bruders sporadisch telefonischen Kontakt zu diesem gehalten. Sie spürte irgendwann, ihr Bruder legte immer weniger Wert darauf, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Nach zwei Wochen vergeblicher Versuche einer Kontaktaufnahme fuhr sie nach Bitterfeld. Als sie zur Hütte gelangte, spürte sie ein starkes Unbehagen. Sie betrat den Wohnbereich durch die unverschlossene Hintertür und fand ihren Bruder leblos über der Arbeitsplatte zusammengesunken. Sie war von diesem Anblick geschockt, ihr stockte der Atem. Voller Entsetzen bedeckte sie reflexartig ihr Gesicht mit beiden Händen, sie konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Karoline gelang es nur mit großer Willensanstrengung, sich durch diesen Irrgarten von Papierstapeln durchzuarbeiten.

Im pathologischen Befund hieß es später, Ottfried war einem Herzversagen erlegen. Diese Todesursache stand im direkten Zusammenhang mit einem exzessiven Nikotinmissbrauch und einer extremen Koffeinzufuhr. Weiter wurde festgestellt, dass der Verstorbene dehydriert war. Und das war das Makabere daran. Ottfried war in der Nähe eines größeren Wasserreservoirs, am Ufer seines “Silbersees”, regelrecht ausgetrocknet.

Laut ärztlichem Postulat war dem Exitus des Archivars eine sogenannte Polyscriptomanie vorangegangen, ein krankhafter Zwang zur Vielschreiberei.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christelle am 25.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
Warnung: Blattsammlung eines vielschreibenden Erblassers - zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Schreibtherapeuten oder Ihren Ideengeber. Schreiben kann also sehr gefährlich sein, habe ich aus dieser neuen Geschichte von dir gelernt. Zuerst der (Schreib)Rausch, dann der Rückzug von der Außenwelt, schließlich dehydriert …. So weit möchte es niemand kommen lassen, auch wenn er plötzlich seine schlummernden Schreibgene entdeckt. Ich glaube, bis zur zwanghaften Vielschreiberei ist es ein weiter Weg. Vielleicht hat Karl May selbst darunter gelitten. Übrigens: Das Wort Polyscriptomanie kennt der Duden nicht, auch kein Fremdwörterlexikon, auch wenn es zunächst so scheint. Könnte aber in den Sprachgebrauch eingehen. Mir hat die Geschichte sehr gefallen.




geschrieben von Christelle am 25.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
Die Doppeldeutigkeit von Blattsammlung hat mir gefallen. Karoline als gelernte Floristin konnte „mit dieser Art“ von Blattsammlung nichts anfangen.




geschrieben von Horst Radmacher am 25.06.2022:

Danke, Christelle, es gefällt mir, dass, und vor allem, wie du dich mit den Details meiner Geschichten beschäftigst. Ja, es stimmt, der Begriff 'Polyscriptomanie' ist in Nachschlagewerken nicht zu finden; möglicherweise geht er irgendwann einmal in die einschlägige Fachliteratur als "Morbus Radmacher" ein. Dazu müsste dieses Erscheinungsbild jedoch nachweislich aufgetreten sein - mir ist er (noch) nicht untergekommen.




geschrieben von Christine Todsen am 25.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
Wie auf der Startseite unter "Aktuelle News" zu lesen ist, habe ich zur Vorbeugung gegen Polyscriptomanie vorsichtshalber eine Sommerpause eingelegt! Danke für die Warnung! ;-)




geschrieben von Gari Helwer am 25.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ein wunderbares neues Wort, Horst! Wenn wir es fortan oft genug benutzen, dann steht es in der nächsten, überarbeiteten Ausgabe des Duden! Sicherlich! ;-) LG




geschrieben von Christelle am 26.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
@ Horst: Ich mag deinen Schreibstil und dein „Gemisch“ aus Fantasie und Wirklichkeit. Ich habe deine älteren Geschichten noch nicht gelesen (außer Rheinhernekanal), werde es mir aber mal vornehmen. Es scheint, wenn ich Christines und Garis Kommentare lese, doch noch zum Morbus Radmacher zu kommen.




geschrieben von Horst Radmacher am 26.06.2022:

@Christelle: Es freut mich, dass du dich für meine früheren Geschichten interessierst. Bei der Vielzahl der Beiträge könnte durchaus etwas Interessantes für dich dabei sein. Ich denke, der Umfang des "Gesamtwerks" bietet noch keinen Anlass zur Sorge wg. zwanghafter Vielschreiberei. Wenn schon möglicher Namensgeber für ein neues Krankheitsbild, dann lieber als Erstentdecker und nicht als Erstpatient.




geschrieben von Novelle am 27.06.2022:
Kommentar gern gelesen.
Was hast du nur für ein Feuerwerk an Fantasie ausgestoßen! Toll. Ich habe mir erlaubt, die Bezeichnung Polyscriptomanie sofort in meinem Sprachgebrauch zu übernehmen. Mein Rechtschreibprogramm macht auf einen möglichen Tippfehler wegen Polyscriptomanie aufmerksam, will aber gleichzeitig wissen, ob es dem Wörterbuch hinzugefügt werden soll.




geschrieben von Horst Radmacher am 27.06.2022:

@Novelle: Danke. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt. Ja, die Rechtschreibprogramme, die sind oft sehr schlicht gestrickt - einfach füttern, mal sehen, was passiert.




geschrieben von Onivido kurt am 31.07.2022:
Kommentar gern gelesen.
Gerade habe ich diese Perle entdeckt. Eines weiss ich. Ich werde nie an Polyscriptomanie leiden, Gruesse///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 31.07.2022:

@Onivido: Danke für "Perle", aber Vorsicht, Poliscriptomanie beginnt schleichend. Gruß zurück.

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