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7xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 06.10.2022. Rubrik: Unsortiert


Aus dem Leben eines Außenseiters

Sich nach gut zwanzig Jahren an ein einzelnes Thema des Deutschunterrichts in der elften Klasse zu erinnern, ist ungewöhnlich. Dass Gerrit Wirtz sich in seiner heutigen Situation daran erinnert, ist mehr als das, zumal er jahrelang keinen erkennbaren Bezug mehr zu seiner Schulzeit gehabt hat. In seiner momentanen Lage gäbe es relevantere Fragen für ihn, als die zu seinem damaligen Referat zu Goethes 'Die Leiden des jungen Werther'. Es steigt etwas aus seinem Unbewusstem auf, er fühlt sich in die damalige Zeit zurückversetzt.

Gerrit ist am Ende. Alle Versuche von Freunden und Familienangehörigen, ihn aus seiner prekären sozialen Situation herauszuholen, prallen an ihm ab. Er bleibt am Bodensatz der Gesellschaft kleben, wie sein Vater es einige Wochen vorher resigniert ausdrückte.

In einem seiner wenigen klaren Momente erkennt Gerrit seine aussichtslose Lage. Sein verquollenes, vom jahrelangen Alkoholmissbrauch gezeichnetes Gesicht, scheint sich dann zu glätten. Es liegt ein trauriges Lächeln in seinem Ausdruck, nicht das dümmliche Grinsen, das in diesem Stadium der Trunkenheit oft die Gesichtszüge entgleisen lässt. Das Stadium der Verzweiflung und des Selbsthasses hat er hinter sich. Gelegentlich aufkeimende Anwandlungen einer irrationalen Euphorie lockern immer seltener seine Stimmung auf.

Und dann nun dieser Flashback, von jetzt auf gleich, ausgelöst durch einen Erinnerungsschnipsel an den früheren Deutschunterricht. Wechselnde diffuse Bilder tauchen auf; Gerrit erlebt Gefühle der damaligen Situation erneut. Das Thema Selbsttötung des jungen Werther in Goethes Roman ist ein sehr komplexes Thema für siebzehnjährige Schüler. Sein Entsetzen über die Lockerheit etlicher Mitschüler zum Thema Suizid hat ihn seinerzeit tief verstört. Allein der empathische Deutschlehrer Bernotat vermag den sensiblen Jungen von dessen düsteren Gedanken zu befreien. Die ausdrucksstarken Worte des Dichterfürsten Goethe haben in nicht vorhersehbarer Weise das Seelenleben eines jungen Menschen erschüttert. Unterschwellig belastet diesen das Thema Selbsttötung sein Leben lang.

Und das hat Folgen bis ins Hier und Heute. An viele vergangene Begebenheiten erinnert Gerrit sich nur noch schwach. Einige Erlebnisse, wie das an den Lebensabschnitt direkt nach den Jurastudium, erscheinen ihm allerdings in einer erschreckenden Klarheit. Es ist die Zeit als Referendar nach dem ersten Staatsexamen in einer renommierten Anwalt-Sozietät in der nahen Großstadt; es sollte sein erster Schritt auf dem Weg nach oben sein. Er, der mit Fleiß und Ehrgeiz sein Studium absolviert hat, durchlebt hier Monate voller richtungsweisender Eindrücke. Nicht nur die Berufswelt als junger Anwalt, sondern auch das gesellschaftliche neue Umfeld, der scheinbar nahe Aufstieg, faszinieren ihn, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammt.

Und dann ist es ein sehr privates Ereignis, das ihn in ein emotionales Desaster führt. Gerrit verliebt sich in die Tochter seines Chefs, Luisa. Die attraktive junge Frau geht zunächst auf seine Annäherungen ein, distanziert sich aber von ihm, als ihr Verlobter Adrian von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückkehrt. Das Gefühl der Ablehnung schmerzt, Gerrit stürzt in eine seelische Krise. Ab hier verschwimmen seine Erinnerungen, die nur durch schlaglichtartige Aufhellungen wieder erkennbarer werden. Eine davon ist die an den Disput mit seinem Widersacher Adrian Tauber. Es kommt zunächst zu einer allgemeinen Diskussion über Gott und die Welt, die in einen Streit über Gerrits Begehrlichkeiten mündet. Im weiteren Verlauf der heftigen Diskussion wird der abgewiesene Nebenbuhler im angetrunkenen Zustand übergriffig. Er beschimpft die Familie und das gesellschaftliche Umfeld seines Arbeitgebers und will mit dieser aufgeblasenen Mischpoke, wie er sie nun nennt, nichts mehr zu tun haben. Gerrit wird tags darauf gefeuert. Er sucht die Schuld für sein Dilemma nicht bei sich, es sind die anderen, die ihn seiner Einschätzung nach zum Außenseiter machen. Ein letztes Gespräch mit Luisa verläuft frustrierend; sie weist ihn endgültig ab.

Gerrit Wirtz geht den seiner Ansicht nach einzig richtigen Weg - zurück ins kleinbürgerliche Milieu. Mit seiner Bildung und Eloquenz fällt es ihm nicht schwer, eine berufliche Tätigkeit außerhalb einer akademischen Laufbahn zu finden. Aber auch hier stößt er auf Probleme. Er macht sich in verschiedenen Anstellungen erneut zum Außenseiter, dessen Tiraden auf die sogenannte bessere Gesellschaft, auf die oberen Zahntausend, für sein Umfeld irgendwann unerträglich werden. Seine romantisch verbrämten Parolen vom Leben der einfachen Leute, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher, harter Arbeit bestreiten, führen ihn bald wieder ins Abseits. Nach verschiedenen, häufig wechselnden Tätigkeiten stürzt er ab, unverschuldet, wie ausschließlich er es empfindet.

Gerrit Wirtz ist mit Ende dreißig am Tiefpunkt angekommen. Das Leben, das er führt, findet nun tatsächlich bei sehr einfachen Leuten statt - tief in deren unterstem Milieu. Er wird zum Sozialfall. Die öffentliche Unterstützung, die er erhält, genügt für die Nutzung einer Schlichtwohnung in einer kommunalen Einrichtung. Der Rest der finanziellen Beihilfe geht für Alkohol und Tabak drauf. Sein zweites Zuhause wird eine Kaschemme, in der er die meiste seiner Zeit verbringt. Äußerlich ist er bald kaum noch von den anderen Gestrandeten zu unterscheiden. Es ist aber seine Art sich darzustellen und wie er über die Dinge des Lebens redet, die ihn auch hier in kürzester Zeit wieder zu einem Nichtdazugehörigen macht. Er wird erneut zum Außenseiter, er ist hier nur geduldet, und an der Stelle begreift er dieses.

Und dann der Tag seiner Rückbesinnung; für ihn ist eine Umkehr keine Option. Gerrit erkennt, er hat die Deutungshoheit über sein Dasein verloren, er hat im falschem Leben gelebt. Nun die Erinnerung an ein Thema des lange zurückliegenden Deutschunterrichts, das ihn zwar aufrüttelt, aber ihn nicht aus seiner Zwangslage befreit. Seine neuerliche Sicht auf Goethes tragischen Helden Werther bleibt unscharf – trotzdem, er ist fokussiert als er er das Lokal verlässt. Gerrit Wirtz hat einen Entschluss von Wertherscher Tragweite gefasst.

Wenige Tage später finden Polizeibeamte in einer Wohneinheit der städtischen Gemeinschaftsunterkunft die Personaldokumente Gerrit Wirtz'. Direkt daneben entdecken die Beamten eine schussbereite Pistole der Marke Beretta auf einer Anrichte. Nachforschungen ergeben, es ist die Pistole, die ein gewisser Adrian Tauber vor längerer Zeit als gestohlen gemeldet hat.

Gerrit hatte es nicht mehr geschafft, in seine Wohnung zu gelangen. Beim Überqueren der Straße wird er von einer schweren Nobelkarosse erfasst und dabei schwer verletzt.

Auf seinen Klinikaufenthalt folgt ein fundiertes soziales Rehabilitationsprogramm. Daran schließt sich seine Rückkehr ins „normale“ Leben an, zunächst mit einer Aushilfstätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung meldet er sich eines Tages als völlig veränderter Mensch telefonisch bei seiner Familie. Diese staunt über seine launigen Worte: „Die 'AWO' „droht“ mir mit einer Festanstellung.“ Gerrit Wirtz ist auf einem guten Weg.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Ernst Paul am 06.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Wir können froh sein, ein Sozialsystem zu haben, in dem auch „gestrandeten Personen“ geholfen wird. Wer diese Hilfe ablehnt, ist letztlich selbst schuld an seiner Situation.




geschrieben von Horst Radmacher am 06.10.2022:

Danke für deinen Beitrag, Ernst. Ja, Gerrit wäre so ein Kandidat gewesen, er wurde noch gerade so eben zu seinem "Glück" gezwungen. Wie auch immer, jede gerettete Seele zählt.




geschrieben von Gari Helwer am 06.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Schließe mich Ernst Paul voll an, Horst! Jedoch erfordert es Einsicht in die eigene Hilfsbedürftigkeit, um Angebote wertzuschätzen, aktiv zu werden und die Sache durchzuziehen! Liebe Grüße!




geschrieben von Onivido kurt am 07.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hola Horst, es faellt mir schwer einen Kommentar zu dieser Geschichte zu schreiben. Nicht weil sie mich nicht bereuehrt haette, sondern ganz im Gegenteil, weil ich das hervorgerufene Gefuehl nicht beschreiben kann. Saludos///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 07.10.2022:

Ja, Gari, so funktioniert Sozialgefüge: Der Bedürftige bringt sich aktiv ein und der Unterstützende erhält Bestätigung durch ein sichtbares Ergebnis. Interessant wäre allerdings die Antwort auf die Frage, ob so etwas nach dem Prinzip des sozialen Humanismus' Erfolg hätte: bedingungsloses Helfen - ist aber vermutlich ein ähnlich utopischer Denkansatz wie das bedingungslose Grundeinkommen. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 07.10.2022:

Hola Onivido. Danke für deinen emotionalen Beitrag. Für einen '"Möchtegern-Schriftsteller" ist das erfolgreiche "Triggern" von Gefühlen einerseits Bestätigung - andererseits sollte er darauf achten, keine Grenzen zu überschreiten. Ich hoffe, ich habe bei dir nicht die falschen Saiten zum Schwingen gebracht.. Saludos, Horst




geschrieben von Novelle am 07.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich mag gewissenhafte Geschichten aus dem täglichen Leben. Hier wird so eine wiedergegeben. Jedenfalls wird die Geschichte feinsinnig, lebensnah erzählt.




geschrieben von Horst Radmacher am 07.10.2022:

Danke für 'feinsinnig' und 'lebensnah', Novelle. Obgleich es eine fiktive Geschichte ist, könnte man darin andeutungsweise eine Blaupause für Aufstieg und Niedergang sehen. LG




geschrieben von Novelle am 07.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Fiktion, Fantasie, Realität vermische ich gerne. Jedenfalls wurde ich durch deine fiktive Geschichte animiert, endlich wieder einmal etwas einzustellen. Das geschieht soeben. Geschichtenschreiber können nicht genug Anregungen erfahren, meine ich.




geschrieben von Horst Radmacher am 07.10.2022:

Freut mich, Novelle, dass eine meiner Geschichten dich schöpferisch "wiederbelebt" hat. Darüber hinaus gibt es im alltäglichen Geschehen soviel Wichtiges und Nebensächliches, um das herum man eine Geschichte spinnen kann. LG




geschrieben von Christelle am 12.10.2022:
Kommentar gern gelesen.
Wahnsinn, wie drastisch du den sozialen Abstieg des Außenseiters beschrieben hast. Und dass Gerrit selbst in der Sammelunterkunft ein Außenseiter war, finde ich sehr bedrückend. Obwohl die Geschichte fiktiv ist, hätte sie vermutlich so passieren können. Gut, dass Gerrit es doch noch zu schaffen scheint. Gern gelesen, aber mit einem beklemmenden Gefühl!




geschrieben von Horst Radmacher am 13.10.2022:

Es ist so, Christelle, die Erzählung löst unbehagliche Gefühle aus. Obwohl fiktiv, zeigt die Geschichte, wie ein fataler Absturz geschehen kann, falls am Knickpunkt des Lebens nicht gegengesteuert wird.




geschrieben von Sandra Z. am 08.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Sehr einfühlsam und wertfrei geschrieben, Horst! Ich denke, wir alle sollten uns darüber im klaren sein, dass sich solche Tragödien nicht immer nur im Leben der "anderen" abspielen.




geschrieben von Horst Radmacher am 08.11.2022:

Freut mich, dass dir die Geschichte gefällt, Sandra. Du hast recht, wir sollten nicht so häufig auf das Leben der "Anderen" runterblicken; im eigenen Umfeld könnten auch soziale Fallstricke verborgen sein.

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