Veröffentlicht: 15.02.2026. Rubrik: Unsortiert
Das Kind
Das Kind stand und schaute. Stand in seinem Gitterbettchen und schaute mit großen Augen. Irgendetwas war nicht richtig. Draußen war es dunkel, und wenn es dunkel war, musste man schlafen, das wusste es. Und die Oma schlief auch in ihrem großen Bett, das konnte das Kind deutlich sehen. Warum war das Licht eingeschaltet, warum saß der Opa an Omas Bett und weinte – sollte er sie doch schlafen lassen! Die Mamma stand am Fußende von Omas Bett, war aber ganz brav und leise. Das Kind hatte große Angst, keiner sprach mit ihm. Aber etwas Schlimmes war passiert, das konnte das kleine Mädchen fühlen.
Zuerst bemerkte das Kind gar nicht, dass die Großmutter nicht mehr da war. Sie war dem Kind bewusst als großer, beruhigender, grauer Schatten, der neben ihm war, als es zum ersten Mal in den Kindergarten ging. Nach und nach spürte das kleine Mädchen, wie die Kälte um es herum zunahm. Erst nur an Kleinigkeiten: Dass ihr Spielkamerad, der ältere Nachbarjunge jetzt ungehindert seine Überlegenheit zeigen und sie immer öfter und ungestraft verprügeln durfte. Er, der so feige war, dass er am ersten Tag wieder aus dem Kindergarten abgeholt werden musste, weil er gar so laut schrie und lamentierte. Dabei war es doch so schön im Kindergarten! Nur wenn die Tante es in den Verschlag sperrte, in dem die Spielsachen gelagert wurden, das war nicht so schön. Da waren die Stimmen der anderen nur gedämpft zu hören und das Kind malte sich aus, wie es wohl wäre, wenn man es hier vergäße. Ob die Mamma merken würde, wenn es nicht nach Hause käme? Aber es half, wenn man ganz fest auf den schmalen Lichtstreifen starrte, der durch die Tür fiel, und dabei an etwas Schönes dachte.
Wäre die Oma dabei gewesen, hätte auch der Hund der Nachbarn nicht zugebissen, als es allein im Stiegenhaus auf der Treppe saß und mit seiner Puppe spielte. Der Hund schnappte zu und traf das Gesicht des Kindes. Die Narbe sollte es mit ins Grab nehmen, ebenso die ihm - einem vierjährigen Kind - ganz selbstverständlich zugesprochene Schuld an dem Vorfall. Man wollte es sich nicht mit den Nachbarn verderben, schließlich kümmerten die sich ab und zu um die Kleine, es war ja sonst niemand mehr da.
Eines Tages aber bekamen im Kindergarten einige der Kinder ein kleines, rotes Heftchen in die Hand gedrückt, darin war etwas geschrieben. Die Kindergartentante las es vor: „Die schönsten Lieder meiner Kindergartenzeit.“ Sie sagte, dass aus den Kindergartenkindern nun bald richtige Schulkinder werden würden, dass Schulkinder lesen lernen und dann niemanden mehr brauchen, der ihnen aus dem roten Heftchen oder aus dem Märchenbuch vorliest.
Darauf freute sich das kleine Mädchen sehr, nicht ahnend, dass der schönste Teil seines Lebens schon jetzt für immer vorbei war.
Der heiß ersehnte erste Schultag kam, und mit ihm die erste große Enttäuschung: Unter etwa 45 mehr oder weniger glücklichen Kindern war das kleine Mädchen so ziemlich die Einzige, die keine Schultüte mit sich trug. Nein, es musste sich mit einer riesigen Brezel aus Teig abschleppen, die man mit beiden Händen vorsichtig zu tragen hatte, damit sie bloß nicht zerbrach. Dass es keinen neuen Schulranzen bekam, war ihm nicht so wichtig. Diese Brezel wurde später an Nachbarn, Verwandte und andere Kinder verteilt und von denen auch aufgefressen. Das Kind wollte gar nichts davon haben.
Eine ebenso füllige wie herzliche Lehrerin sorgte aber dafür, dass die Kleine anfangs gerne zur Schule ging und begierig alles, was es zu lernen gab, aufsog. Das wiederum machte sie zum Liebling dieser Lehrerin, und bald konnte das Kind die ersten Buchstaben zusammensetzen und diese nicht nur lesen, sondern auch hingebungsvoll mit dem Griffel auf die Schiefertafel kratzen. Dass das Schulhaus dunkel und muffig war und die Bänke wurmstichig und alt, störte das Kind nicht im Mindesten, es wollte nur ganz schnell lesen lernen.
Ein Klassenbild aus jenen Tagen zeigt ein dickliches Mädchen mit lieblos abgesäbeltem Haar und unsicherem Lächeln. In die hinterste Reihe, mitten zwischen die Jungen hatte man sie gestellt - warum nur?
Kam der Opa abends von der Arbeit heim, examinierte er sein Enkelkind aufs Strengste. Und der Opa konnte böse werden, das wusste das Kind und davor hatte es Angst. Wenigstens hier wollte es nicht enttäuschen, wenn es schon nicht so sportlich war, wie es der Großvater gerne gehabt hätte. Also wurde abends auch geturnt. Und wehe, das Kind zeigte Unfähigkeit oder gar Angst! Da konnte es schon mal im Bösen ins Bett geschickt werden.
Wenn es dann alleine im Dunkeln lag, dachte es sich schöne und lustige Geschichten aus.
Manchmal musste es laut darüber lachen. Mamma und Opa sagten, das Kind sei eine Schlafwandlerin.
Jedoch das Gegenteil war der Fall: Unbemerkt von den Erwachsenen trat das Kind aus seiner Traumphase heraus und begann, aufzuwachen…
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