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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 23.11.2022. Rubrik: Nachdenkliches


Wir sehen uns

Kurioserweise trat ich gerade vor den Parkscheinautomaten, um die anderthalb Stunden zu bezahlen, die ich am Bett meines sterbenden Freundes verbracht hatte. Wir weinten und ich habe ihm den Rücken gerieben, der vom Dauerliegen juckte. Vorsichtig um die Lungendrainage herum. Dann schauten wir ein altes Fotoalbum an, so eines mit Fotoecken und Schwarzweiß-Bildern mit breitem Rahmen, auf denen er im vorderen Teil des Albums heiratete und weiter hinten vom Strand winkte. Vor 50 Jahren.

Sein Mund stand beim Atmen offen und die zu groß gewordenen Zähne hervor. Die Sauerstoffmaschine pumpte zuverlässig ihre Arbeit in seine Nase. Ich verabschiedete mich ziemlich befangen, was sollte ich auch sagen.
2,50 Euro war es dem Automaten wert, daß mein Auto anderthalb Stunden gewartet hatte, während ich einen Sterbenden tröstete, ihm Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten.

Der Schweissausbruch war schon da, als ich den Fünfeuroschein zitternd in den Schlitz des Abrechners schob.
Hätte ich überlebt, würde ich sicher behaupten, ein Fragezeichen auf dem Display gesehen zu haben, sinnbildlich für meine persönliche Frage nach dem Sinn alldessen. Ich ging davon aus gleich bei Kaffee und Keksen zu Hause zu sitzen und nun war ich schneller tot als mein Freund da oben in seinem intelligenten Pflegebett.

Die Frau hinter mir am Parkscheinautomat wusste nichts besseres, als zu kreischen, nachdem mich mein Kammerflimmern zu Boden drückte. Hatte noch nicht einmal das Wechselgeld entnommen, immerhin 2,50 Euro für den nächsten Besuch hier.
Ich gebe der Frau keine Schuld, sie verfügte über keine Erste Hilfe Routine. Ich selbst hätte sie gehabt, aber die Frau ist ja nicht umgefallen, sondern ich. Nur drücken hätte gereicht. Vier Minuten auf meinen Brustkorb. Dann waren die Profis da. Sie wusste es leider nicht, wie viel zu viele Menschen in Deutschland. Beide Arme gestreckt, mit dem Handballen tief in den Brustkorb hinein. Hundert Mal pro Minute. Das ist exakt der Takt von "Staying Alive" , "Atemlos" und was ich besonders gelungen finde "Highway to hell". Also für jeden Musikgeschmack etwas dabei. Nichts, was kaputt gehen kann ausser ein paar Rippen.
Nur Mut, Frau, du brauchst keinen Kurs, mach einfach. Wir kennen uns nicht, aber ich brauche dich jetzt. Ihr Mut beschränkte sich aufs Schreien und ich starb unnötig am Fuße des Parkscheinautomaten.
Als mein Freund wenig später hinüber kam, war er ziemlich überrascht, dass ich schon auf ihn wartete. Schließlich war ich gerade erst quietschfidel mit den Worten "Wir sehen uns" aus seinem Sterbezimmer marschiert.

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