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geschrieben 2023 von Federteufel.
Veröffentlicht: 21.11.2023. Rubrik: Unsortiert


Mäuse

Nachdem Hauptkommissar Greulich im Tunnel verschwunden war, gingen seine beiden Kollegen zurück ins Wohnzimmer.
Oberkommissar Weichbrodt ließ sich in einen Sessel fallen, legte die Füße auf den Couchtisch, steckte den kleinen Finger der rechten Hand ins linke Nasenloch und popelte genüsslich. Frau Feucht betrachtete die aufwändig gerahmte Kopie eines modernen Meisters der Malerei. Der Maler hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, ein Klavier, eine Geige sowie eine leere Blumenvase vollständig zu zertrümmern und wieder kunterbund zusammenzusetzen.
„Verstehn Sie was von Kunst?“, fragte die Kriminalkommissarsanwärterin und drehte sich um. Sie stutzte. „Mann!“, rief sie, „wenn Sie oben sind, schicken Sie mir ´ne Ansichtskarte?“
„Da gibt’s nicht viel zu sehen“, kam es munter zurück, „hinter der Stirne ist es dunkel.“
„In echt? Wusste gar nicht, dass ein Nasenloch so weit reicht.“
Sie setzte sich.
Hinter einer Wand knabberte und knackste es. „Mäuse“, sagte Frau Feucht mit angeekelter Miene, „scheiß Ungeziefer. Wenn du Pech hast, nagen sie dir die Telefonleitung durcht. Nagen ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Ihre Nagezähne wachsen nämlich immer wieder nach und müssen durch ständiges Nagen geschärft werden. Und Kinder kriegen, und kacken. Das können sie auch gut. Du glaubst ja nicht, wo ihre Kötel überall herumliegen.“
„Klingt, als hätten Sie einschlägige Erfahrungen gemacht!“, meinte der Oberkommissar und gähnte.
Frau Feucht lachte ungut. „Und Ob! War fast so weit, auszuziehen. Nachts ab halb zwei ging´s los.
Erst verhalten – knacks – knacks – dann immer lauter und aggressiver – kricks-kracks – kricks-kracks, dazwischen ein spitzes Pochen, wie wenn ein Kind versucht, mit einem Spielzeughammer einen Nagel einzuschlagen. Unglaublich. Als hätte sich ne ganze Mäuseschaft vorgenommen, die Hütte in Grund und Boden zu zernagen. An erholsamen Nachtschlaf war nicht zu denken. Zunächst legte ich Köder aus, diese von der sanften Sorte. Ein Opiumpräparat oder so, das die Viecher angeblich glücklich entschlummern lässt. Nützte aber nix. Das Zeug stand tagelang unbenutzt herum, keiner wollte anbeißen. Und wieder ging es, kaum hatte ich ein Auge zugedrückt: Knicks – knacks – knicks – knacks – kricks-kracks – kricks-kracks, genau über meinem Bett. Verzweifelt klopfte ich mit dem Besenstiel gegen die Zimmerdecke. Für ein paar Minuten war Ruhe, dann ging der Tanz von vorne los. Hätte lang auf den Teppich kotzen können.“
Frau Feuchts Hand schob sich auf die Cognac-Flasche zu, die der Flüchtige zurückgelassen hatte.
„Ein Bekannter riet mir, ganz gewöhnliche Mausefallen zu kaufen und sie mit stark riechendem Käse zu bestücken. Käse, versicherte er mit Kennermiene, besonders vor der kräftigen Sorte, fräßen Mäuse besonders gerne. Kaufte gleich vier, zu zweit im Doppelpack, die sind billiger als einzelne. Nagelte in drei davon je ein Stück alten Gouda fest, spannte sie und legte sie aus. Eine in die Küche, eine ins Wohnzimmer, eine ins Schlafzimmer, die letzte hielt ich in Reserve. Wer weiß, dachte ich, wo das lichtscheue Gesindel sonst noch auftaucht. Können ja bekanntlich senkrecht die Wände hochklettern. Abends legte ich mich todmüde ins Bett und schlief bis halb vier. Dann weckte mich ein knisterndes Geräusch.
Denkste! Nicht die kleinste Maus tappte in die Fallen. Eine Bekannte riet mir, Schokolade zu nehmen, die fräßen sie am liebsten. Ersetzte also die Käsestücke durch Schokoladenstücke. Nichts. Ein Dritter schwor mich auf Lebendfallen ein. Mäuse, meinte er, seien sensible Tiere, sie röchen die Lebensgefahr. Nur ordentlich durchwachsenen Speck rein, rief er, dann bist du die Plage bald los. Ich Idiot besorgte eine sauteure Lebendfalle, tat ordentlich durchwachsenen Speck rein – –
Es war wie verhext. Auch diese Falle blieb leer, der Speck unangetastet. Wer hat bloß das Gerücht aufgebracht, rief ich verbittert, man könnte Mäuse mit Fallen fangen? Die Biester wollten anscheinend weder glücklich noch frei sein. Und wieder, kaum war ich eingeschlafen . . . kricks-kracks . . . ähem . . . Morgens, im Spiegel, sah ich aus wie an die kahle Wand geschissen. Gut, ich kürze ab, viel zu erzählen gibt’s eh nicht mehr.“
Die Finger der Kriminalkommissarsanwärterin umspielten die Cognac-Flasche.
„Eines Morgens stand ich mit einem Schädel wie eine übervolle Wassermelone auf und tappste halb ohnmächtig vor Müdigkeit zu dem Verschlag im Flur, in dem ich alte Schuhe und allerlei Krimskrams aufbewahrte, unter anderem die Flasche mit dem Cognac. Hey, grinsen Sie nicht so blöd! Schließlich muss sich die gequälte Kreatur auch mal einen Lichtblick gönnen. Na, Verschlag ist vielleicht zu viel gesagt, war eigentlich nur ein breiter Spalt im Mauerwerk, vor dem jemand eine Klappe angebracht hatte, ist auch egal. Jedenfalls, die Klappe hatte ich seit einem halben Jahr nicht mehr geöffnet. Merkte gleich, dass es komisch roch, und unter der Klappe lagen haufenweise Mausekötel. Vorsichtig öffnete ich die Klappe, und da sah ich sie – nein, nicht die Mäuse –“ Frau Feucht lachte trocken und zog das Cognacglas heran, „sondern die Bescherung. Die Tüte mit den zwei Kilo Vogelfutter total zerfetzt, die Sonnenblumensamen und die Meisenknödel zernagt, darunter bergeweise Abfall und Mausescheiße. Jetzt wurde mir einiges klar. Satte Mäuse tappen nicht in Fallen. Ich verschloss sämtliche Nahrungsmittel, die ich im Hause hatte. Ließ ein paar Tage verstreichen, und siehe da, fing nacheinander eine ganze dicke fette Mäusefamilie. Brrr . . . werd jetzt noch ganz kirre, wenn ich an die Zeit zurückdenke.“
Weichbrodt fläzte mit halb geschlossenen Augen auf dem Sofa und summte:

„Pigale, Pigale, das ist die große Mausefalle mitten in Paris . . .“

„He! Haben Sie überhaupt zugehört?“, schnauzte Frau Feucht und machte Anstalten, sich einen Cognac einzugießen.
„Wie? Wer? Ich? . . . ähh, doch ja.“
„Was sagte ich denn gerade?“
„Sie sagten . . . Sie sagten . . . hmm . . . Sie sag-ten, dass Sie beim Denken ganz kirre werden.“ Der Oberkommissar richtete sich auf. „Das Glas und die Flasche stellen Sie mal ganz schnell wieder auf den Tisch. Wir sind im Dienst.“
„Wie, jetzt kurz vor Mitternacht auch noch?“, blödelte die Kriminalkommissarsanwärterin. „Kein Wunder, dass unser Beruf so beliebt ist.“

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