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geschrieben 2018 von Saradiart (Saradiart).
Veröffentlicht: 26.12.2018. Rubrik: Persönliches


Ein Besuch beim Kunstprofessor

Gemälde hingen an der Wand, jedoch nicht nur von einem Künstler. Skulpturen gab es ebenfalls, überwiegend von diesem britischen Künstler, oder handelten bloß seine Werke über England? Beide Erinnerungsteile, von denen eines falsch und das andere weniger falsch ist, verschmolzen sich in meinem Gedächtnis wie Öl und Mehl, sodass es mir nicht gelang sie von einander zu trennen oder zu sagen wie viel von einem wahr ist und wie wenig von dem anderen.

An ein Gemälde, wenn es denn so genannt werden kann, erinnere ich mich gut, sehr gut sogar. Vermutlich weil damit Emotionen verbunden sind. Ich gestehe gleich vorweg: es waren unangenehme Emotionen. Das Gemälde war ein schwarzer dicker Punkt, der zentral auf einer weißen Oberfläche gemalt worden ist und von der Mitte nach unten verlief, sowie es üblich ist, wenn sich zu viel Farbe an einer Stelle sammelt.

Mit mehreren anderen Museumsbesuchern betrachtete ich dieses Kunstwerk, allerdings mit undefinierbaren Empfindungen, weil viele Impulse mich in verschiedene Richtungen gezogen haben.
Zum einen zahlte ich, sowie die neben mir stehenden Besucher, für die Ausstellung. In anderen Worten ist mein Verhalten ein Zeugnis dafür gewesen, dass diese Ausstellung Dinge zeigt, die es wert seien betrachtet zu werden.

Zweitens erzählte der Museumsführer - mit Überzeugung! - von dem Einfallsreichtum und der Tiefe, die dem Kunstwerk innewohnen. Sie tat es auf solch eine Weise, dass ich zu fühlen begann, dass ihre Erklärung und das, was sie zu erklären versuchte, miteinander wahrhaftig verbunden seien, sowie die Relativitätstheorie mit unserer Realität verbunden ist. Ich habe gefühlt, dass ihre Erklärung tatsächlich aus dem Kunstwerk herausgenommen sein könnte, anstatt in das Kunstwerk hineingelegt.

Schließlich kommt die schwer leugbare Anziehungskraft der Mehrheit ins Spiel. Diese Kraft, diese Gravitation, die Meinungen dorthin zieht wo die meisten Meinungen sind. Sie trat dann auf, als die Museumsbesucher anfingen der Erklärung zuzunicken und den Eindruck machten, dass sie das Kunstwerk wertschätzen.
Vermischt und fast unmöglich sofort verarbeitet zu werden, verführten mich diese Eindrücke zu glauben - zu fühlen - ich sei mit der Annahme im Unrecht, dass dieser schwarze triefende Punkt auf der Leinwand keine Kunst sei.

Orientierungslosigkeit; ich fühlte Orientierungslosigkeit. Auseinander gezogen von zwei Gegensätzen; nach Norden und nach Süden. Von außen wirkte die Meinung dieses Gemälde als Kunst zu akzeptieren und von innen wirkte meine Überzeugung, dass dieses Gemälde Kunst nicht sein kann.
Oder ist es vielleicht Kunst Menschen zu überzeugen, dass ein Alltagsgegenstand Kunst sei? So wie es bei dem Stuhl der Fall gewesen ist, auf welchen ich mich hinsetzten wollte und daraufhin ein Museumsmitarbeiter mir zurief, der Stuhl gehöre zu der Ausstellung.

All diese Erinnerungen, wie richtig oder falsch sie auch sein mögen, drehten sich in mir, während ich vor der Haustür des Kunstprofessors stand.
Welche Einstellung hat er wohl zu diesem Thema? Wie hätte er gefühlt und gedacht, wenn er an meiner Stelle in dieser Ausstellung gewesen wäre? Welche Erinnerungen hätte er nach der Ausstellung gehabt? Fragte ich mich als ich an die Tür klopfte.

Nachdem sich die Tür geöffnet hatte, bat er mich hereinzukommen. Der Professor sprach ruhig und warmherzig aber trotzdem langsam; er ließ sich Zeit, als ob er viel Zeit hätte, als ob er reich an Zeit wäre. Viel Zeit einzunehmen passte zu ihm, denn er nahm auch viel Raum ein. Langsame Bewegungen und langsame Sprache.

»Trete doch ein, mein Lieber.« murmelte er.
Schönes Haus. Wie geht es Ihnen heute? Wohnen sie schon lange hier? Solche Art von Fragen stellte ich ihm zu Beginn. Fragen eben, die man selten ernst meint, aber auch nicht ernst meinen muss um sie zu stellen, sondern damit man die ernsteren Fragen stellen kann. Mit jenen belanglosen Unterhaltungen und einem Tee zur Aufwärmung fühlte ich, dass es an der Zeit war nach seiner Meinung zu jener Kunst zu fragen, die ich im Museum gesehen habe.

»Professor, sie kennen sicherlich das Museum am Hauptbahnhof. Möglicherweise auch nicht, wenn Sie noch keine Ausstellung besuchten, was meiner Meinung nach kein Verlust wäre.«
Der Professor lächelte. Ansatzweise zumindest. Dachte ich zumindest.
»Ich kann nicht sagen ob es ein Verlust wäre sich dort nie eine Ausstellung angesehen zu haben, mein Lieber.«
Er führte die Tasse Tee an seine Lippen, pausierte, als ob er die Temperatur abfühlen wolle und senkte die Tasse wieder.
»Nein um genau zu sein, ich war noch nie im Museum.«
»Bitte entschuldigen Sie mich, dass ich mich so ausdrücke, aber ich halte diese so genannte Kunst für einen frechen Streich, für einen... ich weiß nicht, für eine minderwertige Leistung oder sonst was, aber auf keinen Fall für Kunst.«
»Was ist für dich Kunst, mein Lieber?«
»Was für mich Kunst ist?«
»Fühl dich frei zu auszusprechen was immer dir auf dem Herzen liegt; deine Antwort wird kein Objekt der Benotung sein. Es liegt in meinem Interesse zu hören wie du wirklich denkst, schließlich sind wir bei mir zu Hause.«
»Das ist eine schwierige Frage, Professor. Kunst ist für mich wie Zeit; wie Zeit, weil ich in beiden Fällen weiß was es ist, solange ich niemandem erklären soll was es ist, aber sobald ich es tun muss, dann erkenne ich wie wenig ich doch wirklich weiß, was Kunst ist. Trotzdem kann ich sagen, was Kunst nicht ist - dieses Gemälde von dem ich gesprochen habe zum Beispiel. Ein Kunstwerk und dieses ästhetische Erlebnis was man hat, wenn man Harmonie sieht, das sind zwei Dinge die zusammengehören, oder?«
Der Professor bewegte sich nicht und schwieg, während er mir in die Augen schaute. Es fühlte sich immer seltsam an ihm in die Augen zu schauen wenn er nichts sagte, weil sein Gesicht sich jeder Interpretation zu widersetzten schien. Daher redete ich weiter:
»Selbst wenn ein Werk diese harmonische Ästhetik nicht hat, so muss es doch einem etwas vermitteln können, verstehen Sie was ich meine, Professor?
Durchaus kann ein Werk von der Form her und auch technisch gesehen anspruchslos sein, doch wenn die zu vermittelnde Idee den Betrachter erreicht, dann sehe ich es auch als Kunst an. Herr Professor, ich habe im Museum nichts dergleichen sehen können.«
Der Professor antwortete schon wieder nicht. In manchen Momenten dachte ich sogar, er reagierte nicht. Auch wenn dieser Besuch eine konkrete Absicht hatte, fühlte ich mich so, dass meine Intention sich auflöste, sowie man aus verschiedenfarbiger Knete Dinge formt und sie anschließend alle zusammen in eine Masse vermengt, bis nur noch ein undefinierbares grau-braun übrig bleibt. So fühlte ich mich. Nicht nur, dass sich meine Absichten verwässerten, sondern auch meine Wahrnehmung. Einen Moment zuvor schien ich zu dem Professor gesprochen zu haben, aber im nächsten Moment wirkte es so, als wenn ich zu mir redete, in mir redete, während alles andere nur eine Vorstellung zu sein schien - der Raum eingeschlossen.
Während ich mich nach vorne beugte, um Schwung zu holen und aufzustehen, sagte ich dem Professor ich müsse ein Glas Wasser trinken. Unbeabsichtigt aber nicht unbewusst ging ich langsam, langsamer als ich sonst gehe, zum Wasserhahn. In jenem Augenblick schlug mein Herz doller, so als ob jemand mit der Faust, von innen, gegen mein Brustkorb gehauen hätte - aus dem Wasserhahn floss kein Wasser. Mehrere Sekunden der Stille vergingen und wie man es kennt, vergehen stille Sekunden langsamer als normale.
»Das mit dem Wasserhahn muss ich noch klären, tut mir leid, mein Lieber. Mit Freuden würde ich dir ein Getränk anbieten, bedauerlicherweise habe ich keines hier. Hör mal, ich bereite dir gleich einen weiteren Tee zu, was hältst du davon, mein Lieber? Das kann ermüdend sein sich in unbrauchbaren Gedanken zu verlieren; setzt dich doch wieder in den bequemen Sessel, zu mir, damit ich mit Interesse dir weiter zuhören kann.«

Dieses Gefühl war immer noch da, vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Der Professor bewegte sich nicht, während er gesprochen hat. Auch den Tee hat er nicht getrunken. Das einzige was ich sehen konnte war sein vom Kaminfeuer angeleuchtetes, verschwitztes Gesicht, das stets nach vorne gerichtet war. Auf den Sessel wollte ich mich nicht mehr setzten.
Eine Überraschung wäre es, wenn keine Bilder in seinem Wohnzimmer hingen.
Tatsächlich; dort hing ein Bild an der Wand. Ein besonderes Bild.
Ein edler Rahmen im Querformat aus Gold. Dieser umrahmt eine dunkle Holzplatte. Auf dieser wiederum hängt das Bild. Wenn es denn als Bild bezeichnet werden kann.
Es war nämlich ein horizontal ausgebreitetes Toilettenpapier, dass schon benutzt worden schien. Jedenfalls befand sich auf jedem der Toilettenpapierabschnitte eine braune Masse, welche aber nach rechts immer weniger wurde und immer mehr an Farbintensität abnahm, wie man es auch von Farbkarten kennt. So als ob es nach dem Benutzten wieder ausgerollt wurde.
Als ich das Bild auf mich wirken ließ überkam mich ein Gefühl der Erhabenheit. Möglicherweise übertreibe ich, aber es war definitiv, eine tiefgehende Empfindung des Staunens. Es hatte eine hypnotische Verführung, die mich die Äußerlichkeiten noch mehr vergessen ließ bis ich im Glas, welches das Bild bedeckte, die Reflektion des Gesichts des Professors gesehen habe, der plötzlich hinter mir stand.
Erneut setzte mein Herzschlag aus.
»Erzähl mir wie du dich fühlst, mein Lieber, was empfindest du?« flüsterte er.
»Es ist ein interessantes Kunstwerk. Irgendwie, ohne es analysiert zu haben, sondern rein intuitiv, wie man ein trauriges oder fröhliches Gesicht erkennt, überkam mich das Gefühl den Lebenskreislauf gesehen zu haben; das Kommen und Gehen. Ich sah vor mir klar und deutlich, noch deutlicher als ich den Raum hier sehe, den Nahrungskreislauf auf der Erde. Ich habe gesehen wie die Erde und Sonne aus winzigen Samen große Bäume und wuchernde Pflanzen macht. Ich habe gesehen wie Tiere sich an dem Ertrag der Bäume nähren. Ich sah wie Vögel in dem Schatten der Bäume Ruhe finden. Ich sah wie Raubtiere die Pflanzen fressenden Tiere fressen. Schließlich sah ich wie der Mensch auch diese Tiere fängt und selber isst bis sie schließlich, in den Verdauungsresten enden. Wie der Mensch gefressen wird sah ich aber nicht, was ich jedoch sehen konnte war, wie der Mensch zersetzt wurde und schließlich, wie seine Exkremente, als Nährstoff endet und zwar für den, der eigentlich der erste Nährstoff war - die Pflanze. Das alles, Herr Professor, habe ich gesehen, als ich auf dieses ausgerollte, benutzte Toilettenpapier schaute.«

Während ich gesprochen habe, schaute ich durchgehend dem Professor ins Gesicht - in sein reflektiertes, verschwitztes und inzwischen leicht lächelndes Gesicht in der Glasscheibe auf dem Bild; bis mir ein ähnlicher Gedanke kam, der sich auch beim Museumsbesuch in meinem Kopf drehte. Zwei, mich auseinander ziehende Gefühle.
Zum einen das tiefe Erstaunen von Innen heraus und zum anderen meine Beobachtung, dass das Kunstwerk eigentlich nur Scheiße ist, wortwörtlich Scheiße.
Diesmal aber, im Gegensatz zu meinem Museumsbesuch, sagte mein Inneres dies sei Kunst - wahre Kunst! - aber das Äußere sagte, dass es Müll sei.
Etwas in mir gab den Kampf zwischen den Gegensätzen auf; etwas in mir lehnte nun ab an beiden Richtungen festzuhalten - nach Süden und Norden gleichzeitig rennen zu wollen. Und das alles, obwohl ein viel größerer Gegensatz entstand: ein Gegensatz zwischen zwei Gegensätzen. Der Gegensatz zwischen Außen und Innen wie ich ihn im Museum erlebte gegen den Gegensatz den ich zwischen Außen und Innen bei meinem Kunstprofessor erlebte.

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