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geschrieben 2025 von CatAlert.
Veröffentlicht: 03.04.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Das unausgesprochene Transgenerationelle Drama

Das unausgesprochene Transgenerationelle Drama

Wäre der Familienstammbaum ein real existierender Baum, der bei meinen Eltern im Vorgarten stehen würde, dann könnte man an seiner Fülle an Verzweigungen und seiner schieren Größe erkennen, dass er über die Generationen immer größere und gewaltigere Dimensionen einnimmt. Die neuen Triebe die mit dem Zuwachs neuer Generationen in Form von neu geborenen Kindern entstehen, werden von den unteren Verästelungen getragen, gefördert und entstehen aus den Trieben des nächstliegenden Familienastes. Anders wie bei einem echten Baum, sterben Äste in dem Sinne nicht ab, wenn Familienangehörige aus dem Leben scheiden. Sie bleiben bestehen als Ausdruck ihrer Generation, als Überbleibsel des Vergangenen und werden womöglich von den neuen
Verzweigungen weitergeführt, bis kein einziger Trieb mehr aus dem Stammbaum heraus entsteht.

Objektiv betrachtet lässt sich vieles aus dem Blätterdach jeden Familienstammbaumes herauslesen.
Elterngenerationen, die keine Kinder bekommen konnten oder wollten, Elterngenerationen die viele Kinder bekamen, verstorbene Elterngenerationen, kleine Äste mit wenig Trieben, große Äste mit einem ausgeschmückten Blätterdach.

Gezeichnet durch Krieg und Mangel, an Gräuel und dem abrupten Ableben von geliebten Menschen, war meine Großelterngeneration ein Überbleibsel, aus versprengten Familien. Äste, die keine Chance hatten sich zu dem zu entfalten, wofür sie eigentlich bestimmt waren. Wenn äußere Faktoren so massiv, so gewalttätig in die Vorgärten der Familien eindringen, dann wird vieles zufällig oder führt zu einer Entwurzelung. Wie entwurzelt müssen sich meine Großeltern gefühlt haben nach dem Krieg und dem Verderben Mitte 1940? Der Familienstammbaum wurde umgesiedelt und an anderen Orten weiter veredelt, aber der heimische Vorgarten, er wurde verlassen. Das Traumatische Erleben einer ganzen Generation wird sichtbar in den abgeschlagenen Trieben der Getöteten.

Alle Wissen, aber keiner Spricht / Im Dunstkreis der Familie liegt immer etwas Tragisches.

Ich, ein kleiner entstandener Spross am Fuße des Astes meiner Eltern, wuchs und gedieh schnell. Mit der Zeit wurde mir bewusst, an welchem Familienstamm ich hing und ich war erstaunt über die lang ausgedehnten Wurzeln unterhalb des riesigen Baumes.
Ich, der neu entstandene Spross, lässt sich nicht vom Familienstammbaum abtrennen. Er ist unvermeidlich mit der großen Familiengeschichte des Stammbaumes verbunden. Als Kind hatte ich keine Vorstellung von einem größeren, generationsübergreifenden verworrenen Zusammenhang. Ausgesetzt, hineingeworfen und ausgeliefert den Gefühlen und Überzeugungen meiner Eltern wuchs und gedieh ich zu dem, was ich jetzt bin.

Meine Familie gab mir von Natur aus eine unglaubliche Nähe und Verbundenheit. Familie ist sinnstiftend und setzt mich, mit den erstmalig erblickten Lichtstrahlen nach meiner Geburt, in den Kontext dieser Welt. Die ersten schweifende Blicke vom Familientisch weg, in andere Vorgärten dieser
Welt, ließen mich erschaudern. Schnell fällt einem auf, wie unterschiedlich Familien in den eigenen Vorgärten Platz finden. Die ersten Kontakte zu engen Freunden und Weggefährten in meinem Leben und der Blick in ihre familiäre Vorgärten, waren für mich absurd und kaum auszuhalten. So anders waren sie gestaltet, wie das von mir erlebte Familiengefühl.

Ein Holztisch und 4 Stühle

Ich sah einen kleinen Holztisch mit 4 Stühlen in dem Vorgarten meines besten Freundes stehen. Seine Mutter, seine Oma, er selbst und ich nahmen an diesem Tisch Platz und es war herrlich besinnlich und warm. Ein weitentfernter Onkel an einem einzelnen Tisch, gezeichnet durch Trauer und Verlust. Ein verstorbener Großvater, der keinen Platz mehr fand in diesem Garten. Meine immer wiederkehrende Frage, die ich nicht auszusprechen vermochte: Wo sind all die anderen
Familienangehörigen? Für seinen Vater war ein Platz reserviert auf einem Plastikstuhl, der zweimal im Jahr hervorgeholt wurde. Er setzte sich für kurze Besuche, um die Geschenkübergabe abzuwickeln. Alle anderen Verwandten, schauten nicht mehr vorbei. Sie waren faktisch am Familienstammbaum noch erkennbar, dennoch unerreichbar für meinen Freund. Er war trotz der spärlichen Besuche ein fröhliches Kind, denn seine Oma, sowie seine Mutter ließen ihn erblühen, im hellsten Licht.

Der Apfelbaum im Vorgarten meiner Großeltern

Der große Tisch im Vorgarten meiner Großeltern väterlicherseits ist eingedeckt mit Torten, garniert aus Früchten des Apfelbaums, der uns mit seinen stämmigen Ästen Schatten spendet. Alle
Verwandten finden sich ein und es setzt sich neben den Gästen, auch ein familiäres Zugehörigkeitsgefühl dazu. Viele Äste und kleine Sprösslinge
versammelt unter dem Apfelbaum meiner Großeltern. Ich hatte schwer zu kämpfen, mich in der hochkomplexen Familiendynamik zurecht zu finden und spürte oftmals die grenzüberschreitenden Übergriffigkeiten meiner
Familienangehörigen untereinander und spürte einen tiefen, dem Stamm innewohnenden, Schmerz.

Ich saugte die Zwischentöne in den Interaktionen zwischen meinen Eltern und den restlichen Familienmitglieder auf. Sie waren die ersten Verknüpfungspunkte für mich, zu der Welt ihrer eigenen Herkunftsfamilie und auch hier spürte ich ein Ohnmachtsgefühl. Mir fielen Widersprüche auf, komische Unwegsamkeiten und ein unausgesprochener Bruch. Ich hatte keine näheren Informationsquellen, so vermutete ich, dass niemand über Verfehlungen, über Trauer oder Verlust sprach.
Ich konnte nur erahnen, wie meine Eltern aufgewachsen sind. Sollte ich es jemals erfahren, werde ich wohl erkennen müssen, dass die von ihnen erlebte Erziehung geprägt war, von tragischen Verletzungen und distanzierten Gefühlswelten.
Auch sie haben als kleiner Spross an den Ästen ihrer Eltern Dinge im Leben erlebt, die schwer zu ertragen waren und auch sie haben sich unsicher gefühlt, so wie ich.

Kampf gegen das Ungerechte

Mit einem Gefühl der Unsicherheit im Bauch musste ich immer wieder aktiv gegen das aufregenden
Gefühl der Nervosität bei den Familienzusammenkünften kämpfen. Werde ich heute entspannt die Feier genießen können, oder habe ich allein durch einen Blick meines Onkels, das Gefühl jetzt gehen zu wollen? Ein strafender, schmerzvoller Blick der mich immer wieder erschaudern ließ.
Ich versuchte immer wieder einen Umgang mit dem, was mir entgegen kam, zu finden. Es gelang mir nicht unter den Blicken aller Familienmitglieder zu bestehen und die Unsicherheit fing an mich zu lähmen.

Als Jugendlicher hatte ich nicht die Kraft bei meiner Mutter zu erfragen, warum mein Onkel so strafende schaute und wieso der Blick meines Vaters ihm so glich.

Meine Mutter wirkte immer so, als müsste sie um die Nähe und Anerkennung in zwei Gärten gleichzeitig kämpfen. Nach ihrem jungen tragischen Verlust war ihre eigene Mutter und ihr Bruder zwei Menschen, die sich immer egoistischer im Laufe der Zeit zeigten. Sie wandten sich mit den Blicken immer weiter von ihr ab. Zudem hatte meine Mutter das Gefühl nie gut genug zu sein. In den Augen der Schwiegereltern konnte sie die Missgunst erkennen. Sie versuchte im Wespennest ihren Platz zu finden und brach nicht alle Stränge mit der Familie ab, aus Liebe zu meinem Vater. Sie umarmte mich schützend, wie ein Mantel, der gegen die schmerzenden Wespenstiche helfen sollte.

Im Laufe der Jahre wurden mir von meiner Mutter Geschichten zugetragen, die Erklärungsversuche für die verwirrende Familiendynamik liefern sollten, aber am Ende verstand ich insbesondere ihre eigene Verletzlichkeit. Sie versuchte alles daran unsere Kernfamilie aufrecht zu erhalten und hatte Mühe und Not meinen Vater, für den schmerzlichsten aller Kämpfe, zu gewinnen. Ich fühlte mich schuldig, da ich ebenso wie mein Vater gelähmt war. Aus der Angst heraus alles verlieren zu können, waren wir nicht fähig sie gut in dem Sinne zu unterstützen.

Verwurzelte Unsicherheiten

Der Ast meines Vaters hat einiges ertragen müssen, stürmische Zeiten haben seinen Tribut gefordert. Er war oftmals schweigsam, aber dennoch liebevoll zu mir. Er verströmte immer wieder eine Wolke aus Stille und Verunsicherung aus und hatte mich damit direkt in seinem Bann. Im Dunstkreis der Wolke meines Vaters stehend, war ich noch verunsicherter und konnte kaum Atmen. Genauso hatte es mein Vater oftmals die Sprache verschlagen, da die zitternde Anspannung jedes Wort erstickte. Jahrelang hat er in sich hineingeschaut, aber nicht nach draußen auf das Leben. Erst mit der kurzeitigen Abkehr von seinen Eltern ließ die Lähmung los. Er konnte sich auf den Weg machen zu einem gesünderen Selbst. Mit der Abkehr zu seinen Eltern wurde mir schnell klar, dass ich mich aus Verbundenheit ebenso von dem Familiengarten abkehren will. Außerdem habe ich zu sehr den stillen Schmerz meines Vaters und der wütende Aufschrei meiner Mutter gegen das ungerechte System erlebt.

Über die Jahre hat er mein Vater es geschafft sanfter zu sein und es hat ihm alles erdenkliche abverlangt sich den eigenen Dämonen immer wieder zu stellen. Meine Mutter schaffte es meinen Vater vor seinem eigenen Leben zu retten. Doch ich sah mich dem nicht gewachsen, ähnlich aufopferungsvoll für meine Mutter da zu sein. Ich versank damals in Trauer, um die verpasste Chancen, sehe aber das der Ast meines Vater in neuem Licht erblüht.

Anderes Label für den neu geformten Auftrag

Aus Angst heraus habe ich bisher nicht darüber gesprochen, zu viel Abstand habe ich vermeintlich benötigt, um mich der eigenen Geschichte zu stellen. Es ist besser die Chance zu ergreifen und die zeitlich begrenzte Möglichkeit einer Aufarbeitung zu nutzen, solange sie noch gegeben ist. Allerdings ist es ein unsicheres Feld, auf dem ich mich bewegen würde und ein immenser Kraftakt den Mut zufassen die beschriebenen Dinge meinen Eltern zu vermitteln.

Der verklärte Blick, dass Kinder befreit von Lasten und Widrigkeiten in Familien aufwachsen können, wurde mir genommen. Familie bedeutet für mich sowohl die Nähe als auch das Entfremdete. Ich will mich loslösen aus der Fesselung der erdrückenden Wurzeln des Familienstammbaumes. Frei machen von verpassten Chancen und einem in dem Familienbaum eingravierten Ohnmachtsgefühls.
Ich stehe von meinem Stuhl unter dem Apfelbaum auf und kehre erstmal nicht wieder zurück.

Geschwister erleben anders aber gleich

Ich sage mich von familiären Verpflichtungen los und merke, dass meine Schwester an meiner Seite steht. 7 Jahre später geboren, ähnlich gemachte Erfahrungen und unverstandene Geschichten. Endlich eine Austauschpartnerin die mir das allein sein erträglicher macht. Vielleicht ist sie die Möglichkeit meine Gedanken neu zu ordnen. Wie hat sie es gelernt mit dem Gefühl der nicht vorhandenen Beziehung zum eigenen Vater zu leben, welche Strategien wird sie verfolgen? Aufarbeitung und den Anspruch auf Heilung einfordern oder erneut Chancen über die Jahre verstreichen lassen? Oder einen Abschluss finden, die gemachten Erfahrungen sind gemacht und neue Erfahrungen dürfen ebenso ihren Platz finden?

Wir schauen uns zusammen aus einiger Distanz den Familientisch im Vorgarten meiner Großeltern an. Der Tisch ist für weniger Personen gedeckt, und meine Großeltern befinden sich nun als Erinnerung in einem Bilderrahmen. Der Apfelbaum verliert weiter seine Früchte und ich trete auf das Gartentor zu, öffne das Tor und nehme meinen Vater an die Hand und bitte ihn aus dem Garten herauszutreten. Er schaut sich den Baum an und sagt zu uns:

Mir wird die Tragik des Unausgesprochenen bewusst, lasst uns darüber sprechen.

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