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6xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 11.08.2022. Rubrik: Unsortiert


Reise nach Jerusalem

In einer Kleinstadt nordöstlich von Hamburg. An einem nasskalten Sonntag sitzt die Familie Maßmann am großen Tisch im Esszimmer und berät, wie immer im Februar, über das Reiseziel für den kommenden Sommerurlaub. Ein liebgewonnenes Ritual. Der 'Runnning Gag' von Familienoberhaupt Joachim Maßmann, “Diesmal keine Fernreise,” läutet wie immer die Runde ein. Alle wissen es seit Jahren, der Vater macht grundsätzlich keine Ferien im Ausland, in Deutschland sei es ja auch schön. Und das stimmte bisher auch immer. Es ist die siebzehnjährige Tochter Anna, die nun aus der Reihe tanzt. Sie möchte mit zwei Freundinnen in den Sommerferien für zwei Wochen nach Portugal fahren, an die Algarve.

Alle in der Runde sind verdutzt, bis auf Mutter Eva, die ist von ihrer Tochter bereits davon in Kenntnis gesetzt worden. Vater Maßmann ist völlig perplex. Den zwei jüngeren Brüdern ist es egal. Nicht aber dem Vater. So etwas kann man mit ihm nicht machen, das Mädel ist nicht einmal volljährig. Die nun beginnende Diskussion eskaliert, sie weitet sich zu einem gewaltigen Familienkrach aus, mit dem Ergebnis, Anna fährt nicht nach Portugal.

Was mit einem Streit beginnt, führt zu einem tiefen Verwürfnis zwischen Tochter und Vater. Die beiden sollten nie wieder zu einem unbelasteten Verhältnis finden; vor allem Anna treibt diese Niederlage unterschwellig noch lange um.

Joachim Maßmann hat diese atmosphärische Störung irgendwann abgehakt, er lebt sein Leben weiter wie vorher. Er ist beamteter Sachbearbeiter im Eichamt Hamburg, in der Abteilung Messtechnische Kontrollen und Überwachung von Fertigpackungen. Hier läuft alles wohlgeordnet, alles ist festgelegt, Abweichungen fühlen sich toxisch an für einen Eichbeamten. Für einen korrekten Ablauf im privaten Bereich gilt das Gleiche, sowohl in seiner Familie wie auch bei seiner Tätigkeit als Schriftwart des örtlichen Sportvereins.

Die ruhigen Jahre eines Beamten werden für Joachim Maßmann bald noch ruhiger, denn er geht pünktlich per Stichtag in Pension. Er hat jedoch nicht vor, untätig herumzuhängen, seine Hauptbetätigungen sind nun tagfüllend die Arbeiten in Haus und Garten. Außer dem Engagement im Sportverein hat Joachim Maßmann nur ein einziges weiters Interesse: er beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte des Christentums; erklären kann er diese Passion nicht, aber es treibt ihn immer häufiger um. Joachim ist keineswegs religiös, er ist lediglich zahlendes Mitglied der evangelischen Kirche. Gattin Eva, aus Bayern stammend, gehört der katholischen Kirche an, was nie problematisch für die Familie gewesen ist.

Nun, als Pensionär, will Joachim sich einen bisher nie geäußerten Wunsch erfüllen, er will nach Jerusalem reisen, dort wo alles begann, so verkündet er. “Der Alte spinnt”, ist dann die erste Reaktion der übrigen Familienmitglieder. Aber Joachim macht ernst, er beginnt, die Reise im Detail vorzubereiten. Tochter Anna, inzwischen zur Reisekauffrau ausgebildet, ist zunächst skeptisch, bietet aber dem Vater dann an, alle Buchungen für ihn vorzunehmen. Dieser wünscht ausdrücklich, alleine zu reisen, eine Gruppenreise kommt für ihn nicht infrage. Trotz aller früherer Schwierigkeiten, das traut er Anna zu, er nimmt das Angebot dankend an.

Und dann beginnt das größte Abenteuer im Leben des Joachim Maßmann. An einem Freitagmorgen bringt ihn die Familie zum Hamburger Hauptbahnhof. Von hier aus gelangt er mit dem ICE direkt zum Flughafen in Frankfurt. Von dort sind es dann noch gut vier Stunden bis zum Airport Ben Gurion, eine knappe Autostunde von Jerusalem entfernt. Joachim genießt den Flug, er hat sich einen Platz in der Business Class gegönnt und ist begeistert davon, was Anna so alles für ihn vorgeplant hat.

Nach der Landung nahe Tel Aviv wird das Wohlgefühl getrübt; die Einreiseformalitäten nach Israel sind sehr umständlich, Joachim Maßmann ist genervt. Und das wird noch gesteigert. Im Ankunftsbereich des Flughafens wird er nicht, wie versprochen und wie auf dem Voucher bestätigt, von einem Fahrer abgeholt, der ihn in das gebuchte Hotel bringen soll. Nach einer stundenlangen Wartezeit bucht er einen Platz in einem Sammeltaxi, das ihn in die Altstadt bringt. Die wenigen hundert Meter zum Hotel sind nicht ohne Anstrengung zu schaffen. Er muss sich mühsam durch das orientalische Gewimmel wühlen.

Im Hotel angekommen dann die nächste Überraschung. Es liegt keine Reservierung auf seinen Namen vor, und im übrigen sei das Haus komplett ausgebucht. Allmählich drängt sich neben Müdigkeit Verzweiflung in sein Gemüt. Er weiß nicht wohin. Ein Rückruf nach Zuhause klappt nicht, es ist hier kein Netz vorhanden. Fachfrau für Reisen, Anna kann was erleben! Was er nicht weiß, seine Tochter hat alle Voucher ausgefüllt, aber die Buchungen nicht verifiziert - ihre späte Rache. Freundlicherweise bemüht sich der Rezeptionist um eine Unterbringung in einem anderen Hotel. Nach vielen vergeblichen Anrufen dann ein Erfolg. Ein Hotel, ein einfaches Haus, aber nicht sehr weit entfernt, das hätte noch ein Zimmer für ihn. Joachim ist glücklich, trotz aller Müdigkeit.

Er lässt sich die Richtung zeigen. Den Weg dorthin muss er zu Fuß mit seinem Rollenkoffer bewältigen, Taxis fahren in diesem Teil der Altstadt nicht. Und es kommt zur Katastrophe. Joachim Maßmann verläuft sich gnadenlos in dem Gewirr der Altstadtgassen. Er ist körperlich und nervlich am Ende, er will nur noch schlafen. Aber wo? In diesem Gassengewirr findet er keine Unterkunft. Er irrt umher. Dann, unweit einer Kirche, entdeckt er eine gartenähnliche Anlage, vor deren Zaun, unter großen Olivenbäumen, steht eine Bank. Hier ist es ruhiger, nur noch wenig nächtlicher Verkehr herrscht auf den Straßen. Joachim zieht ein Badehandtuch aus dem Koffer, faltet dieses mehrmals und legt sich so zum Schlafen.

Am nächsten Morgen, er kann es kaum fassen, erwacht er völlig entspannt. Er stellt fest, dass er im Garten Gethsemane übernachtet hat, direkt in einem Zentrum des Glaubens. Und an diesem sonnigen Tag spürt er eine Veränderung in sich. Auf seinem Weg durch die Via Dolorosa bewegt er sich mit einer nie gekannten Leichtigkeit. Alle Widrigkeiten des Vorabends sind verflogen und er beschließt, sich direkt an die alten Wirkstätten Jesus' zu begeben; er benötigt jetzt kein Hotel mehr.

Leichten Herzens fährt er mit dem Bus nach Bethlehem, das auf palästinischem Gebiet im West-Jordanland liegt. Ihn hält nichts mehr auf, selbst die scharfen Grenzkontrollen vermögen seine Hochstimmung nicht einzutrüben. Dort angekommen, erreicht er seinen absoluten Sehnsuchtsort: die Geburtsgrotte unter der Katharinenkirche. Nach dem Aufenthalt in Bethlehem ist Joachim Maßmann ein anderer Mensch. All seine starren, verklemmten Denkmuster hat er abgestreift. Er beschließt, im Heiligen Land zu bleiben. So macht er sich auf, weiter durch Galiläa zu pilgern; seinen Rollenkoffer immer bei Fuß.

Die Gegend am See Genezareth wird zu seiner neuen Heimat. Er pilgert, betet, meditiert und lebt das Leben der Einheimischen, von denen er sich bald äußerlich kaum noch unterscheidet. Den Rollenkoffer hat er irgendwann entsorgt, das was er benötigt passt in den Jutebeutel, der an seiner Schulter baumelt.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft wird dieser ältere Mann mit wallendem Haar und ebensolchem Bart, gekleidet in einem sandfarbenen Umhang mit hellbraunen Streifen, bei einer Routinekontrolle festgenommen. Er hält sich ohne gültiges Visum im Land auf und wird mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Tel Aviv zurück nach Deutschland verbracht.

Vom Flughafen Frankfurt geht es später per ICE zum Hamburger Hauptbahnhof. Dort besteigt er einen Regional-Express, der ihn in seinen Heimatort bringt. Vom dortigen Bahnhof folgt dann die letzte Etappe zu seinem Reihenhaus in der Lübecker Straße.

Er klingelt an der Haustür. Wenige Minuten später geht diese auf. Ehefrau Eva öffnet und verfällt in eine Reflex, den sie seit vielen Jahren nicht mehr bedient hat: Sie bekreuzigt sich. Unter Schock stehend folgt ein gestammeltes, “Gütiger Gott, Jesus und Maria!” Mehr bringt sie nicht hervor.

Die Gestalt vor ihr, ein älterer Herr mit wallendem Haar und Bart, gekleidet in ein orientalisches Gewand, strahlt sie sanftmütig an und sagt einfach nur: “ Ich bin es, dein Ehemann Joachim.”

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Gari Helwer am 11.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst! Wiedermal eine spannende Geschichte von Dir. Sie bringt bei mir Fragen auf: Wieso heißt dein Joachim zwischendurch "Kohn" - ein jüdischer Name? Sollten wir alle mal eine Nacht im Garten Gethsemane unter freiem Himmel verbringen um danach allen Zwängen entsagen zu können? Wäre genial! Wie wird das Leben des verwandelten Joachim zu Hause mit seiner Frau weiter gehen? Diese Geschichte beinhaltet für mich viel Stoff zum Diskutieren... Einfach wiedermal prima! Liebe Grüße!




geschrieben von Horst Radmacher am 11.08.2022:

Danke für deinen Kommentar; ja, es gäbe etliche Ansatzpunkte für Diskussionen. Eine Nacht dort im Garten, das hätte was! Der Name Kohn ist reingerutscht, ich ändere das. LG zurück.




geschrieben von Christelle am 11.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst, ganz schön nachtragend ist Tochter Anna. Ihre späte Rache finde ich unfair, weil sie ihrem Vater vorgaukelt, alles super zu regeln, dann aber „vergisst“, die Buchungen zu verifizieren. Aber wie sonst hättest du die Brücke zur Übernachtung im Garten Gethsemane schlagen können? Dass die Ehefrau nach seiner Rückkehr geschockt war, als sie ihn sah, kann ich gut verstehen. Ich frage mich aber wie Gari, wie das Zusammenleben der Eheleute funktioniert. Vielleicht lässt Eva ihn aber erst gar nicht zur Tür herein. Habe ich wieder sehr gern gelesen!




geschrieben von Onivido kurt am 11.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst, die Wandlung des biederen Sachbearbeiters zu einem wanderden Juenger ist beachtlich und sehr gut beschrieben. Welche Folgen eine verweigerte Portugalreise haben kann. Den Schock seiner "verwitweten "Ehefrau kann man sich vorstellen. Eine sehr interessante Geschichte. Beste Gruesse///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 12.08.2022:

Hallo Gari: gutes Gespür für die Geschichte, die ursprünglich länger werden sollte. Vor allem die Situation im Garten Gethsemane, ebenso wie das Leben in Galiläa, da hätte ein vermeintlich jüdischer Name (Kohn/Cohnen) gut reingepasst. Auch das Finale sollte ausführlicher werden. Ich habe eine Abkürzung genommen, weil sonst der Rahmen einer Kurzgeschichte gesprengt worden wäre. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 12.08.2022:

Danke für deine Anmerkungen, Christelle. Die Niederungen der menschlichen Instinkte mag man oft nicht; für solche Stories sind sie aber gut zu verwenden. Der Einfall mit der Bank im Garten kam erst während des Schreibens. Das Ende der Geschichte ist bewusst offen geblieben. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 12.08.2022:

Hola Onivido. Danke für deine Zustimmung. Ich persönlich bin kein Freund von strenger Bestrafung, eben sowenig von Rachegelüsten. Für eine solche Geschichte ist so etwas aber gut zu gebrauchen. Gruß, Horst

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