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geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 01.08.2022. Rubrik: Unsortiert


Wasserspiegelungen

Wenn man das kleine schweizerische Dorf Bremgarten in Richtung des Flusses Reuss verlässt, kann man von der letzten Anhöhe vor dem Tal das Auengebiet der Reuss erblicken. Von hier sieht die Mündung des Flüsschens wie ein Flussdelta aus, was in einer Gebirgslandschaft in dieser Form als Gewässer eigentlich nicht vorkommt. Die Seitenarme der Reuss vereinen sich hier zu einer Ausbuchtung, die dann in den Hauptstrom mündet. Erst dicht am Rande des Gewässers fällt auf, wie klar und durchsichtig das Wasser hier ist. Allerdings kann man bei bestimmten Lichtverhältnissen nicht bis auf den Grund sehen, die Oberfläche des Weihers spiegelt die Objekte der Umgebung scharf und realistisch wieder.

Philipp Sender geht diesen Weg zum ersten Mal seit langer Zeit wieder. An seiner Kleidung fällt auf, dass er am linken Arm eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten trägt. Seine rechte Hand bewegt einen weißen Stock, seine Augen sind von einer schwarzen Dunkel-Blindenbrille bedeckt. Phillipp ist jedoch nicht blind, obwohl seine Körperhaltung und die Bewegungen denen eines Blinden gleichen.

Zielsicher geht er bis ans Ufer des Gewässers vor, setzt sich auf einen großen Stein und starrt auf die Wasseroberfläche. Darin sieht er, stark lichtgedämpft, sein Gesicht, umgeben von den Konturen der Landschaft hinter ihm. Er nimmt die Brille von den Augen und betrachtet nun alles unter normalen Lichtverhältnissen. Es ist vor allem die Spiegelung seines Antlitzes, die ihn besonders gefällt. Alles erscheint ihm genau wie vor zwanzig Jahren, nur dass er heute das Gesicht eines erwachsenen Mannes erblickt anstatt das eines Jugendlichen. Dieses hatte er in früheren Jahren in ungezählten Sitzungen fasziniert betrachtet. Jetzt fühlt er sich stark in diese Zeit zurückversetzt. Der heutige Philipp Sender ist allerdings aus einem anderen Grund an das Gewässer gekommen als früher.

In den Tagen seiner Kindheit und Jugend verbrachte er mit seinen Eltern die meiste Zeit der Sommerferien hier, im Vorgebirgsland des Kantons Argau, eine knappe Autostunde von Zürich entfernt. Er war seinerzeit der von der Dorfjugend bewunderte, fantasievolle Großstadtjunge aus Deutschland, der die Kinder in seiner mitreißenden Art für aufregende Abenteuerspiele begeistern konnte. Unter seiner Anleitung entstand aus den vielen Flussläufen, Flussauen und Höhlen die spannende Welt für Erlebnisse im Stile eines Tom Sawyer. Mit großem körperlichen Einsatz und einer überbordenden Fantasie schufen sie zusammen die Kulisse dafür. Philipp war der Bestimmer, er war für die Kinder des Dorfes für viele Jahre der bewunderte, charismatische Held ihrer Freizeit.

Dieser genoss eine solche Anerkennung, er brauchte Lob und Bestätigung in einem viel größeren Umfang als andere Menschen. Philipp Sender wies schon in diesem Alter narzisstische Züge auf, er war selbstverliebt und eitel. In seinen einsamen Stunden fehlte ihm häufig die Bewunderung der Eltern oder der Applaus von Freunden. Dann konnte er stundenlang in die Betrachtung seines Äußeren versinken. Hier an diesem Gewässer verbringt er viele Stunden damit. Bevor dieser aufkeimende Narzissmus zu einer manifestierten Neurose aufblüht, findet Philipp einen Weg aus dieser Situation. Er kanalisiert seinen starken Drang zur Selbstdarstellung und studiert klassisches Schauspiel. Mit großem Erfolg, er wird zu einem ausdrucksstarken Bühnendarsteller und gilt bald als einer der begabtesten Theaterschauspieler Deutschlands, dem es nicht an Anerkennung durch sein Publikum fehlt.

Ein bedeutender Theaterregisseur hat das Vorhaben umgesetzt, den Roman 'Mein Name sei Gantenbein' des Schweizer Autors Max Frisch in ein bühnenfähiges Drama umzuwandeln. Für die Rolle des Hauptdarstellers dieser aufsehenerregenden Adaption hat er Philipp Sender ausgewählt. Diesem aufstrebenden, hochtalentierten Schauspieler traut er dieses zu. Und es wird ein großer Erfolg. Das Stück, mit Philipp Sender in der Hauptrolle, ist lange Zeit das beherrschende Thema im deutschsprachigen Feuilleton. Es folgt eine Tournee durch Europa, unter anderem soll das Stück nun im Schauspielhaus Zürich aufgeführt werden.

Und hier kommen die Kindheitserinnerungen und die Verbundenheit zu dieser Schweizer Landschaft wieder zum Vorschein. Er erinnert sich an seine vielen Stunden an den Auen des Flusses Reuss, an die Wirkung der Wasserspiegelung beim Betrachten seines Antlitzes. Diese Effekte will er nun zur Verbesserung seiner Mimik nutzen. In seinen probefreien Tagen fährt er in die Flussauen, ausgestattet mit den Kennzeichen eines Blinden. Besonders die Szene, in der der vermeintlich blinde Gantenbein, in der Situation im Zimmer der Prostituierten Camilla Huber, seine Tarnung als Blinder fast verliert, will er intensivieren. Er möchte diese Sequenz mimisch perfekt darbieten. So übt er stundenlang am Rande des Gewässers, überprüft akribisch Gesten und vor allen seinen Gesichtsausdruck in allen Facetten. Und das funktioniert bei dieser Spiegelung perfekt. Die veränderte Optik, mitunter wechselnd wie ein Hologram, polarisiert durch die verdunkelte Brille, hilft ihm, zusätzlich bisher unbekannte Ausdrucksformen seiner Mimik zu sehen. Die Details der Bilder wirken auf eine spezielle Art präzise. Philipp arbeitet äußerst inspiriert an diesen Feinheiten.

Und an einem solchen sonnigen Tag verändert sich das Leben des begabten Darstellers dramatisch. Gerade als er mit voller Intensität die Szene probt, wird er von einem grellem Schrei eine Kindes aufgeschreckt. Eines der Mädchen des Dorfes hatte ihn auf ihrem Spaziergang entlang des Flusses entdeckt, als es hinter einem großen Felsvorsprung hervortritt. Ein fremder Mann, in der Ausstattung eines Blinden, redet für sie Unverständliches und dreht sich mit dem weißen Stock in der Hand, ungelenk gestikulierend zu ihr hin. Das Mädchen läuft schreiend davon. Nach einigen Schrecksekunden folgt Philipp ihr, er will die Sache klären. Er verliert sie bald aus den Augen. Das Mädchen ist in ihrer Panik in einen Abgrund gestürzt und liegt dort regungslos.

Diese Szene hat die Mutter des Mädchens aus größerer Entfernung beobachtet und kann die Situation nicht einordnen: Ein mit einem Stock bewaffneter Mann verfolgt ihre schreiende Tochter.

Das bewusstlose Mädchen wird per Helikopter in das Universitätsklinikum Zürich geflogen. Philipp Sender wird aufgrund der Aussage der Mutter verhaftet. Eine vielversprechende Schauspielerkarriere endet genau an dem Ort, an dem der frühe Impuls für seine Schauspielkunst gesetzt wurde.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Gari Helwer am 01.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Wiedermal eine faszinierende Geschichte, Horst! So sehr kann uns unsere Wahrnehmung täuschen... Liebe Grüße!




geschrieben von Horst Radmacher am 01.08.2022:

Danke für deinen Kommentar, Gari. Ja, die Wahrnehmungen; wie schon Goethe sagte; "Sinne trügen nicht, unser Urteil trügt." Liebe Grüße zurück!




geschrieben von Onivido kurt am 02.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Mein kompliment. Ist zwar nichts wert, aber ich wollte meine Meinung sagen.




geschrieben von Horst Radmacher am 02.08.2022:

Danke für deinen Kommentar, Onivido. Wie Du darauf kommst, dass deine Meinung nichts wert sein könnte, verstehe ich nicht. Auch wer in einem anderen Erzählstil unterwegs ist, sollte seine Meinung kundtun. Ich kenne einige deiner Geschichten, und die weisen gutes Erzählpotential auf.




geschrieben von Ernst Paul am 02.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Wie immer eine sehr gute Geschichte. Sehr gern mehr davon.




geschrieben von Horst Radmacher am 02.08.2022:

@ Ernst Paul: Deinen wohlwollenden Kommentar weiß ich sehr zu schätzen, danke dafür! Ich hoffe, ich bin noch nicht leergeschrieben, es sollte noch etwas gehen, in welcher Qualität auch immer.




geschrieben von Onivido kurt am 04.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Guten Tag, Horst hier eine kleine Erklaerung zu meinem vorigen Kommentar und Deine Antwort darauf: "Wie Du darauf kommst, dass deine Meinung nichts wert sein könnte," Ich habe einen technischen Beruf und das einzige, das ich jahrzehntelang gelesen habe, waren technische Beschreibungen. Das macht einen nicht gerade zum Literaten. Wieso ich versuche Geschichten zu schreiben. Ich erzaehle gerne und moechte meinen deutschen Wortschatz nicht vergessen. Meine Arbeitssprache ist Englisch und meine Umgangssprache Spanisch, Deutsch einmal alle paar Wochen telefonisch. So das wars. Es freut mich, dass Du einige meiner Geschichten gelesen hast. Gruesse///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 04.08.2022:

Hola, Onivido! Danke für deine Antwort. Ich hoffe, meine Anmerkungen klangen nicht zu belehrend. Kein 'Literat' zu sein, das trifft auf viele in diesem Portal zu, meine Person eingeschlossen. Was die meisten antreibt, ist glaube ich, die Lust zu erzählen. Hierbei ist es unerheblich, aus welchen Sprach- oder Berufsumfeld man kommt. Ich habe festgestellt, dass Du gerne erzählst und dieses auch kannst - ich werde weiterhin Beiträge von dir lesen.




geschrieben von Christelle am 07.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst, dies ist wieder mal eine für dich typische Geschichte. Es klingt alles sehr realistisch einschließlich die Besetzung der Hauptrolle mit Philip Sender in „Mein Name sei Gantenbein“. War es Zufall oder Absicht, dass du diesen narzistischen und auf Außenwirkung bedachten Menschen „Sender“ genannt hast? Skurril wird es am Schluss: wenn ich mir vorstelle, wie ein Mann mit einem Stock in der Hand hinter ein schreiendes Kind herläuft, um sein seltsames Verhalten zu erklären! Die Mutter konnte auch nichts anderes glauben, als was sie ausgesagt hat. Habe ich sehr gern gelesen!




geschrieben von Horst Radmacher am 07.08.2022:

Freut mich, dass du diese Geschichte sehr gerne gelesen hast, Christelle - danke! An deinen Kommentaren schätze ich u. a., dass du Details beachtest: Der Name 'Sender' ist, wie du vermutest, gezielt von mir gewählt worden. Gruß, Horst.

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