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8xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 24.11.2022. Rubrik: Unsortiert


Die Sache mit dem ersten Satz

J.P. Saager gehört zu denen, die Worte suchen, aber nicht finden. Das trifft nicht auf die kompletten Texte seiner zahlreichen Bestseller zu. Es ist ein guter erster Satz, der ihm jetzt nicht einfallen will.

Der Plot für den neuen Roman steht. Die Handlungsstränge, Erzählperspektive, Charaktere, das ist alles in trockenen Tüchern, J.P. Saager könnte jederzeit loslegen. Und nun so etwas. Schon seit Wochen hat er diesen Hänger, ihm fällt kein perfekter erster Satz ein. Dabei wäre dies ein gelungener Einstieg das Entrée für den Leser, der Anreiz, sich direkt in die Geschichte zu begeben.

Stark frustriert ruft J. P. einen befreundeten Kollegen an, der für seine Formulierungsstärke bekannt ist. Dieser ist hocherfreut, von seinem berühmten Kollegen um Rat gefragt zu werden. Nach einem brutal langen Telefongespräch ist J.P. bestens über den Vorrat an guten ersten Sätzen des Kollegen informiert. Dieser besitzt offensichtlich unzählbar viele davon, kann bezeichnenderweise aber nur einen einzigen fertigen Roman in vierunddreißig Jahren vorweisen. Der Kollege scheint auch ein Problem zu haben, eben an anderer Stelle. Seine Ratschläge mögen gut gemeint sein, aber helfen können sie J.P. nicht, denn dieser möchte sein neues Werk nicht mit einem Plagiat beginnen.

Der frustrierte Erfolgsautor wählt eine andere Option, um
so die Blockade zu lösen. Zunächst stellt er seine Lebensgewohnheiten um. Statt ausschließlich spät am Abend, will er nun schon morgens, direkt nach dem Frühstück mit dem Schreiben beginnen. Die bisher obligatorischen abendlichen zwei bis drei Gläser Rotwein streicht er ersatzlos; einen Erfolg erzielt er dadurch nicht. Im Gegenteil, er hat den Eindruck, eher noch stärker blockiert zu sein. Inzwischen kommt ihm der Gedanke, es könne an seinem Alter liegen, seine vierundsiebzig Jahre fühlen sich nun auf einmal fürchterlich alt an. Aber das kann es doch nicht gewesen sein, nach siebenundzwanzig international erfolgreichen Romanen einfach so zu scheitern? Und überhaupt, er versteht seine jetzige Verbohrtheit nicht, er wähnte sich längst im Zustand einer altersmilden Gelassenheit. Wie auch immer, er will diesen verfluchten ersten Satz.

Und J.P. unternimmt weitere Versuche, den Durchbruch zu schaffen. Zuerst versucht er es mit Sport, er war früher ja ein beachtlicher Schwimmer. Aber den Unterschied zwischen Früher und Heute stellt er schnell fest. Es müsste wohl eher etwas Ruhigeres sein, etwas, das von innen heraus wirkt. Und so landet er erst bei Tai-Chi und dann bei Yoga. Siehe da, schon nach wenigen Wochen kann er feststellen, er ist entspannter. Seine Blockade ist jedoch nicht überwunden; nur stört ihn diese jetzt nicht mehr. Doch das war es nicht, was er erreichen wollte.

An einem seiner erfolglosen Abenden, es ist ein milder Samstagabend Anfang Oktober, verlässt J.P. seine Wohnung, um sich ins Kneipen-Leben zu stürzen. Das hat er schon lange nicht mehr getan, vielleicht hilft ihm das ja weiter. Fußläufig zu seiner Wohnung gibt es zahlreiche Gaststätten, in denen er Ablenkung finden könnte. Hier, am Rande des Hamburger Uni-Viertels, steuert er ein Lokal an, aus dem Gesprächsfetzen und Lachen in verträglicher Lautstärke an sein Ohr dringen. Er betritt die gut besuchte Kneipe und nimmt am hinteren Ende des Tresens platz. Die Entspannung setzt zügig ein. Nach ein zwei Gläsern Bier fühlt er sich deutlich wohler. Hat ihm möglicherweise eine solche Umgebung mit einem gepflegten Getränk gefehlt? J.P. will es nicht ausschließen und gönnt sich noch einen seiner Lieblingsgetränke, einen Ron Botucal, einundzwanzig Jahre im Fass gereift – ein Genuss.

In dem Moment, als er sich nach einem möglichen Gesprächspartner umsieht, schlängelt sich eine Frau an ihm vorbei und nimmt auf dem Hocker neben ihm platz. J.P. kann in seinem Alter mit solch einer Situation entspannter umgehen, seit er nicht mehr den Reflex verspürt, ansehnliche Weiblichkeit automatisch anzuflirten. Er bietet der Dame, wesentlich jünger als er, aber keine ganz junge Frau mehr, ein Getränk an. Von seiner ungezwungenen Art angetan, nimmt diese die Einladung an und deutet auf sein Glas Botucal Rum. Gemeinsame Vorlieben bei Getränken, so etwas verbindet. Und so kommt es völlig unverkrampft zu einem angenehmen Gespräch zwischen den beiden.

Wie sich herausstellt, ist Elena Kastor an diesem Abend aus einem ähnlichen Grund unterwegs wie er. J.P. erfährt, dass sie Werbetexterin in einer großen Agentur ist und eine Hemmung sie aktuell in ihrer Kreativität blockiert; ihr will der passende Slogan für die Werbekampagne eines wichtigen Kunden partout nicht einfallen. Beider ähnliche Ausgangssituationen lassen das Gespräch schnell intensiv werden; bald können sie über die Zufälligkeit ihrer Probleme lachen. J.P. und Elena verbringen einen sehr unterhaltsamen Abend miteinander; ihre beruflich bedingten Blockaden lösen sich an diesem Abend allerdings nicht. Etwas angetrunken, aber noch unter Kontrolle, verabschieden sie sich in den frühen Morgenstunden voneinander. Auch dieses Auseinandergehen verläuft unverbindlich, aber sehr herzlich ab. Nicht einmal Telefonnummern oder E-Mailadressen tauschen sie aus, vielleicht trifft man sich ja wieder einmal, rein zufällig, einfach so, wie an diesem Samstagabend im Oktober.

Ziemlich genau ein Jahr später. J.P. Saagers neuer Roman ist soeben erschienen. Passend zu diesem Zeitpunkt kommt es zu einer Duplizität der Ereignisse. Der Tag der Erstveröffentlichung von J.Ps neuem Roman ist auch exakt der Tag, an dem eine große Hamburger Werbeagentur unter der Federführung einer Elena Kastor eine bundesweite Werbekampagne für eine japanische Automarke mit einem viel beachtetem Werbespruch startet. Der Slogan besteht aus den gleichen Worten wie der erste Satz aus J.P. Saagers neuem Buch: „Nichts ist unmöglich.“

8xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von anschi am 24.11.2022:

In "Mit Veuve Clicqout im Schaumbad" fängt der weibliche Part mit "Schreiben ist etwas ganz Besonderes" an; der männliche beginnt mit : "Wenn man das offene Wasser gewöhnt ist, haben Badewannen etwas von einem Goldfischglas." Die Furcht davor, etwas schon ganz zu Anfang grundfalsch zu machen, haben nur ziellose Feiglinge. Taffe Mädchen und Jungs wissen eigentlich immer, was sie wollen, auch wenn sie nur etwas aufschreiben. Heiter anschi




geschrieben von Horst Radmacher am 24.11.2022:

Wenn du das so sehen möchtest? Es gibt sicherlich taffe Mädchen und Jungs, die nicht feige und ziellos vorgehen und auch wissen, was sie wollen: sie beginnen eher auf empathische Art, potentielle Leser möglichst 'geschmeidig' in die Geschichte einzuführen.




geschrieben von anschi am 24.11.2022:

Sorry, lieber Horst - ich habe eine Geschichte kommentiert, die davon handelt, wie furchtbar schwierig doch ein erster Satz zu finden sei und welche "Durchbrüche" es dafür bräuchte. Das sei Unsinn, meinte ich - eine taffe SchriftstellerIn, gleich ob männlich, weiblich oder quer, hat höchstens die Qual der Wahl zwischen ein paar Hundert oder Tausend Möglichkeiten. Jetzt "konterst" Du meine freundliche Kritik mit der Behauptung, "Es gibt sicherlich taffe Mädchen und Jungs, die nicht feige und ziellos vorgehen und auch wissen, was sie wollen: sie beginnen eher auf empathische Art, potentielle Leser möglichst 'geschmeidig' in die Geschichte einzuführen". Danke, dass Du mich so schön bestätigst und Deinen Bericht über die Qualen eines Schriftstellers, einen ersten Satz zu finden, selbst ad absurdum führst. Warum Du die Beispiele, die ich Dir genannt habe, für "unempathisch" hältst, kannst nur Du wissen. De facto sind sie's aber ganz und gar nicht - ebensowenig wie die zweifach erzählte Geschichte, die danach kommt. Lies doch mal! Liebe Grüße anschi




geschrieben von Onivido kurt am 25.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hola Horst, deine Geschichten lesen sich immer so, als sei das Beschriebene tatsaechlich vorgefallen. Auch diese erweckt den Eindruck. Sehr gerne gelesen. Saludos///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 25.11.2022:

@anschi: Deine Geschichte habe ich nicht gelesen - du meine nicht richtig; meine Anmerkungen auch nicht. Mein Kommentar bezieht sich nicht auf bestimmte Personen/Autoren jeglicher Ausrichtung, sondern auf fehlende Eigenschaften derjenigen, die deiner Meinung nach nicht zu den Taffen zählen, also zu den ziellosen Feiglingen gehören. Dir spreche ich Empathie nicht ab, dazu müsste ich dich besser kennen, was aus der Distanz nicht möglich ist. Solch eine Einschätzung ausschließlich anhand deiner Kommentare vorzunehmen, widerstrebt mir.




geschrieben von Sandra Z. am 25.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich finde, Du schaffst es immer ziemlich gut, die Spannung zu halten. Auch bei längeren Geschichten will man immer wissen, wie es ausgeht.




geschrieben von anschi am 25.11.2022:

Offensichtlich, lieber Horst, hältst du einen ersten und letzten Satz für so wichtig, dass sie über den Erfolg eines Schriftstellers entscheiden. Ein weit verbreiteter Irrtum! Weder ist es besonders schwierig, irgendwelche "erste Sätze" zu finden und sie für gut oder schlecht zu halten, noch lebt die Literatur von ihnen (der erste Satz in deinem Stücklein zum Beispiel ist inhaltlich ebenso wie sprachlich recht dürftig geraten). Ein "erster Satz" ist nichts als ein Auftakt, der zum eigentlichen Thema führt. Mehr nicht. Wer den schon als Hauptwerk sieht, an dem man verzweifeln könnte, hat von Literatur und von Poesie (noch) keine rechte Ahnung. Sie wird vor allem dann nicht größer, wenn man nichts anderes liest. Lesen bildet! Heiter anschi




geschrieben von Horst Radmacher am 25.11.2022:

Danke, Sandra. Freut mich zu erfahren, dass du auch bei etwas längeren Geschichten bis zum Ende dranbleibst.




geschrieben von Christelle am 26.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Super Geschichte, die wieder so klingt, als sei alles so geschehen. Dass der erste Satz des Schriftstellers mit dem Werbespot der japanischen Automarke übereinstimmt, gefällt mir als Schlusspointe sehr. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Slogan erinnern, der seinerzeit in aller Munde war. Wir waren damals in einer Kindervorstellung von „Aladin und die Wunderlampe“. Aladin teilte mit, dass er jeden Wunsch erfüllen könne und bekräftigte das mit: „Nichts ist unmöglich!“ Worauf die Kids im Zuschauerraum im Chor den Namen der japanischen Automarke riefen. Das nennt man gelungene Werbung!!!!




geschrieben von Horst Radmacher am 27.11.2022:

Danke, Christelle. Die Geschichte über Aladins "Kinder-Chor" ist sehr lustig. Für jeden Werbetexter ist es Bestätigung und Wertschätzung, den eigenen Slogan als Teil der Alltagssprache wiederzufinden. LG




geschrieben von Gari Helwer am 30.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Sehr unterhaltsam zu lesen, Horst, mit einer gelungenen Pointe am Schluss!

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