Veröffentlicht: 23.11.2024. Rubrik: Kinder und Jugend
Der einsame Schneemann
Ein wenig unglücklich schaute der Schneemann aus seinen dunklen Knopfaugen und insgesamt war er von einer stattlichen Größe doch weit entfernt. Viel zu weit! An den Kindern lag es ganz sicher nicht, denn die gaben sich viel Mühe, um den Schneemann zum Leben zu erwecken. Sie kratzten jede noch so dünne Schneeschicht von Wiesen und Autos zusammen, um dem Körper eine angemessene Form zu verleihen. Auch wenn die Kinder versuchten, nur sauberen und ganz weißen Schnee zu verarbeiten, wirkte der einsame Schneemann doch ganz schön fleckig. Aber der Schnee gab wieder einmal nicht mehr her.
Als er sich später allein seine Umgebung anschaute, wurde er sehr traurig, erwartete er doch eine weiße Welt voller Winterzauber und spielender Kinder. Stattdessen war es um ihn herum nur grün und still. Wie gerne hätte er doch die Schneebälle der Kinder aufgefangen, die seinen Leib auffüllten. Wie gerne hätte er sie in seinem leuchtenden Weiß angestrahlt und ihnen zugelächelt.
Die wenigen Schneeflecken, die sein Blick noch ausmachen konnte, schmolzen schnell unter einem wehvollen Klagen dahin. Er sah auch keinen anderen Schneemann oder eine Schneefrau, mit denen er sich hätte unterhalten und sein Leid hätte teilen können. So stand er ganz allein auf der fast grünen Wiese und seine Schneemanntränen liefen an seiner krummen Möhrennase entlang.
Da kam das kleine Mädchen Anneliese noch einmal vorbei und wischte ihm das Wasser von der Nase. „Ach du armer Schneemann, wir haben uns so viel Mühe gegeben und wir hätten dir auch so gerne eine Schneefrau gebaut, aber schau dich um, jedes Jahr fällt weniger Schnee. Oma sagt, das könnte am Klimawandel liegen. Ich finde Klimawandel blöd, auch wenn ich gar nicht so recht weiß, was das ist. Weißt du, Schneemann, ich habe sogar einen Schlitten, aber den konnte ich noch nie benutzen.“
Als der Schneemann das hörte, wurde ihm ganz weh um sein kleines Schneeherz, und ihm liefen erneut kleine Wassertropfen an seiner Möhrennase entlang. Anneliese wischte sie wieder vorsichtig ab und sammelte flink noch ein paar letzte Schneereste, um von ihm bereits weggeschmolzene Stellen auszubessern. Dann nahm sie den Schneemann ganz vorsichtig in den Arm und gab ihm einen warmen Kuss auf seine kalte Wange.
Nach dem kurzen Kuscheln schüttete das kleine Mädchen dem kleinen Schneemann ihr Herz aus: „Weißt du, Schneemann, ich bin jetzt schon ganz traurig, weil Papa gesagt hat, dass du morgen wahrscheinlich schon nicht mehr bei uns bist. Dabei habe ich dich doch so gern und könnte noch ganz viel mit dir spielen. Weißt du, wir könnten zusammen Schneemannfamilie spielen, wenn du es magst, und ich wäre dann deine kleine Schneetochter oder du mein Schneebruder. Ich habe nämlich keinen Bruder, weißt du? Warte, ich habe eine Idee, ich bin sofort wieder da!“ Und schon war der kleine Wirbelwind unterwegs und rannte zu ihrem Haus, das am Ende der Wiese stand.
Der Schneemann spürte schon, wie an einigen Stellen seine Haut wässrig wurde, und auch wenn er gerade erst zum Leben erweckt worden war, schien es, dass sein Ende bereits nahte. Er hatte noch nicht einmal einen einzigen Sonnenaufgang gesehen, und so wie er sich fühlte, würde er auch nie den Zauber eines Sternenhimmels erleben, denn seine Knopfaugen saßen schon ganz locker in ihren kleinen Schneehöhlen.
Anneliese kam zurück und hatte ihren Papa an der Hand. „Da bin ich wieder, kleiner Schneemann. Ich kann auch nicht lange bleiben, denn es gibt jetzt gleich Essen, aber Papa macht schnell ein paar Fotos von uns beiden mit seinem Handy.“ Dann nahm das kleine Mädchen den Schneemann in den Arm und ihr Vater machte mit seinem Handy fleißig Fotos. Als sie fertig waren, drückte Anneliese noch einmal ganz vorsichtig den kleinen Schneemann. „Einmal komme ich noch, aber jetzt muss ich zum Essen. Wenn ich wiederkomme, habe ich eine Überraschung für dich, aber die verrat ich noch nicht!“ Und schon waren das Mädchen und ihr Papa verschwunden.
Dem Schneemann wurde immer wärmer und als er spürte, dass es anfing zu regnen, konnte er seine Tränen nicht mehr von den vielen Regentropfen unterscheiden. Seine porige Haut wurde immer glatter und glänzender und instinktiv wusste er, was das bedeutete. Als Anneliese mit ihrem Papa wiederkam, fühlte er sich noch kleiner, als er sowieso schon war.
„Da bin ich wieder, kleiner Schneemann, und schau, was ich dir mitgebracht habe. Mein Papa hat unsere Bilder ausgedruckt und von jedem zwei Ausdrucke gemacht. Einen für dich und einen für mich. Schau mal, wie toll die geworden sind.“ Und Annelise zeigte dem Schneemann jedes Bild und erklärte ihm genau, was darauf zu sehen war. Ihr Vater stand mit ihnen zusammen lächelnd im strömenden und eiskalten Regen und wünschte sich so sehr, dass der kleine einsame Schneemann die Nacht noch überstehen würde, damit seine Tochter auch morgen noch einmal erleben konnte, was in seiner eigenen Kindheit noch das Schönste und Normalste von der Welt war.
- Ende_-
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