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7xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 17.11.2022. Rubrik: Satirisches


Neue Narren braucht das Land

Es gibt nur wenige Menschen, die sich freiwillig der Lächerlichkeit aussetzen. Meist sind es solche, die beruflich schon auf diesem Gebiet tätig sind: Komiker, Clowns oder Gaukler ähnlicher Metiers. Der Beruf des Hofnarren ist seit langer Zeit ausgestorben, auch wenn sich in den Medien Typen präsentieren, die mehr oder weniger dummes Zeug verbreiten, Skurriles als die hohe Kunst der Komik verkaufen wollen.

Dr. phil. Ansgar Jester fühlte sich berufen, dem alten, ehrbaren Stand des Hofnarren wieder neues Leben einzuhauchen und durch eine moderne Spielart zu ersetzen. Darauf gebracht hatte ihn sein Studium der Theaterwissenschaften, insbesondere Komödien aller Art faszinierten ihn. Ich habe Ansgar seit unseren gemeinsamen Studientagen in Cambridge nicht mehr persönlich gesprochen. Er hatte seinerzeit seine viel beachtete Dissertation, „Homeric laughter in the changing course of classical Greek tragedy and its relevance to medieval English comedies.“ im britischen Fachjournal, W.o.W, World of Words, veröffentlicht. Humor, Satire und Lachen wurden zu seinem Lebensinhalt. Damit machte er akademisch auf sich aufmerksam, konnte aber davon nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Ich hatte ihn richtig eingeschätzt, er wollte mehr darstellen, als nur einen intellektuellen Klugscheißer. Ich war daher nicht erstaunt, dass er, zurückgekehrt nach Deutschland, die 'Academy of Sneaky Humor' in Hohenlimburg gründete. An dieser Lehranstalt wurden nicht etwa die hintergründigen Formen der Satire des antiken Griechenlands gelehrt, sondern die Ausbildung zum diplomierten Hofnarren war hier Programm. Diese orientiert sich am Bild des mittelalterlichen Hofnarren, der ungestraft die ungeschminkte Wahrheit sagen durfte. Der moderne Hofnarr wurde in Ansgars Institut für einen Einsatz zum 'Comedy-Escort' für Politiker ausgebildet. Wie Ansgar richtig erkannt hatte, existierte hierfür ein enormer Bedarf. Absolventen der 'ASH“ wurden dann auch häufig von den Abschlussfeiern ihres Jahrgangs von ihren neuen Arbeitgebern vom Fleck weg engagiert.

Die ersten Auftritte dieser neuen Experten von Comedy und Satire stifteten beim Publikum zunächst Verwirrung. Niemand, weder Fernsehsender noch Publikum, verstand auf Anhieb, um was es sich hier handelte, als gesellschaftliche Themen enttabuisiert, in einer völlig neuen Form aufbereitet wurden. Ich musste bei den ersten Auftritten schmunzeln, ich kannte meinen alten Freund nur zu gut, mit seiner hintergründigen Art des Humors.

Diese Form der Darbietung war in Fernsehformaten bislang nie vorgekommen, in denen meistens Komiker als Solisten oder als Duo ihre Auftritte haben. Jetzt gab es eine andere Art der Doppelbesetzung, angelehnt an das ursprüngliche Vorbild aus dem Mittelalter: Herrscher und Hofnarr gemeinsam im Fokus des Publikums. Und es funktionierte, Politiker und Narr, Seite an Seite. Die 'Herren' blieben, so wie sie immer gewesen sind; die 'Hofnarren' entwickelten sich weiter zu Komödianten, die mit Witz und Schlagfertigkeit die Belange der Herrschaften kommentieren. Sie sind in diesem Spiel ihren Auftraggebern stets überlegen und können dies in ihrer Rolle, wie seinerzeit die Narren am Hofe, ungestraft vortragen. Ihre Kunst besteht darin, die scheinbar offene Kritik so zu vermitteln, dass der Zuschauer glaubt, er würde reale Zustände erleben. Dem ist aber nicht so. Es bleibt am Ende ein vermeintlich düpierter 'Herrscher' zurück, der durch unterschwellig geschickt gesteuerte Vortragskunst, im Endergebnis, das dem Publikum geliefert wird, als ein geläuterter Herr im gewünschten Sinne erscheint. Auf diese Weise werden der Öffentlichkeit manipulierte Fakten untergejubelt.

Diese Art des Pseudo-Infotainment wurde von vielen Politikern gerne angenommen, es wurde bald zum Standard. Ich lebte zu dieser Zeit in England und verfolgte das Geschehen mit dem Blick von draußen. Irgendwann stellte ich aus meiner unbefangenen Sicht Abnutzungserscheinungen am neuen Format fest. Etliche Politiker waren dazu übergangen, das Rollenspiel zu verfälschen. Diese Beobachtung teilte ich Ansgar Jester mit. Zu spät, die Veränderungen hatten schon zu viel Eigendynamik entwickelt.

Am markantesten traten hierbei im Laufe der Jahre Politiker aus dem Süden des Landes hervor; ein kolossaler Pfälzer, ein Hüne aus Franken dazu ein langer Dürrer aus dem Sauerland. Sie waren es, die Ansgars Methode in ihrem Sinne ausmerzten. Sie strichen die Rolle des Narren und traten dann als Herr und und Hofnarr in Personalunion auf. Es gab lediglich einen, der wie biesher weitermachte und gar nichts verstanden hatte. Es war ein kleiner Runder vom Niederrhein, äußerlich am besten in die Rolle eines Hofnarren passend. Die Reduzierung auf nur eine Person hatte er noch kapiert, nur hatte er den 'Herren' für sich gestrichen und machte nur noch als Narr weiter. Die Folge, er ging politisch unter gegen einen geschmeidigen Gegner aus dem Norden, der auch nur noch solo auftrat, allerdings in einer modernen Variante, als automatisierter Darsteller. Eine andere politische Gruppierung blieb bei der Methode 'Old School', sie bediente die Öffentlichkeit weiterhin im Duo.

Und dann waren da noch die strammen Kameraden von rechts außen. Die hatten lange Zeit von all den Veränderungen überhaupt nichts mitbekommen und tröteten ihre dumpfen Parolen wie in alten Zeiten heraus. Sehr spät merkten diese Gestrigen, dass ihr System immer weniger funktionierte. Sie versuchten sich in Erneuerung; personell war da jedoch nicht viel zu machen. Ihr Prinzip, auf die Formel gebracht, (Hetze x Hetze) = Hetze hoch2, funktionierte einfach nicht, zu durchsichtig das Ganze.. Es gelang ihnen nicht einmal, sich darauf zu einigen, die aktuelle Farbe in ihrem Logo gegen ein Braun auszutauschen, sie blieben ein Treppenwitz der Zeitgeschichte. Diese Kameraden suchten daraufhin zur Runderneuerung einen externen Coach. Wie die auf meinen Freund Ansgar gekommen sind, ist mir ein Rätsel. Ich weiß nur, dass dieser sich milde lächelnd abwandte. Er hat viel Humor, aber nicht genug, um solch einen völkischen Verein zu beraten.

Dr. phil. Ansgar Jesters geniale Idee war nach anfänglichem Erfolg gescheitert. In einem langen Telefongespräch teilte er mir kürzlich mit, er arbeite bereits an einem neuen Projekt, natürlich eines mit dem Thema Humor. So wie ich meinen alten Freund kenne, wird noch von ihm zu hören sein.

7xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Metti am 17.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Mit dem Doppelgespann Politiker plus Hofnarr wären Talkshows wieder interessant. Es könnte aber immer wieder zu Verwechslungen zwischen Politikern und Hofnarren kommen. Meine Ausbildung zum Dipl. Hofnarr fange ich an, wenn ich endlich mein Jodel-Diplom in der Tasche habe.




geschrieben von Horst Radmacher am 17.11.2022:

Metti, das könnte klappen. Die duale Ausbildung Dipl. Hofnarr - Diplomjodler wird kommen, ganz sicher!




geschrieben von Onivido kurt am 17.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Beschaemt muss ich eingestehen, dass ich die Geschichte 3 mal lesen musste, um ihren tiefgruendigen Inhalt in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Nun muss ich das erworbene Wissen verarbeiten. Saludos///Onivido




geschrieben von Ernst Paul am 18.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Egal, ob es uns gefällt, aber Narren regieren die Welt.




geschrieben von Horst Radmacher am 18.11.2022:

@Onivido: Alle Achtung, dass du die Story gleich dreimal gelesen hast! Es ist tatsächlich so, dass Geschichten, mit deren Hintergründen man sich nur aus der Entfernung befassen kann, oft nebulös erscheinen. Saludos




geschrieben von Horst Radmacher am 18.11.2022:

Ja, Ernst, so ist es leider - und viele von denen erkennt man erst sehr spät.




geschrieben von Gari Helwer am 18.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ein neues Projekt zum Thema Humor deines Freundes Ansgar, Horst, lässt mich hoffen! In Zeiten "manipulierter Fakten" - am Ende sogar zu Raketeneinschlägen in Polen - geht mir der sonst noch gänzlich verloren... Sorgen bereiten mir die ewig gestrigen strammen Kameraden, sie finden hoffentlich nicht doch noch einen Coach - jedoch wäre dessen Mühen ohnehin vergeblich, sie sind zur "Runderneuerung" ja doch nicht fähig... In diesem Sinne, liebe Grüße! ;-)




geschrieben von Horst Radmacher am 19.11.2022:

Du hast recht, Gari, die Zeiten bieten wenig Anlass zur Fröhlichkeit. Die braune Masse, die da von rechts außen hervorquillt, verschlimmert die Lage zusätzlich. Humor ist immer eine gute Waffe, z. Z. brauchen wir allerdings reichlich davon. Ich werde wohlwollend beobachten, was diesbezüglich von Ansgar zu erwarten ist. LG




geschrieben von Christelle am 19.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
In diesem Zusammenhang das Wort „ausmerzen“ zu benutzen, finde ich klasse. Das allein sagt schon so viel, wenn sie Ansgars Methode ausmerzen wollen.




geschrieben von Horst Radmacher am 19.11.2022:

Wie erwartet, Christelle: detailaffin!

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