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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von SaNico.
Veröffentlicht: 21.01.2026. Rubrik: Unsortiert


Dschungel

Noch vor einem Jahr saß ich mit Freunden zusammen und sagte, fast spöttisch, wie froh ich sei, nicht im Dschungel des Datings verloren zu gehen. Damals glaubte ich, sicher zu sein. Geschützt. Ich hatte alles, was ich wollte. Eine Partnerin, die mich liebte, und die ich liebte. Unser Alltag war ein eingeübter Tanz, unsere Probleme schienen lösbar, weil wir sie gemeinsam trugen.

Doch unter dieser Ordnung kroch etwas Unausgesprochenes. Ein langsames Auseinanderdriften, kaum hörbar, aber stetig. Zeit wurde knapp, Nähe seltener, Berührungen bedeutungslos. Interessen entfernten sich wie Kontinente. Ich versuchte, wieder der Mensch zu sein, der ich einmal gewesen war. Der Anfang. Das Leuchten. Doch meine Bemühungen versanken im Nichts. Betäubt von meinen eigenen Gedanken nahm ich die Warnzeichen nicht ernst. Ich wartete. Und während ich wartete, verlor ich Boden unter den Füßen.

Aus Angst, sie zu verlieren, löschte ich Teile von mir selbst. Aus Angst vor dem Alleinsein zog ich mich zurück. Aus Angst vor einem Neuanfang baute ich mir eine Blase, die sich wie Sicherheit anfühlte, aber Gefangenschaft war.

Der Bruch kam unerwartet. Nicht aus mir heraus, sondern von ihr.

Zwölf Stunden Arbeit lagen hinter mir, anderthalb Stunden Heimweg. Ihre Stimme am anderen Ende klang kalt, beinahe fremd. Ich rannte gegen eine unsichtbare Wand, fragte nach, weil mein Verstand sich weigerte zu begreifen. Doch sie sagte es ohne Zögern, ohne Grausamkeit:
„Ich liebe dich nicht mehr.“

Mit diesem Satz fiel alles in sich zusammen. Mein kleines Stück Welt, mein Gedanke von Familie, löste sich auf wie Rauch. Mein Herz zerbrach, nicht laut, sondern endgültig. Alle Ängste, die ich jahrelang verdrängt hatte, standen plötzlich vor mir und lächelten.

Einen Monat später stand ich in einer leeren Wohnung. Näher an der Arbeit, weiter weg von allem, was wir gewesen waren. Ein Rucksack. Ein aufblasbares Bett. Mehr hatte ich nicht. Ich ließ alles zurück, was mich an sie erinnerte. Erinnerungen wie scharfe Kanten. Wenn neu anfangen, dann nackt, dann ehrlich.

Seit einem Jahr gehe ich allein durch meine Tage. Die Dunkelheit ist nicht verschwunden, aber sie hat ihre Zähne verloren. Mein Herz heilt langsam, fast widerwillig, aber es heilt. Narben bleiben, doch sie halten mich zusammen.

Der Dschungel des Datings liegt noch vor mir, dicht, unübersichtlich. Ich trete nicht hinein. Noch nicht. Nicht aus Schwäche, sondern aus Respekt vor dem, was ich überlebt habe. Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem: nicht wieder zu suchen, sondern zuerst stehen zu bleiben. Und zu merken, dass ich noch da bin.

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