Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 01.07.2022. Rubrik: Unsortiert


Nachtschwärmer

Ein tolles Gefühl, sich selbst wahrhaft bestätigen zu können: “Ich habe es geschafft!” Dafür braucht es keinen besonderen Rahmen, kein größeres Publikum. In diesem Fall genügt ein freundliches Gesicht, das einen zur Bestätigung anlächelt, auch wenn es nur das Bild des eigenen Konterfeis in einem Barspiegel ist, in das man zufrieden schaut. In solch einer Situation mit etwas unscharfen Konturen zwar, aber noch keineswegs alkoholisch verzerrt. Ein absoluter Glückstreffer, eine Szene vorzufinden, die exakt der gesetzten Aufgabe eines Motiv-Scouts entspricht, das Hauptmotiv für einen Kinofilm gefunden zu haben. Denn eigentlich gibt es so etwas nicht mehr, eine Bar im originalen Stil des New Yorks der Vierzigerjahre. Hier ist ein weltbekanntes Kunstwerk als lebende Vorlage zu bewundern: Edward Hoppers “Nighthawks”, auf Deutsch bekannt als “Nachtschwärmer”. Und genau diese Geschichte will ein Kinofilm erzählen, den Hintergrund um das Geheimnis dieser Bar-Szene. Für Kenner amerikanischer Bildkunst wenigstens genauso spannend wie für Europäer das Geheimnis der Mona Lisa.

Dirk Heyne ist der Scout, der im Auftrag eines bekannten Regisseurs hier tätig ist. Heyne ist ausgewiesener Kenner dieses New Yorker Milieus. Aber diese Location zu finden, ist selbst für ihn ein Haupttreffer. Und worauf er niemals zu hoffen wagte, das alles sieht bis ins letzte Detail exakt so aus wie eine Bar von damals. Er fühlt sich wie ein erfolgreiches Trüffelschwein im Höhenrausch. Er kann es nicht glauben, aber selbst die hier jetzt anwesenden Personen entsprechen genau denen des Bildes von Edward Hopper. Dirk ordert einen Bourbon, um seine Nerven zu beruhigen. Das funktioniert. Nach einem weiteren 'Wild Turkey' ist er völlig entspannt. Er spricht den für einen Barkeeper erstaunlich einsilbigen Mann am Tresen auf diese Szenerie hier an und bittet um Erlaubnis, diese Situation im Lokal fotografieren zu dürfen. Das wird strikt abgelehnt. Die übrigen drei Personen im Gastraum blicken ebenfalls ablehnend zu den beiden herüber. Der Barmann zuckt die Achseln und schlägt Dirk Heyne dann vor, ein Foto von draußen zu machen, durch die ungewöhnlich großen Scheiben. Das wäre genau der Blickwinkel, um den es ihm wohl ginge, so vermutet der Barkeeper. Dirk Heyne ist verdutzt. Aber bevor er seinen eben noch so glücklichen Gesichtsausdruck gänzlich verliert, fängt der Bartender zu erzählen an. Eine unglaubliche Geschichte, die der Filmscout nun zu hören bekommt; Dirk Heyne strahlt wieder.

Er erfährt, dass an einigen vorher nicht bekannten Abenden im Jahr, sich diese Szene so abspielt, wie er sie jetzt hier vorfindet. Die Besetzung mit den Gästen ist immer identisch. Der Barkeeper berichtet, er selbst sei in dieses weltbekannte Motiv quasi indirekt verwickelt. Sein Großvater war seinerzeit die Figur des Tresenmannes auf dem Bild. Und von dem weiß er einiges über die Figuren auf dem später von Hopper geschaffenen Gemälde.

Es sind in dieser Szene immer nur noch drei weitere Anwesende im Raum. Das elegant gekleidete Paar direkt vor ihm sowie ein nicht frontal zu erkennender Gast, mit einer weißen Tasse neben sich. Alle drei sind in Gedanken versunken, sie wirken in ihrer Haltung wie isoliert. Und um genau diese drei Personen geht es auch in der modernen Version wieder. Dirk erfährt, dass kürzlich ein zu Reichtum gelangter New Yorker diese Bar im Originalstil der Vierziger rekonstruieren ließ. In dieser Retro-Version nimmt dieser Millionär stets die Position des Einzelgängers ein, der scheinbar teilnahmslos vor sich hin sinniert. Tut er aber nicht. Er sucht gedanklich die Nähe zu dem Paar, vor allem zu der Frau. Und nun kommt's. Er glaubt, herausgefunden zu haben, dass diese Frau seine Mutter wäre. Er ist besessen von der Idee, in dieser Nacht von diesem Paar in einem ehebrecherischen Akt gezeugt worden zu sein. Diese Hintergrundgeschichte soll die Motivation für Edward Hopper gewesen sein, dieses Kunstwerk zu schaffen. Ob der Künstler selbst in diese Geschichte verwickelt ist, weiß man nicht. Das alles beruht zwar nur auf Recherchen einer auf Ahnenforschung spezialisierten Agentur, ist für den Neureichen aber wichtiger Teil seiner Existenz geworden. Und diese Szene lässt er sich mehrmals im Jahr von eigens hierfür engagierten Schauspielern darstellen. Dirk Heyne kann sein Glück nicht fassen, genau eine von diesen Nächten getroffen zu haben. Er verlässt die Bar und macht noch einige Fotos von außen durch die Scheibe. Dann verlässt er den Schauplatz.

Am nächsten Morgen findet die Besprechung des Drehplans mit dem Regisseur statt. Als Heyne seine Fotos und die dazugehörige Story vorlegt, gerät der ansonsten eher als kontrolliert geltende Filmemacher völlig aus dem Häuschen, er ist schwer begeistert. Der deutsche Motivsucher hat ihm eine sensationelle Location für die Schlüsselszene seines Film geliefert. Und diesmal muss der Scout dieses Erfolgserlebnis nicht nur mit sich alleine feiern. Sein strahlendes Lächeln wird dieses Mal nicht ausschließlich von einem Gesicht in einem Barspiegel reflektiert, die gesamte Crew freut sich mit ihm.

Das hatte Dirk Heyne in seinem bisherigen Leben noch nie erleben dürfen: An zwei aufeinanderfolgenden Tagen von sich sagen zu können, “Ich habe es geschafft!” Es ist ihm in diesen Augenblick auch völlig gleichgültig, dass Glücklichsein nach Meinung von Psychologen nur eine temporär begrenzte Erscheinung sein soll – es fühlt sich für ihn unglaublich gut an.

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Ewiger Winnetou
Die linke weiß, was die rechte macht
Der Schlaf-Flüsterer
Und wenn der letzte Schnee verbrennt
Der letzte Lemming