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geschrieben von ralfchen.
Veröffentlicht: 27.03.2026. Rubrik: Unsortiert


Mein erstes Mal (oder Sechs Uhr sechs Minuten und fünfzehn Sekunden)


Mein erstes Mal
(oder Sechs Uhr sechs Minuten und fünfzehn Sekunden)

Den Zeitraum zwischen jetzt und seinem Sterben nennt man in der Branche eine „überschaubare Etappe“. Dies soll dem Leser auch gleich sagen, dass es hierunter um die zügige Maßnahme eines Lebens-Diebstahles und der damit verbundenen Auslöschung potentieller Zukünfte geht. Das macht diese Etappe so unverwechselbar eigenartig. Aber nur für den Macher.

Zum ersten Mal Töten ist fraglos eine Art künstlerischer Akt. Ich sage das deswegen weil die dabei erlebten Empfindungen sich kaum mit der Sichtweise normal Sterblicher synchronisieren lassen. Ich habe davor den seligen C.G. hin und her gelesen und musste feststellen: „Will man ein mental balancierter Töter werden, ist die Lektüre seiner Werke unerlässlich“.

Nach der nun folgenden kurzen Beschreibung werden sie sich vielleicht auch vorstellen können, dass Töten an sich - im Gegensatz zur davor kundgegebenen Idealisierung - natürlich ebenso eine mental mechanisierte Handlung sein kann. Auch wenn dies für die zweischlägig Belesenen unter ihnen zu blatant und kartesianisch klingen mag.

(Ich töte – daher bin ich.)Ist professionelles Töten leicht? Werden andere Neugierer an dieser Stelle fragen; erfordert es große Überwindung? Welche Gründe müssen gegeben sein, um emotionslos töten zu können? Ist es so, als wäre man mit einem Huhn konfrontiert, das man mit einem halswärtigen Hackenschwung in die Entspannung schickt, oder einer Forelle an der Angel, die man mit dem Stockschlag zum Gebratenwerden befähigt? Ich will Sie hier nicht auch noch mit Vergleichen zu kriegerischen Tötereien oder dem Infragestellen von manufakturem Killen von Haustieren langweilen. Wir sind und bleiben Hinrichter! Und nicht selten grausame.

Für die sentimentalen Tölpel unter ihnen, die tagaus-tagein ihr Leben flatternd auf stinkenden Nistplätzen oder in Büros und Arbeitsplätzen fristen und dabei nicht selten Demütigungen - sozusagen am laufenden Fließband – erleiden, musste ich ein wenig ausschweifen, Mein Tipp: suchen sie sich nen’ kühlen neuen Job: werden Sie Hitter! Ich werde ihnen nun verraten, was im Rahmen der Premiere vor und nach dem Moment dieser kosmischen Handlung in einem Menschen - nicht nur mental - so alles abläuft: Stellen sie sich vor, ein schwarzer Schmetterling setzt sich lautlos auf ihre Hand. Nun stellen sie sich vor, dass dieser Motter plötzlich zu einer derartigen Dimension anwächst, dass seine samtenen Flügel sie umhüllen und beginnen, ihren Körper sanft zu erdrücken, bis alle ihre Innereinen sich nach oben wälzen und ihren Körper via die Trachea und zugleich den Oesophagus verlassen wollen. Sie vermeinen, in diesen Momenten synchron zu ersticken und erkotzen zu müssen. Es gibt kein Fliehen, denn schwarzer Samt presst alles aus ihnen, was es da Innerliches gibt. Und auch wenn sie sich im Mastdarm verbeißen, um ihr stinkendes Arschloch am Austritt aus ihrem brennendem Maul zu hindern, es wird vergeblich sein. Sie müssen ein Leben ausdämpfen, wie den glimmenden Rest ihrer letzten Gitanes im Karussell eines violett-metallischen Dreh-Aschenbechers!

Nun, die Innereien setzen sich wieder: so als würden sie in einem Fass mit Blut langsam zum Boden sinken. Ein Donnern dringt vom Herzen aufwärts und erfüllt den Kopf und vor den Augen wirrt ein Geflimmer, als würden sie in einen senderlosen Fernseher starren. Die Vision wird langsam Rosé und das Flimmern macht einer winzige Supernova Platz. Die Carotis füllt sich wie ein Kanalrohr bei Hochwasser. In den Schleimhäuten macht sich das, was wir in der Branche den Sahara-Modus nennen, breit. Man lutscht traditioneller Weise an einem Zitronen-Bonbon und fühlt sich wie in Florida. Augendeckel kurz zum Abdunkeln der Nova gesenkt. Entwicklungsraum für die Tat, innere Dunkelstrahlung. Die Lunge blasebalgt mehrmals und man wird ruhig. Danach den Finger am Abzug bewegen. So war das beim ersten Mal. Und nun zur Tatsächlickeit: Sechs Uhr sechs Minuten und Null Sekunden.

Der Nachmittag ist drückend heiß. Die Birken links und rechts der kleinen Allee stehen, Kronen rauschlos. Kein Knistern stört den Asphalt, der leblos vor sich hin flimmert. Ich sitze in meinem eher unauffälligen Lieferwagen. Das weiß lackierte rückwärtige linke Schiebefenster habe ich 50 Millimeter weit beiseite geschoben. Für das Töten bis zu einer Distanz von 150 Metern verwende ich lehrbuchgemäß die KK300 Alutec LEICHT von Walther mit dem Impuls II Schalldämpfer, einem speziell aufmontierten elektronischen Zieler und dem gleichweise fix montierten Laser der Klasse TAC-3. Der Schall der 22er Long Rifle Munition wird durch die Dämpfung auf ein Minimum reduziert. Man könnte sagen: eine Flüster-Büchse. Der Sterber sitzt auf der obersten Stufe zum Eingang des ebenerdigen Hauses und blinzelt – klarerweise ahnungslos - vor sich hin. Ich verkrampfe mich ein wenig auf dem blechernen Ladeboden des Autos und atme dreimal ruhig ein und aus. Das soll man vor der Finalisierung immer machen, um mögliche Bewegungsrückstände der Muskulatur zu eliminieren. Jetzt habe ich ihn präzise im Visier. Der Laserpunkt zittert ein wenig im Fadenkreuz und ich bewege ihn sachte aufwärts, vorbei an den Barthaaren zum Mittelpunkt seiner Stirne. Mein Finger berührt - vorgekrümmt und sachte - den Abzug. Ich hab mit dieser hochpräzisen Waffe nur einen einzigen Schuss, kann mir daher nicht den geringsten Fehler leisten. „Dong!“ das blecherne Geräusch an der Hintertüre meines Autos erfolgt kurz vor jenem Sekundenbruchteil in welchem ich den fein kalibrierten Abzug drücke. „Baff!“ Der Sterber hüpft erschrocken in die Luft. Zwei Kinder laufen kichernd an meinem Fensterschlitz vorbei, einem roten Ball hinterher. Ein Gartenzwerg liegt – sein knallrotes Käppchen zersplittert, neben der Haustür. Das Opfer hastet unverletzt, mit hochgestelltem buschigem Schwanz über den Rasen.

Shit - die zwei in meinem Garten ermordeten Amseln bleiben vorerst ungerächt.

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