Veröffentlicht: 14.03.2026. Rubrik: Fantastisches
Flucht aus dem Spuk-Schloss
Sturmböen hetzten die Wolken über den mitternächtlichen Novemberhimmel. Dort, wo ihr bizarr geflochtenes Gewebe auseinandergerissen wurde, schimmerte fahles Mondlicht am Firmament auf. Nach wenigen Wimpernschlägen verschluckten die Wolkenberge diesen kärglichen Schein jedoch wieder.
Mit dunklen Feder geschmücktes Nachtgetier ließ sich vom Sturm durch die Lüfte tragen, überquerte im halsbrecherischen Flug den First des Schlosses, dessen Fassade sich gegen die Wetterunbill behauptete, und tummelte sich anschließend zwischen den Kronen der uralten Eichen, die dem das Gemäuer umgebenden Park ein ehrwürdiges Aussehen verliehen und die den Winden jetzt ihr verbliebenes, aber längst verdorrtes Laub darboten.
Die Vorderfront des Schlosses lag fast im Finsteren. Lediglich hinter zwei Fenstern, die zu einem Raum zu gehören schienen, brannte Licht. Es war kein stetes Leuchten, das dort vorherrschte, sondern ein flackernder Schein, der beständig zwischen Hell und Dunkel wechselte. Vielleicht hatte es jemand versäumt, ein weiteres Fenster richtig zu verschließen und somit dem Sturm die Möglichkeit gegeben, es aufzustoßen, um mit der Flamme einer einsam brennenden Kerze sein Spiel treiben zu können.
Bald huschte ein Teil des Lichtes davon. Es wanderte hinter die Fenster des Nachbargemachs, verlosch dort und tauchte wenige Augenblicke später eine Etage tiefer wieder auf. Dieses Spiel wiederholte sich, bis die trüben Scheiben des Eingangsportals erhellt wurden.
Langsam öffnete sich dessen Tür. Das geschah so behutsam, als wolle jemand vermeiden, dass sie völlig aufschwang. Als der Spalt breit genug war, dass eine Person hindurchschlüpfen konnte, schob sich eine Gestalt nach draußen. Sie trug einen dunklen Umhang mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. Noch bevor sie die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, nahm sich der Sturm ihrer an. Die Kerze in ihrer Hand verlosch und die schützende Kapuze, unter der sich das bleiche Antlitz einer jungen Frau, fast noch eines Mädchens, verbarg, wurde ihr vom Kopf gerissen.
Sie eilte vom Schloss weg, achtete nicht darauf, dass der Wind nun versuchte, sich ihres langen schwarzen Haares zu bemächtigen. Sie befand sich ganz offensichtlich auf der Flucht. Als sie das Schloss zehn Schritte hinter sich gelassen hatte, ächzte es auf. Hätte sich die junge Frau in diesem Moment umgedreht, wäre ihr der Anblick eines bis ins letzte Gebälk erbebenden Gemäuers vergönnt gewesen. Doch sie widerstand der Versuchung, das zu tun.
Dennoch ließ sie der mächtige Bau nicht davonkommen, ohne ihr seinen Gemütszustand aufzudrängen. Er verfiel in ein langgezogenes Geheule, das er unablässig wiederholte, und das sich beim genauen Hinhören als das Rufen eines Namens entpuppte. „Caaammmiiilllaaa!“, stöhnte er ihr hinterher. Bei jedem weiteren Schrei zog er den Namen noch mehr in die Länge, bis die Nennung dieses einzelnen Wortes dem Zwiegespräch eines Wolfes mit dem Vollmond glich.
Camilla presste die Hände auf die Ohren, um sich wenigsten ein bisschen vor der akustischen Tortur zu schützen, was aber kaum möglich war. Als sie schon befürchtete, wegen des Geheuls den Verstand zu verlieren, brach es plötzlich ab. Kurz hielt sie in ihrem Lauf inne und lauschte in die stürmische Nacht hinein. Ihr scharfes Gehör nahm jetzt ein anderes Geräusch wahr: das Zuschlagen einer Tür. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. In ihnen spiegelte sich das Wissen darüber wider, was ihr jetzt bevorstand.
Sie schaute nach vorn. Ihre Blicke folgte dem Verlauf des Weges, schätzen ab, wie weit es noch bis zum schmiedeeisernen Tor war, dessen beide geöffneten Flügel sich schemenhaft aus der Dunkelheit schälten. Camilla rannte los. Vielleicht hatte sich das Schicksal auf ihre Seite geschlagen und erlaubte ihr, den neuerlichen Wettlauf als Siegerin zu beenden? Dass ihre Widersacher, vom Schloss auf sie gehetzt, alles daransetzen würden, das zu verhindern, war ihr klar. Dass sie von ihnen kein Mitleid erwarten durfte, ebenso. Jetzt entschieden zum größten Teil die Schnelligkeit und die Ausdauer über den Ausgang des Geschehens.
Camilla raste auf ihr Ziel zu. Gleichzeitig spürte sie im Nacken das rasche Näherkommen der Verfolger. Sie musste sich nicht nach ihnen umdrehen, denn selbst dem scharfen Blick eines Adlers blieben diese Wesen verborgen. Sie waren unsichtbar und das machte sie so unberechenbar und gefährlich. Es schien fast unmöglich einem Gegner, der sich einer solchen niederträchtigen List bediente, Paroli bieten zu können. Trotzdem gestattet sich Camilla nicht, vorzeitig aufzugeben. Erst, wenn diese Kreaturen sie in ihren Fängen halten würden, wäre sie bereit, ihre Niederlage zu akzeptieren, jedoch keinen Herzschlag früher!
Das Gefühl verfolgt zu werden, verflüchtigte sich. Das konnte nur bedeuten, dass die Gespenster sie bereits überholt und wahrscheinlich schon eine Falle für sie vorbereitet hatten, in die sie unwiderruflich hineintappen musste.
Dass jetzt auch noch der Sturm sein Wüten verstärkte, ängstigte Camilla nicht mehr. Die Wolken schienen in greifbarer Höhe über sie hinweg zu jagen. Wieder riss ihre geschlossene Decke auf und der Monde nutzte die Chance, sein fahles Leuchten zu zeigen. Einer seiner schwächlichen Strahlen fiel in die Pfütze Regenwasser, die sich vor dem Tor gesammelt hatte und offenbarte Camilla Unglaubliches.
In dem modrigen Wasser zeichneten sich deutlich die ansonsten verborgenen Gestalten der Kreaturen ab, die mit ihren Körpern den Weg aus dem Schlosspark heraus versperrten. Drei Schritte trennten Camilla noch von ihren gierig ausgestreckten Armen. Drei Schritte trennten sie aber auch nur noch von der Lücke, die die Wesen auf der rechten Seite gelassen hatten, wohl spekulierend, dass Camilla versuchen würde, mittig durch das Tor zu gelangen.
Camilla machte zwei weitere Schritte nach vorn. Dann schlug sie einen Haken, entzog sich damit den gierigen Griffeln der Schergen und schlängelte sich an der Phalanx vorbei aus dem Tor heraus.
Als sie sich endlich im Freien befand, brach hinter ihr ein Inferno los. Die Kreaturen hatten plötzlich den Schutz ihrer Unsichtbarkeit verloren. Sie schrien laut auf und Camilla erkannte an ihren wild zuckenden Körpern, dass sie Schmerzensschreie ausstießen.
Auch dem Schloss entwich ein klagender Ton. Dann wurde seine Fassade von Rissen überzogen und augenblicklich brach es in sich zusammen. Die doppelmannshohe Mauer, die den Park von der Außenwelt abgeschirmt hatte und die für die Ewigkeit erschaffen worden zu sein schien, kippte einfach um.
Am Himmel kehrte Ruhe ein. Der Sturm verebbte und nahm die Wolken mit sich. Ein warmes Mondlicht beschien die Nacht.
4x




