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geschrieben 2026 von Hubert Staller.
Veröffentlicht: 14.01.2026. Rubrik: Aktionen


Sondervermögen – ein Verschweigen der Probleme

Das Sondervermögen ist ein sehr scheues Wesen. Alle reden von ihm, doch niemand hat es je gesehen. Es lebt in den Kellern der Republik, zwischen Aktenschränken und guten Vorsätzen. Und es vermehrt sich, wie es sonst nur Meerschweinchen und Staatsschulden beherrschen.

„Es sind keine Schulden“, erklärt der Finanzminister. „Es ist Sondervermögen.“ Dabei grinst er wie ein Zahnarzt, der dir sagt: Heute schaue ich mir nur dein Gebiss an.

„Sonder“ also, so wie in der Werbung. Man bezahlt zwei und bekommt drei. Nur eben umgekehrt.
Bei mir heißt Geldmangel immer noch Geldmangel. Wenn ich mir etwas kaufen möchte und nicht über das nötige Kleingeld verfüge, muss ich auf den Kauf verzichten, das Geld ansparen oder einen Kredit aufnehmen.
Der Staat nennt Geldmangel nicht Geldmangel, sondern Sondervermögen.
Ein Sondervermögen ist nichts anderes als ein finanzieller Gestaltungsspielraum mit temporärer Negativliquidität.
Niemand weiß, woher es kommt. Es ist mit einem Mal da, wie geerbtes Meißner Porzellan oder das geheime Sparbuch einer Großtante aus Niederlommatzsch.

Das Sondervermögen ist sehr höflich. Es kommt nicht durch die Haustür. Es benutzt die Hintertür und trägt Hausschuhe, um die Schuldenbremse nicht aufzuwecken.
Wenn diese doch einmal blinzelt, sagt das Sondervermögen nur: „Schlaf weiter, alles rechtskonform.“

Kritiker behaupten, dass ein Sondervermögen einfach nur Schulden sind.
Befürworter widersprechen vehement: Schulden seien hässlich, schwer und moralisch anstrengend. Sondervermögen dagegen sind elegant, notwendig und zukunftsträchtig. Zudem hätten sie ein „Sonder“ im Namen.

Das Volk hört zu. Was sollte es schon gegen ein „Sonder“ haben?
Sonderzüge sind toll, Sonderurlaub auch.
Sonderermittler sind speziell, das SEK auch.
„Sonder“ ist etwas Besonderes und Seltenes.
Sondervermögen klingt nach Belohnung, nicht nach Rechnung.
Und so gewöhnen wir uns daran, dass Vermögen neuerdings dadurch entsteht, wenn man besonders viel davon ausgibt.

Das Sondervermögen sitzt zufrieden auf einem Aktenstapel in der Staatskanzlei und schlürft einen Espresso.
Lächelnd erklärt es: „Ich bin nicht das Problem. Ich bin die Lösung.“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Hessehex am 14.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Wieder mal super !! Glückwunsch, Du sprichst mir aus der Seele.
Egal wie man es auch nennt, Schulden bleiben Schulden. Sind wir wirklich so doof, wie man uns einschätzt? Das ist hier die Frage.
Weiter so Hubert ! LG von Hessehex




geschrieben von Metti am 14.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Ich will auch ein Sondervermögen. Dann wäre ich endlich reich!




geschrieben von lüdel am 14.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Einfach genial, Hubert.
Besonders das mit dem Espresso schlürfen gefällt mir sehr.
Nur das mit den Schulden – sie zu „verschleiern“, also Sonderverschönerung eben Sondervermögen schönzureden – das gefällt mir überhaupt nicht.




geschrieben von Hubert Staller am 14.01.2026:

@Hessehex
Danke, Hessehex, für deinen Beitrag. Du hast recht, einige politisch Verantwortliche glauben wirklich, das Volk ist mit dem Klammerbeutel gepudert.
Liebe Grüße, Hubert.

@Metti
Danke, Metti, für deine Zeilen. Ich könnte dir mein Sondervermögen überschreiben. Du hättest dann eine respektable Negativliquidität und ich wäre schuldenfrei.
Inter-nette Grüße, Hubert.

@lüdel
Danke auch dir, Lüdel, für deine Zeilen. Das Leben schreibt oft wahre Märchen.
Liebe Grüße, Hubert

Vielen Dank an alle, die diese Geschichte mit einem „gern gelesen“ bewertet haben.





geschrieben von Angricolan am 16.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Dein Text lieber Hubert hat mir gut gefallen, auf den Punkt gebrachte Realität. Nicht jeder möchte so Worte lesen, zieht sich davor lieber die Decke über den Kopf.
Eigenes Sondervermögen im Schließfach ist leider nicht mehr sicher.





geschrieben von Hubert Staller am 16.01.2026:

@Agrigolan
Vielen Dank für deine Bewertung, Agrigolan.
Wenn wir einander Achtung haben wollen, ist Ehrlichkeit die erste grundlegende Tugend. Das gilt besonders für Menschen, die öffentliche Ämter ausüben.
Inter-nette Grüße
Hubert





geschrieben von Angricolan am 16.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Ich erlaube mir zu behaupten, alle die in der sogenannten Politik in öffentlichen Ämtern sich tummeln halten es mit der Wahrheit nicht so genau. Sie alle haben eine eigene Wahrheit, verschweigen dabei meist so einiges meist. Nun mit Blick zu Stadtverwaltungen hin, dort den Stadtratsangehörigen ist es leicht zu erkennen. Ich hinterfrage gerne, bleibe am Ball wie man sagt und kann nachlesen.
Am Ende sieht man oft eine Handlung zum eigenen privaten Vorteil, als Ziel selbst bei Abstimmungen wo warme Hände wichtig sind.
Kleine Skandale bleiben erhalten, wenn man daran erinnert, darüber öffentlich schreibt.
Den Einwand damit machst du dir keine Freunde, hörte ich oft. Ihnen ist es peinlich daran erinnert zu werden.
Mit dem richtigen Parteibuch lebt es sich leichter.




geschrieben von Andy Loginius am 16.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Sondervermögen aber auch Konflikte statt Kriege, Engagement statt Überfall, Befreiung statt Putsch hört sich und verkauft sich besser...leider. Gerne gelesen. Grüße Andy




geschrieben von Bad Letters am 17.01.2026:
Kommentar gern gelesen.
Super Story, Hubert!

MfG
Bad Letters

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