Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben 2017 von Friedrich Pierbaumer (Buvium).
Veröffentlicht: 02.11.2019. Rubrik: Menschliches


Aqarell - Blut in Tränen

Kapitel 1 Aquarell – Blut in Tränen


Benjamin hockte in seinem kargen, aber auf irgendeine Art dennoch passend eingerichteten Zimmer. Es erschien alles irgendwie grau mit weinroten Schwaden – seinen Gedanken entsprach das am ehesten.
Sein jüngerer Bruder Frederic wohnte im Raum nebenan, es war eine kleine WG oder eher eine Wohnung für zwei.

Sie waren fast eine Familie, klein und friedlich.

Ihre Eltern? Na ja, Benjamin war ja schon siebzehn, und Frederic mit über fünfzehn Jahren konnte wohl auch schon auf sich selbst aufpassen.
Beide waren alt genug, um alleine in dieser halbwegs sauberen Wohnung zu leben.
Der Staat finanzierte sie ziemlich großzügig. Was sie nicht hatten, verschafften sie sich doch irgendwie und mussten so nicht verhungern und sich langweilen oder - was für beide noch schlimmer gewesen wäre – arbeiten.

Oft schaffte es der schüchterne und fragil wirkende, magere Frederic durch Herumschnorren genug Mitleid zu erregen, sodass die beiden unter der Organisation von Benjamin tatsächlich gut wirtschafteten.
Manchmal mussten sie allerdings improvisieren, um auch wirklich alles zu haben, was sie für so viel Freizeit brauchten.

Ja, sie nahmen Drogen und tranken oft Bier. Dass sie rauchten, passte da nur zu gut ins Bild, doch so sollte es nicht immer bleiben.
Sie wussten, dass besonders der harte „Stoff“ sie in Gefahr brachte – in mehrerlei Hinsicht.
Doch sie teilten ihn sich gut ein und darum funktionierte noch alles … noch.

„Ist ja so!“, murmelte Benjamin und sprang auf, um in die kleine, gemütliche Küche zu gehen.
„Hey, Frederic.. Rickie, geht es halbwegs, hast du was vor?“

Es war Mittwochabend und der Winter gab sich noch nicht geschlagen, wenn auch das Datum in den nicht mehr allzu fernen Frühling wies.

„Weiß nicht, ein wenig düster diese dunklen Wintertage…weißt du?“

Benjamin zeigte es nicht sofort, doch er sorgte sich um Frederic, irgendetwas hatte sich an ihm verändert, doch meistens sah man die eigene Widerspiegelung in nahestehenden Menschen, bevor man es an sich selbst erfuhr… so konnte es sein oder nicht…
Frederic starrte scheinbar uninteressiert aus dem Fenster und wandte sich zu Benjamin: „Bei dir alles in Ordnung? Du warst vorher länger weg… ich war in Sorge…!“
Frederic murmelte die letzten Worte und fuhr sich dabei über Gesicht und Haare.

„Wie war das?“, schmunzelte Benjamin. „Mach dir doch bitte keine Sorgen wegen mir, alles will zumindest einen erträglichen Weg nehmen, ich fühle es!“

„Ich nicht, Benjamin, ich sehe überall Schatten und seltsame Ängste plagen mich, nicht zuletzt wegen dir, gib acht auf dich, ja!“, dachte Frederic für sich alleine und schwenkte seinen Kopf dann wieder zum schwarzen Fenster.

Draußen hatte der dunkle Abend alles an sich gerissen. Lediglich fast romantisch wirkende Straßenlaternen wiesen auf ein Leben in dieser doch recht großen Stadt hin. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel gehörten in den Klang so zur Stadt wie die Bewohner selbst.

Benjamin nahm eine Dose „Billig-Gebräu“ aus dem Kühlschrank, machte nicht lange herum und schon floss der Trank die Kehle runter.
Als er absetzte, würgte es ihn kurz und er blickte Frederic in die Augen.
„Kannst du so in zwanzig Minuten bei dir die Musik etwas lauter aufdrehen? Sanja kommt vorbei und ich will keine peinliche Stille in der ganzen Wohnung, falls du verstehst, was ich meine, Bruder!“

„Ja, du verrückter Penner, aber gib mir auch eine Dose, ich ertrage die Musik nüchtern nicht mehr!“

„Natürlich, Mister! Kann ich aber vorher bitte Ihren Ausweis sehen?“

„Klar. Da steht F.D., das heißt FÜR DICH!“, schnauzte Frederic zum Spaß herum und hielt schon einmal die Hand auf.

„Bitte der Herr, ist ja schließlich Ihr Leben.“

„Danke vielmals. Ich werde vorsichtig damit umgehen!“, waren Frederics Worte und schon gurgelte die nahrhafte Flüssigkeit in den Magen des von Natur aus schlanken Jungen.

„Junkie“, motzte Benjamin, und zugleich landete seine leere Dose in dem „ gut sortierten“ Abfall.
„Wenigstens bist du jetzt schon, wie…wie heißt der verstorbene Schreihals von der Band mit dem Namen des Ortes, an dem du samstags auf H. am liebsten herumschwebst?“
„Hey, das ist für mich Geschichte, aber gut waren „Nirwana“ mit Kurt Cobain dennoch!“, beschwerte sich Frederic und rülpste mit aller Kraft.

„Aber dieser Kurt hatte täglich so viel Heroin im Blut, da würden wir einen Monat auskommen oder zwei“, sagte Benjamin mit erhobenem Zeigefinger und ernster Miene.

„Du...du, Benji? Könnten wir heute ausnahmsweise… ?“

„Das geht aber gar nicht, Bruder. Heute ist Mittwoch, erst am Samstag wieder. O.k.?“, sagte Benjamin ernst, denn er hatte die „Lagerverwaltung“ über und er wollte nicht, dass einer - oder gar beide - von ihnen zuerst an der Nadel hängen und dann frühmorgens erbärmlich zitternd vor irgendeiner Scheißapotheke herumstehen würde. Er kannte solche Typen zur Genüge, sie standen bei Partys herum, waren Freaks…

„Mann, ich bezahle die Hälfte, meistens sogar mehr!“, wisperte Frederic beleidigt, und zudem klang er, als wäre er in seiner Freiheit beschnitten.

„Kiffe doch etwas und kuschle mit den Feen, du Esoterik-Freak!“, schlug Benjamin vor.
Frederic war tatsächlich so etwas in der Art, nur hatte das wenig mit Feen zu tun. Dennoch meinte Benjamin es nicht so, er wollte sogar schon etwas von dem Zeug holen.

„Warte bitte, Ben!“, rief Frederic eindringlich. „Ich bekomme seit einiger Zeit furchtbare Angst beim Kiffen, daher mache ich es ja gar nicht mehr, schon seit zwei Wochen nicht mehr. Ist dir das nicht aufgefallen?“

Benjamin machte kehrt und sah Frederic in die Augen. „Welche Ängste?“, wollte er wissen und legte sanft seine Hand auf Frederics Schulter. Das hieß, dass nun jeder seine Karten auf den Tisch legen sollte und dass die Streitereien und der Spaß vorbei waren.

„Ich sehe überall die Schatten, weiß nicht, wo sie herkommen und … ich fühle mich verloren“.

Benjamin nahm Frederic in die Arme und sagte dann: „Du bist sicher nie verloren, das lasse ich nicht zu. Wir gehen, wenn nötig, zu einem Arzt, und der weiß, was zu tun ist. Du hast psychische Probleme. Das kann von dem Zeug kommen, wir tun das zwar erst seit ein paar Monaten, aber du liest Bücher von Feen und Geistern und hältst das für real. Ich bin selbst so etwas, was die Typen mit den „Bomberjacken“ und die Skater Emo nennen. Die Musik, die wir hören ist sehr traurig, ja richtig dunkel.“
Er hielt Frederic weiterhin sanft fest. „Diese Sache bekommen wir in den Griff. Und okay, wir gönnen uns heute etwas, wenn Sanja weg ist. Sie bleibt nur eine Stunde. Sie lernt mit einer Freundin dann für irgendeine Sache für die Schule. Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass sie nicht länger bleiben kann, aber ich kann es nicht ändern und dann brauchst du mich heute, also okay. Es passt. Aber es sollte nicht zur Gewohnheit oder zum Mittelpunkt deines Lebens werden.“

Das meinte er so ernst, dass es beinahe kalt klang. Sie mussten gewisse Dinge einfach neu durchdenken. Es war Benjamin nicht egal, dass sein geliebter Bruder psychische Probleme hatte. Wie viel auch immer er selbst darüber wusste, es war ihm klar, dass die Jugend eine Zeit war, in dem sich das Leben einen Pfad suchte.
Er hatte, wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch Angst. Das was sie zurzeit taten, war gerade mal so zu überleben. Es war ein guter Grund, mehr aus dem Leben rauszuholen. Ja, sie zeichneten beide gut und sie würden Tattoos entwerfen, er hatte einige Bekannte …

Frederic träumte davon, Designs und Aufdrucke für T- Shirts zu machen, und er hatte bestimmt das Zeug dazu. Außerdem konnte er Gitarre spielen und sang für
seine fünfzehn Jahre beachtlich.

Benjamin empfand es als seine Pflicht, solche Sachen zu bemerken und zu würdigen. Immerhin würden sie beide nie etwas machen, was sie nicht von Herzen ausfüllte, und nun kam Sanja, seine Liebe…

Frederic saß in der Küche und hörte „Emery“, seine Lieblingsband, und versuchte, sich in seine Träumereien zurückzuziehen. Die Melodien waren für ihn mehr als Musik, egal, was er hörte.
Wenn er etwas bewusst auflegte, war es immer eine bestimmte Art von Melodie, und erst in der zweiten Reihe standen die Band und dahinter erst das Genre. Dennoch war er ein Emo und die Musik wich nicht davon ab… Zufall?
Und wenn Frederic selbst seine Musik spielte, lief es Benjamin oft kalt über den Rücken, doch das hatte er schon zu oft von ihm gehört. Dennoch konnte Frederic nicht behaupten, dass es ihm nicht gefiel, so ein Lob zu hören.
Hätte er echte Freunde, könnte er eine eigene Band haben, das wäre wirklich gut, wenn auch mit Stress verbunden.
Doch nun fiel es ihm schwer, sich zu entspannen… es lag eine ungute Spannung in der Luft.
Er dachte an Benjamin, der in den nächsten Minuten Besuch von einer schönen jungen Frau bekommen würde.

Frederic fragte sich besorgt, ob wohl die Liebe erwidert wurde, die sein großer Bruder ganz offensichtlich in Sanja hineinschweben ließ, und wie er sich ihr gegenüber bemühte, so zu tun, als hätte er alles locker im Griff.
Der kleine Bruder mochte Sanja nicht wirklich, obwohl ihn Benjamin, seit er Sanja kannte, natürlicher, offener und vielleicht sogar ehrlicher behandelte.
Und er, Frederic, musste sich nie verstellen oder gar eine Leistung bringen, nein, aber es gab andere Gründe, warum er den Stellenwert, den Sanja in Benjamins Leben einnahm, nicht akzeptieren wollte.

Frederic lachte und versuchte, nicht an Benjamins Stunde zu denken.
„Dann wäre ich ja ein Spanner“, dachte er.

Es war kühl und er brauchte eine Decke, die er sich über den Körper zog und bald glitt er in den Schlaf hinüber.
Und in seinen Träumen zeigten ihm seine Sehnsüchte die Fenster, durch die er sie hineinlassen konnte.

Schatten aber gingen auf und ab.

Benjamin war an jenem Abend nervöser als sonst. Seit fast einem halben Jahr war Sanja nun schon seine Freundin.
Er hatte sie gleich vom ersten Moment an geliebt, als sie sich schüchtern die aufgeregt kühlen Hände gegeben hatten. Damals hatte der Sommerwind einige, wenige Blätter an ihnen vorbeigeweht, er hatte ihre Haare tänzelnd in den Sonnenstrahlen spielen lassen und eine märchenhafte Stimmung hatte sich über die ganze Umgebung gelegt.
Sie hatten sich ihre Gesichter zugewandt und die Zeit hatte mit ihren jungen Herzen weitergespielt.
Noch nie war Benjamin ein so weiches Gefühl durchfahren, er hatte kaum spürbar gezittert, er aber hatte das Gefühl gehabt, als ob er am ganzen Körper beben würde. Alle Regungen in ihren aufgeregten Gesichtern hatten miteinander kommuniziert … dann wurde es so still, als hätte der Moment seinen letzten Atemzug getan …ein kurzes Lächeln und sie hatten sich geküsst.

Jeder der beiden hatte diesen Moment viele Male im Gedanken durchwandert und musste lächeln, jeder im Stillen und für sich.
Benjamin erinnerte sich noch gut an das ergreifende Gefühl, es war einer seiner glücklichsten Momente gewesen, vielleicht sogar der glücklichste Moment überhaupt.
Sanja war es nicht viel anders ergangen, doch nur Benjamin hatte dieses Gefühl bis zum heutigen Tag behalten.


Als sie sich erneut in seinem Zimmer der WG mit dieser zärtlichen Geste berührten, bemerkte Benjamin eine Träne, die über seine Wange kullerte. Ein erschreckender Impuls durchfuhr seine Glieder und packte sein Herz. Er wurde dadurch unerwartet aus seinem Traum gerissen.
Er zog sich zurück und starrte verwirrt in das Antlitz seiner Geliebten – er sah in die Augen Sanjas, in denen schon Tränen standen, aber sie versuchte sich zu beherrschen und wich Benjamins Blick aus.
Sie floh vor seinem Blick, der fürsorglich und stark zu sein schien, aber sie doch dazu bewog, keine Umschweife zu machen, sondern ehrlich auszusprechen, was sie beide anging.

„Was ist mein Engel?“, fragte Benjamin.

„Ich .. ich muss. ..ich fühle, dass es nun richtig wäre, Lebewohl zu sagen. Bitte versuch nicht, mich zu halten! Ich habe mich verändert und der Blick auf mein Leben schaut nicht mehr zu dir…da bin ich sicher!“

„Die Gezeiten reißen dich also von mir“, flüsterte Benjamin und er sank in sich zusammen, nicht bereit noch mehr zu sagen.

„Ich habe mich ausführlich mit uns auseinandergesetzt, es ist mein fester Entschluss! Worte machen es nur noch trauriger als das, was wir beide nun wahrscheinlich fühlen, doch es gibt Gründe, die allein ich verstehe, und die vielleicht nicht einmal genau. Es war, was es war, aber es war, und nun ist es Teil einer Geschichte, die hier eine Wendung nimmt. Es gabelt sich unser Pfad nun in zwei. Es tut mir leid, aber ich gehe jetzt, mach es mir nicht schwer, bitte!“

Das letzte Wort klang schwach, aber stark in seiner Bedeutung, sie bat ihn darum und hoffte innig, dass er der blieb, der er immer gewesen war und nun die Würde bewahren würde, die seinem Wesen entsprach.

Benjamin löste seine Arme von ihrem Körper, doch sein Herz pochte noch in ihr, aber es war mit seiner Melodie in tiefe Mollakkorde gestürzt, die seine unentbehrliche Lebensquelle noch für Momente des Abschieds hielt. Dann kühlte die Luft ab, die angebrochene Nacht verdunkelte sich noch weiter und es roch nach im Feuer verbrennendem Blut.

Sie hatte ihre Gefühle klar und unmissverständlich ausgedrückt, wenn Benjamin es auch noch nicht begreifen wollte.

Benjamin sah Sanja an, mehr getroffen als verwundert, und ließ seinen Blick erst zu Boden gleiten, als sich die Tür hinter Sanja schloss.

„Nein, geh nicht mein Licht.., ich brauche dich!“, flüsterte er ins leere Zimmer, und dann war es nur noch still.

Schwärze.
Nebel.
Grau.

Frederic erwachte im Nebenraum, er fühlte sich plötzlich einsam und ohne jede Freude.
Er hatte es irgendwie geahnt ohne es Benjamin erklären zu können, aber nun hörte er einen Schrei äußerster Verzweiflung, die Wand schien zu bersten, so stark war die Intensität von nicht zu fassenden Gefühlen, von Gefühlen, die so stark waren, dass das ganze sonst so friedlich Altbauhaus für sensible Menschen wie von einer Explosion erschüttert wurde.
Dieser Ausbruch des tief verletzten Seins rüttelte Frederic auf und ließ ihn sofort ins Nebenzimmer hasten und sich dort neben seinem knienden Bruder zu Boden werfen.

Benjamin starrte nach oben, mit flehendem Blick Richtung Himmel, starrte in etwas, wovon er sich unter Umständen falsche Vorstellungen gemacht hatte, in die Richtung von einem unsichtbaren Zuhause etwa, doch nun… Zweifel.

„Benjamin! Es wird wieder gut, nicht alles, aber irgendetwas wird gut.“

Frederic nahm Benjamin in seine Arme und hielt ihn fest, er wollte ihn vor der Dunkelheit schützen, die ihn zu umgeben versuchte und mit gierigen Tentakeln sein Herz aufsaugen wollte.
Was seine Worte auch bedeuten mochten, wusste er selber nicht recht, aber als liebender Bruder versuchte er, so viel Licht in sie zu legen, wie er nur konnte, und dieses Licht würde wissen, was zu tun sei.

Doch diese Welt ist immer zur Hälfte in schattigen Gefilden und dort hatte man Benjamins Schrei mit Sicherheit vernommen. Frederic sorgte sich um Benjamin, er hielt ihn so lange, als wäre es eine Ewigkeit, in der getan wurde, was nötig war und noch mehr….


Mehrere Schatten hatten alles beobachtet…. Stille!


Kapitel 2 Aquarell- Blut in Tränen


Am selben Abend, noch bis in die Nacht hinein, betäubten sich die Brüder ausnahmsweise, dieses Mal war es Frederic, der dies vorschlug, da Benjamin sonst nicht zur Ruhe gefunden hätte.
Der Rausch dieses Giftes wurde als „Fall“ bezeichnet und war wie ein Überraschungsei, das alles Mögliche enthalten konnte, mehr als man es selbst sich gedacht hatte, es war etwas, was so nicht hätte existieren dürfen, da…. viele Gründe unterstrichen dies.

Benjamin stürzte dieses Mal für eine lange Zeit in unerforschte, niemals gleich tiefe Urgründe. Er sah das vergangene Ereignis, so kurz es auch gewesen war, in einer beinahe epischen Länge -viele Perspektiven und Gedanken- und Herzschwingungen von beiden Personen mischten sich mit einem stummen Kampf seiner Seele, die diese Realität nicht akzeptieren wollte. Es war dieses Mal ein ungewöhnlicher „ Fall“.
Benjamin wusste jedoch, dass Frederic nahe war und mit ihm focht, obwohl auch er sich hatte fallen lassen ohne die Sicherheit eines weichen Bodens.
Wenn Frederic auch den „Fall“ mochte, da er zu fliegen glaubte, so flog doch Benjamin nirgends hin, er verhielt sich passiv, wollte nur weit weg sein und alles gemäß seiner völlig verständlichen Sehnsüchten erleben.

Die Träume zeigten keine heile Welt, auch fand Benjamin dieses Mal keinen Trost darin. Was hatte er noch, was man hätte trösten können? Wo waren ein sicherer Hafen und ein Ankerpunkt?
Sein Herz trieb im schattigen Teil des Traumes und er kämpfte verbissen gegen etwas an, was man nicht austauschen konnte – noch nicht, auch wenn er und Frederic in klaren Zuständen bereits nahe an Pfade gekommen waren, die ein geheimnisvolles Schimmern an den Grenzen dessen waren, was gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnet wurde. Doch dieses Wort war umgeben von Straßen, Drogen, Liebeskummer und sich Durchschnorren. Am ehesten glich es einem feinen Pfad zwischen Bodenständigkeit und „buntem Wahnsinn.“

Der „kleine Raum“ Realität mauerte sie beide ein. Als sie sich im Sog von Stürmen und Lichtern wie Schatten begegneten, sahen sie sich ratlos in die Augen und kommunizierten einige Zeit miteinander. Zeit war hier nicht ein Begriff, der eine solche Relevanz aufwies wie in der besagten „Käfig-Realität“, doch die Bahn des „ Falles“ schon an „Tiefe“ schätzbar machen konnte. Doch er verlief immer parallel zu den Tatsachen, wie sie wirklich waren … oder hätten sein können.
Egal- der Rausch der für die meisten noch unbekannten Substanz glitt in einen Schlaf über, der tief war und unzählige Träume barg – und jede Erinnerung verloren gehen ließ.
Doch eine Lösung war es nicht! Nie hatte das jemand behauptet.

Frederic öffnete am nächsten Tag plötzlich die Augen und sofort umwucherte ihn Benjamins Tragödie. Seine eigenen Probleme hingegen schlichen nur schemenhaft, aber doch sichtbar, in die „zweite Reihe.“ Er war lange im Schlaf gewesen, über den Morgen hinaus. Er fühlte sich stark, stark an einen Zweck gebunden.
Er hörte aus Benjamins Zimmer Musik.
Es waren natürlich Lieder, die man hört, wenn man seinen persönlichen Liebeskummer zu entfliehen versuchte, da man sich den Soundtrack der schönsten Erlebnisse durchgehend zuführte und sich so an etwas erinnern wollte, was man aus der Ferne überzogen romantisch sah.
Frederic blickte auf die Uhr. Es war mittlerer Vormittag. Erst einmal ein Bier. Er hatte heute viel zu bewältigen, und da er noch nicht „alle beisammen“ hatte vom Schlaf, war dies sein erster Gedanke.
Und er hatte Angst, Angst, Benjamin gegenüberzutreten. Wie würde er wohl bei sich selbst sein, wie war seine Stimmung im Detail?

Es war eine düstere Stimmung. Nicht nur in der Wohnung.
Dichter Nebel bewegte sich zäh wie schleimige Luft durch die Straßen, über die Dächer, und überhaupt drückte der Tag wie ein Schwergewicht aufs Herz, das voller Gefühle war… Gefühle, die niemand ordnete.

Nach einer halben Dose Bier und einer Kippe klopfte Frederic an Benjamins Tür und atmete durch.

„Es ist offen, Frederic!“

Der jüngere Bruder sah sofort, was los war. Benjamin hatte einen ordentlichen Anteil aus seiner Wodkaflasche getrunken und drehte die Musik dennoch in der Lautstärke zurück.

„Hi, wie..?“

„Es ist alles scheißegal!“, sagte Benjamin.

„Das weiß ich, dass du Liebeskummer hast. Aber musst du wirklich alle Klischees erfüllen, um mit deinem Verlust fertig zu werden? Bitte, Benjamin, ich helfe dir so gut ich kann, doch wir müssen unsere Lebensweise verbessern, wenn wir Licht in unsere „Nacht“ hier bringen wollen. Es ist wirklich keine gute Zeit, um ja, ja, ja…“

Frederic hörte die Sinnlosigkeit und das Aufdringliche in seinen Worten, worauf er sich im Raum umsah … ein kurzer Rundblick.
Da lagen – er war schockiert – Rasierklingen, die erste Wodkaflasche und sogar eine Knarre lagen entsichert neben einer Packung Zigaretten.
Frederic setzte sich zu Benjamin und seine Tränen konnte er nicht verbergen, doch die Angst übertraf seine Trauer.
„Benjamin…ich nehme diese Sachen da weg und ich flehe dich als dein Bruder an, bitte halte mich nicht dabei auf, dich aufzuhalten. Das ist kein Hilfeschrei, es war ein Strahl des Lichts, der mich rechtzeitig weckte. Ich ...ich weiß, du kannst viel saufen, DOCH EINE KUGEL REICHT MIT SICHERHEIT!“, balancierte er zwischen Panik und Entrüstung.

„Wenn ich schon das Klischee erfülle…DANN ZIEHE ICH ES AUCH DURCH!“

Plötzlich war Benjamin nicht mehr der Jammerlappen, jetzt war er der FEIGLING, der einen Grund hatte, seine Besoffenheit zwischen Frederic und sich zu stellen.

„Benjamin, wenn du gehst…wenn du diese Straße hinuntertorkelst, dann komme ich nach und dann ist für uns beide reichlich Dunkelheit da, also weg mit diesen Gedanken! Bitte, zerstöre nicht alles, nur weil du einen weltweit verbreiteten Zustand nicht ertragen kannst. Das ist ein chemischer Prozess im Gehirn, diese Art der Liebe ist Chemie und Biologie, das erzählt man sich sogar in der Schule. Sogar die dort verstehen, dass du gewisse Botenstoffe nun nicht mehr hast, gleich als wenn ein Süchtiger kein Gift mehr hat. Wir haben uns doch, als wir von daheim weggingen, geschworen, aufeinander aufzupassen und uns nie gegeneinander zu erheben…WEISST DU DAS NICHT MEHR?!“

Frederic war am Straucheln und erkannte, dass es keine Klischees gab, denn diese Situation war im ganzen Universum nun einmal so.

„Gut!“, sagte Benjamin. „ Es tut mir leid, es tut mir leid, aber bitte vergib mir, wenn ich von allein sterbe, da dort, wo gestern noch Liebe war, auch wenn du es nur Botenstoffe nennst, ein riesiges Einschussloch ist, das geht nicht mehr weg, das ist mir irgendwie nach der ersten Flasche klar geworden. Wenn das meine Libido ist, dann ist sie nur das ausführende Organ. Die Gründe für Liebe sind aus einer Welt, die so schön ist, dass wir sie nicht sehen können. Sorry!“

Benjamin ging an dem zitternden Frederic vorbei und streifte dabei keinen Fussel seiner Kleidung – es war sein Bruder und er hatte ihn gerade gerettet. Natürlich war der Bund, den sie vor weniger als einem Jahr geschlossen hatten noch so, wie er damals beinahe rituell geschlossen worden war.

Sie hatten es ihren Eltern klargemacht, jeder hatte seine Gründe gehabt und sie hatten sich nicht mehr umgewandt. Sie sahen damals das Haus am Stadtrand zum letzten Mal, den Tag davor waren sie vom Herumtreiben heimgekommen, aber gleich am nächsten Morgen waren sie „abgereist.“
Ihre Eltern waren wahrscheinlich froh, sie hatten nichts dagegen gesagt und hatten eigentlich nur auf das Blaulicht und die Sirenen gewartet, doch damals waren sie problemlos aus einer Dummheit herausgekommen.

„Danke“, flüsterte Frederic und hörte, wie Benjamin im Klo kotzte.
Er entsicherte erst die Waffe, hielt sie dabei mit dem Lauf nach oben, zog das Magazin heraus und vergaß auch nicht die Patrone, die zum Abfeuern bereit im Lauf steckte.
Die Rasierklingen entsorgte er, die Munition versteckte er weit von der Knarre entfernt in der Wohnung, und Benjamin bemerkte von all dem nichts.
Natürlich war das erst der Beginn einer Wegstrecke, deren Ausmaße noch nicht abschätzbar waren.

Frederic kam ins Badezimmer nach und gab Benjamin seinen Hut, den er immer trug, sogar wenn er schlief. Frederic meinte, ihn damit schon einmal aus dem Badezimmer herauskommen gesehen zu haben. Das alles fiel Frederic wieder ein und es brach ihm fast das Herz. Benjamin hatte es ernst gemeint, als er sagte, ihm sei alles scheißegal.

Frederic gab Benjamin also den Hut und setzte sich in eine Ecke der Küche, die zugleich der Hauptwohnraum war.
Benjamin setzte sich ihm gegenüber, er sah trotz des Wodkas weder ausgelassen noch offensichtlich betrunken aus.

„Wolltest du dich tatsächlich in einen Zustand der Gleichgültigkeit saufen und dann Schluss machen?“, fragte Frederic.

„Nein!“ Benjamin flüsterte wie immer, wenn er Feingefühl zeigen wollte. Es wäre aber ehrlicher gewesen, hätte er es kopfgesteuert gesagt.

„Wozu dann die ganzen....... Werkzeuge und der Wodka? Wollten wir starken Alkohol nicht … aber egal, auf jeden Fall war der schon in der Wohnung, denn wie du aussiehst, bist du heute nur gekrochen und nicht außer Haus gewesen. Und es ist Donnerstag, falls du Orientierung brauchst.“

„Ja, und wie ist MEIN SCHEISSNAME?“, schnauzte Benjamin.

Aber er beruhigte sich sogleich wieder. Der düstere, deprimierte, sehnsüchtige, einsame und kalte Pfahl steckte tief in seinem Herzen.

Wer schon einmal so unglücklich aus einer Liebesbeziehung herausgerissen wurde, weiß, was ich meine.
„Ich wollte es als Hilfeschrei machen, auch wenn es nicht so aussah. Ich wollte mich testen, es war einfach wie ein blödes Spiel für mich und der nahe Tod lenkte mich ab. Der Hilfeschrei galt jedoch nicht dir, sondern, so blödsinnig es auch klingt, Gott, denn der weiß ja überhaupt nicht, was ich fühle. Es ist ja nicht so, dass er alles weiß – wie dumm bin ich denn…?“

Frederic sagte: „Ich will dich ja nicht verhören, doch mir ist es nicht egal. Also du hast eine Waffe mit Munition, kannst damit umgehen und so weiter?“

„Ja“, sagte Benjamin. „Die besorgte ich mir schon, als wir die Wohnung hier mieteten. Wir sind schließlich in der „Szene“ und wenn einmal was schiefläuft, was würden wir tun, falls wir zu viele Schulden beim selben Typen haben und der seine Gorillas schickt?“

„Ich nehme die Knarre an mich!“, sagte Frederic entschlossen.

„Du? Du bist psychisch krank und da gibt es nie eine Garantie, ob du nicht die einfachste Lösung völlig unüberlegt durchziehst. Außerdem würdest du nie auf einen anderen Menschen schießen, selbst wenn er ebenfalls mit so einem Scheißding herumfuchtelt!“, wandte Benjamin ein.

„So etwas geschieht uns nicht. Wir bekommen keine Probleme!“, konterte Frederic, wenn auch nur schwach.

„Das genau dachte ich bei Sanja auch“, sagte Benjamin. „Ich dachte, sie würde mich nie „abschießen“. Doch sie tat es“.

Benjamin begann zu weinen und kauerte sich in seiner Ecke zusammen.

„Sie tat es nach einem Kuss, den letzten, den Abschiedskuss, wie sie bereits wusste. Alles kann geschehen, du bist doch so schlau“.
Benjamin wischte die Tränen weg. „Wie viel geschieht und wie oft in ewig und unendlich?“

„Reden wir jetzt von der Pistole oder fürchtest du dich vor noch Schlimmeren?“, wollte Frederic wissen.

„Ich will etwas tun, verdammt, und nein, mit der Pistole hat dies nichts zu tun und es gibt in der „Realität“ auch keinen Platz für meine Wünsche, nicht für einen von ihnen. Ich will weiter hinaus, in eine höhere…“

„Benjamin“, sagte Frederic. „Akzeptiere deinen Liebeskummer und such dir wieder eine Freundin, wenn du so weit bist. Aber bleiben wir erst einmal hier in der Stadt, und ich würde dir auch empfehlen, nüchtern zu bleiben. Bitte, stehen wir es gemeinsam durch. Du hast mich als deinen Bruder, komm aber auf keine blöden Gedanken, ja?“

Benjamin lächelte kurz und richtete dann seinen Blick auf Frederic.
„Ich weiß nicht, aber es geht ja nicht anders und halt dein Maul- von wegen blöder Gedanken. Ich bin hetero und kastriert von Sanja ..ha,ha. Soll ich jetzt lachen und gleich eine Wunderheilung durchmachen und lustig und witzig sein? Ich weiß keinen Ausweg, am besten ich rufe Sanja an!“

„Lass das bitte“, riet ihm Frederic ab.
„Du machst dich zum Narren. Wenn sie jemals wieder zu dir finden sollte, dann verhau das jetzt nicht. Du bist so betrunken, dass deine Fahne durchs Handy geht und deine Hilflosigkeit, in der du jetzt sitzt, macht dich nicht sexy. Glaub mir, Bruder!“

„Wow, Frederic! Du hast ja richtig Eier. Du hast wahrscheinlich verstanden, was deine Rolle sein soll für die nächste Zeit. Du musst dich um uns beide kümmern, denn ich bin im Arsch. Ich bin am Ende. Nicht einmal das russische Wässerlein ist so stark, mich davor zu bewahren, Weinkrämpfe zu bekommen und die Blitze, die mir tief ins Herz einschlagen, auszuhalten“.

Benjamin war immer schon leicht sarkastisch gewesen, doch nun war das, was er noch vor vierundzwanzig Stunden als mildes Herumalbern kannte und gern tat, eine Wolke aus bitterer Ironie geworden.

Frederic erkannte diese Gefühle auch in sich selbst – wirklich, die Dunkelheit hatte sie eiskalt erwischt.

„Benjamin! Er ist einfach eingeschlafen. Was soll ich tun? Wie bekomme ich ihn hin, ohne dass wir beide an der Nadel hängen und unsere wahren Probleme vielleicht für immer ungelöst bleiben? Das ist eine furchtbare Vision und nicht zu weit hergeholt!“

Frederic rauchte noch eine Zigarette und erhob sich dann.
Da er körperlich zu schwach war, konnte er Benjamin lediglich in Seitenlage bringen und eine Decke über ihn ausbreiten. Den Hut ließ er ihm auf den Kopf.

Verzagt blickte er aus dem Fenster – noch immer Nebel.

Grau.


Kapitel 3 Aquarell – Blut in Tränen


Benjamin hatte halb betrunken die Wohnung verlassen, als Frederic gerade einen notwendigen Abstecher in die zentralen Teile der Stadt machen musste.

Benjamin war nicht er selbst und die inneren Schmerzen sprachen zu ihm in Form von Selbstmordgedanken, volllaufen lassen, hartem Zeug, Rache, irrationalem Verhalten – das, was seine Emotionen ihm gerade aufdrängten.

Es war kein schöner Tag, Benjamin kein guter Anblick, und seine Gefühle rissen ihn in Stücke. Er hatte es noch immer nicht ganz kapiert, dass seine große Liebe ihn abserviert hatte als wäre er ein leeres Glas von irgendeinem ekelhaften Getränk gewesen.

Daher zogen ihn seine Schritte immer wieder zu Orten und Plätzen, die er mit Sanja gemeinsam oft besucht hatte oder sie auch nur irgendwie mit ihr verbanden.

Er war immer noch in der Nähe seines Blocks und Frederic hätte auch in der Nähe sein können. Benjamin überquerte eine Brücke, blieb in der Mitte stehen und blickte verzweifelt in die Wassermassen.
Er fand keine neuen Gedanken und die kalte Luft umschlang sein Herz wieder und wieder.
Springen...in der kalten Brühe baden gehen, jemanden mit sich reißen?
Diese Gedanken waren natürlich, wie es aber auch natürlich war, es nicht zu tun, was man da herumalberte im Galgenhumor und sich selbst als Heuchler entlarvte.

Also ging Benjamin weiter ohne zu bemerken, dass sein Bruder auf eine normale Art in der Nähe war, auf eine irrationale Art aber bei ihm, ganz bei ihm, wie zwei Brüder zusammen im selben Boot saßen, um in zwei verschiedene Ozeane zu sinken.
Benjamin wollte diese Situation- sie war noch tiefer als er dachte- nicht wahrhaben - und landete schon, so als ob es sein musste, an einer Bushaltestelle.

An der Bushaltestelle…

Als er und Sanja noch nicht in einer Beziehung gewesen waren, hatte er sie hier einmal gesehen, und seit damals waren ihr Gesicht, ihr Körper, ihr Wesen und Herz immer vor seinem inneren Auge gewesen und hatten bis vor wenigen Tagen gelächelt, wie kein anderer Mensch je hätte sein Gesicht liebevoller in einen so natürlich schönen Anblick bringen können.
Der Augenblick war damals kurz gewesen, und nun setzte Benjamin sich, den Tränen nahe, auf die Bank und verbarg sein Gesicht so gut es ging, seine Gedanken jedoch waren ohne Bremse und ohne Ordnung.
Er erinnerte sich und ein Gefühl der Bedrohung zog langsam auf.

Er hatte Angst, sich zu verlieren und plötzlich mischte sich eine Panik zu der Verzweiflung und verursachte eine fehlplatzierte Reue- er hielt sich für einen schlechten Menschen mit all seinen Konsequenzen.
Er wollte ja gar nicht in so einer Situation sein, und sein Weg hatte kein richtiges Ziel gehabt, aber genau dann sollte man nicht den sichersten Ort, den man kennt, verlassen.
Wie spät war es?
War es die Zeit, geläutert zu werden und dadurch noch mehr Unglück abzubekommen?

Das Timing konnte nicht schlimmer sein.

Es war der Zeitpunkt, an dem sich jemand der Bushaltestelle näherte, und er hätte diese sicher gemieden, wenn er gewusst hätte, wen er dort antreffen würde.
Benjamin war ernsthaft in Gefahr, noch mehr „Blut“ zu verlieren.

Eine Straßenecke weiter bewegten sich ebenfalls zwei traurige Augen zur Kreuzung. Doch diese Augen hatten einen Plan, eine nüchterne Vernunft und Würde und eine Entscheidung getroffen.
Sie hatten sie getroffen und würden nun nicht wieder ganz anders denken und fühlen, schon gar nicht, wenn ein Verlierer, wie Benjamin zur Zeit war, vertrocknete Blumen nach „ihr“ warf und das ehrlich für Liebe zu halten glaubte, wo er doch nur bei „ihr“ sein und ihren Herzschlag fühlen und ihr Zärtlichkeit geben wollte.

Warum kam dann so etwas auf ihn zu? Gab es einen sadistischen Herrscher, der das Schicksal lenkte und Benjamin, vergammelt wie er war, dort als Spielfigur, als Opfer, hinsetzen wollte, gab es ihn?

Die Ampel war auf Rot und das weibliche Wesen dort wäre bis zu Benjamin zu wittern gewesen, wenn er er selbst gewesen wäre. Doch ohne ausreichend Schlaf, viel zu viel Alkohol- jetzt und in den letzten Tagen, eine unreife Art, die ihn viel gekostet hatte….
So würde er nur wie ein Vergewaltiger auf sie wirken, und jeder von diesen ahnungslosen Passanten würde dies bestätigen und er, er hatte „Stoff“ dabei. Ein falscher Schritt - und der Untergang wäre nahe gewesen.

Und Sanja war nicht allein. Es war jemand bei ihr. Ein guter Freund…vielleicht noch.
Benjamin war jemand, der schon mal zuschlug, wenn es echt scheiße lief und seine Nerven durchgingen. Dies war nun so eine Konstellation und sie war wie auf Kurs zu ihm unterwegs.
Er saß nun hier und SIE näherte sich wie eine Kugel einem Herzen, das vor Unsicherheit und Verzweiflung pochte.

Frederic war inzwischen wegen „psychischer“ Probleme auch schnellstens unterwegs, auf dem Heimweg, und war total in sich gekehrt.
Ein unbewusst gesteuertes Lenksystem führte ihn auf sicheren Wegen.
Er war der, der Benjamin das Licht geben sollte, dieser Sache war er sich bewusst. Doch Benjamin musste erst das Licht so laut rufen, dass es hinabgleiten würde und sich greifbar machen musste.

„Ich hoffe, er lebt noch!“
Irgendwie weiß sich eben jeder zu beruhigen.
Er hatte nur noch wenige Meter…wenige Meter.

Er rief schon: „Benjamin, alles klar?“, noch ehe er die Tür ganz geöffnet hatte.
Und als er die Wohnung betrat, lief alles nur noch in einer anderen Ebene der Zeit ab, in einer Variante der Realität.
Auf den ersten Blick sah er, wie leer die Wohnung war, wenn Benjamin nicht da war. Sie war auch viel größer, verzweigter.

Er ging vom Schlimmsten aus und ein Funke näherte sich langsam von „oben.“

Die Zeit lief rückwärts, seine Neurose hatte ihm etwas vorgegaukelt und durch seine beinahe autistische Introvertiertheit die letzten zwanzig Minuten anders erleben lassen.
Hier wusste keiner, wie die Stangen der Realität gegen den Druck von Wünschen, Ängsten und psychischen Irrfahrten standhielten.
Im Traum sah Frederic eine Vision von Benjamins Situation. Sie war schlimm, nein, noch schlimmer als…
Dies war nach den Gesetzen, die unsere Realität willkommen hieß, aber es musste so sein, dass die genannten Faktoren gegen das Gestänge der realen Umstände an Gewicht zunahmen.

„Nein…nein .. Benjamin, du triffst sie jetzt nicht!“, rief Frederic in einem Back-Flash, der wie eine Welle durch das Gehirn und den darin vernetzten Geist fuhr.

Benjamin wollte nach rechts blicken, das wäre nicht so gut gewesen, nicht heute, nicht jetzt.

Frederic hatte vergessen, was nun geschehen war, als er auf dem Weg nach Hause gewesen war.
So kam es, und so musste es kommen, und so wollte es im Herzen jeder der Beteiligten: Frederic sah sich selbst nun wieder in der Stadt nahe der besagten Bushaltestelle.
Er bemerkte dort Benjamins Anwesenheit nicht, obwohl nur einige Meter die Beteiligten trennten.

Da stieß Frederic unabsichtlich an jemanden, der entgegenkam und hob erschrocken sein Gesicht.

„Hi Frederic? Wie geht es dir?“, sprach ihn Sanja an und er kam in ein kurzes „Hallo, Bruder des Ex- Gespräch“, für beide unangenehm, aber für Benjamin, der eben diese Meter entfernt saß und mit sich einen Kampf ohne Regeln ausfocht, war dieses Umschlagen der unerforschten Wellen, die wir alle teilen, ein Gewinn.

Denn es wäre bestenfalls peinlich gewesen, wäre er von sich entfernt gewesen, hätte mehr als nur ein Bild des Elends abgegeben, hätten ihn die beiden bemerkt.
Benjamin hätte in einen Streit geraten können oder in einen Gefühlsausbruch, was auch immer, doch Frederic war so nur verärgert, da er Sanja, wie gesagt, noch nie gemocht hatte.

Kapitel 4 Aquarell – Blut in Tränen

Ein Bus fuhr weg und Benjamin erhob seinen schwachen Körper. Es war nun allmählich dunkel geworden und auch die Temperatur sank, so wie auch Benjamins Moral, und die Neigung, immer wieder in Rausch zu versinken wuchs- dorthin, wo Gefühle weder Orte noch Zeiten kannten oder Beziehungen eine Rolle spielten.

Warum sollte Benjamin so leiden?
Er fragte das immer wieder aufs Neue im Kern seiner Identifikation mit sich selbst.
Eine Antwort war bestimmt in dem Geist, der alles miteinander verband und zu dem jeder gratis Zugang hatte.
Benjamin stellte sich wahrscheinlich zur gedanklichen Ablenkung vor, wie er in diesen Geist eintauchte, ohne spezielles Ritual, ohne jede fördernde Droge.
Er schlotterte, während er so in sich erst einmal suchte, und wandte sich physisch gesehen in die Richtung zur Wohnung.

Dort saß Frederic gerade von Sorgen erfüllt am Küchenboden und stopfte ein paar Snacks in sich hinein, und es würgte ihn bei jedem Schluck Bier, den er dazu machte.
Er hatte, seit er die leere Zweimannwohnung betreten hatte, schon fünfmal versucht, Benjamin zu erreichen, doch der hatte kein Gehör für das mobile Telefon, da der Lärm der Stadt und sein veränderter Bewusstseinszustand ihn durch eine verzweigte Straße führte, wo man nicht mit Telefonen und Computern in Verbindung kam, und es auch nicht wollte.

Benjamin war dabei, einzusehen, wie die Wege des Universums auch auf denen der Stadt ihre Spuren zogen, hin und wieder zurück.

Er war durch das Herumlungern in den letzten wenigen Tage irgendwie vom Boden abgehoben, obwohl ein Berg aus Tränenkanistern ihn nach unten ziehen wollte, irgendwas gab ihm einen Einblick in etwas, was er für einmalig hielt, doch was wahrscheinlich viele andere auf ihre Art durchlebten.
Vielleicht war er aber auch so betrunken, dass er auf „der anderen Seite“ wieder nüchtern herauskam, zu nüchtern, um sich mit Banalitäten abzugeben. Er kehrte jetzt einmal erst seinen Kummer in Antriebskraft um, die ihm die Stadt einmal von einer anderen Seite zeigte.

Er erwachte zum Leben hinter einer nebeligen Grenze.

Dort sah er Frederic einfach nur an und erkannte den absoluten Bruder in ihm.
Er hatte nie um Hilfe fragen müssen, Frederic sah ihn an und wusste, was zu tun war.
Obwohl der Junge erst fünfzehn Jahre alt und psychisch krank war, meisterte er seinen Teil der Umstände aus dieser Perspektive meisterhaft.

Als Benjamin Sanjas „Zone“ streifte- nicht mehr- sah er, wie auch sie traurig aus dem Fenster schaute, jedoch eine verkehrte Art von „Vernunft“ sie vom Fenster wegzog, und sie so aus dem Sichtfeld von Benjamin brachte.

Was sie jetzt wohl machte, woran sie dachte?
Egal, sie hatte ihn schwer verletzt und ohne Grund alle Bande gebrochen…für immer.

Er grüßte seine Dealer mit: „Hey Alter, alles klar soweit?“

Sie winkten ihm nur kurz zu und zählten Stapel von dreckigem Geld und grinsten dabei einander an, während jeder sein Messer unter dem Tisch festhielt.
Benjamin dachte nicht darüber nach, denn eigentlich sollte er diese Typen gar nicht kennen, zumindest nicht so gut.

Benjamin steuerte seinen Körper heimwärts, doch seine Gedanken und vor allem die traumartigen Visionen, die ihn immer wieder vom bewussten Umfeld wegzogen, ließen den Weg anders anmuten als es sonst immer gewesen war. Er war umrandet mit dem Inhalt seiner Gedanken aus den letzten Tagen, aber auch die fernere Vergangenheit mischte sich dazu und ließ ihn Schlüsse ziehen.
Es war eigentlich kein übersinnlicher Schub an Erinnerungen, sondern vielmehr eine durch Sehnsucht geleitete Mixtur seiner Gehirnchemie.
Er selbst konnte nicht sagen, ob ihn die Bilder erfreuten oder ängstigten, ob sie aufschlussreich oder sonst etwas waren.
Sie waren einfach aufgetaucht und bildeten eine neue Art von Erfahrung für Benjamin, die er nun kannte, so wie er prinzipiell wusste, wie man sie in Erscheinung brachte.
Zumindest dachte er das.

Er erreichte bald die Heimat und setzte an zum Sinkflug.

Als er nach seiner Landung Frederic am Boden sitzen sah, bemerkte er, dass der nicht so gut gelaunt war, wie Benjamin es gern gewesen wäre.

„Wo warst du so lange, Benjamin?“

Es war klar, dass dies für Frederic nicht unwichtig war, nachdem er schon das Schlimmste befürchtet hatte und seinen Bruder zurzeit nicht wiedererkannte. „Ich bin herumspaziert und habe ein paar für mich wichtige Örtlichkeiten aus sicherer Entfernung besucht. Bitte vertrau mir, ich lasse dich nicht allein zurück.“

Frederic überlegte, ob er die Begegnung mit Sanja erwähnen sollte, doch er sah davon ab, denn damit hätte er nur unnötigerweise den Namen erwähnt, der so viel in letzter Zeit zerstört hatte und es jederzeit wieder hätte tun können, so wie er seinen Bruder kannte.

„Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht. Ich weiß, dass du derzeit imstande wärst, etwas Falsches zu tun!“
Die letzten Worte klangen beinahe wütend, ja verbittert.

Das bemerkte Benjamin und wollte nur, dass alles wieder entspannter wurde. Daher verzichtete er auf jeden blöden Kommentar und flüsterte nur: „Tut mir leid!“
Dann verließ er zögernd die Küche und verschwand in seinem Zimmer.

Frederic rauchte, offensichtlich nervös und durcheinander, die Zigaretten so, als ob er sie aufessen wollte. Dabei schaute er nach oben und fragte sich, warum sich alles so erschöpfend und zum Fürchten spöttisch im Kreis drehte.
Nichts schien seit jenem Abend, an dem Sanja Benjamin verlassen hatte, wieder ins Rechte gerückt zu sein. Warum nur musste er sich ängstigen, wenn Benjamin für ein paar Stunden die Wohnung verließ? Oder auch nur für eine Minute?
Früher war es nie so gewesen. Noch vor etwas mehr als einer Woche war das Leben eine Party, die man nur zwischendurch im Gang halten musste. Oder man ruhte sich aus. Ansonsten konnte er sich an keine Probleme erinnern. Was sollte diese deutliche Verschlimmerung der Lage und warum musste er so stark wie nie zuvor sein?
Nun gut, sein Bruder, sein älterer Bruder, hatte Liebeskummer und damit ein klares Problem.
Aber hatten das nicht alle in dieser Situation? War das nicht DER Grund für Trauer und Probleme für Menschen in ihrem Alter, einmal abgesehen von Unfällen und dem alltäglichen Elend, das sie so oft umgab?
Frederic kannte einige Dinge auf dieser Welt. Er hatte auch eine gewisse Allgemeinbildung, obwohl er nicht mehr zur Schule ging.
Doch was er natürlich nicht hatte, war eine durch Konstanz erlangte Lebenserfahrung, und damit war er gerade einmal klug genug für die Szene, in der sich er und sein Bruder befanden, oder besser gesagt, an deren Rand sie die Stellung hielten und zu viele Kontakte mieden, damit sie keine Schwierigkeiten am Arsch hatten.

Manchmal holten Probleme aber einen ein.
Man musste nur diesen Fall hier einmal nüchtern betrachten.

Trotz der sogenannten Vorsicht, die sie zu halten glaubten, waren nun beide beinahe irre und zudem hatte einer von ihnen ein vorübergehendes, aber echtes Problem, und Frederic selbst dachte nur noch an Psychosen, Ängste und Depressionen, und das stand alles miteinander in Verbindung.
Er sah dennoch erstaunlich nüchtern diese Problemstellung.
Wie würde man darüber in einer Zeitung schreiben, wenn einer von ihnen beiden irgendwo hinunterspringen und dabei einen anderen mitreißen würde? Oder wenn einer von ihnen einen Amoklauf starten würde?

„Jugendliche Drogenabhängige mit Hang zur Aggression drehen durch und richten sich selber.“

Dies wäre alles.
Benjamins individueller Liebeskummer würde vergessen werden – für alle Zeit. Die Inhalte von Frederics Neurosen rührten von durch Drogen hervorgerufenen Depressionen her, die überschwappten, weil er niemals ein lebenswichtiges Urvertrauen entwickelt hatte. Seit er zwölf war, hatte er bereits die Schule geschwänzt, getrunken und gekifft.
Dieses Verhalten baute sich auf, und wenn man einmal nach vorne spulte, war ihre Situation so einmalig und individuell, wie es die Lebenssituation aller Menschen war und zugleich nach „Schema F“.
Er wusste nicht warum, doch gab ihm diese Tatsache ein Maß an Sicherheit und Hoffnung zurück.

Er durchdachte dies und ging zu Benjamins Tür und klopfte an.

„Komm schon rein, Frederic!“

„Hast du irgendetwas zu erledigen gehabt? Wie war dein Tag?“

„Na ja, ich wollte auf eine etwas unbeholfene Art an mir arbeiten. Doch „Verhalten von der Stange“ führt meist nicht zum Erfolg. Doch als ich hierher zurückging, wucherten meine Gedanken über mich hinaus und ein „Raum“ öffnete sich mir, in dem, ich sag es dir, eine Milde herrschte und letztendlich doch noch auf eine seltsame Art an zeitweiliger Einsicht und dergleichen, mir Ruhe und etwas Frieden verschaffte. Es tut mir leid, dass du dich sorgen musstest, doch ich schaukle das schon, auch wenn ich wieder irrationale und doch meinem Alter entsprechende Verhaltensweisen zeige und mich vor Gram besaufe“.

„Das hört sich gar nicht so übel an“, meinte Frederic.
„Du machst wohl das Beste aus der Sache und lässt deine Kreativität spielen.
„Ich finde es gut, dass du nicht durch die geschlossene Tür hereingetorkelt bist, um es bildlich zu sagen.“

„Danke, Frederic. Aber es bestehen noch Probleme, schwere Probleme, die wir beide lösen müssen. Vielleicht ist der jetzige Moment der Akzeptanz nur eine kleine Oase in einer riesigen Wüste. Doch wir werden nach vorne schauen, jeder so gut er kann.“

Es war eigentlich die Güte des Lebens, die solche Tage ausklingen ließ.
Frederic fühlte sich sogar so etwas wie ausgeglichen und Benjamin schlief mit einem gewissen friedlichen Gefühl ein.

Die Nacht war sternenklar und eiskalt. Jeder, der in ihr lebte, hatte die Verhältnisse, die er sich selbst geschaffen hatte und das, was das Leben dazu beisteuerte.

Der Frieden war nicht so trügerisch, wie man es hätte vermuten können, doch verlogen war er doch, denn am nächsten Morgen erwachten beide mit einem Gefühl von Leere.
Es war aber eine Leere, die auch den Raum für etwas Gutes oder Neues haben konnte.

Auf jeden Fall war keiner der beiden überrascht oder heillos durcheinander, auch wenn Benjamins erstes, noch im Schlaf gesprochenes Wort, „Sanja“ war, und sein Traum, was immer er auch beinhaltet hatte, ein Ende haben würde, an das er sich noch nicht gewöhnt hatte, das aber allen Dingen bevorstand, die nicht für die Ewigkeit gebaut waren.


Kapitel 5 Aquarell – Blut in Tränen

Der Winter schien in diesem Jahr eine „Eiszeit“ von unvorstellbaren Ausmaßen zu sein. Es war kalt und düster. Einige Wochen in jenen vernebelten Gedanken, die Frederic und Benjamin verbanden, wie auch gleichzeitig trennten, waren im Schnee versunken.
Nur fern zeigten sich Strahlen einer über der Welt stehenden Sonne – eine Mutter, die selbst ihre verirrten Kinder wärmte, gerade dann, wenn ihnen die Kälte das Herz einfrieren lassen wollte.

Es vergingen seit jenem tragischen Abend, an dem das „Aus“ von Sanja und Benjamin besiegelt worden war, einige Wochen… zähe, aus langsamer Zeit bestehende Riesen – sie wussten genau, dass die Brüder sich ihnen, in den ersten wahren Kämpfen, stellen mussten und sie gerade einmal so überstanden.

Benjamin hatte, wie es das Klischee verlangte, sich von allem getrennt, was ihn an Sanja band oder erinnerte.
Melodien aus singenden Träumen strömten durch die Wohnung – schwarz und ein Farbton zwischen pink und violett war zur visuellen Darstellung der Jugendlichen geworden, in ihrer verschlungenen Entwicklung, der maßgeblichen Note ihrer Kleidung und der Subkultur, die manche niemals aufgeben und die schon immer um sie gewuchert hatte.

„Hey, Benjamin, ich habe heute in der Altstadt beim Schnorren ein paar Leute kennengelernt, die sofort in das passten, was wir zurzeit leben!“

Benjamin lag auf seinem Bett und war dabei, seine absolute Lieblings-Sentimental-CD zu hören, und trank in Maßen etwas Bier. Er hatte sich, was das betraf, doch etwas gefestigt, wenn er auch noch viele Gelegenheiten nutzte, irgendwie berauscht oder high zu sein. Aber er tat es nicht mehr täglich und konnte auch „Nein“ sagen.

„Was sind das für Leute und was leben wir zurzeit etwa? Sind sie im Grunde ihres Herzens, was immer auch geschieht, für Liebe und Licht?“

Frederic war etwas überrascht über Benjamins Worte, verstand jedoch schnell, was sein Bruder meinte und warum er diese Begriffe gerade jetzt, nämlich als Erstes, ins Spiel brachte.

„Ich redete eine Weile mit ihnen – es sind eher Außenseiter wie wir- und sie hörten sich nach einem kurzen Zusammensitzen alles an, worüber ich endlich mit jemandem Dritten reden konnte. Sie kannten das alles und ich war gar nicht so schüchtern, doch warte: Ich vergoss keine vertraulichen Fakten an unzuverlässige Arschlöcher. Ein Hauch von Schicksal versicherte mir, dass die drei Typen und die Schwester von einem von ihnen nicht aus Zufall auch dort …..bettelten, sondern aus mehreren Gründen die Zeit und den Ort mit mir, beim selben würdelosen Tun, teilten.“

„Und was willst du mir sagen? Sind sie vielleicht schon vor der Tür oder „gefunden du hast“ Verbündete?“

Benjamin rauchte eine Zigarette an und sah Frederic genau in die Augen, stand dann langsam auf, nahm die CD aus dem billigen Player und ein „Knack“ zerteilte sie, als ob sich jemand den Hals gebrochen hätte, es war eine Reaktion, die nicht zu deuten war, bis sich einfach etwas wirr mit Ironie die Spannung löste.

„Hoppla! Meiner Vergangenheit hat es die Stimme verschlagen. Gut, dass es Sanjas CD war“, grinste Benjamin, Frederics Blick noch immer haltend.

Frederic erschrak kurz, doch irgendwie verschwand ein Schatten aus der Wohnung, das fühlten beide, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

„Mir ist es zwar egal, was du diesen Typen erzählt hast, aber bringe einen von ihnen – wenn es sein muss- erst mit in diese Wohnung, wenn ich Grün blinke. Das heißt, ich unterstütze dich…. und auch mich, Freunde zu finden, denn wir sind einsam. Richtig?“

Benjamins Blick hatte nicht direkt etwas Bedrohliches, und wenn er es doch gehabt hätte, floss es bei jedem Wort immer weiter in eine Art Vorstellung, ein neues Leben aufzubauen, über.
Benjamin konnte auch flexibel sein. Er war ja jetzt auf der Jagd. Er nahm wieder in jeder Richtung die Witterung auf, um eine „ neue Sanja“ zu finden.
Es war tatsächlich angebracht, mit einem neuen „Weibchen“ zu flirten. Da kam ihm Frederics plötzlich nach Gesellschaft suchende Art gerade recht. Die Schwester von Mister X., der jetzt einer der neuen Bekannten von Frederic war, konnte womöglich nett und so weiter sein. Falls sie es doch nicht war, hatte sie vielleicht eine oder zwei Freundinnen.

Den beiden Brüdern war an diesem Nachmittag, an dem sie neue Ideen besprachen, als ob sie das erste Mal Menschen in Reichweite sahen, die man gemeinhin als depressive „Waschlappen“ abtat…., es sei denn, man war selber so ein „Waschlappen.“
Und das war genau das, was sie brauchten: Neue Erlebnisse, neue Freunde und den Eingang in die Szene der Großstadt, in der selbst „Waschlappen“ ihr Revier hatten.
Es war nicht einfach in dieser kalten Stadt…..in der gesamten Welt, gleichgesinnte Menschen zu finden.
Hier hatte bestimmt nicht jeder viele Freunde.
Die Menschen waren introvertiert, abwesend und in rein auf sich selbst bezogene Angelegenheiten verwickelt, alles steril und kühl, und damit der genaue Gegensatz davon, Freundeskreise aufzubauen und die alten Mauern einzureißen.
Dass dies einzig und allein die Fähigkeit war, persönliche, ja, vielleicht innige Wünsche zu erfüllen oder wichtige Pfade in neuen Lichtern zu sehen, wurde schon lange, auch von sensiblen und auf ihre Art wunderschönen Gemütern, vergessen – fast.

Es war, wie gesagt, eine Art trübe und abgekühlte Zone um die Stadt herum, und wahrscheinlich war in dieser Zeit Einsamkeit der Kern von Zuständen wie arbeitslos, emotional oder trübsinnig, reich oder arm, idealistisch oder resignativ.

So wie in Benjamins Seele ein nun leerer Garten vom Blühen ins Verwelken abgeirrt war, und Frederic ein anderes, ebenso verdorrendes Reich betreten hatte, in dem er auch nur in seltenen Momenten feierliche, sowie bescheidene Anlässe dazu nutzte, ein Vertrauen in den „Ur-Grund“ alles Seins in Betracht zu ziehen, so schleppten sich unzählige Herzen ringsum durch ihr Leben.

Frederic war deshalb sehr mutig mit zuvor noch fremden, ebenfalls als „Waschlappen“ fehleingeschätzten Individuen gerade aus diesem Grund aber in Kontakt getreten, und fühlte auf zuverlässige Art Vertrauen, das auch Benjamin wahrnahm.

Als die Brüder am Abend, fast wie eine kleine Familie, in der Küche saßen und ziemlich maßvoll billiges Dosenbier tranken, feierten sie Frederics Geburtstag. Der kam in der Dämmerung …offiziell, denn für die Brüder begann ein solch nicht sehr wichtiger, vielleicht überschätzter Anlass immer erst am Abend.

Wenn die Sonne im zu zwei Drittel vergangenen Winter sich in einer besonderen Art abwandte, fühlten beide schon immer, dass es Sinn machte, spontan und ohne jede übertriebene Geste, falschen, nicht so wichtigen Feiertagen einen Raum der Bedeutung zu geben, also auch den Geburtstag zu erwähnen.
Und dann wurden, wie durch einen stumm eingebauten Mechanismus, peinliche Geschichten des Geburtstagskindes wieder und wieder, beinahe lächerlich, als lustig besprochen und erwähnt.
Es fielen Zäune und Hemmungen von ganz allein, und so wurde schelmisch von Benjamin gelacht, egal, wie tief in den dunklen Ecken des „Raumes“ noch Wunden waren.
Die beiden waren Brüder wie aus Kinderbüchern.

Sie gingen füreinander überall hin, um den anderen zu retten. Und diese Bruderliebe hielt wie betende Hände über ihnen einen unauffälligen Schutz zusammen.
Doch so unauffällig dieser anmutete, so unzerstörbar und heldenhaft hielt er wie eine über allem stehende Ordnung die Dinge in Bewegung, und leitete nur so weit, wie sich einer der beiden bewusst entschied, seine Schritte zu setzen.

Es wurden ein paar Stunden lang in dieser Atmosphäre Gespräche geführt, doch die aktuellen Probleme oder auch Geschehnisse anderer Art blieben weggesperrt, und die Erinnerungen und Illusionen, aber auch die Visionen beider hatten viel Platz, der doch noch so etwas wie ein Fest in Kleinformat aus den genannten Elementen machte.
Doch nun war Frederic endlich sechzehn, durfte nun nach einem Gesetz, das noch nie ein Thema gewesen war, saufen und rauchen, aber der Rest ihrer Gewohnheiten war verboten wie zuvor, und das war gut so.

Doch obwohl Frederic sich dessen bewusst war, griff seine Linke immer wieder zu dem Zeug, das beruhigte und Gedanken zu rosaroten Luftballonen machte, die keine Angst verursachten, sondern sie an Bedeutung verlieren ließen, und damit auch jede Sorge.

Wohin das noch führen sollte?
Frederics neue Bekannte waren ihm ähnlich, doch nicht gleich. Aber sie hatten, egal, was sie darstellten, einen Stellenwert im ständig neu aufkeimenden Verlauf der vielen Existenzen, die immer unabsehbar viele Richtungen in jedem einzelnen Moment zur Auswahl hatten.


Schatten waren noch immer da.


Kapitel 6 Aquarell- Blut in Tränen


Die warme Jahreszeit war gekommen, aber sie konnte den Eisberg der Ereignisse im Winter nicht ganz schmelzen, doch zog deutlich eine andere Atmosphäre auf.

Die Gewohnheiten der Brüder hatten sich so sonderlich gewandelt, doch Frederics Psyche wurde inzwischen von sozialen Einrichtungen behandelt, auch ein Neurologe kam ins Spiel. Er verschrieb dem Sechzehnjährigen etwas gegen Depressionen und neurotische Wahrnehmungsstörungen.

Benjamin hatte dies organisiert, doch für seine eigenen Probleme wollte er das nicht – er wähnte sich in einem Zustand, der einmalig war und vermutlich nur durch eine Person geheilt werden konnte. Doch dies war bereits ein morbides Märchen, konserviert in der Starre des qualvollen Winters, der so viel verändert hatte und doch – es ging weiter.

„Hey, Frederic, gehst du heute zu deinem Gespräch, tust du das bitte?!“, wandte sich Benjamin an seinen Bruder und klang dabei sehr ernst, da er es wirklich wichtig nahm, dass sein jüngerer Bruder etwas für sich tat. Benjamin war selbstverständlich zu stolz, Ähnliches zu tun, doch gestand er es sich nicht ein.

„Ja, natürlich, Benjamin. Mache ich doch immer. Es tut mir gut und ich kann offen reden. Doch ich werde so behandelt als wäre ich krank, dabei bin ich nur verunsichert, und meine Phantasie vermischt sich mit meiner Wahrnehmung der Dinge, die im normalen Leben geschehen!“, kam es aus Frederic heraus.

„Okay, du klingst zwar etwas analytisch, doch du verstehst dich selbst jetzt schon etwas besser. Zumindest verrät das deine Art, dich auszudrücken“, schmunzelte Benjamin, blieb aber ernst.

„Ich finde diese Art zu denken, als ob ich gemäß eines Schubladendenkens gehirngewaschen werde!“, erwiderte Frederic, und er hörte sich geistig gesünder an. Sich dabei im Auge zu behalten, war ein Zeichen, dass man es sich wert war und man das Leben wertschätzte.
Beide wussten das innerlich, aber nur der Augenkontakt, den sie hielten, sprach darüber.

„Die machen ihren Job, und das was sie machen, haben sie von Leuten, die auch ihren Job gemacht haben, doch individuelle Zwischenmenschlichkeit ist bei so etwas immer dabei“, wollte Benjamin noch schlauer klingen, aber was er sagte, war so ziemlich das, womit man es zusammenfassen konnte.
„Ja, ich verstehe die Sache ja eh so vernünftig wie ich kann, oder wie ich gerade sein will, daher gehe ich zu meinen Terminen, aber warum redest du nicht mit einem, der dir hilfst, da etwas Wichtiges zu verarbeiten?“

„Was soll ich? Ich hatte so ein Gespräch, doch ich hatte das Gefühl, mich weder in meinen Worten wiederzufinden noch in denen der Beraterin, wie sehr sie sich auch auf mich einlassen wollte. Ich sehe immer das Individuelle in meinem Problem, das ich noch immer wegen „ihr“ habe!“, wurde Benjamin plötzlich laut und schaute aus dem Fenster, aus dem er nun schon eine relativ lange Zeit blickte, immer mit denselben Gedanken, die sich wie ein Nomadenstamm immer nur von einem Bewusstseinszustand in den nächsten bewegten.

„Du weißt, dass ich es immer noch nicht vergessen oder eben verarbeitet habe. Ich versuchte nur das letzte halbe Jahr, mich abzulenken oder allein damit fertig zu werden“, fuhr Benjamin fort, und er strahlte kurz das aus, was Frederic an jenem Abend, an dem alles zusammenzubrechen drohte, fühlte, und das Benjamin aus seinem Herzen strömte , ob er es wollte oder nicht.

„Es war mir irgendwie bewusst und ich bin nicht überrascht, wenn auch betroffen. Soll ich hierbleiben?“, fragte Frederic.

„Nein, geh nur zu deinem Gespräch. Alles andere könnte ich nicht ertragen. Geh bitte!“, bestand Benjamin und ging in sein Zimmer, ließ die Tür jedoch offen, damit sein Bruder nicht aus Sorge um ihn seine eigenen Probleme hinten anstellte, und dann nur über die von Benjamin sprechen würde.
Denn dazu neigte Frederic, und das hatte ihn vielleicht erst so weit gebracht, nun doch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Aber Frederic verließ die Wohnung und Benjamin wurde es leichter ums Herz.


„Dein Bruder ist dir sehr wichtig, er füllt für dich eine gewisse Rolle aus, die normalerweise Eltern haben, Frederic!“, sagte Simone, die Beraterin , eine ausgebildete Gesprächstherapeutin, zu Frederic, der, aufgewühlt und nach vorne gebeugt, erzählte, was nicht zum ersten Mal das Thema war – das latente Umklammern von Benjamin.

„Du bürdest euch beiden zu viel Verantwortung füreinander auf. Du beschützt ihn beinahe mit jedem Satz, den du über ihn sagst. Andere Patienten in deinem Alter tun dies oft, wenn sie über ihre Eltern sprechen, auch wenn diese ein unverantwortliches Verhalten an den Tag legen. Schütze dich selbst und baue eine gesunde Distanz zu deinem Bruder auf. Das rate ich dir deshalb so offen und ausführlich, weil ich weiß, dass du einiges davon verstehst, was ich erreichen will, doch nicht alles, Frederic!“
„Wie soll ich zu ihm eine Distanz aufbauen und warum? Wir wohnen zusammen seit ich der bin, der ich bin!“

„Ja, natürlich. Doch auch davor schon war er deine Bezugsperson.“

Die Therapeutin hatte schon durchschaut, dass Frederic manchmal etwas verharmloste. Besonders die Rauschzustände. Es mochte ihm nicht wirklich schlimm vorkommen, doch man konnte daraus Schlüsse ziehen. Aber hier war der letzte Ort, an dem man mit Problemen beladene Kinder und Jugendliche anlog und sie in noch mehr Probleme trieb, wenn man auch Alternativen anbot.
Frederic nahm regelmäßig die Medikamente, die ein Psychiater und Neurologe wohlüberlegt verschrieben hatte. Er wollte wieder so sein, wie er mit vierzehn gewesen war. Er versuchte, so wenig Drogen oder Alkohol wie damals zu nehmen.

Doch heute hatte er einige Zeit nach dem Gespräch herumgeschnorrt. Nach zwanzig Minuten hatte er so viel zusammen, wie er brauchte. Er musste nur in eine „derbe Gegend“ gehen und dort traf er den guten alten Jon.

„Sehr guter Stoff, Kleiner!“

„Ja, wir sehen uns, Jon!“

Gleich um die Ecke war dann noch eine Straße, und dann war er schon wieder daheim, mit „Stoff“ aus der derben Gegend.
Er lief die Treppen hoch und sperrte auf.

„Ben, ich bin wieder da. Du bist mein Vater, Benjamin!“, lachte er in Bens Zimmer hinein.

„Was bin ich? Du bekommst gleich eine Tracht Prügel, Sohn!“, lallte der offenbar komplett „dichte“ Benjamin.

Irgendwie war die Tragik dieser Situation schon wieder lustig, denn bis Benjamin in Frederics Zimmer getorkelt kam, um nachzufragen, wie es gewesen war, hatte der sich schon einen verdammten Schuss gesetzt.

„Wie war das Gespräch? Hast du über dich und deine eigenen Probleme gesprochen?“, war die erste Frage.
Benjamin war nun irgendwie etwas klarer.

Frederic hob den Blick langsam zu seinem Bruder, der am Türstock lehnte, sah dann auf seinen eigenen Arm und sagte: „Natürlich. Ich weiß die Dinge zu trennen!“
„Und warum haben wir dann nur einen Mülleimer?“, murmelte Benjamin, setzte sich auf den Boden und rauchte eine Zigarette an. Er fühlte sich so in Form, dass er das von heute morgen bestimmt wieder einrenken konnte, so dachte er zumindest.
Frederic würde bestimmt ein tiefes Gefühl der Erleichterung verspüren.

„Es ist soweit alles in Ordnung, doch kiffen werde ich wohl so schnell nicht mehr können. Eigentlich schade, das mochte ich früher am liebsten“, murmelte Frederic so, dass Benjamin gerade noch verstand, was er sagte und darüber wütend werden konnte.

„Weil ich dich nichts anderes nehmen ließ, Sportsfreund! Vergiss die Drogen, du musst gesund werden. Willst du ewig deine Wahnideen haben?“
Benjamin war so „einfühlsam“, wenn er wieder einmal eine seiner „Ein-Mann- Partys“ gefeiert hatte.

Doch Frederic war das scheißegal, im Moment jedenfalls.

So lief es eben manchmal noch, doch es hatte nicht mehr diese enorm wichtige Rolle, und es wurde auch seltener – was es aber nicht unbedingt zu etwas Gutem machte.

Den restlichen Tag sprachen die Brüder nicht mehr viel miteinander.

Sie hatten erst einmal damit zu tun, wieder klar zu werden, und es beschäftigten sie, wie sich einerseits zeigte, viele Dinge, aber auf der anderen Seite hatten sie unrecht, während sie darüber nachdachten.
Trotzdem redeten sie nur das Notwendigste miteinander, wenn auch kein unfreundlicher Ton oder Geist im Raum stand.

Konnten zwei verschiedene Arten, etwas zu denken, eine solch isolierende Wirkung, wenn man übereinander nachdachte, haben?

War dies ein Zeichen?

Dieses Schweigen endete erst, als es Abend wurde.

„Hast du heute noch war vor?“, brach Benjamin die Stille, und stellte so jedoch aber die Ruhe wieder her, oder besser gesagt, die Ordnung.

„Ich gehe in den Schlossweg-Park und treffe mich mit den Freunden, die du, mein Lieber, nicht magst.“

„Die kenne ich ja kaum“, erwiderte Benjamin.
„Kommst du mit? Sie kennen dich ja schon ganz gut!“, sagte Frederic etwas unbedacht.

„Warte, Kleiner! Wieso kennen die mich schon ganz gut?“, kam es aus Benjamin heraus.

„Ich...ich erzählte ihnen von deinen Vorzügen und so. Was man eben so über den Bruder, mit dem man zusammenwohnt, erzählt.“

„Okay! Ich komme heute tatsächlich einmal mit. Ich kann ja nachdenken, wenn es langweilig wird. Sind im Park um die Zeit mehr Leute?“, fragte Benjamin und schaute wieder zum Küchenfenster hinaus.

„Ja!“, antwortete Frederic.

„Wenn doch Sanja dort wäre! Doch ich habe sie damals an jenem schrecklichen Abend zum letzten Mal gesehen. Es sollte wohl so sein! Doch Sanja, du fehlst mir so sehr!“, dachte Benjamin traurig, und er hätte schwören können, dass seine Träne schwarz war und schmerzte.

Frederic und Benjamin wollten sich in ihren Zimmern noch etwas zurechtmachen, bevor sie losspazierten.

Beinahe niemals nahmen sie den Bus.

Kapitel 7 Aquarell – Blut in Tränen


Frederic saß bei seiner Gesprächstherapie in der staatlich sozialen Einrichtung, eben für Menschen, die trotz deutlicher Diagnosen nicht die Mittel hatten, eine private Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Es war ruhig um die Einrichtung herum, es war noch recht früh, und Frederic war an jenem Tag etwas schlechter drauf, leichte Verwirrung plagte ihn.
Er hatte am Vortag leichtfertig gehandelt und spürte nun die psychischen Folgen. Diese Gefühle hatte er zum ersten Mal - sehr verloren und sehr einsam.

Simone, die Therapeutin, blickte ihn lange an und ließ dann betroffen die Augenlider fallen, es war wie in einem tragischen Film und noch nie war es hier so kühl gewesen.

„Es ist doch draußen ganz warm, es wird heute wieder an die dreißig Grad haben!“, dachte Frederic verwundert, als sich prickelnd seine Haut zusammenzog und die feinen Haare auf seinem Arm sich aufstellten.

„Frederic, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Wir haben alles versucht, nichts blieb uns. Es gelang mir nicht, mehr zu erreichen. Es ist hart, aber du bist für immer verloren!“

Frederic fiel zurück in seinen Sessel, starrte der sonst so warmherzigen Frau in weiße Augen mit einem roten Punkt in der Mitte der Iris.
„Was? Wie können Sie das wissen? Ich bin nicht…“.


„Hey, Penner! Wach auf! Du warst gestern zu lange auf, was hast du da wieder getrieben?“, hörte Frederic Benjamins auffordernde Stimme und starrte, gerade wach geworden, in sein Gesicht.

„Was?“, kam gerade noch aus seinem Mund hervor, und dann rappelte er sich von seiner Matratze am Boden seines Zimmers auf und starrte weiter, diesmal auf seinen Arm. Eindeutige Spuren und noch immer das neue Gefühl, es verzog sich langsam zurück in den furchtbaren Traum, den er gehabt hatte. Doch Schatten….

„Frederic? Ist mit dir alles so weit klar?“, stupste Benjamin jemanden, der anscheinend auch in Frederics Zimmer geschlafen hatte, an.

„Was war los? Wieso warst du in der Nacht hier?“
„Weil ich dich retten musste, und zwar vor dir selbst. Du hast ziemlich gutes Zeug aufgetrieben und dann führte eines zum anderen. Ich saß neben dir und bewachte die zweite Fixe, die du dir vorbereitet hast. Wir kämpften nicht, aber auch nur deshalb, weil du überleben willst!“, sagte Benjamin und kickte eine leere Bierdose in die Ecke, in der schon ein paar andere Dosen lagen.

„Natürlich will ich überleben! Egal, wie viel Mist im Leben herumliegt, es ist immer noch besser als….“

„Als tot aufzuwachen! Habe ich recht?“, flüsterte Benjamin plötzlich ganz sanft, so wie er es manchmal tat, und umarmte Frederic.
Sogar ihm lief eine Träne über die schwarze, tätowierte Wange unter dem linken Auge herunter, da er Frederic im Schlaf rufen gehört hatte. Er selbst hatte Wache gehalten und keine zehn Minuten geschlafen.
Das behielt er aber für sich und auch die wirren Ängste, die Frederic offenbar durchlebt haben musste, um heute wieder aufzuwachen – in derselben Welt, die gestern noch so toll war- für wenige Stunden zumindest.

„Danke, Ben. Ich denke, eine kalte Nebelschwade war hier. Sie hat aber eben ihren Griff gelockert und mich dann fallengelassen. Nur gut, dass ich schon liege“, erwiderte Frederic Benjamins Umarmung mit vermeintlich kryptischen Worten.

Benjamin merkte sich diese Worte und wollte sie gleich nachher in sein Poesiebuch schreiben. Nur er kannte dieses Buch und so manche von Frederics Aussprüchen waren darin verewigt. Natürlich enthielt das mit Leder geschützte Buch den Namen Sanja oft, doch er wurde seltener, und jede Zeile war eine schwarze Träne, ob vor Freude oder Leid.
Benjamin zählte etwas später die freien Seiten, die das Buch noch hatte, einfach so, und stellte fest, die Mitte gerade eben erreicht zu haben.

„Was webt um mich und um die wenigen, die ich wirklich kenne?“, fragte sich Benjamin und blickte immer wieder zu Frederic, der zum „Reparieren“ ein Bier hinunterwürgte und sich beinahe bei jedem Schluck übergab.

„Kotze nicht das „Pennergebräu“ heraus! So einen edlen Tropfen bekommen wir kein zweites Mal, in so einem edlen Stück Karton!“, rief Benjamin, und er sah nun zu, wie sich der Rauch seiner Zigarette in den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hereinkamen, formte und in Spiralen drehte.

„Wahnsinn, aus dem Zufall wird schon Ordnung!“, murmelte er, davon angetan, und sprang auf.

Es war ein Sonntag.
Und egal, was man über Sonntage sagen konnte: Sie waren in vierundzwanzig sadistische Folterstunden eingeteilt.

„Ich fühle mich so richtig wie „am nächsten Tag“, war Frederics Beitrag, und er dachte schon wieder daran, nachzuhelfen, aber NEIN!
Er wollte das nicht aus seinem Herzen heraus, und Benjamin war eine hohe Wand ohne Möglichkeit, sie mit fairen Mitteln zu umgehen, und so tat er den Wunsch dorthin, wo er hingehörte, nämlich WEG.
Noch konnte er das.

So blubberte ein zäher Morgen vor sich hin und die Frage, was dieser Tag noch bringen würde, stellte sich wahrscheinlich jeder andere Mensch auf dieser Welt auch.
Zumindest dachte das Frederic, als er seinen Traum nochmals ins Gedächtnis rief, und ihm schauderte plötzlich bei den endgültigen Worten von Simone, die sich als Eiskönigin erwiesen hatte. Seine Stimmung schlug ins Dunkle um. Ihre Augen zumindest hatten ja diesen kalten Blick gehabt, der eigentlich ganz wider ihre Natur gewesen war.

„Benjamin?“, wollte Frederic beginnen, ihm vom Traum zu erzählen, denn es wurde ihm wieder kalt und höchste Sorge erfüllte ihn.

„Was ist denn? Ich habe ja schon gesagt, wie unklug und unverantwortlich es war, deinem Verlangen nach Dreck, gerade an so einem „Vorzeigetag des Grauens“, nachzugeben. Du wirst bald an der Nadel hängen und ich kann dir dann nicht mehr helfen!“, wehrte Benjamin das resolut ab, wovon er ausging und was er klarerweise befürchtete.

„Nein, vergiss das einmal! Ich wollte nur etwas reden, über, über ...ach egal“, murmelte der verängstigte Junge und kauerte sich in seiner Einsamkeit zusammen. Nie würde er jemals darüber reden können. Es war ja nur ein Traum gewesen, doch die Schatten waren noch nahe, zu nahe.

Ein graues Nichts umfing beide, Frederic und Benjamin, und es sprach mehr aus als man gedacht hätte.
Frederic konnte sich offenbar nicht mehr mit allem an Benjamin wenden, und das machte ihm Angst, und Benjamin war sich dessen ganz weit entfernt bewusst, denn Frederic schien ihm zu entgleiten, aber wohin?

„Hey, Frederic, sprich mit mir. Sag mir bitte, was immer dich auch bewegt oder auch kalt lässt“, steuerte der ältere Bruder dem entgegen und stand auf, um ein paar Schritte näher zu Frederic zu gehen.
„Ich weiß, dass wir beide in einer Flaute gelandet sind, schon seit, na ja, seit dem Winter, begann ich mich zu verlieren und damit bist auch du mir entglitten. Ich war ja gar nicht mehr erreichbar“, flüsterte Benjamin und zwang sich, nicht an seine verflossene Liebe zu denken, doch wie oft war ihm das schon misslungen.

„Ich habe Angst!“, kam es aus Frederic heraus und er begann zu weinen, mehr in sich hinein, doch seine Tränen waren nicht zu übersehen.

„Was ist denn?“ Benjamin setzte sich neben Frederic auf den Boden und blickte ihm freundlich und „die Hand reichend“ in die Augen.

„Verliere deinen Kampf nicht, bitte, die Nachwirkungen von gestern sind das, was deine Fähigkeit, dich so zu fühlen wie du wirklich bist, unmöglich macht, und deine wahre Situation ist niemals so schlimm, wie du befürchtest – ich bin ja immer bei dir!“

Mit sanften Tönen sprach Benjamin gegen Frederics frostige Angst an, so als wüsste er vom Prinzip her, was seinen kleinen Bruder so mitnahm, als hätte er stumm zusehen müssen, was der Traum mit ihm machte und wie etwas Fremdes ihn dazu zwang, sich nur ganz in Unwissenheit gekleidet zu geben, und vielleicht war es auch so….

Frederic blickte auf den Boden und sah nun immer mehr Benjamins Augen näherkommen, und auch Simones frostiges Starren, das ja nur eine üble Verkettung unbewusster Vorgänge war – so würde ein Halbgebildeter der sogenannten Psychologie jedenfalls sagen.

Simone meinte es gut, und dennoch redete sie oft dagegen an, Benjamin zu vertrauen.
Doch da war etwas in ihm, das sie niemals hatte sehen können, was nur ein mit seiner Seele Verbundener empfinden konnte.
Benjamin war ein „Krieger“ und hielt seinen Schild vor Frederic, und niemand war so feinfühlig, dies anzuerkennen.

Es war beinahe so, als ob Benjamin seine Dramen durchlebte, damit er in die Gefühlswelt seines Bruders gelangen konnte.
Doch so etwas passte nicht in das „Fenster“, aus dem die Menschen die Realität betrachten …die meisten Menschen jedenfalls.

Es würden bestimmt wieder gute Zeiten in ihrer beider Leben treten, das konnte Frederic aus Benjamins treuem Blick herauslesen, den er auch sah, das war die Wahrheit.

Es herrschte Stille…einen Moment lang oder eine Stunde, an einem Tag, an dem die Zeit unauffällig verrückt spielte und der Abend herbeigeeilt war, während wenige Worte, Blicke und ein Meer aus sensibel wahrnehmbaren Geschichten vorübergezogen waren.

Dann schlief Frederic ein und ein friedvoller Schlaf legte sich über ihn.
Benjamin setzte sich zurück und schaute einfach aus dem Fenster und schichtete Gedanken und die persönlichen Zeilen seines in Leder gebundenen Buches über- und ineinander und unterschied dabei weder zwischen Gut und Schlecht.

Die Sonne war am Morgen aufgegangen und sie würde nun bald wieder hinter dem Horizont verschwinden und nichts zum Abschied sagen –wie immer.
Diese Gedanken waren neutral, aber auch erbarmungslos, denn nichts hätte dies jemals verändern können.

So wie nun am Abend Benjamin noch einmal nach Frederic sah und erst Ruhe fand, als er sah, dass dieser – so banal und fragwürdig es auch klingen mochte- seine Medikamente genommen und eine Flasche Wasser getrunken hatte.

„Gut, er hat auch etwas gegessen!“, sagte Benjamin zu sich und dachte noch lange in die Nacht hinein über die Tage und Wochen des vergangenen Jahres nach.

Er war froh, dass Frederic nicht diese verlorene Sehnsucht in ihm sehen musste. Sogar das Poesiebuch verschonte er mit der ausgestreckten Hand, die ins Leere ging, und da war das dunkle Leuchten einer Träne.




Kapitel 8 Aquarell – Blut in Tränen


Eine Zeit der Ernüchterung war vergangen.
Nicht ganz sechzehn Monate lagen zwischen dem Winter, in dem Benjamins Beziehung zu Sanja verloren gegangen war, und jetzt.
Benjamin war unterwegs, um seine Phase, in der er vernünftig leben wollte, zu ertragen.

Frederic spielte seit Längerem etwas auf seiner Gitarre und sang eine einprägsame Melodie dazu. Das war etwas, was er konnte und dennoch nur selten tat. Seine Stimme war leicht heiser, etwas kratzig, und er sang spontan von den Tagen, in denen er, nicht zuletzt mit Benjamins Hilfe, clean geworden war – zumindest was harte oder halluzinogene Drogen betraf.

Er würde nie ganz ohne Zigaretten oder Bier leben, so dachte er zumindest, und Benjamin wollte ihn nicht belügen. Er wusste, was es hieß, abhängig zu sein, egal von welchem Dreck.
Sucht war weniger die alleinige Schuld einer boshaften Substanz, sondern der Widerhaken, den man selbst ausgeworfen hatte, der Bienenstich, mit dem sie beide in einen Lebenswandel gestochen hatten, den Schicksal und natürlich eigenes Zutun ausmachten, der viele Verhaltensmuster hatte – fast alle führten hinab, wenn man nicht rechtzeitig die Notbremse zog.

Egal, es war Vormittag, die Sonne schickte ihre Strahlen durch das halb abgedunkelte Fenster, genau unter den Karton durch und blendete Frederic, der dadurch entnervt aus der seltsamen und irgendwie zäh fließenden Stimmung herausstolperte, die Gitarre auf die Matratze am Boden warf und dabei eine aggressive, zuvor selten gesehene Miene zog.

„Fuck! Das Gefühl ist ohnehin schon schwer herbeizuziehen, da soll mir nicht ausgerechnet das Licht, das ich eigentlich vermisse, im Auge herumtanzen. Triff mein Herz!“

Der Junge machte einen fast bitteren Eindruck, der jedoch verständlich war. Hatte er doch so lange nach dem WAHREN Licht im Leben gehascht und die Bildsprache des überall strömenden Lebens konnte ihn aus der Fassung bringen – da hatte er ein empfindliches Problem damit.

Doch nicht lange danach spürte er etwas. In seinem rastlosen Herzen nahm etwas oder jemand Platz und fuhr ihm sanft über die verfilzten Haare und lächelte unsichtbar ins Auge seiner Seele, die Geborgenheit nur mit einem Menschen bisher annähernd in Verbindung gebracht hatte. Das Gefühl bat ihn, wieder ruhig die Gitarre zu nehmen und einfach weiter seine Melodien zu singen und die Akkorde und Klänge mit dem vertrauten Saiteninstrument zu spielen und Schwingungen im Raum und in der Zeit und darüber hinaus schweben zu lassen, nichts weiter war nun zu tun.

„Wer bist du? LICHT?“, flüsterte er in sich hinein, und sachte horchte er in dieses geschundene Innere – er hatte sich selbst wohl genau dort verwundet, mit Narben übersät, und es war ein fast vergessener Teil von ihm. Er tauchte weiter in sich hinein und eine schier übernatürliche Empfindsamkeit ließ ihn in Rührung und Erinnerungen aufgehen.
Realität und alles andere verschmolzen- war es ein psychotischer Schub? NEIN, zu genau waren seine „Saiten“ gestimmt, zu sachte klang nun jeder Ton, um eine Krankheit zu sein.
Da waren Erinnerungen an Träume, Gespräche und sein Elternhaus und an Benjamin , seinen Bruder, dessen Gedanken und einige mehr, sie waren alle hier und er hörte liebende Worte von ihm und ja, auch von Trauer und Einsamkeit, die niemals ausgesprochen worden waren. Es fügten sich Teile, Fragmente und Splitter zu einer klaren Sicht.

„Was ich hier sehe ist Benji, er ist so traurig, was soll ich tun? Ich weiß ja, er litt, nein er tut es noch!“

Nur noch die Lippen bewegten sich, und die Strahlen der Sonne waren mehr als etwas, was den Raum erhellte und den Staub in sich wirbeln ließ. Er war erstaunt und verschiedene Impulse verrieten ihm mehr als er wissen und haben wollte. Dennoch brachte die Anwesenheit jenes Unbekannten auch Frieden und Vertrauen.

Es klopfte an der Tür!

Frederic schrak hoch und die Stimmung von eben schwand, doch sie würde wiederkommen und etwas erzählen, eine Geschichte vielleicht …

Stille! Dann klopfte es erneut!

Frederic rechnete mit vielen Dingen, doch als er fragte, wer da war, hörte er: „Ich bin es, Sanja!“

Frederic verschob es erneut die Gedanken, nur war es jetzt die „gute“ alte Sorge um Benjamin, und ein verständlicher, schon immer empfundener Zorn holte ihn ganz aus dem Mysteriösen, und es war ihm, als stünde da draußen eine große Persönlichkeit.
Denn wer Benjamin so zusetzen konnte, musste JEMAND sein, ein zwielichtiger Engel etwa, so dachte Frederic.
„Was willst du, Sanja? Benjamin ist nicht da. Gott sei Dank, das meine ich, wie ich es sage!“, wollte Frederic mutig seine Unsicherheit nicht zeigen und seinen Bruder nicht wieder oder weiterhin so hart „geprüft“ wissen.

„Mach schon auf! Reden wir doch erst einmal!“

Kurzes Schweigen.

„Nun gut, aber .. ach, vergiss es. Ich schließe ja schon auf!“
Frederic zitterte etwas, seine Hand drehte zweimal den Schlüssel um und die Tür ging auf.

„Hi, Frederic!“

Ein kühler Augenkontakt folgte, dann machte Sanja ein paar Schritte in den schmalen Flur.

„Hi, Sanja! Wie geht es dir und was führt dich hierher?“

„Na ja. Ich wollte euch einmal wiedersehen und..…“

Frederic war in Sorge, dass Benjamin zu bald zurückkommen würde.

„Und was? Bitte, du hast meines Bruders Herz in der Kälte zurückgelassen und so fühlte er sich EIN GANZES JAHR. Und noch ist er wie ein gefallener Engel, der nie aber so hart hätte aufprallen sollen, er ist nämlich kein GEFALLENER...normalerweise!“

Sanja starrte Frederic kurz erschrocken an und erkannte, wie trostlos dieser Ort im Gegensatz zu einst war, und sie fühlte auch, dass ein Schrei des Entsetzens ein ewiges Echo hinterlassen hatte.
Es war ihr immer gegenwärtig gewesen, doch hier, im Zentrum dieser Pein, spürte sie schnell, was hinter jener Tür geschehen sein musste, seit sie das letzte Mal vor mehr als einem Jahr gehört hatte, wie sie ins Schloss gefallen war – wie eine Kerkertür, hinter der Dunkelheit herrschte.
Sie wurde blass und sah Frederic so an, als sei sie sich dessen jetzt auch bewusst geworden.

„Frederic, bitte denke nicht, dass es für mich einfach war. Aber als ich dich das letzte Mal auf der Straße sah, erinnerte ich mich an so viel und ER fehlte mir genauso, wie er es die Tage, Wochen, Monate nach dem, nun ja, Ende tat. Doch da waren Gründe – ich hatte das Gefühl, dass hinter Benjamin noch eine weitere Persönlichkeit stand, die schwieg, und es ihn Kraft kostete, „sie“ ruhig zu halten. Verstehst du mich?“
„Ja, irgendwie schon, doch warum hast du nicht versucht, diese Person kennenzulernen? Vielleicht war es die Tiefe seines Wesens, was du als eine „weitere“ Person ansahst!“

Frederic war etwas sarkastisch, denn er sah seinen Bruder mit mehr Offenheit. Er kannte ihn ja schon sein ganzes Leben.

„Es tut mir…“, begann Sanja.

„Sag DAS jetzt nicht, bitte! Es ist für mich sehr schwer, Benjamins schwarze Träne jetzt in deinem Gesicht zu sehen. Ein „Tut mir leid“ ist nun wirklich nicht das und war nie das, was er hören wollte.“


Etwas entfernt von der Wohnung ging Benjamin durch die alten und bekannten Gassen. Er hatte manchmal schon versucht, bekannte Leute aus der Vergangenheit anzusprechen, doch das endete, bevor es zu einem richtigen Blickkontakt kam.
Er hatte sich zu lange Zeit abgeschirmt und keine Entwicklung in Bezug auf das alltägliche Leben gemacht. Die Liebe selbst jedoch war in ihm zwar verborgen, aber dennoch hatte er dafür ein Fenster nach außen.
Nur wer kam daran vorbei oder hielt sogar inne, um seinen auf Gefühlen aufgebauten Unterschlupf zu betreten? Immerhin war Benjamin vorsichtig und sogar etwas misstrauisch geworden.
Ohne jede Orientierung blickte er um sich. Er war komplett nüchtern und sah jetzt, was er sich angetan hatte beim „Partymachen“ und beim Betäuben seiner Gefühle.
Er war ein trauriger Anblick geworden, der Chor der Engel musste weinen, so verirrt war der „Krieger“ und so fremd war ihm die Welt geworden.

„War es eine Reise in eine andere Dimension? Ich kann mich immer noch nicht akklimatisieren, ich bin so müde und verkrieche mich in mich selbst. Nichts ist noch so richtig fassbar!“

Er wurde immer langsamer und fühlte Resignation.

Er blickte in die Richtung seiner Wohnung, eine Sehnsucht wollte ihn dorthin zurückziehen, es war eigentlich mehr eine „Sehn-Flucht“, doch er fühlte den Sog, der von der breiten Straße in Richtung des Bahnhofs ausging.

Hundert Meter in der Luftlinie davon entfernt lagen die Wohnung und vieles andere, doch dorthin wollte er nicht. Allein ein „lachhaftes“ Heimweh griff nach seinen Schultern und schob ihn langsam zurück, während ein weiteres „Paar Hände“ dagegen anzog.
Was war er? Hatte er recht mit dem einen oder doch mit dem anderen oder half ihm jemand, den Weg zu Ende zu gehen und seine Gedanken ebenfalls bis zum letzten sprechenden Bild zu vollenden?

Gab es auf all das eine richtige Antwort? Waren diese Fragen nicht idiotisch?

„Na, was soll ich nun dazu sagen?“, war das Ergebnis und dennoch fand er sich in einer erneuten Frage wieder.
Das war schwierig, doch nur so weit, wie er es geschehen lassen würde. Er wusste eigentlich nicht, was er wollte. Er hatte kein richtiges Ziel, und wo waren die Perspektiven?

Wie ein Baby mit zu komplexen Gedanken stand er da, seiner Person und seiner Stärke nicht bewusst und so kurzsichtig, dass er kaum einen Moment vorausdenken oder sich rückblickend hätte vergewissern können, wo er wirklich im Leben angekommen war.

Er war beinahe immer ein mutiger Benjamin gewesen, Richtiges und Falsches war in seiner Vergangenheit geschehen, aber er konnte die reifen Früchte nicht ernten, da er nicht ahnte, dass trotz vieler Irrwege da welche waren und warteten. Sein Blick war verschwommen und es war kalt.
Schatten beobachteten den verirrten und einsamen Streiter, die Schatten aller Menschen, die ihn bisher gebraucht hatten – auch dieser Rolle war er sich nicht mehr bewusst.
Die schwarze Träne unter seinem Auge schien in jenem Moment so authentisch.

Er ging weiter.


„Hast du ihn etwa so vermisst, wie er dich vermisst hat? Hast du etwa nicht das Zeichen unter deinem rechten Auge tätowieren lassen, da du an etwas Besonderes zwischen euch geglaubt hast?“, wies Frederic Sanja zurecht , voller Emotionen, aber trotzdem schrie er dabei nicht, sondern reflektierte das, was an Sorge in ihm nach wie vor herrschte und nicht geringen Schaden angerichtet hatte.

„Hör mir doch einmal zu, bitte! Da waren andere Gründe, ich war damals so verunsichert. Mir ging es schon davor nicht mehr so gut, daher kam es ja auch so, wie es gekommen ist!“, sagte Sanja mit beinahe weinerlicher Stimme und einem Unterton, der Frederic ohnehin schon mildes Gemüt mit vergebenden und entgegenkommenden Gefühlen füllte.

„Entschuldige! Erzähl mir doch bitte alles, was dich ihm entriss – er ist seither nicht mehr derselbe, weißt du?“
„Ich möchte es dir ja erzählen, doch es ist so surreal und auch für mich widersprüchlich. Hör mal! Ich sah ihn beinahe jeden Tag und wir liebten uns, da bin ich mir sicher. Es war nie langweilig und es prickelte auch, wenn ich zu Hause war und an ihn dachte, an seine liebe Art, das sanfte Flüstern, mit dem er mich so tief berührte, wenn er mir sagte, wie sehr er mich mochte, mich tröstete…“

„Und was war dann das Problem, Sanja?“

Im Laufe dieses Gesprächs änderte sich das Verhältnis zwischen Frederic und Sanja entscheidend.
Er ließ allen Groll ziehen, und sie verstand nun seinen misstrauischen Blick, den er ihr gegenüber immer aufgesetzt hatte und sie damit warnte, nicht die Seele seines Bruders zu verwunden. Auch wenn letztendlich genau das geschehen war.

Da Benjamin und Sanja sich so nahe gewesen waren, wollte Frederic nicht mehr zornig sein.


Und da kamen Schritte aus dem Treppenhaus.


„Das wird ER wohl sein!“


Kapitel 9 Aquarell – Blut in Tränen


Ein fremdartiger Vormittag hatte sich entwickelt. Die Stadt durchlebte den Alltag, doch aus anderen Perspektiven sahen die Dinge auch anders aus. Da waren unzählige Blickrichtungen, so wie es auch NIE für alle zugleich einfach „normal“ verlief.

Dramen spielten sich verbreitet über die Stadt, das Land, den Kontinent, ja über die gesamte Welt ab. Doch selbst war man jedoch immer mit seinem eigenen Ich beschäftigt, und darin kreuzten sich die persönlichen Gedanken und Gefühle, die Sinneseindrücke, Wünsche, Ängste und Träume. Was schließlich blieb, war die Realität, woher sie auch kam, wohin sie auch ging….

„Ich kenne seine Schritte, das ist Benjamin! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll oder warum ich eigentlich hier bin – es war ein spontaner Einfall, intuitiv zog es mich ja schon seit Längerem hierher um „Hallo“ zu sagen, aber ich überlegte zu viel und nun erhoffe ich vielleicht mehr!“, flüsterte Sanja und blickte Frederic unsicher an. Und vielleicht war da wirklich mehr dahinter.

„Ja dann“, murmelte Frederic, als die Stufen zwischen ihnen und der kommenden Person weniger und weniger wurden.

Sanjas Herz klopfte, Frederic erwartete sorgenvoll die kommenden Momente und hoffte nur, dass sich keine Tragödie ereignen würde.

Benjamin fühlte sich besser, jetzt, wo er beinahe zuhause war und die anonyme und sterile Welt da draußen verließ und sich etwas Entspannung gönnen konnte. Das brauchte er jetzt, denn wenn es auch rings um ihn steril gewesen war, gab es doch an vielen Orten „Dornen“ der Erinnerungen, der Einsamkeit und einer trüben Leere. Von Verletzungen, die ihm von ihnen beigebracht worden waren, wollte er sich hier erholen, sich zurückziehen und in sein Poesiebüchlein ein paar Verse schreiben, denn es erzählte, wer er war und wahrscheinlich weit mehr….

„Die Tür ist offen“, sprach er zu sich selbst, hatte aber keine Ahnung, was oder WER nun auf ihn nervös, doch auch mit freudiger Spannung, wartete. Er war irgendwie schon abwesend, im Land der ausdrucksstarken Worte. So dichtete er bereits, als er durch die Tür ging und Frederic kurz mit einem „Hi“ grüßte.

Als er Sanja sah, blieb die Zeit für ihn stehen, war er in eine stille „Parallelwelt“ abgedriftet, die nur aus sensiblen Schwingungen und intensiven Gedanken gewoben war, und er bewegte sich langsam. Es schwebte der Moment dahin, den er mit tiefem Schmerz in seinem Herzen zu erleben begann. Es war ein Augenblick, der ihn überrumpelte.
Benjamin sah IHR tief in die Augen, erkannte ihr ganzes Wesen, fühlte ein Sehnen und die Liebe, mit der er genau dieses wertvolle Wesen in den Armen halten und mit ihm die Ewigkeit verbringen wollte.
Da war sonst nichts außer dem Anblick inniger Zärtlichkeit und angestautem Verlangen, leidenschaftlich, ja, fast wild, doch allein in seiner unmöglich zu bezwingenden Natur bewegte es Benjamin gewaltig.
Doch sein Blick senkte sich dann und er ging in sein Zimmer, als er aus den Erinnerungen einer Zeit, die niemals vergehen würde, egal, wie viele Momente durch den RAUM noch fließen sollten, aufwachte.
Keine äußere Reaktion hatte er ihr gegenüber gezeigt außer einem Nicken, da er den Blick in die Weiten ihrer Augen, die ihm so viel sagten und bedeuteten, wieder aufzunehmen versuchte, aber nicht konnte. Er hob den Kopf und ließ ihn dann wieder fallen- unter Tränen!
Da waren so viele Dinge auf einmal wach geworden und so brauchte er ein paar Momente, vielleicht sogar ein Leben lang oder etwas, was in der Zeit nicht auszumachen war.

Mit Spannung starrten Schatten aus der Ferne auf die beiden.

Frederic wollte Sanja bitten, nicht zu gehen.

Doch dies war nicht nötig, sie kannte Benjamin und sie hatte in sich nun etwas gefunden, ein Verständnis und auch etwas, was sie dazu bringen wollte, zu IHM zu gehen. Sie wollte den tiefen Eindruck von gerade eben, den sie auf ihre Art ebenso wie in einem „Märchen“ gemeinsam mit Benjamin erlebt hatte, wieder zu erwecken versuchen –möglicherweise ohne ein Ende. Sie hatte nicht den Willen zu gehen.

Das Schicksal schien voller Interesse an ihnen beiden zu sein.


Benjamin ließ sich in seinem Zimmer nieder und zitternd keuchte er nach Luft. Er weinte, wusste nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte, er konnte jetzt auf keinen Fall ein normales Gespräch führen, nicht mit IHR, die alles in sich trug und alles war, was er wollte.
Es war ganz bestimmt nicht eine „Willst du mit mir gehen?“ – Beziehung gewesen, trotz ihres jugendlichen Alters. So innig, wie es selten bei Jugendlichen dieser Zeit gewesen war, war sie bis zum jetzigen Moment für Benjamin erhalten geblieben, und nichts konnte dies jemals ändern.

„Mein Gott, steh mir bei, ich bitte dich! Zeig Gnade, was will SIE denn jetzt hier? Bitte zeig mir, dass du es gut mit mir meinst!“, flehte Benjamin.
Frederic hatten die letzten fünfzehn Minuten so bewegt, dass er gar nicht fassen konnte, was sich hier Schicksalhaftes zutrug.

„Oh Gütiger, was mache ich nun? Wie soll ich…? Wie könnte ich diese Empfindungen ignorieren? Das geht gar nicht!“, dachte er.

Sanja war anscheinend wirklich so wie Benjamin am Ende eines Weges angekommen, und dennoch ging alles mit der Zeit weiter, es schien, als werde sie von etwas gedrängt.

Ja, ihr Leben war an einer Kreuzung angekommen, keiner der beiden konnte nun weiterschreiten und danach normal weiterleben, so als wäre da nicht etwas von beträchtlicher Wichtigkeit in ihnen zustande gekommen……. oder verloren gegangen wie ein Teil der eigenen Seele.

Das Schicksal kann auch schnell und plötzlich Tore öffnen.

„Auf was wartest du, Sanja? Wie ich sehe, hast du nun endlich begriffen, was IHR füreinander seid, nämlich für den anderen der Schlüssel zum Paradies, das maßgeschneidert euren innersten Wünschen entspricht. Öffne das Tor des Kerkers, in dem ER sitzt!“, forderte Frederic Sanja auf.

„Wie kann das sein? Diese Worte! Das dachte ich gerade auch. Diese Worte ....ich“, flüsterte Sanja.


Frederic aber ging aus der Wohnung, damit er die Schatten weglocken konnte.


„Ich auch, Sanja!“

Benjamin stand nun in der Tür seines Zimmers und sah aus wie ein gefasster Mann, etwa wie ein Krieger, der alle seine Waffen, alle unnötigen Gegenstände, alle unnötigen Gefühle, alle überflüssigen Gedanken und auch alle unbedeutenden Wünsche abgelegt hatte.
So ging er mutig auf Sanja zu und ließ seinen Blick nicht mehr fallen, sondern sie beide trugen ihn gemeinsam zueinander hin, bis Sanja einlenkte und ihr Antlitz abwandte.

„Was machen wir hier? Ich habe dich über ein Jahr lang nicht gesehen, sollten wir nicht zuerst reden, uns neu kennenlernen? Vielleicht gehen wir etwas trinken. Wir sollten uns nicht zu schnell zu Entscheidungen hinreißen lassen, die später dann zu Schmerzen und Enttäuschung werden, wir sind ja gerade erst etwas über achtzehn, noch nicht einmal neunzehn….“, sagte Sanja.
„Vergib mir, Sanja, Engel! Für mich gibt es nicht so viele Faktoren. Entweder man liebt sich oder nicht. Was soll ich da noch bereden? Aber ich verstehe dich, du willst das Richtige tun, doch das will ich auch, aber ich liebe dich noch immer und wartete auf eine Gelegenheit, dir das wieder vor Augen zu halten. Ob das richtig oder falsch ist, kann für mich keine Rolle spielen. Denn ich fühle es nun schon so lange, ich durchquerte dunkle Gassen und tiefe Gewässer…!“

„Dein Leben ist so einfach, Benjamin! Genau das war für mich wie eine Oase in der Wüste. Bei dir fühlten sich die Sorgen so weit weg an. Deine Arme waren stark für mich und sanft war deine Art zu sprechen, wenn du voller Gefühle und Zuneigung gar nicht anders konntest als mit diesem Tonfall zu mir zu flüstern. Du warst einfach immer so ehrlich und doch entführtest du mich in eine Märchenwelt!“

Sanja wusste in diesem Moment wieder, wie sehr Benjamin fähig war zu lieben, für jemanden da zu sein, sich aufzuopfern. Sie wollte sich sicher sein, dass sie ihn nie wieder zurücklassen würde wie im Winter vor einem Jahr und ein paar Monaten.
Damals hatte sie nicht genau gewusst, was für ein Gefühl sie von Benjamin weggezogen hatte, aber was sollte sie nun tun?

Da kam ihr Benjamin entgegen.

Und als er sie ganz behutsam und sanft mit seinen Händen um die Hüfte nahm und zu sich heranzog und sie mit einem unmissverständlich entschlossenem Blick auf einer völlig grundlegenden Ebene fragend, ja flehend, ansah, um sie zu einem endgültigen Entschluss zu führen, dabei alles riskierte und andere Gelegenheiten und lange Überlegungen ausschloss, da lösten sich so wie damals all ihre Verkrampfungen und Sorgen.
Sanja fühlte sich sicher und wusste nun, was für sie zählte und was wohl BEIDE so sehr vermisst hatten in der vergangenen Zeit.

„Es tut mir leid. Ich habe zu lange nachgedacht, ich liebe dich, Benjamin!“

Sie küssten sich und Benjamin wandelte all seine Sehnsucht und die vergossenen Tränen in etwas um, was er ihr an Geborgenheit und Sicherheit bieten konnte.

„Ich hätte ewig auf dich gewartet, über dieses Leben hinaus. Ich wusste, dass wir für immer in Zweisamkeit leben würden. Danke, dass du mir die Qualen all dieser Wartezeit erspart hast, Sanja!“

hab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von SaJa am 21.11.2019:

Ohaa! Eigentlich wollte ich als Übung diese Geschichte zusammenfassen und gliedern, aber... zu lang für eine schnelle Übung

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