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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von anschi.
Veröffentlicht: 21.01.2023. Rubrik: Unsortiert


Eine Ente mitten in Frankreich

Die Autobahn, die sich vierspurig durch das Tal frisst, soll nur auf Geheiß des damaligen Staatspräsidenten gebaut worden sein, hat mir Frédéric erzählt. Frédéric ist Berufstrompeter und Südfranzose, aus dem Périgord, und hat unsere Hornistin schon zum zweiten Mal geschwängert, absichtlich, wie er behauptet. Martina hat ein hübsches Gesicht. Sie wollte in ein Orchester und hat zwei Jahre lang vorgespielt, überall in Deutschland, und in Österreich. Manchmal hat sie es bis in die letzte Runde geschafft, aber dann wollten sie doch nie das Mädchen mit den hohen Backenknochen und dem weichen Mund haben, sondern eher den Mann, der die Orchesterstellen befehlsgemäß spielte und nicht so, wie ein Mädchen sie sich denkt.

Ich sitze in Frédérics Garten, hinter mir die paar hundert Kilometer über die leere, am Bedarf vorbei gebaute Autobahn, durch eine von der gnadenlosen Sonne verbrannten Ebene, vorüber an Seen mit Wasser wie Gallerte, die Ufer ein Brei aus zerstampftem Sand, Sonnenöl, braunroten Leibern und von Geschrei, das der Fahrtwind vom geöffneten Seitenfenster wegriss.

In Frédérics Garten ist Stille. Der Oleander nickt im lauwarmen Wind, das einzige Geräusch ist das Rascheln der Smaragdeidechsen an den braungelben Mauersteinen des alten Hauses. In diesem Jahr sind meine Kürbisse daheim in München nicht besonders gut gewachsen; kaum so groß wie Kindsköpfe.. Aber sie sind reif, goldorange, außen und innen. Sie heißen wie die Stadt in Japan, die Endstation ist für den bis zur Lichtgeschwindigkeit beschleunigenden Express. Jetzt liegen die beiden Fruchtkörper bewegungslos auf dem Küchentisch in Gourdon, heruntergebremst auf Null. Ihre Hülle ist zerfurcht, so wie man sich Saint-Exupéris Asteroiden vorzustellen hat, vielleicht, entstanden aus Sternenstaub, Konglomerate aus den winzigsten Bestandteilen der Ewigkeit. Kubrick hätte statt der glatten Metallplatten besser Kürbisse genommen, um mit greisem Finger darauf zu deuten, denke ich mir, als ich in der fremden Küche nach den Töpfen suche.

Als Deutsche mit dem Kochlöffel in den Töpfen des Erbfeindes umrühren: Ich schließe die Augen und hab die unsäglichen Karikaturen vor mir, 1870/71 und danach, die so voll Hass waren, dass ihre Druckerschwärze nie ganz trocken wurde vom Geifer. Sie ruhen heute in wasserdichten Giftschränken, keiner will mehr genau wissen, wo. Aber sie drohen immer noch, und sie werden da sein, wenn man nach ihnen ruft, kommt mir in den Sinn, während ich nach dem Messer greife.

Frédéric hat Klappmesser, die man nicht spülen, sondern nur feucht wischen darf. Sein Papa macht sie rasiermesserscharf. Ich spalte die Kürbisse damit und schäle sie, so wie man dünne Späne von einem Scheit holt. Das Fruchtfleisch ist trocken und hart. Ich mache Stifte daraus, drei Zentimeter lang und ein paar Millimeter dick nur, deutsches Fruchtfleisch unter einer französischen Klinge. Dann suche ich nach der Fischsoße.

Ohne Fischsoße wird ein Kürbiscurry nichts. Asiatische Fischsoßen sind Gratwanderungen zwischen Himmel und Hölle, zwischen Unfertigsein und Verderbnis. Der Punkt, an dem sie so sind, wie sie sein sollen, ist nur ein winziger Augenblick. Es gibt eigentlich immer nur das „Noch nicht“ und das „Nicht mehr“, denke ich, und fange an zu pfeifen: Sur les ponts d’Avignon. Ich bin glücklich, heute.

Die Köche von den anderen Sternen schälen die Paprikaschoten, sie schinden sie mit Hitze und plötzlicher Abschreckung, oder sie nehmen einen Kartoffelschäler. Das Curry einer Alleinstehenden aber verträgt soviel Biss, dass die beiden Schoten ungehäutet bleiben können und nur so klein geschnitten werden müssen wie der Kürbis. Und dann das Currypulver. Man kann es sich selber mixen lassen, rechthaberisch, und allen Leuten auf die Nerven gehen damit, aber man beraubt sich dabei der Überraschungen, die in jeder unbekannten Mischung enthalten sind. Das Pulver kann man nicht wirklich selber herstellen, finde ich. Es muss direkt von dorther kommen, wo die Sträucher wachsen und wo die Hitze und die Luft und das Licht potenzierend mitwirken bei der Vermischung. Erst dann können sich die Wirkstoffe schlagartig in den Zwischenräumen eines Gerichtes entladen, für dessen Gerüst der Koch verantwortlich ist.

Die Sommerküche hier ist ein offener Anbau an der Terrasse. Ich nehme den größten Topf und lasse braunen Zucker darin karamellisieren, lösche ihn mit ein bisschen Öl ab und gebe das Currypulver dazu: Nur ein Teelöffelchen voll, oder ein klein wenig mehr. Der entstehende Dampf legt sich auf Bronchen und Bindehäute und es riecht sofort nach den Garküchen Sri Lankas oder irgendwo sonst am Indischen Ozean. Fischcurry ist gelbgrün wie frisch niedergeschlagener Schwefel, nicht braunorange wie der süßlich-schlappe Puder, den sich Schröder immer auf die Wurst streuen ließ. Ich rühre im Topf und schließe die Augen vor dem beißenden Dampf und stelle mir vor, wie es wohl ist, wenn Schröder es seiner So-yeon besorgt, die so dünn ist und die immer lächelt wie ein hilfloses Pony. Schröder ist Pressatmer, weiß ich, und ungefähr dreimal so schwer wie seine Frau. Daran ändern auch seine Maßanzüge nichts. Ob es einem wirklich kommt, wenn man lächeln muss wie ein hilfloses Pony, während man von einem Fass wie Schröder überrollt wird? Ich muss husten.

Der Curry und der Zucker und das Öl sind glatt und ich röste die Schalotten, die Paprikaschoten und die Kürbisstifte nach und nach an damit, schütte ein halbe Büchse Kokosmilch dazu und rühre fünf Minuten lang weiter in dem inzwischen halbvollen Topf: Rot, Orange, Gelb und Lila. Eine gute Prise krümeliges Meersalz dazu, und der Kürbis kommt ins Schwitzen. Ich gebe ihm den Rest der Kokosmilch und eine Tasse Hühnerbrühe dazu. Dann drehe ich das Gas zurück.

Die Entenbrust hat Frédéric auf dem Bauernmarkt besorgt. Die Haut und die Fettschicht hab ich am Abend vorher schon kreuzförmig eingeschnitten und das ganze Teil mit Knoblauch, Ingwer, feingehackter Zitronenschale, Öl und einem Spritzer Fischsauce mariniert. Die Brust ist ganz blass jetzt und erinnert mich an die grobporige, weiße Haut, die meine Großmutter an den Oberschenkeln hatte, wenn sie aus dem Wasser des Starnberger Sees heraus stieg. Eines Morgens lag sie tot in ihrem Bett, auf dem Rücken, das Gesicht immer noch das einer Schlafenden, nur so weiß, mit ein bisschen Gelb drin, und die Augen nicht ganz geschlossen. Es war das einzige Mal, dass ich meinen Opa weinen sah. Es war überhaupt das erste Mal, dass ein erwachsener Mann neben mir in Tränen ausbrach.

Die Brust zischt mit der Fettseite nach unten in der Pfanne, während der Kürbis daneben weiterköchelt. Ich decke die Pfanne mit ein paar heruntergerissenen Blättern einer alten Ausgabe der „Paris Match“ zu, in der uns erklärt wird, dass die Krankheiten des Menschen zu etwa 50 Prozent reine Erfindungen der Pharmaindustrie oder der Margarinehersteller seien. Die Hitze und das spritzende Fett machen die Blätter transparent und ich frage mich, warum dieses Fett für mich denn schädlicher sein sollte als für die Bauernente, die bis zu ihrem gewaltsamen Tod so gut damit zurechtgekommen ist und die gewiss noch ein paar vergnügte Jahre weiter damit hätte leben können.

Ich spüre Frédéric hinter mir und sag zu der Entenbrust: „Wenn man schon auf die einfachsten Fragen die richtigen Antworten nicht findet, wie sollten sich Mann und Frau je verstehen?“ Er drückt mich erst wortlos an sich und meint dann, dass man mit zuviel fragen und zuviel reden alles kaputtmachen könne, und wann das Essen denn fertig sei. Ich sage: „Eine Entenbrust wie diese braucht genau 17 Minuten!“ Und dass man später im Leben deshalb so zerstreut sei, weil man viel mehr über alles Mögliche nachdenken müsse, während man seine kleinen Alltagsgeschäfte erledige.

Hinter meinem Rücken klappern sie mit dem Geschirr beim Aufdecken.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Andy am 23.01.2023:

Gott, ist das schön! Darf ich dich was fragen, anschi? Kannst du mir jede Woche 1 Geschichte schicken? Dich zu lesen, macht mich glücklich. Ich gebe dir 10 € dafür, stecke sie in einen Umschlag und sende sie dir an die Adresse, die du angibst. Wenn du mir lieber per E-Mail schreiben möchtest, lautet meine Adresse: rosmarin92@web.de




geschrieben von anschi am 25.01.2023:

Vorsicht, Andy! Herr Radmacher liest mit, hält Dich öffentlich für mein alter ego und versucht, gegen mich zu hetzen. Damit ihm das nicht gelingt, solltest Du keine Kaufangebote mehr machen, auch wenn Dir meine G'schichterln gefallen. Die wird's hier auch künftig ganz umsonst geben, mögen sie Herrn Radmacher ein Dorn im Auge sein oder nicht. Wie schön doch, wenn einem gesagt wird, man könne mit dem, was man schreibe, nicht nur Entsetzen oder Schadenfreude, sondern auch winzige Momente des Glücks erzeugen. Das kommt nur, wenn die Musen nicht fliehen, sondern sich auf Deinen Schoß setzen, während Du schreibst. ....... Vergnügt ..... anschi




geschrieben von Andy am 25.01.2023:

Dann werde ich auf deine Geschichten warten, ohne mich noch einmal zu zeigen, was ich für das Beste halte. Ende.




geschrieben von anschi am 26.01.2023:

"Sich zeigen", lieber Andy, gehört zum Wesen eines Forums. Ohne Austausch gibt's kein Leben und keinen Fortschritt. Das sollte man sich von Typen wie Herrn Radmacher nicht vermiesen lassen - an denen nagt nur der Neid. ..... Vergnügt ..... anschi

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