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8xhab ich gern gelesen
geschrieben 2023 von Federteufel.
Veröffentlicht: 21.12.2023. Rubrik: Unsortiert


Der feuerrote Kachelofen – eine gemütliche Geschichte

Auf einmal erfasste mich Abenteuerlust. Auch ohne den strömenden Regen, der gerade rauschend niederging, hätte ich dieses verfallende Haus besichtigt. Solche alten Häuser ziehen mich magisch an. In ihnen haben Menschen gelebt, geliebt, gelitten. Jahrelang, Jahrzehnte lang. Feste wurden gefeiert, Tote betrauert, Ehe-Tragödien spielten sich ab. Was ist nach Jahren des Verfalls davon noch zu spüren? Warum wurde das Haus verlassen? Warum muss es sterben?
Über Staub und Schutt stolperte ich in das nächstbeste Zimmer. Überall Spinnweben, Staub, Dreck, Verfall: Heruntergerissene Tapeten, beschmierte Wände, verquollene Dielen. Und da entdeckte ich eine Überraschung: In einer Ecke stand ein gut erhaltener Berliner Kachelofen – feuerrot schimmernd, glatt und blank wie eben erst geputzt. Er stand da, stramm und bewegungslos wie ein etwas in die Breite gegangener Rekrut; er schien auf mich gewartet zu haben, seine Ofenklappe starrte mich erwartungsvoll an.
Solch ein Ofen stand damals in der guten Stube der Großeltern. Nur war er nicht feuerrot, sondern dunkelgelb. Fast vergessene Bilder werden wieder lebendig, lang vermisste Gerüche steigen wieder auf ...

Die sonntägliche Kaffeetafel am ersten Weihnachtstag. In der Ecke der knisternd-wärmende Kachelofen. Schon in aller Frühe hat die Großmutter die Briketts aus dem Kohlenkasten in der Küche auf die Glutnester der letzten Nacht gelegt. Seine glatt-glänzende Oberfläche ist durch jahrlanges Heizen von feinsten Rissen überzogen.
Die spitzenbesäumte blütenweiße Tischdecke, der selbstgebackene Kuchen (von der Großmutter). Die Schüssel mit der Sahne. O Sahneschüssel – schneeweißes Traum-Gebirge über blau-geblümtem Porzellan-Wunder! Daneben die nostalgische Kaffeekanne mit der heißen Gabe aus dem Morgenland …
Im Winkel am anderen Ende des Zimmers der Weihnachtsbaum aus Großmutters Garten, jetzt schon ziemlich abgenadelt, dafür aber immer noch liebevoll geschmückt. Die selbst gebastelte Krippe (von mir) mit der Heiligen Familie samt Ochs und Esel aus Pappe. Darunter in wüster Unordnung Berge von buntem Papier, aufgerissenen Kartons und Geschenken.
Die Großmutter erscheint, in der einen Hand die Flasche mit dem „Kloaren“, in der anderen das Tablett mit den Gläsern. Die Pfeife des Großvaters erzählt knorrige Geschichten. Sein Qualster brutzelt einen herben Großvatergeruch aus. Überhaupt, diese Gerüche ...
Der Duft des frisch gebackenen Kuchens, vermischt mit dem Duft des Getränks aus dem Morgenland. Der Geruch der Bratäpfel in der Ofenröhre, auch wenn das Endprodukt mit Zimt nicht immer meinen Vorstellungen entspricht. Dazu der Hauch von Großmutters feiertäglich gestärkter Schürze. Welch eine köstliche Geruchssinfonie! Dann draußen: Dieser Braunkohlengeruch aus dem Schornstein. Ja und ja, Braunkohle ist heutzutage ein Unwort, ihre Verfeuerung gilt als Sünde wider die Natur. Trotzdem, ab und zu rieche ich ihn manchmal noch, diesen herb-würzigen Geruch, und dann bin ich schlagartig wieder Kind. Wie jetzt.
Der Großvater klopft die Pfeife aus und ruft: „Lisbeth, wo bliwt de Kloaren, Durscht bliwt Durscht, sogar mit ochtzig Joaren!“
Vater sagt: „Erst wird gesungen.“
Währens wir singen, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich, schneidet die Großmutter den Pflaumenkuchen auf und gibt jedem ein Stück auf den Teller. Als wir zuende gesungen haben sagt sie: „So, Kinners, ßetzt euch und nehmt ßahne!“
Es ist jetzt fast still, und auf einmal beginnt das nächste Wunder: Der Kachelofen fängt an zu singen. Erst ganz leise, säuselnd und unsicher, als habe er die rechte Melodie noch nicht gefunden, dann lauter, bestimmter. Doch jetzt erkenne ich sie: Es ist die Melodie zu Großvaters Pfeifen-Geschichten, nur nicht im Bass, sondern im Diskant. Natürlich singt nicht der Ofen persönlich, dazu ist er zu alt – und vielleicht auch ein klein wenig zu eingebildet; er lässt singen. Nämlich die Kanne mit dem Tee meiner Mutter. Sie verträgt keinen Bohnenkaffee.
Wieder ruft der Großvater: „Lisbeth, wo bliwt de Kloaren. Durscht bliwt Durscht, sogar mit ochtzig Joaren!“
Die Großmutter schraubt die Flasche auf und gießt ein. Sogar mein Bruder und ich bekommen einen winzigen Schluck.
„Nu, Kinners und Kinneskinners, proscht!“, ruft sie. Die Großmutter ist die erste, die einen kippt. Ich schüttle mich und mache „Brrrr“, mein Bruder verschluckt sich und muss husten. Es dauert nicht lange, dann fängt die Großmutter an zu erzählen. Sie erzählt von früher, wie sie damals das Weihnachtsfest feierten, dann etliche Schnurren aus ihrer Jugend, und der Kachelofen summt sein Lied dazu. Es sind die alten Geschichten, die sie immer wieder erzählt; trotzdem höre ich sie gern.
Ein Schauer der Ergriffenheit läuft mir über den Rücken. Ach, wie ist es doch wieder gemütlich ...

Der Regen hatte aufgehört; ein Sonnenstrahl sprang aus grauem Gewölk und blickte ins Zimmer. Im offenen Türloch blieb ich noch einmal stehen und blicke zurück. Da stand er, der feuerrote Geselle, und tat so, als sei er stumm wie ein Stein und habe er nichts zu erzählen. Dabei war er doch randvoll mit den angenehmsten Erinnerungen.
In einer Art vorweihnachtlicher Festtagslaune verließ ich das Haus.


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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Marlies am 21.12.2023:
Kommentar gern gelesen.
Lieber Federteufel,
Deine so anschaulich beschriebenen Weihnachtsstimmungen haben auch bei mir Erinnerung geweckt. Wie schön war es mit dem bunten Teller, mit Äpfel Apfelsine Nüssen und vielleicht sogar einem Marzipanbrot und dem
gemeinsamen Singen der alten Weihnachtslieder .
Vielen Dank dass du mich auf eine so schöne Reise in die Vergangenheit mitgenommen hast.

Liebe Grüße
Marlies




geschrieben von Jens Richter am 22.12.2023:

Hallo Federteufel,
Deine Geschichte hat mich auf eine Reise in meine eigene Kindheit zurück versetzt.
Ich schließe mich den Zeilen von Marlies an, vielen Dank für die Tür, die Du geöffnet hast.
Sehr gern gelesen!
Viele Grüße, Jens🎄




geschrieben von Gari Helwer am 22.12.2023:

Eine wunderschöne Geschichte, Federteufel! Du hast so plastisch geschildert, dass ich es lesen konnte, als hätte ich neben Dir gestanden! LG

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