Veröffentlicht: 28.11.2025. Rubrik: Unsortiert
Lovestory
Es war einmal eine Frau mittleren Alters – nennen wir sie Anne – die eine sehr schwere Zeit durchlebte. Sie war traurig, unglücklich, verzweifelt und hoffnungslos. Das hatte Spuren hinterlassen, sie wurde krank. Ihr tüchtiger Hausarzt hielt eine Kur fernab von den täglichen Sorgen für dringend geboten und sorgte dafür, daß man sie ihr gewährte.
Und so kam es, daß Anne eines kalten Dezembermorgens mit gepackten Koffern auf dem Bahnhof stand und auf den Zug Richtung Davos wartete – ja, dorthin sollte es zu ihrer Überraschung gehen.
Die Fahrt war lang, und erst spät am Abend hatte sie ihr Ziel erreicht. Müde war sie, und dunkel war es auch schon. Man konnte nicht wahrnehmen, wie es draußen aussah. Erschöpft fiel sie in ihrem Zimmer ins Bett.
Der nächste Morgen brachte eine große Überraschung: Vor ihrem Fenster breitete sich ein beeindruckendes Panorama aus. Eine herrliche, dick verschneite Winterlandschaft mit Tannen und hohen Bergen, in hellen Sonnenschein getaucht, bot sich ihrem erstaunten Blick.
Im Speisesaal schaute sie über das riesige Frühstücksbuffet, unentschlossen: Sollte sie zugreifen oder nicht?
Da wünschte ihr plötzlich eine sehr symathische Männerstimme einen Guten Morgen. Sie schaute auf – und in die blauesten Augen, die sie jemals sah. Ein tiefes, volles Blau wie es nur ganz selten vorkommt.
Als sie ihren Platz zugewiesen bekam stellte sie fest, daß dieser Mitpatient am Nebentisch ihr genau gegenüber saß, direkt in ihrer Blickrichtung. Und daß er hin und wieder verstohlen zu ihr herübersah, hatte sie bald festgestellt. Jedoch maß sie dem keine besondere Bedeutung bei. Zum einen weil sie viel zu sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt war, zum anderen weil dieser Herr offensichtlich etliche Lenze mehr erlebt hatte als sie.
Man begegnete sich öfter, rein zufällig natürlich, und so hatte sie Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Sein Haar war zwar schon ergraut, seine Erscheinung jedoch sehr gepflegt, die Figur gut – nicht dick, aber auch kein dürrer Hering, die Kleidung korrekt, sein Gang gerade und aufrecht.
Man kam ins Gespräch, seine Ausdruckweise war sehr gewählt und er war gebildet und vielseitig interessiert. So war es eigentlich ganz selbstverständlich, daß man sich auch in der Freizeit außerhalb der Klinik traf und gemeinsam Dinge unternahm. Das Kirchner-Museum z.B. besichtigte, gemeinsam mit dem Bernina-Express bis nach Poschiavo fuhr, sich mit der Seilbahn auf Schatzalp oder Parsenn, Strela, Weißfluhjoch und andere Gipfel tragen ließ oder gemeinsam die Langlaufloipen unsicher machte. Der ältere Herr aus Hamburg hatte sich in die wesentlich jüngere Frau verliebt. Und im Laufe der Zeit faßte auch sie Vertrauen zu ihm, es wurde mehr daraus. Das war den beiden klar, als sie sich trennen mußten. In Frankfurt verließ sie die Bahn, er fuhr weiter nach Hamburg. Jedoch das war nicht das Ende – es fing gerade erst an. Denn schon kurze Zeit später besuchte er sie in ihrer Heimatstadt. Und sie erwiderte den Besuch und fuhr zu ihm nach Hamburg.
Über diesen Ereignissen hatte sie eine Begebenheit schon fast vergessen: Der Chefarzt der Klinik hatte sie angesprochen. Er hatte in ihren Unterlagen gesehen, daß sie in einem Krankenhaus beschäftigt war und suchte für einen Kollegen in einer anderen, wesentlich größeren und auf großer Höhe gelegenen Klink eine Hilfe. Halbherzig hatte sie zugesagt, nach ihrer Rückkunft Bewerbungsunterlagen dorthin zu schicken, meinend daß ja doch nichts daraus würde. Jedoch weit gefehlt: Mitten in diese erste zarte Liebe platzte die Nachricht, sie möge dorthin kommen und sich vorstellen. Bahnticket und Spesen waren beigefügt. Aufgeregt rief sie in Hamburg an und fragte: „Bist Du flexibel?“ Das war er, weil ungebunden (verwitwert) und in Rente nach seiner Tätigkeit als Augenoptikermeister in einer großen amerikanischen Firma bzw. deren Niederlassung in Hamburg. Und so fanden sich die beiden nach nur ganz kurzer Zeit wieder in Davos ein, sie mit vor Aufregung rebellierendem Magen. Das wäre jedoch gar nicht nötig gewesen, denn sie kam, sah und siegte – sie hatte den Job! Es blieben ihr gerade noch vier Wochen Zeit, ihre Wohnung aufzulösen, die Sachen auf die Bahn zu verfrachten, die Formalitäten zu erledigen.
Für ein Visum hatte die Klinik schon gesorgt. Daß die Schweizer sehr gründlich sind, sollte sie noch feststellen.
Schwer fiel ihr der Abschied von ihrem Sohn, ihrem über 2 m großen Baby, der zwar schon volljährig war und bald seine Lehrzeit als Koch in einem großen Hotel vor Ort beenden sollte, jedoch ihren Vorschlag, ihn dann zu sich zu holen ablehnte. Er zog die Bundeswehr vor, wo er sich als Zeitsoldat verpflichtet hatte.
In Davos angekommen, wies man ihr ein sehr hübsches Apartment auf dem Klinikgelände zu mit einem herrlichen Blick über das verschneite Dorf. Vor dem großen Balkon auf der jetzt noch verschneiten Wiese sollten sich später Kühe am duftenden, sattgrünen, von Enzian und Alpenblumen durchsetzten Gras gütlich tun und mit ihren Glocken ein Konzert veranstalten. Vorerst genoß sie es, in ihrer Mittagspause im Shirt sich in der warmen Sonne zu aalen – mitten im Winter! Ihr Job war zwar anstrengend, aber ihr Chef nett und sie verdiente sehr, sehr viele Schwyzer Fränkli, das hätte sie sich nie träumen lassen.
Ihr Liebster pendelte zwischen Hamburg und Davos, und wenn er nicht da war und ihr und ihren Kolleginnen der lange Winter auf die Nerven fiel, fuhr man übers Wochenende durchs Verzascatal ins Tessin und genoß am Luganer See oder am Lago Maggiore südliche Sonne. Auf diese Weise lernte sie auch nach und nach große Teile der Schweiz kennen und lieben.
Eine ganze Zeit lang ging das auch gut, bis ihr Liebster sagte, es könne ja nicht ewig so weitergehen mit den sporadischen Besuchen. Er wollte mehr, wollte sie bei sich haben. So fuhr sie in ihrem Urlaub wieder Richtung Norden, jedoch diesmal an die Ostsee. Stolz zeigte er ihr sein Haus in Grömitz, sehr romantisch direkt hinterm Deich und abseits vom Touristenrummel gelegen. Es war ein skandinavisches und daher winterfestes Fertighaus aus weißen Klinkern mit einem schönen Kamin, eine Seite versehen mit einer großen offenen Veranda aus dunklem Holz über die gesamte Länge des Hauses. Rückseitig schloß sich eine total verglaste Veranda an, die wie ein Wohnraum eingerichtet war, so daß dort Besuch untergebracht werden konnte. Das Ganze umgeben von einem sehr romantischen, urwüchsigen Garten mit vielen Rosensträuchern und einem kleinen Teich.
Die Zeit, welche die beiden dort verbrachten, war wunderschön und als sie vorbei war, machte ihr der Liebste einen Heiratsantrag. Nun mußte sie entscheiden: Weiter in Davos viel Geld verdienen oder in Hamburg ein ruhigeres Leben führen ohne arbeiten zu müssen. Die Entscheidung fiel ihr – da sie ja auch nicht mehr jung war, 30 Jahre gearbeitet hatte und die Zukunft sich sehr verlockend darbot – nicht schwer.
Also packte sie wiederum ihre Sachen, kündigte ihren Job – sehr zum Leidwesen ihres Chefs – und trat die Reise gen Hamburg und Grömitz an.
Der Rest ist schnell erzählt: Nachdem die Probezeit von einem halben Jahr, die sie sich ausbedungen hatte, vorbei war, konnte man die beiden im Standesamt wiederfinden, irgendwo in der großen Stadt Hamburg………..
PS: Hätte man nicht weggeheiratet, wäre ich schon lange stolze schweizer Staatsbürgerin !
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